- Sieben Tannenbäume - Gorch Fock
- Der allererste Weihnachtsbaum - Hermann Löns
- Gibt es einen Weihnachtsmann - O´Hanlon/Church
- Die Gabe der Weisen - O‘Henry
- Das Versprechen - Maud Lindsay
- Weihnachtsbrief an Johann Christian Kestner - Johann Wolfgang von Goethe
- Der Weihnachtsabend - E.T.A. Hoffmann
- Der Tannenbaum - H.C. Andersen
- Die Heilige Nacht - Selma Lagerlöf
- Die drei dunklen Könige - Wolfgang Borchert
- Der heilige Abend - Adalbert Stifter
Die sieben Tannenbäume
Weit ab von den Landstraßen und noch weiter von Dörfern und Höfen steigt ein kleiner Berg aus der weiten, braunen Heide auf. Er liegt in Einsamkeit da, und wenn auch manchmal ein Schäfer mit Hund und Heidschnucken vorbeigeht, so treiben doch gewöhnlich nur Krähen und Hasen auf ihm ihr Wesen. Einst war’s anders. Da war er nicht kahl, sondern trug auf seinem Gipfel sieben Tannenbäume, so dass man meinen möchte, er hätte sich eine dunkelgrüne Mütze über die Ohren gezogen. Und in dem Berge hauste ein Zwerg, den sie das rote Männchen hießen, weil er immer in einem feuerroten Röcklein zutage kam.
Ihm gehörten die sieben Tannenbäume, er hatte sie selbst angepflanzt, hatte sie gerichtet und gepflegt, hatte an manchem warmen Sommernachmittag aus der kühlen Tiefe des Berges Wasser getragen – und freute sich nun, dass er sie so weit gebracht hatte, dass sie sich selbst helfen konnten. Und ihm selbst mussten sie auch auf manche Art helfen. Mit ihren feinen Wurzeln hielten sie den Sand fest, dass in seiner Höhlenwohnung nicht die Decke niederrieselte, sie sogen den Regen auf bis auf den letzten Tropfen, dass es nicht herunterleckte, sie wehrten die Sonnenstrahlen ab, dass es ihm nicht zu heiß wurde. Jedem hatte er einen Namen gegeben: Wegweiser, Regenschirm, Sonnendach, Windbeutel, Gesangsmeister, Stiefelknecht und Spielvogel.
Wegweiser war der größte und höchste und wies dem roten Männchen den Weg, wenn es über „Geest“ war. Regenschirm war am dichtesten bezweigt, unter ihm lag der Zwerg, wenn es von den Wolken tröpfelte. Sonnendach war breitgeästet und musste das Männlein deshalb vor der brennenden Sonne beschützen. Windbeutel war besonders kräftig und stämmig; er stand an der äußersten Ecke und drängte den kalten, scharfen Ostwind beiseite, den der Alte nicht vertragen konnte. Gesangsmeister hatte die beweglichsten Zweige und war der lustigste von allen: Bei dem leisesten Windzug strich er mit den Nadeln über das dürre Gras und das Kraut, so dass eine herrliche Musik für Zwergohren vernehmlich wurde, auch lud er Mücken, Grillen, Brummer, Bienen zu Gast, an hohen Festen sogar eine Meise oder einen Finken: An Gesumme und Gezirpe und Gezwitscher war kein Mangel. Stiefelknecht hatte einen krummen Stamm, den benutzte das Männlein jeden Abend beim Stiefelausziehen. Spielvogel war noch zu klein und konnte noch nichts tun; er spielte wie ein Kind mit Wind und Sonne.
Es wurde nach und nach Herbst und Winter. Die Bienen flogen nicht mehr, die Grillen starben, die Sonne saß hinter grauem Gewölk, kalt und feucht wurde es auf dem Berg und in den Tälern. Da verkroch sich das rote Männchen tief in seine Höhle, verstopfte den Eingang mit Moos und Steinen und wartete, dass die Sonne und der schöne Sommer wiederkommen sollten. Die sieben Tannenbäume ließ es in Wind und Wetter allein und quälte sich nicht weiter um sie. Das Einzige, was es tat, war, dass es morgens bald den einen, bald den andern bei den Wurzeln fasste, als zöge es ein Kind an den Füßen. „Bäumchen mein: Sonnenschein?“ fragte es dann, und antwortete das Bäumchen wahrheitsgetreu: „Zwerglein, nein!“ so legte es sich auf sein Bett von Heidekraut und verschlief den Tag wie ein Murmeltier. So ging es wochenlang, da riss es wieder an den Wurzeln, um zu wissen, wie das Wetter sei – und bekam mit einem Mal keine Antwort mehr. Es zog stärker, ja, es ließ sich an den Wurzeln baumeln, es fragte mit grässlich lauter Stimme: „Bäumchen mein: Sonnenschein?“ aber es antwortete ihm niemand. Sehr erbost, aber auch ein bisschen besorgt, stieß es die Tür auf – o weh, wie erschrak es! – alle sieben Tannenbäume waren verschwunden. Nur Stammstümpfe standen da, der Berg war kahl wie ein Pfannkuchen. Da lief das Männchen umher, als wüsste es nicht, was es tun sollte, guckte herum, schlug die Hände zusammen, rief, fragte, weinte und grämte sich um seine Tannenbäume.
Die Hasen kamen angehüpft und erzählten ihm von den großen Menschen, die gekommen wären am hellen Mittag, und die Bäume abgesägt hätten; auf einen großen Wagen hätten sie sie geworfen, und im Trab seien sie mit ihnen weggefahren. Die Krähen kamen geflogen und wollten trösten. Aber das rote Männchen wollte keinen Trost, es wollte seine Bäume wiederhaben. Es wollte in die Welt hinein und sie suchen. „Du findest sie nicht“, sagten die Krähen, „die Welt ist zu groß.“ Das Männlein jammerte wieder. Da nahmen die Krähen all ihren Verstand zusammen und dachten nach, wie sie ihm helfen könnten, und wirklich – sie fanden es.
„Wenn der Mond aufgeht“, sagten sie, „wollen wir ihn bitten, dass er sich zum Spiegel der Welt mache. Dann guckst du hinauf und suchst deine Tannenbäume.“ Das war dem Männchen eine willkommene Botschaft, und da es noch nicht dämmerte, lud es die Krähen zu Gast und setzte ihnen Buchweizengrütze, Honig und Brot vor; darüber fielen die hungrigen Brüder mit heißen Schnäbeln her. Als sie noch so saßen und von ihren Reisen erzählten, da guckte der Mond groß und rötlich über die Geest. Endlich, nach langen Warten, war es so weit. Der Mond stand groß und klar über dem Heiderande. Rauschend flogen die Krähen auf und krächzten oben in der Luft: „Blanker, gelber Mond am Heben spiegle alles Erdenleben!“ Und sieh: Der Mond wurde größer und größer, leuchtete taghell auf und wie in einem Spiegel zeigte sich auf ihm die Welt mit allem, was darin war: Wasser und Berge, Städte und Wälder, Häuser und Menschen und Bäume, alles war deutlich zu erkennen. Das rote Männchen machte große Augen und suchte. Dann wies es mit beiden Händen nach einer Gegend. „Was für eine große Stadt ist das?“ rief es zitternd. „Hamburg“, gaben die Krähen leise zur Antwort.
„Da sind sie alle sieben, alle meine Tannenbäume!“ rief es wieder. „Ich sehe sie alle: Wegweiser in einer großen Kirche, Regenschirm in einem prächtigen Herrenhause, Sonnendach vor einer Dombude, Windbeutel in einer kleinen Stube, Gesangsmeister in einer armseligen Dachkammer, Stiefelknecht an der Straßenecke und Spielvogel oben auf dem Schiffsmast. O – wie müssen sie sich nach mir und dem Berg zurücksehen, wie mögen sie jammern! Ich will nach Hamburg und sie holen. O – bringt mich nach Hamburg! Hasen und Krähen, liebe Freunde, helft mir!“
Das wollten sie. Das Männchen machte sich reisefertig, zog Handschuhe an, setzte sich auf den Hasen, hielt sich an dessen langen Ohren fest - und hast du nicht gesehen? - gings über die Geestberge, dass die Heide wackelte. Als sie aber unter die Lichter von Hamburg gerieten, warf das Hasenross den Reitersmann ab und trabte angstbeklommen nach Hause zurück. Das Männchen schwang sich kurzgefasst auf den breiten Rücken der größten Krähe und ließ sich über die Elbe nach dem glänzenden, funkelnden Hamburg tragen. Wohl erschrak es über die Maßen vor den hohen Türmen und den gewaltigen Häusern, wohl entsetzte es sich vor dem vielen Licht und vor den Tausenden von Menschen und hielt sich krampfhaft an den Nackenfedern der Krähe fest, um nicht auf die krabbelnd vollen Straßen zu stürzen - aber die Sorge um seine sieben Tannenbäume hielt ihm den Kopf oben.
Auf dem Kirchendache landete das Rabenschiff seinen Fahrgast, der sich am dem Blitzableiter hinabgleiten ließ und durch eine Luftröhre in die Kirche stieg. Vor all der Helle und Pracht konnte er kaum die Augen offenhalten. Orgelton und Gesang durch brausten den Raum, in dem kein unbesetzter Platz vorhanden war. Neben dem Altar stand ein großer, hoher Tannenbaum, über und über mit Lichtern bedeckt: Es war der Wegweiser. Das Männchen erkannte ihn und schlich sich unter den Bänken entlang zu ihm. “Armer Wegweiser!” schluchzte es. Der große Baum aber schüttelte leise die Krone, dass die Lichter flackerten: “Arm?” fragte er, “ich bin nicht arm, ich bin der schönste Baum auf der Erde, ich bin der Weihnachtsbaum. Sieh meine Pracht und mein Leuchten!”
“Ist nur ein Traum, armer Wegweiser, nur ein Traum. Wenn du erwachst, sind deine Lichter erloschen und du liegst vergessen im Winkel. Und stirbst. Komm mit auf den Berg, eh es zu spät ist.”
Der Baum rüttelte wieder seine Krone: “Ich weise andere Wege”, flüsterte er wie im Traum, “Wege zu Gott, Wege zur Freude, Wege zum Kinderland, ich bin beglückt, wenn ich nur zwei Kinderaugen glänzen machen kann. Und hier glänzen tausend. Musst mir mein Glück schon gönnen, rotes Männchen, und mich stehen lassen.” Brausend erscholl Orgelton. “Und deine sechs Brüder?” fragte das Männchen.
“Die sind alle Weihnachtsbäume geworden”, sagte der Wegweiser, “tragen Lichter, Nüsse und Äpfel, erfreuen arm und reich, großes und kleines Volk. Es erklingen Weihnachtslieder, und alle Kinder lachen. Keiner geht zurück in den Wald. Einen Abend Weihnachtslichter zu tragen, ist die Sehnsucht aller Tannenbäume. Ist die erfüllt, dann verdorren sie gern. O Weihnacht!” Als der Baum so gesprochen hatte, sah das Männchen ein, dass es ihn nicht überreden konnte. “Weihnachten und die Menschen sind dir in die Krone gefahren”, sagte es und stahl sich hinaus. Die Krähe wetzte ihren Schnabel auf dem Dach, das Männchen bestieg den Rücken, und weiter ging es.
Zu Regenschirm, der über und über mit Gold und Silber bedeckt war und sich nach der Musik um sich selbst drehte wie ein junges Mädchen im Tanzsaal. Zu Sonnendach, das mit elektrischen Glühlampen besteckt von dem Karussell auf dem Schwarm der Dombesucher herableuchtete. Zu Windbeutel, der spärlich behängt eine kleine Arbeiterwohnung erhellte. Zu Gesangsmeister, der in der Dachkammer stand, ein einziges Licht und einen Hering trug; ein grauer Kater saß daneben und wollte sich an den Hering machen, aber jedes Mal stach Gesangsmeister ihn mit den Nadeln, dass er miau schreiend zurückspringen musste.
Alle vier bat das rote Männchen, aber alle antworteten ebenso wie ihr großer Bruder; sie waren glücklich, Weihnachtsbäume geworden zu sein, und dachten nicht daran, wieder nach dem kalten, dunkeln Berg zu wandern. Nicht einmal einen Gruß an die braune Heide hatten sie aufzutragen, und mochte das Männlein sie treulos und undankbar schelten, sie spiegelten sich im Schein ihrer Lichter und lachten wie Kinder.
Traurig schwebte der Zwerg durch die Luft, bis er vor Stiefelknecht stand. Der lag auf einem großen, dunkeln Platz in einem Haufen anderer Tannenbäume. Wegen seines alten Fußleidens hatte ihn niemand kaufen wollen. “Deinen Brüdern will ich es gar nicht mal so sehr verdenken”, sagte der Alte zu ihm, “sie tragen Lichter und sind Weihnachtsbäume - aber du bist keiner.” “Doch - ich bin ein Weihnachtsbaum, so gut wie die andern”, sagte Stiefelknecht, “der schönste Baum auf Erden. Ich sehe viele glückliche Menschen vorbeigehen: Ist das nicht Glück genug? Und vielleicht, nein, gewiss kommt heute Abend, ganz spät, noch jemand und nimmt mich mit, steckt mir Lichter an und schmückt mich. Nach der Heide will ich nicht zurück.” Das Zwerglein bat und bat, aber Stiefelknecht sah den Kindern, die jubelnd vorbeistürmten, und hörte nichts.
