Gedanken und Gedichte zum April
Der April (lateinisch Aprilis) ist im gregorianischen Kalender der vierte Monat des Jahres; im römischen Kalender war der Aprilis ursprünglich der zweite Monat, weil der März mit dem Beginn des Frühjahrs das neue Jahr einläutete [1-2]. Im Jahr 153 v. Chr. wurde der Jahresbeginn auf den 1. Januar verlegt, weshalb der Monat Aprilis an die vierte Stelle im Kalender rückte [1-2] Nach der Kalenderreform des Julius Caesar wurde der April von 29 auf 30 Tage verlängert [1].
Etymologisch gibt es nach dem Grimmschen Wörterbuch der Deutschen Sprache und dem Digitalen Wörterbuch der Deutschen Sprache (DWDS) keine gesicherte oder allgemein akzeptierte Herleitung des Namens April [3-4]. Da alle anderen Namen der ersten Jahreshälfte nach Göttern benannt sind, wird spekuliert, ob April nicht von Aphrodite (Kurzform: Apris) abstammt, zumal die Göttin der Liebe zur Jahreszeit des Frühlings passt [1-4].
Nach anderen Deutungen könnte sich der Name April auf die sich öffnenden Knospen im Frühling beziehen in Ableitung vom lateinischen Wort „aperire“ („öffnen“) [3-4]. Eine weitere Deutung benennt das Wort „apricus“ („sonnig“) als Ursprung des Wortes April; eine andere Deutung nimmt an, dass April vom lateinischen Wort “apero“ („der hintere“) stammt, da der April ursprünglich der zweite Monat des mit dem März beginnenden römischen Jahres war [3-4]. Zur Regierungszeit von Kaiser Nero wurde der Monat April Nero zu Ehren in Neroneus umbenannt; unter Kaiser Commodus Pius hieß der Monat vorübergehend Pius, beide Umbenennungen konnten sich nicht durchsetzen [1].
Der April hieß im Deutschen nach Einführung durch Karl den Großen im 8. Jahrhundert zunächst Ostermond und später Ostermona (althochdeutsch: ostaramond bzw. ostarmanoth) [3]. Frühere, nicht mehr gebräuchliche Bezeichnungen des April waren Wandelmonat, Grasmond oder Launing [3].
Es existieren eine Reihe von Bräuchen und Redewendungen zum Monat April [1-4]: Der Legende nach wurde Luzifer am 1. April aus dem Himmel verstoßen. Die Sitte, jemanden „in den April zu schicken“, also am 1. April mit einer erfundenen Geschichte zum Narren zu halten, stammt angeblich [2] aus dem 16. Jahrhundert aus Frankreich. Erwähnenswert ist aber, dass in den Canterbury Tales schon um 1375 von einem April-Scherz die Rede ist, so dass der Ursprung wohl eher in England liegt. Im deutschen Sprachraum tritt die Redensart erstmals 1618 in Bayern auf. Es heißt seitdem: „Am 1. April schickt man den Narren, wohin man will.“ Aprilwetter steht für wechselhaftes Wetter: „April, April – der macht, was er will“ [3-4].
Die Wetter- und Schauer-Kapriolen des April spielen auch in der Lyrik eine große Rolle. Mehr als 1000 englischsprachige April-Gedichte sind im Internet beim „Poemhunter“ [5] zu finden, 35 besonders interessante bei „Discoverpoetry“ [6].
Die beiden wohl berühmtesten Aprilgedichte stammen aus dem englischsprachigen Raum und umspannen mehr als 600 Jahre. So beginnen die um 1375 datierten Canterbury Tales von Geoffrey Chaucer mit den Schauern des April und T.S. Eliot beginnt 1922 sein berühmtes Gedicht „The Waste Land“ mit der Zeile „April is the cruellest month“. Anknüpfend an T.S. Eliot schrieb William Carlos Williams 1923 sein Gedicht „April Is The Saddest Month”; dieses kurze, komplexe Werk behandelt mit einer einfachen Alltagssprache Vergänglichkeit, Erinnerung und Sehnsucht.