Da ging es wieder zu seinem schwarzen Rösslein und ließ sich zum Hafen fliegen. Der Spielvogel, an dem sein Herz am meisten hing, würde ihm treu bleiben, das hoffte er von seinem Lieblingsbäumchen. Aber am Hafen war kein Spielvogel mehr zu entdecken. Das Schiff wäre schon in See gegangen, erfuhr die Krähe von einigen weitläufigen Verwandten, den weißen Möwen, die über dem Wasser schwebten.
“Dann seewärts”, befahl das rote Männchen. Die Krähe flog westwärts über Wasser, Deiche und Schiffsmasten hin, aber als sie bis Cuxhaven gekommen war, setzte sie sich nieder, denn auf die große, endlose See zu fliegen, getraute sie sich nicht. Doch rief sie eine große Seemöwe herbei, die breitete ihre weißen Schwingen und trug das Männchen stolz und schnell über das dunkle, schäumende Meer, bis weit hinter Helgoland. Da tauchte ein einsames Schiff in den Wogen auf und ab und wurde von einer Seite nach der anderen geworfen. Der Wind blies gewaltig in die großen, braunen Segel. Auf dem Topp, der höchsten Spitze des Großmastes, tanzte ein kleines Tannenbäumchen im schneidenden Wind auf und ab:
Das war Spielvogel. Er lachte hellauf und schüttelte die Zweiglein vor Lust, wenn eine Sprühwelle zu ihm heraufspritzte. Und guckte einer der Matrosen zu ihm hinauf, so nickte er ihm freudig zu. “Armer Spielvogel.” “He, he, Männlein klein, bist du´s?” rief Spielvogel. “Hier ist es lustig, nicht?” “Komm mit nach der Geest.” “Nein, nein, nein! Ich bin Weihnachtsbaum, der schönste Baum auf Erden. Und was kann schöner sein als Weihnachten auf See. Grüß die Heide! Ich muss singen!”
Und Spielvogel sang, so laut er konnte, dass die Matrosen mitsingen mussten und Träume von Land und Licht träumten.
Da sah das rote Männchen ein, dass es seine sieben Tannenbäume verloren hatte, es dachte daran, dass es nun ohne Wegweiser über die Geest irren müsse, dass niemand mehr da sei, der es vor Regen, Sonne und Wind beschützen könne, der ihm vorsinge, der ihm beim Stiefelausziehen helfe, der es durch sein Kinderspiel erfreue - der Berg war so kahl, Regen drang in seine Wohnung, armes Männchen!
Mit einem Mal breitete es die Arme aus, rutschte von den Möwenflügeln und stürzte sich in das dunkle Wasser hinab.
Seit jener Nacht schwimmt ein seltsamer, leuchtender Fisch in der See. Die Fischer nennen ihn das Petermännchen und halten es für etwas Besonderes, wenn sie ihn fangen.
Gorch Fock, 1880-1916
Der allererste Weihnachtsbaum
Der Weihnachtsmann stapfte durch den verschneiten Wald, um das Christkind zu treffen. Schon von weitem erkannte er es an seinem langen, weißen Pelzkleid. Der Weihnachtsmann nahm seinen Wolkenschieber ab und grüßte das Christkind. “Na Alterchen, wie geht`s?” fragte das Christkind, “hast wohl schlechte Laune?” Dann hakte es den Alten unter. Hinter ihnen trabte der kleine Spitz.
“Ja”, sagte der Weihnachtsmann, “die ganze Sache macht mir keinen Spaß mehr. Vielleicht liegt es am Alter. Das mit den Pfefferkuchen, Äpfeln und Nüssen, das ist nichts mehr. Das essen sie auf, und schon ist das Fest vorbei. Man müsste etwas Neues erfinden, etwas, wobei Alt und Jung singt und fröhlich wird.”
Das Christkind nickte: “Da hast du Recht, daran habe ich auch schon gedacht, aber es ist nicht leicht.” “Das ist es ja gerade”, knurrte der Weihnachtsmann, “Ich habe schon Kopfweh vom Nachdenken, und es fällt mir nichts ein. Wenn es so weiter geht, schläft die ganze Sache ein, und es wird ein Fest wie alle anderen, von dem die Menschen weiter nichts haben als essen und trinken.”
So gingen beide durch den Winterwald, der Weihnachtsmann mit brummigem, das Christkind mit nachdenklichem Gesicht. Es war still, kein Zweig rührte sich, nur, wenn die Eule sich auf einen Ast setzte, fiel ein Stück Schnee mit halblautem Ton herab. So kamen die beiden aus dem hohen Holz auf einen Kahlschlag, auf dem große und kleine Tannen standen. Der Mond schien hell und klar, alle Sterne leuchteten. Der Schnee sah aus wie Silber, und die Tannen standen darin, schwarz und weiß, dass es eine Pracht war.
Eine Tanne sah besonders schön aus. Sie war regelmäßig gewachsen und auf jedem Zweig lag ein Schneestreifen. An den Spitzen glitzerten kleine Eiszapfen im Mondschein. Das Christkind zeigte auf die Tanne und sagte: “Ist das nicht wunderschön?” “Ja”, sagte der Alte, “aber was hilft uns das?” “Gib ein paar Äpfel her”, sagte das Christkind, “ich habe eine Idee”. Der Weihnachtsmann machte ein dummes Gesicht, denn er konnte es sich nicht vorstellen, dass das Christkind Appetit auf eiskalte Äpfel hatte. Er hatte noch Schnaps im Dachsholster, aber den mochte er dem Christkind nicht anbieten. Er stellte seine riesige Kiepe in den Schnee und langte ein paar Äpfel herau
„Nun schneid mal etwas Bindfaden und mach mir spitze Pflöckchen“, sagte das Christkind, “ Dem Alten kam das komisch vor, aber er tat, was das Christkind ihm sagte. Als er alles fertig hatte, nahm das Christkind einen Apfel, steckte ein Pflöckchen hinein, band den Faden daran und hängte den Apfel an einen Ast. “So”, sagte es, “nun müssen wir die anderen Äpfel auch an den Baum hängen!” Der Weihnachtsmann half, obgleich er nicht wusste, warum. Aber es machte ihm schließlich doch Spaß, und als die Tanne voll mit roten Äpfeln hing, da trat er zurück und lachte: “Schau, wie niedlich! Aber was hat das alles für einen Zweck?”
“Braucht denn alles einen Zweck?” meinte das Christkind. “Pass auf, es wird noch schöner. Gib mal die Nüsse her!” Der Weihnachts-mann holte aus seiner Kiepe Walnüsse und gab sie dem Christkind. Das steckte in jedes ein Hölzchen, machte einen Faden daran, rieb eine Nuss an der goldenen Oberseite seiner Flügel, und dann war die Nuss golden, und die nächste an der silbernen Unterseite seiner Flügel, und dann hatte es eine silberne Nuss. Schließlich hängte das Christkind die Nüsse zwischen die Äpfel.
“Was sagst du nun Alterchen?” fragte das Christkind, “ist das nicht allerliebst?” “Ja”, sagte der Weihnachtsmann, “aber ich weiß immer noch nicht. “Kommt schon!”, lachte das Christkind, “hast du Lichter?” “Lichter nicht”, meinte der Weihnachtsmann, “aber einen Wachsstock!” “Das ist fein”, sagte das Christkind, nahm den Wachsstock und zerschnitt ihn. “Ein Feuerzeug hast du auch?”
“Gewiss”, sagte der Weihnachtmann, holte Stein, Stahl und Schwammdose heraus, pinkte Feuer aus dem Stein, brachte den Zunder zum Glimmen und steckte ein paar Schwefelspäne an. Das Christkind nahm einen brennenden Schwefelspan und steckte erst das oberste Licht an, dann das nächste, und rund um das Bäumchen gehend, brachte es so ein Licht nach dem andern zum Brennen.
Da stand nun das Bäumchen im Schnee; aus seinem halbverschneiten Gezweig strahlten die roten Äpfel, die Gold- und Silbernüsse blitzten, und die Kerzen brannten feierlich. Das Christkind lachte über das ganze Gesicht, der Weihnachtsmann sah gar nicht mehr so brummig aus und der kleine weiße Spitz sprang freudig hin und her.
Als die Lichter ein wenig heruntergebrannt waren, wehte das Christkind mit seinen gold-silbernen Flügeln, und da gingen die Lichter aus. Es sagte dem Weihnachtsmann, er solle das Bäumchen vorsichtig absägen. Beide gingen dann den Berg hinab und nahmen das bunte Bäumchen mit.
Als sie in den Ort kamen, schlief schon alles. Beim kleinsten Hause machten die beiden halt. Das Christkind machte leise die Tür auf und trat ein. In der Stube stand ein Schemel mit einer durchlochten Platte, den stellten sie auf den Tisch und steckten den Baum hinein. Dann verließen sie das Haus ebenso leise, wie sie es betreten hatten.
Als der Mann, dem das Häuschen gehörte, am anderen Morgen erwachte und den bunten Baum sah, da wusste nicht, was er sagen sollte. Als er aber an den Türpfosten, den des Christkinds Flügel gestreift hatte, Gold - und Silberflimmer hängen sah, da wusste er Bescheid. Er steckte die Lichter an dem Bäumchen an und weckte Frau und Kinder.
Das war eine Freude in dem kleinen Haus, wie an keinem früheren Weihnachtstage. Keines von den Kindern sah nach Spielzeug oder Kuchen, sie sahen nur nach dem Lichterbaum. Sie fassten sich an den Händen, tanzten um den Baum und sangen alle Weihnachtslieder, die sie wussten, und selbst das Kleinste, was noch auf dem Arm getragen wurde, krähte, was es krähen konnte.
Vor dem Fenster sahen Christkind und Weihnachtsmann lächelnd zu. Als es Tag geworden war, entdeckten auch die Freunde und Verwandten das Bäumchen. Alle freuten sich daran und gingen gleich in den Wald, um sich auch ein Bäumchen zu holen. Als es Abend wurde, brannte im ganzen Dorf Haus für Haus ein Weihnachtsbaum. Von da aus ist der Weihnachtsbaum über ganz Deutschland gewandert und von da über die ganze Erde. Weil aber der erste Weihnachtsbaum am Morgen brannte, so wird in manchen Gegenden den Kindern morgens beschert.
Herrmann Löns, 1866-1914
Gibt es einen Weihnachtsmann?
Die achtjährige Virginia O´Hanlon aus New York wollte es ganz genau wissen. Darum schrieb sie an die Tageszeitung „Sun“ 1897 einen Brief:
"Ich bin acht Jahre alt. Einige von meinen Freunden sagen, es gibt keinen Weihnachtsmann. Papa sagt, was in der „Sun“ steht, ist immer wahr. Bitte, sagen Sie mir: Gibt es einen Weihnachtsmann?
Virginia O´Hanlon."
Die Sache war dem Chefredakteur der „Sun“ so wichtig, dass er einen erfahrenen Kolumnisten, Francis P. Church, beauftragte, eine Antwort zu entwerfen – in der Zeitung. Die Antwort bewegte Millionen Menschen weltweit, dass er Jahr für Jahr aufs Neue erschien.
Hier die Antwort von Francis P. Church auf Virginias Frage:
Virginia,
Deine kleinen Freunde haben nicht recht. Sie sind angekränkelt vom Skeptizismus eines skeptischen Zeitalters. Sie glauben nur, was sie sehen: Sie glauben, dass es nicht geben kann, was sie mit ihrem kleinen Geist nicht erfassen können. Aller Menschengeist ist klein, Virginia, ob er nun einem Erwachsenen oder einem Kind gehört. Im Weltall verliert er sich wie ein winziges Insekt. Solcher Ameisenverstand reicht nicht aus, die ganze Wahrheit zu erfassen und zu begreifen.
Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann. Es gibt ihn so gewiss wie die Liebe und die Großherzigkeit und die Treue. Und du weißt ja, dass es all das gibt, und deshalb kann unser Leben schön und heiter sein. Wie dunkel wäre die Welt, wenn es keinen Weihnachtsmann gäbe! Sie wäre so dunkel, als gäbe es keine Virginia. Es gäbe keinen Glauben, keine Poesie – gar nichts, was das Leben erst erträglich machte. Ein Flackerrest an sichtbarem Schönen bliebe übrig. Aber das ewige Licht der Kindheit, das die Welt erfüllt, müsste verlöschen.
Es gibt einen Weihnachtsmann, sonst könntest Du auch den Märchen nicht glauben. Gewiss, Du könntest Deinen Papa bitten, er solle an Heiligabend Leute ausschicken, den Weihnachtsmann zu fangen. Und keiner von ihnen bekäme den Weihnachtsmann zu Gesicht – was würde das beweisen?
Kein Mensch sieht ihn einfach so. Das beweist gar nichts. Die wichtigsten Dinge bleiben meistens Kindern und Erwachsenen unsichtbar. Die Elfen zum Beispiel, wenn sie auf Mondwiesen tanzen. Trotzdem gibt es sie. All die Wunder zu denken – geschweige denn sie zu sehen –, das vermag nicht der Klügste auf der Welt.
Was Du auch siehst, Du siehst nie alles. Du kannst ein Kaleidoskop aufbrechen und nach den schönen Farbfiguren suchen. Du wirst einige bunte Scherben finden, nichts weiter. Warum? Weil es einen Schleier gibt, der die wahre Welt verhüllt, einen Schleier, den nicht einmal die größte Gewalt auf der Welt zerreißen kann. Nur Glaube und Poesie und Liebe können ihn lüften. Dann werden die Schönheit und Herrlichkeit dahinter auf einmal zu erkennen sein. „Ist das denn auch wahr?“, kannst Du fragen. Virginia, nichts auf der ganzen Welt ist wahrer, und nichts ist beständiger.
Der Weihnachtsmann lebt, und ewig wird er leben. Sogar in zehnmal zehntausend Jahren wird er da sein, um Kinder wie Dich und jedes offene Herz mit Freude zu erfüllen.
Frohe Weihnacht, Virginia!
Dein Francis Church
Bild: Figur des Heiligen Nikolaus in der Amsterdamerstraße in Kevelaer im Februar 2021.
Die Gabe der Weisen von O‘Henry
(William Sydney Porter 1862-1910)
1 Dollar und 87 Cent. Das war alles. Und 60 Cent davon bestanden aus Penny-Stücken. Pennies, die sie durch zähes Feilschen dem Krämer, dem Fleischer und dem Gemüsehändler nach und nach abgehandelt hatte, bis es ihr die Schamröte ins Gesicht trieb, denn sie bemerkte sehr wohl, dass man ihr diese Pfennigfuchserei insgeheim als kleinlichen Geiz anlastete. Dreimal zählte Della nach. 1 Dollar und 87 Cent. Und morgen war Weihnachten. Da blieb nichts anderes übrig, als sich auf das schäbige alte Sofa zu werfen und zu heulen. Was Della denn auch tat. Und was uns zu der hochphilosophischen Überlegung führt, dass das Leben aus Schluchzen, Seufzen und Lächeln besteht, wobei die Seufzer in der Überzahl sind. Während die Dame des Hauses allmählich vom ersten der genannten Stadien in das zweite hinübergleitet, werfen wir einen Blick in ihr Heim.
Eine möblierte Wohnung für 8 Dollar die Woche, die eigentlich mehr die Bezeichnung Asyl verdient. Im Entree befand sich ein Briefkasten, in den selten ein Brief fiel, und ein Klingelknopf, dem kein Finger jemals einen Ton entlocken würde. Vervollständigt wird dieses Bild durch ein Schildchen mit der Aufschrift „Mr. James Dillingham“. Den Namen „Dillingham“ hatte man in besseren Zeiten angebracht, als vorübergehender Wohlstand seinem Besitzer 30 Dollar pro Woche einbrachte. Jetzt war sein Einkommen auf 20 Dollar geschrumpft. Und trotzdem, jedes Mal, wenn Mr. James Dillingham nach Hause kam und seine Wohnung betrat, wurde er von Mrs. Dillingham - die wir Ihnen bereits als „Della“ vorgestellt haben - stürmisch umarmt und begeistert als „Jim“ begrüßt. Was eigentlich alles sehr erfreulich war.
Della hörte zu weinen auf und retuschierte die Tränenspuren mit Puderquaste. Sie stand am Fenster und sah betrübt einer grauen Katze zu, die im grauen Hinterhof einen grauen Zaun entlangschlich. Morgen war Weihnachten, und sie hatte nur 1 Dollar und 87 Cent, um Jim ein Geschenk zu kaufen. Seit Monaten hatte sie nach Kräften jeden Penny gespart - und das war alles, was dabei herausgekommen war. Mit 20 Dollar in der Woche kommt man nicht weit. Sie hatte mehr Ausgaben gehabt als geplant. Nur 1 Dollar und 87 Cent, um Jim ein Geschenk zu kaufen. Ihrem Jim.
Viele Stunden hatte sie damit verbracht, sich etwas Hübsches für ihn auszudenken. Etwas Feines, Kostbares, etwas, das der Ehre würdig sei, ihrem Jim zu gehören. Nun gab es zwei Dinge im Besitz von Mr. und Mrs. James Dillingham, auf die sie beide mächtig stolz waren. Eines davon war Jims goldene Uhr, die zuvor schon seinem Vater und Großvater gehört hatte. Das andere war Dellas Haar. Hätte in der Wohnung die Königin von Saba gewohnt, so hätte Della eines Tages ihr Haar zum Trocknen aus dem Fenster gehängt, und alle Juwelen Ihrer Majestät wären zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken. Und wäre König Salomo Portier im Haus der Dillinghams gewesen, so hätte Jim jedes Mal im Vorbeigehen seine Uhr gezückt, und der König hätte sich vor Neid den Bart gerauft.
So fiel nun Dellas schönes Haar glänzend und sanft sich kräuselnd an ihr herab. Es reichte ihr bis unter die Knie und umhüllte sie wie ein Gewand. In nervöser Hast steckte sie es wieder auf. Einen Augenblick lang schwankte sie noch in ihrem Entschluss, während eine Träne oder auch zwei auf den abgetretenen Teppich tropften. Schnell zog sie ihre alte Jacke an und huschte mit wehenden Röcken und einem Leuchten in den Augen aufgeregt die Treppe hinunter auf die Straße. Sie blieb erst stehen, als sie ein Schild erreicht hatte, auf dem zu lesen war: „Mme. Sofronie, Haarteile aller Art“. Della rannte die Treppe hinauf und rang, oben angekommen, nach Luft und Fassung. Die Gnädige Frau war wohl genährt, bleichgesichtig und eiskalt. Sie sah kaum so aus, als könne sie „Sofronie“ heißen, ein Wort, das etwas mit Schönheit zu tun hat.
„Wollen Sie meine Haare kaufen?“, fragte Della. „Ja, ich kaufe Haar“, antwortete Madame. „Dann nehmen Sie mal lhren Hut ab und lassen Sie sehen.“ „20 Dollar“ bot Madame und griff mit geübten Händen ins schöne Haar.“ „Schnell, nehmen Sie sie“, sagte Della, „und geben Sie mir das Geld“. Gesagt, getan.
Della stürmte durch die Läden auf der Suche nach Jims Geschenk. Sie fand es schließlich. Es war nur für Jim gemacht und für niemand anderen. In keinem anderen Geschäft hatte sie auch nur eines gefunden, das diesem hier auch nur annähernd gleichkam. Und sie hatte sie wirklich alle auf den Kopf gestellt. Es war eine schlichte, edle und in der Form vollendete Uhrkette aus Platin, deren Wert sich allein in ihrem Material offenbarte und nicht in auffälligen Verzierungen. Sie war gerade so, wie alle wirklich guten Dinge sein sollten. Sie war sogar der Uhr aller Uhren würdig. Kaum dass Della sie gesehen hatte, wusste sie, dass sie Jim gehören musste. Sie war wie er, dezent, vornehm und wertvoll - diese Begriffe treffen es ziemlich genau. 21 Dollar nahm man ihr ab, und sie eilte mit 87 Cent nach Hause. Mit dieser Kette an seiner Uhr konnte Jim in jeder Gesellschaft stilvoll nach der Zeit sehen. Denn wenn seine Uhr auch ein Prachtstück war, so schaute er sie oft nur verstohlen an, denn sie war an einem alten Lederriemen statt an einer Uhrenkette festgemacht.
Als Della zu Hause ankam, dämpften Vernunft und Überlegung ein wenig ihren Taumel und sie machte sich daran, die verheerenden Folgen zu beheben, die ihre Großzügigkeit im Verein mit ihrer Liebe zu Jim bewirkt hatten. Und das, liebe Freunde, war eine ungeheure Aufgabe, ein Mammutprogramm. 40 Minuten später war ihr Kopf mit winzigen Löckchen bedeckt, mit denen sie aussah wie ein bezaubernder Lausbub, der gerade die Schule schwänzt. Sie besah sich lange, sorgfältig und kritisch im Spiegel.
„Wenn Jim mich nicht umbringt“, sagte sie sich, „wird er behaupten, dass ich wie ein Revuegirl aus Coney Island aussehe, wenn er mich überhaupt noch eines zweiten Blickes würdigt. Aber was bitte, hätte ich tun können? Was hätte ich mit 1 Dollar und 87 Cent anfangen sollen?“ Um 19 Uhr war der Kaffee fertig und auf dem Ofen stand die Pfanne bereit, in denen die Koteletts gebraten werden sollten. Jim kam nie zu spät. Della rollte die Uhrkette in ihrer Hand zusammen und setzte sich auf die Tischkante gegenüber von der Tür, durch die er immer hereinkam. Als sie seine Schritte unten im Stock hörte, wurde sie einen Augenblick lang ganz weiß. Sie hatte die Angewohnheit, kleine Stoßgebete gen Himmel zu richten, auch wenn es nur um Alltagsdinge ging. So flüsterte sie auch jetzt: „Bitte, lieber Gott, mach, dass er mich immer noch hübsch findet.“
Die Tür ging auf, Jim trat ein. Er sah ernst aus. Armer Kerl! Er war erst 21 - und schon hatte er eine Familie zu versorgen. Er brauchte dringend einen neuen Mantel, und Handschuhe hatte er auch keine. Jim blieb an der Tür stehen und fixierte Della. In seinen Augen war etwas, das sie nicht deuten konnte, aber erschreckte. Es war weder Zorn noch Überraschung, weder Missbilligung noch Entsetzen, und es war auch keines der Gefühle, auf die sie gefasst war. Er starrte sie mit diesem seltsamen Ausdruck im Gesicht einfach nur an. Della rutschte vom Tisch und lief auf ihn zu.
„Bitte, Jim, sieh mich nicht so an. Ich habe mein Haar abgeschnitten und verkauft, weil ich den Gedanken nicht ertragen konnte, kein Weihnachtsgeschenk für dich zu haben. Es wächst bald wieder nach, du bist mir doch deswegen nicht böse? Ich musste es einfach tun. Mein Haar wächst doch schnell nach. Wünschen wir uns „Fröhliche Weihnachten“, Jim, und lass uns einfach glücklich sein! Du weißt ja gar nicht, was für ein schönes, ja, was für ein wunder-, wunderschönes Geschenk ich für dich habe.“
„Du hast dein Haar abgeschnitten?“, stieß Jim schließlich mühsam hervor, so als sei ihm die Tatsache trotz größter gedanklicher Anstrengung noch nicht zu Bewusstsein gelangt. „Abgeschnitten und verkauft“, antwortete Della. „Magst du mich nicht trotzdem noch? Ich bin auch ohne Haar doch dieselbe, oder?“
Jim sah sich forschend im Zimmer um. „Du sagst, dein Haar ist fort?“ fragte er, was ein wenig einfältig klang. „Du brauchst gar nicht danach zu suchen“, erwiderte Della. „Ich sage dir ja, ich habe es verkauft. Es ist weg. Und weg ist weg. Aber heute ist der Heilige Abend. Komm, sei lieb, ich hab’s doch für dich getan. Es mag sein, dass die Haare auf meinem Kopf gezählt waren“ fuhr sie mit hinreißender, plötzlicher Ernsthaftigkeit fort, „aber niemand könnte jemals meine Liebe zu dir zählen. Soll ich jetzt die Koteletts braten, Jim?“ Jetzt endlich schien Jim aus seinem Trancezustand zu erwachen. Er schloss Della in die Arme.
Wir wollen daher 10 Sekunden lang in diskreter Weise irgendeinen belanglosen Gegenstand am entgegengesetzten Ende des Raumes betrachten. 8 Dollar die Woche oder 1 Million im Jahr – wo ist da der Unterschied? Ein Mathematiker oder ein anderer kluger Kopf würde uns eine falsche Antwort geben. Die drei Weisen aus dem Morgenland brachten kostbare Geschenke, aber jene Gabe war nicht dabei. Sie werden es bald verstehen, was mit dieser dunklen Andeutung gemeint ist.