Im Jahr 1922 schrieb Carl Sandburg sein Gedicht „Just before April came“; hier „feiert die Natur ihr altes Festival“. Ganz im Gegensatz zu T.S. Eliot rühmt Arthur Symons 1892 den „Miraculous April“ in der ersten und letzten Strophe des Gedichts „April Midnight“ als Zeichen des Frühlings. Auch Langston Hughes preist in seinem kurzen Gedicht “April Rain Song” die Wärme des April-Regens; ähnlich beschreibt Longfellow den April am Anfang seines Gedichtes: „When the warm sun has returned again“. Auch Sara Teasdale widmet sich dem Regen und der „Windy Grace“ des April. Edna Millay fragt, warum der April eigentlich jedes Jahr zurückkehrt, denn: „beauty is not enough“; April comes like an idiot, babbling and strewing flowers“.
Louise Glück verleiht in vielen ihrer Gedichte der Natur eine literarische Stimme; Blumen sprechen zu uns und wir sprechen mit den Blumen – in der Tradition des Franz von Assisi und Heines Versen folgend: „Wenn Du eine Rose schaust, sag, ich lass sie grüßen“. Im April-Gedicht von Louise Glück spielen Blaustern und Duftveilchen Hauptrollen; leider ist das Gedicht nicht im „public domain“; Sie müssten es suchen; ohnehin mag es an der Zeit, ihr Buch mit den Gesammelten Gedichten [7] zu erwerben, falls es nicht schon bei Ihnen im Regal steht.
Allein 100 deutschsprachige Gedichte zum Thema April findet man in der Deutschen Gedichte Bibliothek [8] und weitere im Reclamheft „April Gedichte“ [9]. Ich habe hier einige ausgesucht und mit eigenen Fotografien aus dem April kombiniert.
In seinem Gedicht „Aus einem April“ beschreibt Hoffmann von Fallersleben schon 1843 den 1. April: „Die Nachbarn rufen laut: April, April! Man schickt den dummen Narren wie man will.“ Aufgegriffen hat die Narren-Idee des 1. April Joachim Ringelnatz in seinem irrsinnig wunderbaren Kurzgedicht „Das Ei“.
Ähnlich wie einige englischsprachige Dichter (s.o.) beginnt auch Theodor Fontane seinen Spaziergang am Berliner Kanal mit dem April-Regen: „Eine Regenwolke stand am Himmel; aber nichts schöner als kurze Aprilschauer, von denen es heißt, dass sie das Wachstum fördern.“
Im deutschsprachigen Raum beschäftigen sich u. a. Emanuel Geibel (1843), Theodor Storm (um 1850), Otto Baisch (um 1880), Detlef von Liliencron (1889), Julius Rodenberg (1889), Max Dauthendey (um 1900), Rainer Maria Rilke (1900) und Georg Heym (1911) mit den besonderen Aspekten des April-Wetters. Ihre Gedichte finden Sie im folgenden Kapitel. Auch in der modernen Lyrik und Literatur hat der April seinen Platz, so bei Marie Luise Kaschnitz, Hilde Domin, Rose Ausländer, Hermann Hesse, Peter Huchel und Karl Krolow; ihre Werke sind aber noch vom Copyright geschützt und können deshalb hier nicht vollständig wiedergegeben werden.
Zwei besonders schöne moderne April-Gedichte seien hervorgehoben: „Die Welt riecht süß – nach Gestern“, so beginnt und endet das April-Gedicht von Hilde Domin. Rose Ausländer personifiziert den April trefflich so: „Und doch - im großen und ganzen - ein prächtiger Kerl - dieser April“.
Nun denn: Haben Sie viel Freude mit diesem prächtigen Kerl!
Literatur
- https://de.wikipedia.org/wiki/April
- https://www.wissen.de/wortherkunft/april
- https://woerterbuchnetz.de/?sigle=DWB&lemid=A00001
- https://www.dwds.de/d/zitieren
- https://www.poemhunter.com/poems/april/page-50/
- https://discoverpoetry.com/poems/april-poems/
- Louise Glück. Collected Poems. 1962-2012. FSG 2012, NY. ISBN 978-0-374-53409-7
- https://gedichte.xbib.de/April_gedichte_recherche.htm
- E. Polt-Heinzl, C. Schmidjell (Hrsg.): April Gedichte, Philipp Reclam, Stuttgart 2014
Claus Niederau, im April 2024
Bild: Rote Tulpe im Garten im April 2022.