Jim zog ein Päckchen aus seiner Manteltasche und warf es auf den Tisch. „Täusche dich nicht in mir, Della“, sagte er. „Ich glaube kaum, dass ein Haarschnitt oder eine Kopfwäsche mich dazu bringen können, mein Mädchen weniger zu lieben. Aber wenn du dieses Paket aufmachst, wirst du sehen, warum ich Probleme hatte, die Fassung zu bewahren.“ Behände weiße Finger zogen an Schnur und Papier. Dann ein entzückter Freudenschrei, dem übergangslos Tränen folgten. Diese stellten den Herrn des Hauses augenblicklich vor die Notwendigkeit, Della mit allen seine Kräften Trost zu spenden. Denn dort lagen die schönsten aller Kämme, eine ganze Garnitur davon. Della hatte sie schon seit langem in einem Schaufenster am Broadway bewundert. Es waren herrliche, mit Edelsteinen und Perlen verzierte Kämme, die von genau der Farbe waren, die zu ihrem Haar gepasst hätte. Es waren teure Kämme, das wusste sie, und ihr Herz hatte sie voll Sehnsucht begehrt, doch hatte sie nie auch nur im Entferntesten zu hoffen gewagt, sie jemals zu besitzen. Jetzt gehörten sie ihr, nur waren die Haare nicht mehr da, die der ersehnte Schmuck zieren sollte. Doch Sie drückte ihn ans Herz, und schließlich konnte sie auch mit verweinten Augen und einem Lächeln aufblicken und versichern: „Meine Haare wachsen ja so schnell, Jim!“
Da plötzlich sprang sie auf wie ein Kätzchen, das sich das Fell versengt hat und rief: „Nun Du!“ Jim hatte ja sein wunderschönes Geschenk noch nicht gesehen. Sie hielt es ihm eifrig auf der geöffneten Hand entgegen. Das kostbare, matt glänzende Metall der Uhrenkette schien plötzlich aufzuleuchten und ihr helles kristallklares Wesen widerzuspiegeln. „Ist sie nicht prächtig? Ich habe die ganze Stadt abgesucht, bis ich sie gefunden habe. Jetzt kannst du getrost 100-mal am Tag nach der Zeit sehen. Gib mir deine Uhr. Ich will doch mal sehen, wie sie dazu aussieht.“ Aber Jim tat nicht, was sie sagte. Stattdessen ließ er sich auf das Sofa fallen, faltete die Hände hinterm Kopf und lächelte. „Della“, sagte er, „lass uns unsere Weihnachtsgeschenke wegpacken und eine Weile aufheben. Sie sind zu schön, als dass wir sie gleich jetzt benutzen sollten. Ich habe die Uhr verkauft, um das Geld für deine Kämme zu bekommen. Und jetzt, denke ich, sollten wir die Koteletts aufs Feuer stellen.“
Die Heiligen Drei Könige waren, wie Sie wissen werden, weise Männer, ja wunderbar weise Männer, die dem Kind in der Krippe Geschenke brachten. Sie erfanden die Kunst des weihnachtlichen Schenkens. Und da sie weise waren, wählten sie Ihre Gaben zweifellos mit Bedacht und behielten sich für den Fall, dass eine davon schon vorhanden sein könnte, das Recht vor, sie nach dem Fest umzutauschen. Und da habe nun ich, nicht sehr geschickt übrigens, Ihnen die ziemlich ereignislose Geschichte von zwei törichten Menschenkindern in einer möblierten Wohnung erzählt, die so unklug waren, einander ihre größten Schätze zu opfern. Doch in einem Schlusswort an die Weisen unserer Tage lassen Sie mich noch eines sagen, dass nämlich von allen, die schenken, diese beiden die Weisesten waren. Von allen, die schenken und beschenkt werden, sind Menschen wie sie am weisesten. Immer und überall. Sie sind die Könige.
Bild: Schaufenster eines Krippengeschäfts in Kevelaer im Dezember 2023.
Das Versprechen
Es war einmal ein Harfner, der machte eine so wunderschöne Musik und sang so herrliche Lieder, dass sich sein Ruhm über das ganze Land verbreitete. Schließlich hörte sogar der König von ihm und sandte Boten aus, um ihn in seinen Palast zu holen. „Ich mag weder essen noch schlafen, bevor ich nicht einen Ton von deiner Harfe gehört habe“. So lautete die Botschaft, die der König dem Harfner bringen ließ. Die Boten sagten sie immer und immer wieder auf, bis sie sie auswendig konnten, und als sie zum Haus des Hafners kamen, riefen sie: „Sei gegrüßt, Harfner komm heraus und höre, denn wir haben dir etwas zu erzählen, was dich sehr froh machen wird.“
Als der Harfner die Botschaft des Königs vernommen hatte, ward er aber traurig, denn er hatte eine Frau und ein Kind und einen kleinen, braunen Hund, und er war betrübt, sie zu verlassen, und auch sie waren bekümmert, ihn weggehen zu sehen. „Bleib doch bei uns“, flehten sie ihn an, aber der Harfner sagte: „Ich muss gehen, denn es wäre unhöflich, den König zu enttäuschen. Aber so sicher, wie die Beeren der Stechpalme rot sind und die Kiefer grün ist, so werde ich an Weihnachten zurück sein, um meine Portion Plum-Pudding zu essen und Weihnachtslieder an meinem heimischen Kamin zu singen.“
Sobald er das versprochen hatte, hängte er sich seine Harfe auf den Rücken und ging mit den Boten von dannen zum Palast des Königs. Dort hieß ihn der König sogleich freudig willkommen und machte vielerlei Dinge zu seiner Ehre. Der Harfner schlief in einem Bett unter sanftesten Daunen und er bekam köstlichste Speisen auf einem Teller von Gold an der Tafel des Königs selbst. Wenn er sang, rührte sich niemand von der Stelle, angefangen vom König selbst bis zur Maus in der Speisekammer. Was auch immer ihr jedoch tat, ob er feierte oder ruhte, ob er sang oder sich Lobpreisungen für seine Musik anhörte, niemals vergaß er das Versprechen, das er seiner Frau, seinem Kind und seinem kleinen, braunen Hund gegeben hatte.
Als nun der Tag vor Weihnachten kam, nahm er seine Harfe zur Hand und ging zum König, um Lebewohl zu sagen. Der König war aber nicht geneigt, ihn ziehen zu lassen, und sprach zu ihm: „Ich werde dir ein Pferd schenken, das ist so weiß wie Milch, so glänzend wie Seide und so flink wie ein Hirsch - wenn du bleibst, um an Weihnachten bei mir zu spielen und zu singen.“ „Ich kann nicht mehr bleiben“, antwortete der Harfner, „denn ich habe eine Frau und ein Kind und einen kleinen, braunen Hund, und ich habe ihnen versprochen, Weihnachten bei ihnen zuhause zu sein, meine Portion Plum-Pudding zu essen und Weihnachtslieder am heimischen Kamin zu singen.“ „Wenn du bleibst, um zu Weihnachten zu spielen und zu singen“, so denn der König, „mache ich dir einen wunderbaren Baum zum Geschenk, der im Sommer wie im Winter nie seine Blätter verliert. Und wann immer du diesen Baum schüttelst, wird Silber und Gold für dich hinunterfallen.“ „Ich darf nicht bleiben“, entgegnete ihm der Harfner, „denn meine Frau und mein Kind und mein kleiner, brauner Hund warten auf mich, und ich habe Ihnen versprochen, Weihnachten zu Hause zu sein, meine Portion Plum-Pudding zu essen und Weihnachtslieder am heimischen Kamin zu singen.“
„Wenn du an Weihnachten bleibst“, sprach der König, „und nur eine einzige Weise spielst und nur ein einziges Lied singst, werde ich dir ein Gewand aus Seide geben und du darfst hier neben mir sitzen mit einem Ring an deinem Finger und einer Krone auf deinem Haupt.“ „Ich werde nicht bleiben“, war die Antwort des Hafners, „denn meine Frau und mein Kind und mein kleiner, brauner Hund warten auf mich, und ich habe Ihnen versprochen, Weihnachten zu Hause zu sein, meine Portion Plum-Pudding zu essen und Weihnachtslieder am heimischen Kamin zu singen.“
Da warf es sich seinen alten Umgang um, hängte sich seine Harfe auf den Rücken und verließ den Palast des Königs, ohne ein Wort zu sagen. Er war noch nicht weit gegangen, als kleine Schneeflocken vom Himmel fielen, als ob sie sagen wollten, „wag dich nicht weiterhin hinaus.“ Der Harfner aber sagte: „Der Schnee mag fallen, aber ich muss gehen, denn ich habe eine Frau und ein Kind und einen kleinen, braunen Hund und ich habe ihnen versprochen, Weihnachten zu Hause zu sein, um meine Portion Plum-Pudding zu essen und Weihnachtslieder am heimischen Kamin zu singen.“ Dann fiel der Schnee dichter und stärker, und die Hügel und Täler, die Hecken und Mulden waren bald weiß, und man konnte keine Pfade mehr erkennen. Es gab Schneewehen an des Königs Straße, die waren so hoch wie die Berge. Der Harfner stolperte und fiel, aber zurück zum Palast, das wollte er nicht. Als er seines Weges weiterzog, begegnete ihm der Wind: „Bruder Harfner, kehrt um, ich bitte dich,“ sprach der Wind, „reise heute nicht weiter.“
Der Harfner beherzigte den Rat nicht. Der Schnee mag fallen und der Wind wehen, aber ich muss weitergehen, so dachte er, denn ich habe eine Frau und ein Kind und einen kleinen, braunen Hund, und ich habe ihnen versprochen, Weihnachten zu Hause zu sein, meine Portion Plum-Pudding zu essen und Weihnachtslieder am heimischen Kamin zu singen.
Dann blies der Wind eine eisige Bö, der Schnee gefror am Boden und das Wasser in den Flüssen wurde zu Eis. Auch der Atem des Harfners gefror in der Luft, und von den Felsen herab an des Königs Straße hingen Eiszapfen, die waren so lang wie das Schwert des Königs. Der Harfner erschauerte und er schüttelte sich, aber umkehren wollte er nicht. Mit der Zeit kam er zu dem Wald, der in der Mitte zwischen dem Königspalast und seinem Haus lag. Die Bäume im Wald knackten und bogen sich im Sturm, und jeder von ihnen schien zu sagen: „Finsternis bricht herein, die Nacht ist nah, Harfner halt an, wage dich nicht hier hinein.“ Der Harfner aber wollte nicht stehen bleiben. Der Schnee mag fallen, sagte er sich, der Wind mag blasen und die Nacht hereinbrechen, aber ich habe versprochen, bald zu Hause zu sein, um meine Portion Plum-Pudding zu essen und die Weihnachtslieder am heimischen Kamin zu singen. Ich muss weiterziehen.
So ging er weiter, bis der letzte Schimmer des Tageslichts verschwand. Jetzt herrschte allenthalben tiefe Finsternis, der Harfner aber fürchtete sich vor der Dunkelheit nicht. „Wenn ich nicht sehen kann, so kann ich doch singen“, sagte er, und froh erklang seine Stimme im dunklen Forst: „Gloria, Gloria in Excelsis Deo, gesegnet sei Gottes Name, denn am Morgen des Christfests kam das Jesuskind auf die Welt.“
Da hörte der Schnee auf zu fallen, und der Wind hörte auf zu blasen. Die Bäume des Waldes neigten sich sanft, um zu hören, und… siehe da: Die Finsternis wandelte sich in ein wundersames Licht. Dicht vor sich sah der Harfner den offenen Eingang seines Hauses. Die Frau und das Kind und der kleine, braune Hund schauten heraus und warteten. Groß war die Freude, als sie ihn willkommen hießen. Die Beeren der Stechpalme im Weihnachtskranz waren rot, und Weihnachtsbaum war eine grüne Kiefer. Der Plum-Pudding war voll praller Pflaumen und der Harfner war glücklicher als der König, als am heimischen Kamin saß und sang: Gloria, Gloria in Excelsis Deo. Wir preisen Gottes Heiligen Namen, denn das Jesuskind ward geboren, um uns eine wundervolle Liebe zu bringen.
von Maud Lindsay (1874-1941, Alabama; Text leicht gekürzt von C.N.)
Bild: Winterliches Ruhrufer in Alstaden.
Weihnachtsbrief von Johann Wolfgang von Goethe an Johann Christian Kestner am 25. Dezember 1772
Christtag früh. Es ist noch Nacht, lieber Kestner, ich bin aufgestanden, um bei Lichte morgens wieder zu schreiben, das mir angenehme Erinnerungen voriger Zeiten zurückruft; ich habe mir Coffee machen lassen, den Festtag zu ehren, und will euch schreiben, bis es Tag ist.
Der Türmer hat sein Lied schon geblasen, ich wachte darüber auf. Gelobet seist du, Jesus Christ! Ich hab diese Zeit des Jahrs gar lieb, die Lieder, die man singt, und die Kälte, die eingefallen ist, macht mich vollends vergnügt. Ich habe gestern einen herrlichen Tag gehabt, ich fürchtete für den heutigen, aber der ist auch gut begonnen, und da ist mirs fürs Enden nicht angst.
Der Türmer hat sich wieder zu mir gekehrt; der Nordwind bringt mir seine Melodie, als blies er vor meinem Fenster. Gestern, lieber Kestner, war ich mit einigen guten Jungens auf dem Lande; unsre Lustbarkeit war sehr laut und Geschrei und Gelächter von Anfang zu Ende. Das taugt sonst nichts für die kommende Stunde. Doch was können die heiligen Götter nicht wenden, wenn's ihnen beliebt; sie gaben mir einen frohen Abend, ich hatte keinen Wein getrunken, mein Aug war ganz unbefangen über die Natur.
Ein schöner Abend, als wir zurückgingen; es ward Nacht. Nun muss ich Dir sagen, das ist immer eine Sympathie für meine Seele, wenn die Sonne lang hinunter ist und die Nacht von Morgen heraus nach Nord und Süd um sich gegriffen hat, und nur noch ein dämmernder Kreis von Abend herausleuchtet. Seht, Kestner, wo das Land flach ist, ist's das herrlichste Schauspiel, ich habe jünger und wärmer stundenlang so ihr zugesehn hinabdämmern auf meinen Wanderungen.
Auf der Brücke hielt ich still. Die düstre Stadt zu beiden Seiten, der still leuchtende Horizont, der Widerschein im Fluss machte einen köstlichen Eindruck in meiner Seele, den ich mit beiden Armen umfasste.
Ich lief zu den Gerocks, ließ mir Bleistift geben und Papier und zeichnete zu meiner großen Freude das ganze Bild so dämmernd warm, als es in meiner Seele stand. Sie hatten alle Freude mit mir darüber, empfanden alles, was ich gemacht hatte, und da war ich's erst gewiss, ich bot ihnen an, drum zu würfeln, sie schlugen es aus und wollen, ich soll's Mercken schicken. Nun hängt es hier an meiner Wand und freut mich heute wie gestern. Wir hatten einen schönen Abend zusammen, wie Leute, denen das Glück ein großes Geschenk gemacht hat, und ich schlief ein, den Heiligen im Himmel dankend, daß sie uns Kinderfreude zum Christ bescheren wollen.
Als ich über den Markt ging und die vielen Lichter und Spielsachen sah, dacht ich an euch und meine Buben, wie ihr ihnen kommen würdet, diesen Augenblick ein himmlischer Bote mit dem blauen Evangelio, und wie aufgerollt sie das Buch erbauen werde.
Hätte ich bei euch sein können, ich hätte wollen so ein Fest Wachsstöcke illuminieren, dass es in den kleinen Köpfen ein Widerschein der Herrlichkeit des Himmels geglänzt hätte.
Die Torschließer kommen vom Bürgermeister und rasseln mit den Schlüsseln. Das erste Grau des Tags kommt mir über des Nachbarn Haus, und die Glocken läuten eine christliche Gemeinde zusammen.
Wohl, ich bin erbaut hier oben auf meiner Stube, die ich lang nicht so lieb hatte als jetzt.
Bild: Weihnachtliche Stube 2022.
Der Weihnachtsabend
Am vierundzwanzigsten Dezember durften die Kinder des Medizinalrats Stahlbaum den ganzen Tag über durchaus nicht in die Mittelstube hinein, viel weniger in das daranstossende Prunkzimmer. In einem Winkel des Hinterstübchens zusammengekauert, sassen Fritz und Marie, die tiefe Abenddämmerung war eingebrochen, und es wurde ihnen recht schaurig zumute, als man, wie es gewöhnlich an dem Tage geschah, kein Licht hereinbrachte. Fritz entdeckte ganz insgeheim wispernd der jüngeren Schwester (sie war eben erst sieben Jahr alt worden), wie er schon seit frühmorgens es habe in den verschlossenen Stuben rauschen und rasseln und leise pochen hören. Auch sei nicht längst ein kleiner dunkler Mann mit einem grossen Kasten unter dem Arm über den Flur geschlichen, er wisse aber wohl, dass es niemand anders gewesen als Pate Drosselmeier. Da schlug Marie die kleinen Händchen vor Freude zusammen und rief: "Ach, was wird nur Pate Drosselmeier für uns Schönes gemacht haben."
Der Obergerichtsrat Drosselmeier war gar kein hübscher Mann, nur klein und mager, hatte viele Runzeln im Gesicht, statt des rechten Auges ein grosses schwarzes Pflaster und auch gar keine Haare, weshalb er eine sehr schöne weiße Perücke trug, die war aber von Glas und ein künstliches Stück Arbeit. Überhaupt war der Pate selbst auch ein sehr künstlicher Mann, der sich sogar auf Uhren verstand und selbst welche machen konnte. Wenn daher eine von den schönen Uhren in Stahlbaums Hause krank war und nicht singen konnte, dann kam Pate Drosselmeier, nahm die Glasperücke ab, zog sein gelbes Röckchen aus, band eine blaue Schürze um und stach mit spitzigen Instrumenten in die Uhr hinein, so dass es der kleinen Marie ordentlich wehe tat, aber es verursachte der Uhr gar keinen Schaden, sondern sie wurde vielmehr wieder lebendig und fing gleich an recht lustig zu schnurren, zu schlagen und zu singen, worüber denn alles grosse Freude hatte. Immer trug er, wenn er kam, was Hübsches für die Kinder in der Tasche, bald ein Männlein, das die Augen verdrehte und Komplimente machte, welches komisch anzusehen war, bald eine Dose, aus der ein Vögelchen heraushüpfte, bald was anderes. Aber zu Weihnachten, da hatte er immer ein schönes künstliches Werk verfertigt, das ihm viel Mühe gekostet, weshalb es auch, nachdem es einbeschert worden, sehr sorglich von den Eltern aufbewahrt wurde. "Ach, was wird nur Pate Drosselmeier für uns Schönes gemacht haben", rief nun Marie; Fritz meinte aber, es könne wohl diesmal nichts anders sein, als eine Festung, in der allerlei sehr hübsche Soldaten auf- und abmarschierten und exerzierten, und dann müssten andere Soldaten kommen, die in die Festung hineinwollten, aber nun schössen die Soldaten von innen tapfer heraus mit Kanonen, dass es tüchtig brauste und knallte.
"Nein, nein," unterbrach Marie den Fritz, "Pate Drosselmeier hat mir von einem schönen Garten erzählt, darin ist ein grosser See, auf dem schwimmen sehr herrliche Schwäne mit goldnen Halsbändern herum und singen die hübschesten Lieder. Dann kommt ein kleines Mädchen aus dem Garten an den See und lockt die Schwäne heran und füttert sie mit süssem Marzipan."
"Schwäne fressen keinen Marzipan," fiel Fritz etwas rauh ein, "und einen ganzen Garten kann Pate Drosselmeier auch nicht machen. Eigentlich haben wir wenig von seinen Spielsachen; es wird uns ja alles gleich wieder weggenommen, da ist mir denn doch das viel lieber, was uns Papa und Mama einbescheren, wir behalten es fein und können damit machen, was wir wollen."
Nun rieten die Kinder hin und her, was es wohl diesmal wieder geben könne. Marie meinte, dass Mamsell Trutchen (ihre große Puppe) sich sehr verändere, denn ungeschickter als jemals, fiele sie jeden Augenblick auf den Fussboden, welches ohne garstige Zeichen im Gesicht nicht abginge, und dann sei an Reinlichkeit in der Kleidung gar nicht mehr zu denken. Alles tüchtige Ausschelten helfe nichts. Auch habe Mama gelächelt, als sie sich über Gretchens kleinen Sonnenschirm so gefreut. Fritz versicherte dagegen, ein tüchtiger Fuchs fehle seinem Marstall durchaus, sowie seinen Truppen gänzlich an Kavallerie, das sei dem Papa recht gut bekannt. – So wussten die Kinder wohl, dass die Eltern ihnen allerlei schöne Gaben eingekauft hatten, die sie nun aufstellten, es war ihnen aber auch gewiss, dass dabei der liebe Heilige Christ mit gar freundlichen frommen Kindesaugen hineinleuchte, und dass, wie von segensreicher Hand berührt, jede Weihnachtsgabe herrliche Lust bereite wie keine andere. Daran erinnerte die Kinder, die immerfort von den zu erwartenden Geschenken wisperten, ihre ältere Schwester Luise, hinzufügend, dass es nun aber auch der Heilige Christ sei, der durch die Hand der lieben Eltern den Kindern immer das beschere, was ihnen wahre Freude und Lust bereiten könne, das wisse er viel besser als die Kinder selbst, die müssten daher nicht allerlei wünschen und hoffen, sondern still und fromm erwarten, was ihnen beschert worden. Die kleine Marie wurde ganz nachdenklich, aber Fritz murmelte vor sich hin: "Einen Fuchs und Husaren hätt' ich nun einmal gern."
Es war ganz finster geworden. Fritz und Marie, fest aneinandergerückt, wagten kein Wort mehr zu reden, es war ihnen, als rausche es mit linden Flügeln um sie her und als liesse sich eine ganz ferne, aber sehr herrliche Musik vernehmen. Ein heller Schein streifte an der Wand hin, da wussten die Kinder, dass nun das Christkind auf glänzenden Wolken fortgeflogen zu andern glücklichen Kindern. In dem Augenblick ging es mit silberhellem Ton: Klingling, klingling, die Türen sprangen auf, und solch ein Glanz strahlte aus dem grossen Zimmer hinein, dass die Kinder mit lautem Ausruf: "Ach! – Ach!" wie erstarrt auf der Schwelle stehen blieben. Aber Papa und Mama traten in die Türe, fassten die Kinder bei der Hand und sprachen:
"Kommt doch nur, kommt doch nur, ihr lieben Kinder, und seht, was euch der Heilige Christ beschert hat."
E.T.A. Hoffmann, 1776-1822
Bild: Weihnachtsbaum 2022.
Der Tannenbaum
Draußen im Walde stand ein niedliches Tannenbäumchen; es hatte einen guten Platz, die Sonne konnte darauf scheinen, Luft war genug da, und rundherum wuchsen viele größere Kameraden, Tannen und Fichten. Aber der Tannenbaum wäre für sein Leben gern schon groß gewesen. Er dachte nicht an den warmen Sonnenschein und die frische Luft und machte sich nichts aus den Bauernkindern, die vorbeikamen und lustig plauderten, wenn sie im Walde Erdbeeren und Himbeeren sammelten. Oftmals kamen sie mit einem ganzen Topf voll oder hatten wohl auch Erdbeeren auf Strohhalme gezogen. Dann setzten sie sich neben das Bäumchen und sagten: »Nein, wie niedlich klein er ist!« Das hörte das Bäumchen aber gar nicht gern. Im nächsten Jahre war es schon um einen langen Schoß größer, und das Jahr darauf war es noch um einen größer; bei den Tannenbäumen berechnet man nämlich das Alter nach der Zahl ihrer Ansätze. »Ach, war' ich doch schon so groß wie die andern!« seufzte das Bäumchen, »dann könnte ich meine Zweige weit ausbreiten und mit meinem Wipfel in die weite Welt hinausschauen. Dann würden die Vögel ihre Nester auf meinen Zweigen bauen, und wenn es stürmte, könnte ich ebenso vornehm nicken, wie die andern dort drüben!«
Weder der Sonnenschein, noch die Vögel, noch die roten Wolken, die morgens und abends über ihm hinzogen, machten ihm Freude.
Im Winter, wenn der Schnee ringsumher glänzendweiß dalag, kam oft ein Hase gesprungen und setzte gerade über das Bäumchen hinweg. Das war empörend! Aber im dritten Winter war der Tannenbaum schon so hoch, daß der Hase um ihn herumlaufen mußte. »Wachsen, wachsen, groß und alt werden, ja, das ist doch das einzige Schöne in der Welt!« dachte der Tannenbaum.
Im Herbst kamen immer die Holzhauer in den Wald und fällten einige der großen Bäume. Das geschah jedes Jahr, und dem jungen Tannenbaum, der nun schon eine ansehnliche Höhe erreicht hatte, wurde angst und bange dabei, denn mit lautem Krachen stürzten sie zur Erde; die Zweige wurden ihnen abgehauen, und sie sahen dann ganz nackt, lang und schmal aus, man konnte sie fast nicht wiedererkennen. Dann wurden sie auf den Wagen gelegt, und Pferde zogen sie zum Walde hinaus.
Wohin kamen sie denn? Was stand ihnen bevor?
Im Frühjahr, als die Schwalben und Störche kamen, fragte sie der Baum: »Wißt ihr nicht, wohin sie geführt wurden? Seid ihr ihnen nicht begegnet?«
Die Schwalbe wußte nichts davon; der Storch aber sah nachdenklich aus, nickte mit dem Kopfe und sagte: »Ja, ich glaube, ich weiß es. Auf meiner Rückreise von Ägypten begegneten mir viele neue Schiffe mit hohen Mastbäumen, und ich vermute, sie waren es, denn sie verbreiteten einen Tannengeruch. Ich kann vielmals von ihnen grüßen; sie ragten hoch über alles empor.«
»Ach, wäre ich doch auch groß genug, um über das Meer hinzufliegen! Was ist denn eigentlich das Meer, und wie sieht es aus?«
»Das kann ich dir nicht so kurz erzählen«, sagte der Storch und entfernte sich.
»Freue dich deiner Jugend!« sagten die Sonnenstrahlen, »freue dich deines Wachstums und deiner frischen Lebenskraft!« Und der Wind küßte den Baum, und der Tau weinte Tränen über ihn; aber das verstand der Tannenbaum nicht.
Wenn Weihnachten herannahte, wurden ganz junge Bäume gefällt, Bäume, die nicht einmal so groß waren und auch nicht in demselben Alter standen wie unser Tannenbäumchen, das weder Rast noch Ruhe hatte, sondern nur immer fort wollte. Diese jungen Bäume – es waren gerade die allerschönsten – behielten immer ihre Zweige, wurden dann auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie aus dem Walde hinaus.
»Wohin kommen sie?« fragte der Tannenbaum. »Sie sind nicht größer als ich, ja, es war einer darunter, der war sogar noch weit kleiner. Warum behielten sie alle ihre Zweige? Wohin werden sie geführt?«
»Wir wissen es! wir wissen es!« zwitscherten die Sperlinge. »In der Stadt haben wir zu den Fenstern hineingeschaut; wir wissen, wohin sie fahren! O, sie gelangen zur schönsten Pracht und Herrlichkeit, die man sich nur denken kann! Als wir zu den Fenstern hineinblickten, sahen wir, daß sie mitten in der warmen Stube eingepflanzt und mit den prächtigsten Sachen, mit vergoldeten Äpfeln und Nüssen, Honigkuchen, allerlei Spielzeug und mehr als hundert Lichtern geschmückt wurden!«
»Und dann?« fragte der Tannenbaum, während er an allen Zweigen bebte, »und dann, was geschieht dann?«
»Ja, mehr haben wir nicht gesehen, aber es war unvergleichlich schön.«
»Ob wohl auch ich dazu bestimmt bin, diesen strahlenden Weg zu gehen?« dachte das Bäumchen. »Das ist noch weit besser, als übers Meer zu ziehen. O, wie mich die Sehnsucht verzehrt; wäre es doch schon Weihnachten! Jetzt bin ich ja ebenso groß und erwachsen als die andern, die voriges Jahr fortgeführt wurden. O, wäre ich doch schon auf dem Wagen! Wäre ich doch schon in der warmen Stube mit all ihrer Pracht und Herrlichkeit! und dann – ja, dann kommt natürlich noch etwas Besseres, etwas viel Schöneres. Warum würde man mich sonst so herrlich schmücken? Es muß noch etwas Größeres, noch etwas Herrlicheres kommen –! Aber was kann es denn sein? Ach, ich leide Qual! Ich vergehe vor Sehnsucht danach, ich weiß selber nicht, wie mir zu Mute ist!«
»Freue dich meiner!« sagte die Luft, und der Sonnenschein sagte: »Freu dich deiner frischen Jugend im Freien!«
Aber das Bäumchen freute sich gar nicht, es wuchs und wuchs, Sommer und Winter war es grün, ja, dunkelgrün stand es da. Die Leute, die es sahen, sagten alle: »Das ist einmal ein hübscher Baum!« und gegen Weihnachten wurde er von allen zuerst gefällt. Die Axt hieb tief durch das Mark und mit einem schweren Seufzer fiel der Baum zu Boden. Er fühlte einen durchdringenden Schmerz und war einer Ohnmacht nahe, so daß er an gar kein Glück mehr denken konnte. Er war betrübt, daß er von seiner Heimat scheiden mußte, dem Orte, wo er aufgewachsen war. Er wußte ja, daß er die lieben alten Kameraden, die kleinen Büsche und Blumen ringsumher nicht mehr sehen würde, ja, vielleicht nicht einmal mehr die kleinen Vögel; diese Abreise war durchaus kein Vergnügen.
Der Baum kam erst wieder zu sich, als er mit den andern Bäumen in einem Hofe abgeladen wurde und einen Mann sagen hörte: »Der ist schön, den wollen wir nehmen!« Dann kamen zwei Diener in Gala und trugen den Tannenbaum in einen großen, prächtigen Saal. An den Wänden hingen Bilder und neben dem großen Kachelofen standen chinesische Vasen mit Löwen auf den Deckeln. Da gab es Schaukelstühle, Ruhebänke mit seidenen Überzügen und große Tische, die mit Bilderbüchern und Spielzeug für hundert mal hundert Taler bedeckt waren – wenigstens behaupteten es die Kinder. Der Tannenbaum wurde in eine mit Sand gefüllte Tonne gestellt, aber man sah gar nicht, daß es eine Tanne war; denn sie wurde ringsherum mit grünem Stoff behängt und stand auf einem großen, bunten Teppiche. O, wie der Baum bebte; was sollte nun geschehen? Die Diener schmückten ihn, und auch die Fräulein legten Hand mit an. An die Zweige hängten sie kleine, aus buntem Papier ausgeschnittene Netze, und jedes Netz war mit Zuckerwerk gefüllt. Vergoldete Apfel und Nüsse hingen an den Zweigen, als ob sie angewachsen wären, und über hundert rote und blaue und weiße Lichtchen wurden an den Zweigen befestigt. Kleine Puppen, die wie leibhaftige Menschen aussahen – der Baum hatte solche noch nie gesehen – schwebten im Grünen, und ganz oben auf der Spitze strahlte ein goldener Stern. Es war außerordentlich prächtig!
»Heute abend«, sagten alle, »heute abend wird er strahlen!«
»Ach«, dachte der Baum, »wäre es doch schon Abend! Würden doch nun die Lichter bald angezündet, und was wird dann geschehen? Ob wohl die Bäume aus dem Walde kommen, um mich zu sehen? Ob die Sperlinge an die Fensterscheiben fliegen? Ob ich hier festwachse und Winter und Sommer geschmückt dastehen werde?«
Ja, ja, der Baum konnte gut raten! Aber er hatte förmlich Rindenweh vor lauter Sehnsucht, und Rindenweh ist für einen Baum ebenso schlimm als für die Menschen Kopfweh.
Nun wurden die Lichter angezündet! Welch ein Glanz! welche Pracht! Der Baum bebte an allen Zweigen, so daß einige Nadeln an einem der Lichter Feuer fingen; es qualmte entsetzlich.
»Lieber Gott!« schrien die Fräulein und löschten es hastig aus.
Jetzt wagte der Baum nicht einmal mehr zu beben. Das war schrecklich. Er war in beständiger Angst, er könnte etwas von seinem schönen Schmucke verlieren, und von all dem Glanze war er wie betäubt. – Nun öffneten sich die beiden Flügeltüren, und eine Schar Kinder stürzte herein, als ob sie den ganzen Baum umrennen wollten. Während die Erwachsenen langsam hinterherkamen, standen die Kleinen einen Augenblick stumm da; aber es dauerte nicht lange, so jubelten sie wieder so laut, daß es nur so schallte. Sie tanzten um den Baum, und ein Geschenk nach dem andern wurde von den Zweigen gepflückt.
»Was machen sie denn nur?« dachte der Baum. »Was haben sie denn im Sinn?«
Man ließ die Lichter bis auf die Zweige herunterbrennen, dann löschte man sie aus, und nachdem auch das letzte Lichtlein erloschen war, bekamen die Kinder die Erlaubnis, den Baum zu plündern. Sie stürzten auf ihn los, daß es in allen Zweigen knackte. Wäre er mit der Spitze und dem goldenen Stern nicht an der Zimmerdecke befestigt gewesen, so hätten sie ihn sicher umgeworfen.
Die Kinder tanzten nun mit ihren prächtigen Spielsachen umher; niemand dachte mehr an den Baum, mit Ausnahme der alten Kinderfrau, die aufmerksam zwischen die Zweige blickte; aber sie wollte nur nachsehen, ob nicht vielleicht eine Feige oder ein Apfel vergessen worden sei.
»Eine Geschichte, eine Geschichte!« riefen die Kinder und zerrten einen kleinen, dicken Mann zum Baume hin. Er setzte sich gerade darunter. »Denn so sind wir im Grünen«, sagte er, »und dem Baum kann es auch nichts schaden, wenn er zuhört und sich eine Lehre daraus zieht. Aber ich erzähle nur eine einzige Geschichte. Wollt ihr die von Ivede-Avede hören, oder die von Klumpe-Dumpe, der die Treppe hinunterfiel und doch der Vornehmste wurde und die Prinzessin erhielt?«
»Ivede-Avede!« riefen einige, »Klumpe-Dumpe!« schrien die andern. Es war ein Rufen und Durcheinanderschreien, nur der Tannenbaum schwieg still und dachte: »Werde ich gar nicht gefragt? Habe ich denn nichts dabei zu tun?« Ja, er hatte ja das Seinige schon getan!
Nun erzählte der Mann von Klumpe-Dumpe, der die Treppe hinabfiel und doch der Vornehmste wurde und die Prinzessin erhielt. Und die Kinder klatschten in die Hände und riefen: »Noch mehr! noch mehr! Wir wollen auch noch die Geschichte von Ivede-Avede hören!« Aber da wurde nichts daraus, und sie mußten sich mit der von Klumpe-Dumpe begnügen. Der Tannenbaum stand ganz still und gedankenvoll da; nie hatten die Vögel im Walde draußen dergleichen erzählt.
»Klumpe-Dumpe fiel die Treppe hinab, und bekam doch die Prinzessin – ja, ja, so geht es in der Welt zu!« dachte der Tannenbaum und hielt alles für Wahrheit, weil der Herr, der die Geschichte erzählte, so freundlich war. »Ja, ja, wer weiß, vielleicht falle ich auch die Treppe hinab und bekomme eine Prinzessin!« Und er freute sich schon auf den nächsten Tag, wo er wieder mit Lichtern und Spielzeug und Gold und Früchten geschmückt würde.
»Morgen werde ich nicht beben«, dachte er, »morgen will ich mich all meiner Herrlichkeit von Herzen freuen. Dann werde ich wieder die Geschichte von Klumpe-Dumpe hören und vielleicht auch die von Ivede-Avede.« Die ganze Nacht hindurch stand der Baum still und nachdenklich da.
Am nächsten Morgen, schon in aller Frühe, kamen ein Diener und das Mädchen herein.
»Jetzt fängt die Herrlichkeit von neuem an!« dachte der Baum. Allein sie schleppten ihn zum Zimmer hinaus, die Treppen hinauf bis auf den Bodenraum, und dort stellten sie ihn in einen dunkeln Winkel, wo kein Tageslicht hinfiel. »Was soll denn das bedeuten?« dachte der Baum. »Was soll ich denn hier? Was will man mir denn hier sagen?« Er lehnte sich gegen die Wand und sann und sann. Und Zeit hatte er wahrhaftig genug dazu, denn es verstrichen viele Tage und Nächte, ohne daß ein Mensch heraufkam, und als endlich jemand kam, so geschah es nur, um einige große Kisten in den Winkel zu stellen. Nun stand der Baum so versteckt, daß man hätte meinen können, er sei vollständig vergessen worden. »Jetzt ist eben draußen Winter«, dachte er, »die Erde ist zugefroren und mit Schnee bedeckt, da können mich die Menschen nicht einpflanzen, deshalb soll ich wahrscheinlich bis zum Frühjahr hier wohlverwahrt stehen. Wie sorglich man doch ist; die Menschen sind doch recht gut. Wär' es hier nur nicht so dunkel und so schrecklich einsam. Nicht einmal ein Häschen springt hier vorbei. Da war es doch besser draußen im Walde, wenn der Schnee lag und der Hase vorübersprang, ja selbst wenn er über mich hinwegsetzte. Damals hatte ich allerdings keine Freude daran; aber hier oben ist es doch entsetzlich einsam.«
»Piep, piep!« sagte plötzlich eine kleine Maus und huschte hervor, und gleich darauf kam noch eine zweite. Sie schnüffelten an dem Tannenbaume herum und schlüpften durch seine Zweige.
»Hier ist es ja furchtbar kalt«, sagten die Mäuschen, »aber sonst ist es ganz behaglich hier, nicht wahr, du alter Tannenbaum?«
»Ich bin gar nicht alt«, erwiderte der Tannenbaum, »es gibt viel ältere als ich.«
»Wo kommst du her?« fragten die Mäuse. »Was hast du erlebt?« – Sie waren gewaltig neugierig. – »Erzähle uns doch von den schönsten Orten der Welt! Bist du schon dort gewesen, wo große Käse auf den Brettern liegen und Schinken an der Decke hängen, wo man auf Talglichtern tanzt, wo man mager hineingeht und fett wieder herauskommt?«
»Nein, den Ort kenne ich nicht«, sagte der Baum, »aber den Wald kenne ich, wo die Sonne scheint und die Vögel singen.« Darauf erzählte er ihnen die Geschichte seiner Jugend. So etwas hatten die Mäuschen noch nie gehört; sie lauschten aufmerksam und sagten: »Was du alles gesehen hast; du bist recht glücklich gewesen!«
»Ich!« versetzte der Tannenbaum und dachte nun erst über seine eigene Erzählung nach. »Ja, es sind wirklich recht schöne Zeiten gewesen.« Und dann erzählte er ihnen vom Weihnachtsabend, wo er mit Kuchen und Lichtern geschmückt war.
»O!« riefen die Mäuschen, »du bist doch recht glücklich gewesen, du alter Tannenbaum.«
»Ich bin aber gar nicht alt«, erwiderte der Tannenbaum. »Ich bin ja erst in diesem Winter aus dem Walde gekommen und stehe in meinem allerbesten Alter. Ich bin nur so stark gewachsen.«
»Wie schön du erzählen kannst!« sagten die Mäuschen; und in der nächsten Nacht kamen sie mit vier anderen kleinen Mäusen wieder, die dem Baum auch zuhören wollten, und je mehr er erzählte, desto deutlicher erinnerte er sich an alles und dachte: »Ja, es sind damals doch wirklich recht schöne Zeiten gewesen! Aber sie können ja wiederkommen. Klumpe-Dumpe fiel die Treppe hinab und bekam doch die Prinzessin, vielleicht bekomme ich auch noch eine Prinzessin!« Und dabei mußte der Tannenbaum an eine niedliche, kleine Birke denken, die draußen im Walde wuchs und die ihm wie eine leibhaftige Prinzessin vorkam.
»Wer ist Klumpe-Dumpe?« fragten die Mäuschen. Da erzählte der Tannenbaum das ganze Märchen, dessen er sich Wort für Wort erinnern konnte, und die Mäuschen wären vor lauter Freude darüber fast bis an die Spitze des Baumes gesprungen. In der nächsten Nacht versammelten sich noch viel mehr Mäuse um den Baum, und am Sonntag kamen sogar zwei Ratten. Allein diese behaupteten, die Geschichte sei gar nicht hübsch, und das betrübte die Mäuschen, denn nun gefiel sie ihnen auch weniger als vorher.
»Wissen Sie denn nur diese eine Geschichte?« fragten die Ratten.
»Allerdings«, antwortete der Baum, »ich hörte sie an meinem glücklichsten Abend; aber damals wußte ich gar nicht, wie glücklich ich war.«
»Das ist eine ganz ärmliche Geschichte, wissen Sie denn keine von Speck und Talglichtern? Keine sogenannten Speisekammergeschichten?«
»Nein«, sagte der Baum.
»Nun, dann danken wir bestens dafür«, erwiderten die Ratten und zogen sich wieder in ihre eigene Behausung zurück.
Mit der Zeit blieben die Mäuschen auch fort, und da seufzte der Baum und sagte: »Es war doch recht hübsch, als die munteren Mäuschen um mich herumsaßen und mir zuhörten. Nun ist das ebenfalls vorbei. Aber ich will gewiß an allem eine Freude haben, wenn ich wieder hervorgeholt werde!«
Allein wann kam wohl der ersehnte Tag? Da, eines Morgens kamen Leute herauf und machten sich auf dem Boden zu schaffen. Die Kisten wurden auf einen andern Platz gestellt, und der Baum hervorgezogen. Sie warfen ihn allerdings ein wenig unsanft auf den Boden, aber sogleich schleppte ihn ein Knecht nach der Treppe hin, wo das Tageslicht schimmerte.
»Nun beginnt das Leben von neuem!« dachte der Baum. Er fühlte die frische Luft, den ersten Sonnenstrahl! Nun war er auf dem Hofe. Alles ging so schnell, daß der Baum ganz vergaß, sich selbst zu betrachten; es war so vieles Neue ringsumher zu sehen. Der Hof stieß an einen Garten, und darin stand alles in voller Blüte; die Rosen hingen frisch und duftend über den Staketenzaun herüber; die Lindenbäume blühten; die Schwalben flogen umher und zwitscherten: »Quirre, virre, vit, mein Mann ist gekommen!« aber den Tannenbaum meinten sie nicht damit.
»Nun will ich leben!« jubelte dieser und breitete seine Zweige weit aus. Ach, sie waren alle gelb und vertrocknet, und er lag zwischen Unkraut und Nesseln im Winkel! Der Stern aus Goldpapier saß noch oben auf der Spitze und glänzte im hellen Sonnenschein.
Auf dem Hofe selbst spielten einige Kinder, die am Weihnachtsabend um den Baum getanzt hatten und so lustig gewesen waren. Eins davon, ein kleiner Junge, lief hin und riß den goldenen Stern ab.
»Sieh, was da noch an dem häßlichen alten Tannenbaum saß!« rief er und trat auf die Zweige, daß sie unter seinen Stiefeln knackten. Da betrachtete der Baum sich selbst und wünschte, daß er in seinem dunkeln Winkel auf dem Boden geblieben wäre. Er dachte an seine schöne Jugend im Walde, an den lustigen Weihnachtsabend und an die kleinen Mäuse, die die Geschichte von Klumpe-Dumpe so gerne gehört hatten. »Vorbei, vorbei!« seufzte der arme Baum, »ach, hätte ich mich doch gefreut, als ich es noch konnte! Vorbei, vorbei!«
Nun kam der Hausknecht und hieb den Baum in lauter kleine Stücke; es war ein ganzer Haufen, und hell loderte es auf unter dem großen Braukessel. Das Tannenholz seufzte tief, und jeder Seufzer erklang wie ein kleiner Schuß, deshalb liefen die Kinder, die draußen spielten, herbei, setzten sich vor das Feuer, schauten hinein und riefen: »Piff, paff!« Aber bei jedem Knall, der doch ein Seufzer war, gedachte der Baum eines Sommertags im Walde, einer Winternacht da draußen, als die Sterne glänzten. Er gedachte des Weihnachtsabends und Klumpe-Dumpes, des einzigen Märchens, das er gehört hatte und erzählen konnte. – Und dann war der Baum verbrannt.
Die Knaben spielten im Hofe, und der kleinste hatte den goldenen Stern, den der Baum an seinem glücklichsten Tage getragen hatte, an der Brust stecken. Jener Abend war nun lange vorüber und mit ihm auch der Baum nebst seiner Geschichte. Vorüber, vorüber! so geht es mit allen Geschichten.
Hans Christian Andersen, 1805-1875
Die Heilige Nacht
Als ich fünf Jahre alt war, hatte ich einen großen Kummer. Ich weiß kaum, ob ich seitdem einen größeren gehabt habe. Das war, als meine Großmutter starb. Bis dahin hatte sie jeden Tag auf dem Ecksofa gesessen und Märchen erzählt. Ich weiß es nicht anders, als dass Großmutter da saß und erzählte, vom Morgen bis zum Abend, und wir Kinder saßen still neben ihr und hörten zu. Das war ein herrliches Leben. Es gab keine Kinder, denen es so gut ging wie uns.
Ich erinnere mich nicht sehr viel von meiner Großmutter. Ich erinnere mich an ihr schönes, kreideweißes Haar und dass sie sehr gebückt ging und dass sie immer da saß und an einem Strumpfe strickte.
Es war an einem Weihnachtstag, alle waren zur Kirche gefahren, außer Großmutter und mir. Ich glaube, wir beide waren im ganzen Hause allein. Wir hatten nicht mitfahren können, weil die eine zu jung und die andere zu alt war. Und alle beide waren wir betrübt, dass wir nicht zum Mettegesang fahren und die Weihnachtslichter sehen konnten. Aber wie wir so in unserer Einsamkeit saßen, fing Großmutter zu erzählen an.
Es war einmal ein Mann”, sagte sie, “ der in die dunkle Nacht hinausging, um sich Feuer zu leihen. Er ging von Haus zu Haus und klopfte an. “Ihr lieben Leute, helft mir!” sagte er. “Mein Weib hat eben ein Kindlein geboren, und ich muss Feuer anzünden, um sie und den Kleinen zu erwärmen.”
Aber es war tiefe Nacht, so dass alle Menschen schliefen, und niemand antwortete ihm. Der Mann ging und ging. Endlich erblickte er in weiter Ferne einen Feuerschein. Da wanderte er dieser Richtung zu und sah, dass das Feuer im Freien brannte. Eine Menge weiße Schafe lagen rings um das Feuer und schliefen, und ein alter Hirt wachte über die Herde. Als der Mann das Feuer leihen wollte, zu den Schafen kam, sah er, dass drei große Hunde zu Füßen des Hirten ruhten und schliefen. Sie erwachten alle drei bei seinem Kommen und sperrten ihre weiten Rachen auf, als ob sie bellen wollten, aber man vernahm kein Laut. Der Mann sah, dass sich die Haare auf ihrem Rücken sträubten, er sah, wie ihre scharfen Zähne funkelnd weiß im Feuerschein leuchteten und wie sie auf ihn losstürzten. Er fühlte, dass einer von ihnen nach seinen Beinen schnappte und einer nach seiner Hand, und dass einer sich an seine Kehle hängte. Aber die Kinnladen und die Zähne, mit denen die Hunde beißen wollten, gehorchten ihnen nicht, und der Mann litt nicht den kleinsten Schaden. Nun wollte der Mann weiter gehen, um das zu finden, was er brauchte. Aber die Schafe lagen so dicht neben-einander, Rücken an Rücken, dass er nicht vorwärts kam. Da stieg der Mann auf die Rücken der Tiere und wanderte über sie hin dem Feuer zu. Und keins von den Tieren wachte auf oder regte sich.”
Soweit hatte Großmutter ungestört erzählen können, aber nun konnte ich es nicht lassen, sie zu unterbrechen. “ Warum regten sie sich nicht, Großmutter?” fragte ich. “Das wirst du nach einem Weilchen schon erfahren”, sagte Großmutter und fuhr mit ihrer Geschichte fort.
“Als der Mann fast beim Feuer angelangt war, sah der Hirt auf. Es war ein alter, mürrischer Mann, der unwirsch und hart gegen alle Menschen war. Und als er einen Fremden kommen sah, griff er nach einem langen, spitzigen Stabe, den er in der Hand zu halten pflegte, wenn er seine Herde hütete, und warf ihn nach ihm. Und der Stab fuhr zischend gerade auf den Mann los, aber ehe er ihn traf, wich er zur Seite und sauste an ihm vorbei weit über das Feld.”
Als Großmutter so weit gekommen war, unterbrach ich sie abermals. “Großmutter, warum wollte der Stock den Mann nicht schlagen?” Aber Großmutter ließ es sich nicht einfallen, mir zu antworten, sondern fuhr mit ihrer Erzählung fort.
Nun kam der Mann zu dem Hirten und sagte zu ihm: “Guter Freund, hilf mir und leih mir ein wenig Feuer. Mein Weib hat eben ein Kindlein geboren, und ich muss Feuer machen, um sie und den Kleinen zu erwärmen.”
Der Hirt hätte am liebsten nein gesagt, aber als er daran dachte, dass die Hunde dem Manne nicht hatten schaden können, dass die Schafe nicht vor ihm davongelaufen waren und dass sein Stab ihn nicht fällen wollte, da wurde ihm ein wenig bange, und er wagte es nicht dem Fremden das abzuschlagen, was er begehrte. “Nimm, soviel du brauchst”, sagte er zu dem Manne.
Aber das Feuer war beinahe ausgebrannt. Es waren keine Scheite und keine Zweige mehr übrig, sondern nur ein großer Gluthaufen, und der Fremde hatte weder Schaufel noch Eimer, worin er die roten Kohlen hätte tragen können.
Als der Hirt dies sah, sagte er abermals: “Nimm, soviel du brauchst!” Und er freute sich, dass der Mann kein Feuer wegtragen konnte. Aber der Mann beugte sich hinunter, holte die Kohlen mit bloßen Händen aus der Asche und legte sie in seinen Mantel. Und weder versengten die Kohlen seine Hände, als er sie berührte, noch versengten sie seinen Mantel, sondern der Mann trug sie fort, als wenn es Nüsse oder Äpfel gewesen wären.”
Aber hier wurde die Märchenerzählerin zum dritten Mal unterbrochen. “Großmutter, warum wollte die Kohle den Mann nicht brennen?”
“Das wirst du schon hören”, sagte Großmutter, und dann erzählte sie weiter. “Als dieser Hirt, der ein so böser, mürrischer Man war, dies alles sah, begann er sich bei sich selbst zu wundern: “Was kann dies für eine Nacht sein, wo die Hunde die Schafe nicht beißen, die Schafe nicht erschrecken, die Lanze nicht tötet und das Feuer nicht brennt?” Er rief den Fremden zurück und sagte zu ihm: “Was ist dies für eine Nacht? Und woher kommt es, dass alle Dinge dir Barmherzigkeit zeigen?”
Da sagte der Mann: “Ich kann es dir nicht sagen, wenn du selber es nicht siehst.” Und er wollte seiner Wege gehen, um bald ein Feuer anzünden und Weib und Kind wärmen zu können. Aber da dachte der Hirt, er wolle dem Mann nicht ganz aus dem Gesicht verlieren, bevor er erfahren hätte, was dies alles bedeutete. Er stand auf und ging ihm nach, bis er dorthin kam, wo der Fremde daheim war.
Da sah der Hirt, dass der Mann nicht einmal eine Hütte hatte, um darin zu wohnen, sondern er hatte sein Weib und sein Kind in einer Berggrotte liegen, wo es nichts gab als nackte, kalte Steinwände. Aber der Hirt dachte, dass das arme, unschuldige Kindlein vielleicht dort in der Grotte erfrieren würde, und obgleich er ein harter Mann war, wurde er davon doch ergriffen und beschloss, dem Kinde zu helfen. Und er löste sein Ränzel von der Schulter und nahm daraus ein weiches, weißes Schaffell hervor. Das gab er dem fremden Mann und sagte, er möge das Kind darauf betten.
Aber in demselben Augenblick, in dem er zeigte, dass auch er barmherzig sein konnte, wurden ihm die Augen geöffnet, und er sah, was er vorher nicht hatte sehen können, und hörte, was er vorher nicht hatte hören können.
Er sah, dass rund um ihn ein dichter Kreis von kleinen, silberbeflügelten Englein stand. Und jedes von ihnen hielt ein Saitenspiel in der Hand, und alle sangen sie mit lauter Stimme, dass in dieser Nacht der Heiland geboren wäre, der die Welt von ihren Sünden erlösen solle.
Da begriff er, warum in dieser Nacht alle Dinge so froh waren, dass sie niemand etwas zuleide tun wollten.
Und nicht nur rings um den Hirten waren Engel, sondern er sah sie überall. Sie saßen in der Grotte, und sie saßen auf dem Berge, und sie flogen unter dem Himmel. Sie kamen in großen Scharen über den Weg gegangen, und wie sie vorbeikamen, bleiben sie stehen und warfen einen Blick auf das Kind.
Es herrschte eitel Jubel und Freude und Singen und Spiel, und das alles sah er in der dunklen Nacht, in der er früher nichts zu gewahren vermocht hatte. Und er wurde so froh, dass seine Augen geöffnet waren, dass er auf die Knie fiel und Gott dankte.”
Aber als Großmutter so weit gekommen war, seufzte sie und sagte: “Aber was der Hirte sah, das können wir auch sehen, denn die Engel fliegen in jeder Weihnachtsnacht unter dem Himmel, wenn wir sie nur zu gewahren vermögen.”
Und dann legte Großmutter ihre Hand auf meinen Kopf und sagte: “Dies sollst du dir merken, denn es ist so wahr, wie dass ich dich sehe und du mich siehst. Nicht auf Lichter und Lampen kommt es an, und es liegt nicht an Mond und Sonne, sondern was nottut, dass wir Augen haben, die Gottes Herrlichkeit sehen können.”
Selma Lagerlöf, 1858-1940.
Bild: Weihnachtliches Schaufenster in Kevelaer, Dezember 2022.
Die drei dunklen Könige
Er tappte durch die dunkle Vorstadt. Die Häuser standen abgebrochen gegen den Himmel. Der Mond fehlte, und das Pflaster war erschrocken über den späten Schritt. Dann fand er eine alte Planke. Da trat er mit dem Fuß gegen, bis eine Latte morsch aufseufzte und losbrach. Das Holz roch mürbe und süß. Durch die dunkle Vorstadt tappte er zurück. Sterne waren nicht da.
Als er die Tür aufmachte (sie weinte dabei, die Tür), sahen ihm die blaßblauen Augen seiner Frau entgegn. Sie kamen aus einem müden Gesicht. Ihr Atem hing weiß im Zimmer, so kalt war es. Er beugte sein knochiges Knie und brach das Holz. Das Holz seufzte. Dann roch es mürbe und süß ringsum. Er hielt sich ein Stück davon unter die Nase. Riecht beinahe wie Kuchen, lachte er leise. Nicht, sagten die Augen der Frau, nicht lachen. Er schläft.
Der Mann legte das süße, mürbe Holz in den kleinen Blechofen. Da glomm es auf und warf eine Handvoll warmes Licht durch das Zimmer. Die fiel hell auf ein winziges rundes Gesicht und blieb einen Augenblick. Das Gesicht war erst eine Stunde alt, aber es hatte schon alles, was dazu gehört: Ohren, Nase, Mund und Augen. Die Augen mußten groß sein, das konnte man sehen, obgleich sie zu waren. Aber der Mund war offen, und es pustete leise daraus. Nase und Ohren waren rot. Er lebt, dachte die Mutter. Und das kleine Gesicht schlief.
Da sind noch Haferflocken, sagte der Mann. Ja, antwortete die Frau, das ist gut. Es ist kalt. Der Mann nahm noch von dem süßen, weichen Holz. Nun hat sie ihr Kind gekriegt und muß frieren, dachte er. Aber er hatte keinen, dem er dafür die Fäuste ins Gesicht schlagen konnte. Als er die Ofentür aufmachte, fiel wieder eine Handvoll Licht über das schlafende Gesicht. Die Frau sagte leise: Kuck, wie ein Heiligenschein, siehst du? Heiligenschein! dachte er, und er hatte keinen, dem er die Fäuste ins Gesicht schlagen konnte.
Dann waren welche an der Tür. Wir sahen das Licht, sagten sie, vom Fenster. Wir wollen uns zehn Minuten hinsetzten. Aber wir haben ein Kind, sagte der Mann zu ihnen. Da sagten sie nichts weiter, aber sie kamen doch ins Zimmer, stießen Nebel aus den Nasen und hoben die Füße hoch. Wir sind ganz leise, flüsterten sie und hoben die Füße hoch. Dann fiel das Licht auf sie. Drei waren es. In drei alten Uniformen. Einer hatte einen Pappkarton, einer einen Sack. Und der dritte hatte keine Hände. Erfroren, sagte er, und hielt die Stümpfe hoch. Dann drehte er dem Mann die Manteltaschen hin. Tabak war drin und dünnes Papier. Sie drehten Zigaretten. Aber die Frau sagte: Nicht, das Kind. Da gingen die vier vor die Tür, und ihre Zigaretten waren vier Punkte in der Nacht. Der eine hatte dicke umwickelte Füße. Er nahm ein Stück Holz aus einem Sack. Ein Esel, sagte er, ich habe sieben Monate daran geschnitzt. Für das Kind. Das sagte er und gab es dem Mann. Was ist mit den Füßen? fragte der Mann. Wasser, sagte der Eselschnitzer, vom Hunger. Und der andere, der dritte? fragte der Mann und befühlte im Dunkeln den Esel. Der dritte zitterte in seiner Uniform: Oh, nichts, wisperte er, da sind nur die Nerven. Man hat eben zuviel Angst gehabt. Dann traten sie die Zigaretten aus und gingen wieder hinein.
Sie hoben die Füße hoch und sahen auf das kleine schlafende Gesicht. Der Zitternde nahm aus seinem Pappkarton zwei gelbe Bonbons und sagte dazu: Für die Frau sind die.
Die Frau machte die blassen Augen weit auf, als sie die drei Dunkeln über das gebeugt sah. Sie fürchtete sich. Aber da stemmte das Kind seine Beine gegen ihre Brust und schrie so kräftig, daß die drei Dunklen die Füße aufhoben und zur Tür schlichen. Hier nickten sie nochmal, dann stiegen sie in die Nacht hinein.
Der Mann sah ihnen nach. Sonderbare Heilige, sagte er zu seiner Frau. Dann machte er die Tür zu. Schöne Heilige sind das, brummte er, und sah nach den Haferflocken. Aber er hatte kein Gesicht für seine Fäuste.
Aber das Kind hat geschrien, flüsterte die Frau, ganz stark hat es geschrien. Da sind sie gegangen. Kuck mal, wie lebendig es ist, sagte sie stolz. Das Gesicht machte den Mund auf und schrie.
Weint er? fragte der Mann.
Nein, ich glaube, er lacht, antwortete die Frau.
Beinahe wie Kuchen, sagte der Mann und roch an dem Holz, wie Kuchen. Ganz süß.
Heute ist ja auch Weihnachten, sagte die Frau.
Ja, Weihnachten, brummte er, und vom Ofen her fiel eine Handvoll Licht auf das kleine schlafende Gesicht.
Wolfgang Borchert, 1921-1947
Bild: Schaufenster eines Krippengeschäfts in Kevelaer, Dezember 2022.
Der heilige Abend
So wie in manchen, vorzüglich in protestantischen Ländern der Tag vor dem Geburtsfeste des Herrn der Christabend heißt, so heißt er in vielen katholischen Gegenden, namentlich in den schönen Gauen unseres engeren Vaterlandes vorzugsweise der heilige Abend, so wie der darauf folgende Tag der heilige Tag heißt und die dazwischen liegende Nacht den Namen Weihnacht führt. Es wird allgemein bekannt sein, daß die katholische Kirche den Christtag mit ihrer allergrößten kirchlichen Feier begeht, ja daß in den meisten ihrer Gemeinden schon die Mitter-nachtsstunde, als die Geburtsstunde des Herrn, mit prangender Nachtfeier geheiligt wird, zu der die Glocken durch die stille, finstere, winterliche Mitternachtluft laden, und die Bewohner mit Lichtern oder auf dunkeln, wohlbekannten Pfaden aus schneeigen Bergen, an bereiften Wäldern vorbei und durch knarrende Obstgärten zu der Kirche eilen, aus der die feierlichen Töne kommen, und die aus der Mitte des in beeiste Bäume gehüllten Dorfes mit den langen beleuchteten Fenstern emporragt. Ebenso bekannt, ja durch alle Länder der Christenheit noch weit bekannter wird es sein, daß man den Kindern die Ankunft des Christkindleins, auch eines Kindes, des wunderbarsten, das je auf der Welt war, als ein heiteres, glänzendes, feierliches Ding zeigt, das auf alle Zeiten fortwirkt, und oft noch spät in den Jahren des Mannes bei trüben, schwermütigen oder rührenden Erinnerungen gleichsam mit den bunten schimmernden Fittichen durch den öden, traurigen, ausgeleerten Nachthimmel fliegt. Man pflegt gegen Abend, wenn die tiefe Dämmerung eingetreten ist, Lichter anzuzünden, welche in den meisten Fällen ihrer sehr viele sind, und oft mit den kleinen Kerzlein auf den schönen grünen Ästen eines Tannen- oder Fichtenbäumchens schweben, das mitten in der Stube steht. Die Kinder dürfen nicht eher kommen, als bis das Zeichen gegeben wird, daß der heilige Christ zugegen gewesen ist, und die Geschenke, die er mitgebracht, hinterlassen hat. Dann geht die Tür auf, die Kleinen dürfen hinein, und bei dem herrlichen schimmernden Lichterglanze sehen sie Dinge auf dem Baume hängen oder auf dem Tische herumgebreitet, die alle Vorstellungen ihrer Fantasie weit übertreffen, die sie sich nicht anzurühren getrauen, die sie endlich, wenn sie dieselben bekommen, den ganzen Abend in ihren Ärmchen herumtragen, und mit sich in das Bett nehmen. Wenn sie dann zuweilen in ihre Träume hinein die Glockentöne der Mitternacht hören, durch welche die Großen in die Kirche zur Andacht gerufen werden, dann ist ihnen, als zögen jetzt Englein durch den Himmel, oder als kehre der heilige Christ nach Hause, welcher nunmehr bei allen Kindern gewesen und jedem von ihnen ein herrliches Geschenk hinterbracht hat. Darum ist der andere Tag so feierlich, wenn sie frühmorgens, mit ihren schönsten Kleidern angetan, in der warmen Stube stehen, wenn der Vater und die Mutter sich zum Kirchgange schmücken, wenn nach der Rückkehr derselben ein feierliches Mahl ist, besser als jedes im ganzen Jahre, und wenn Nachmittags oder gegen den Abend hin Freunde und Bekannte kommen, auf den Stühlen und Bänken herumsitzen, mit einander reden und behaglich durch die Fenster hinausschauen können in die Wintergegend, wo entweder die langsamen Flocken niederfallen, oder ein trübender Nebel um die Berge stockt, oder die blutrote kalte Sonne hinabsinkt. An verschiedenen Orten der Stube, auf einem Stühlchen oder auf einem Fensterbrettchen liegen die magischen, aber nun doch schon bekannten und gleichgiltiger werdenden Geschenke von gestern. Dann geht der lange Winter so dahin, dann kommen Ostern, es kommt der Frühling und der unendlich dauernde Sommer – und wenn die Mutter wieder vom heiligen Christe erzählt, daß nun bald sein Festtag sein wird und daß er auch diesmal herabkommen werde, ist es den Kindern, als sei seit seinem letzten Erscheinen eine ewige Zeit vergangen, und als liege die damalige Freude in einer weiten nebelgrauen Ferne zurück. – Kein Fest bleibt so lange in unsern fortrollenden Männerjahren stehen, als das des heiligen Abends, und keines reicht seinen matten, rührenden Abglanz, wenn es kommt, so hoch in das Alter hinauf, als dieses.
Adalbert Stifter, 1805-1868.
Auszug. Gesamter Text: https://www.projekt-gutenberg.org/stifter/hlabend/chap001.html
Bild: Engel-Familie 25.12.2021