- The Canterbury Tales - Geoffrey Chaucer
- The Waste Land - T.S. Eliot
- Just before April came - Carl Sandburg
- April Midnight - Arthur Symons
- April - Sara Teasdale
- Spring - Edna St. Vincent Millay
- An April Day - Henry Wadsworth Longfellow
- Home Thoughts - Robert Browning
- Der erste April - Hoffmann von Fallersleben
- Das Ei - Joachim Ringelnatz
- April - Otto Baisch
- Die Liebe gleichet dem April - Emanuel Geibel
- April - Julius Rodenberg
- April - Detlef von Liliencron
- April spricht Geistersprache - Max Dauthendey
- Aus einem April - Rainer Maria Rilke
- April - Georg Heym
- April - Theodor Storm
The Canterbury Tales: General Prologue
Here bygynneth the Book of the tales of Caunterbury:
Whan that Aprille with his shoures soote,
The droghte of March hath perced to the roote,
And bathed every veyne in swich licóur
Of which vertú engendred is the flour;
Whan Zephirus eek with his swete breeth
Inspired hath in every holt and heeth
The tendre croppes, and the yonge sonne
Hath in the Ram his halfe cours y-ronne,
And smale foweles maken melodye,
That slepen al the nyght with open ye,
So priketh hem Natúre in hir corages,
Thanne longen folk to goon on pilgrimages,
And palmeres for to seken straunge strondes,
To ferne halwes, kowthe in sondry londes;
And specially, from every shires ende
Of Engelond, to Caunterbury they wende,
The hooly blisful martir for to seke,
That hem hath holpen whan that they were seeke.
Geoffrey Chaucer, um 1375
Bild: Porträt Geoffrey Chaucers als Canterbury-Pilger im neuen Ellesmere-Manuskript der Canterbury Tales . www.wikipedia.org; das Bild ist gemeinfrei.
The Waste Land
April is the cruellest month, breeding
Lilacs out of the dead land, mixing
Memory and desire, stirring
Dull roots with spring rain.
Winter kept us warm, covering
Earth in forgetful snow, feeding
A little life with dried tubers…
T. S. Eliot, 1922
Bild: Spargelfelder im frühen April 2020 bei Walbeck am Niederrhein.
Just Before April Came
THE SNOW piles in dark places are gone.
Pools by the railroad tracks shine clear.
The gravel of all shallow places shines.
A white pigeon reels and somersaults.
Frogs plutter and squdge-and frogs beat the air with a recurring thin steel sliver of melody.
Crows go in fives and tens; they march their black feathers past a blue pool; they celebrate an old festival.
A spider is trying his webs, a pink bug sits on my hand washing his forelegs.
I might ask: Who are these people?
Carl Sandburg, 1878-1967
Gedicht von 1922
Bild: April 2005 in Tarasp im Unterengadin, Schweiz.
April Midnight
Side by side through the streets at midnight,
Roaming together,
Through the tumultuous night of London,
In the miraculous April weather.
Roaming together under the gaslight,
Day’s work over,
How the Spring calls to us, here in the city,
Calls to the heart from the heart of a lover!
Cool the wind blows, fresh in our faces,
Cleansing, entrancing,
After the heat and the fumes and the footlights,
Where you dance and I watch your dancing.
Good it is to be here together,
Good to be roaming,
Even in London, even at midnight,
Lover-like in a lover’s gloaming.
You the dancer and I the dreamer,
Children together,
Wandering lost in the night of London,
In the miraculous April weather.
Arthur Symons, 1865–1945
Gedicht 1892 publiziert
Bild: Rhododendron im Garten. April 2016.
April
The roofs are shining from the rain,
The sparrows twitter as they fly,
And with a windy April grace
The little clouds go by.
Yet the back-yards are bare and brown
With only one unchanging tree—
I could not be so sure of Spring
Save that it sings in me.
Sara Teasdale, 1884-1933
Bild: Aprilwolken 2015.
Spring
To what purpose, April, do you return again?
Beauty is not enough.
You can no longer quiet me with the redness
Of little leaves opening stickily.
I know what I know.
The sun is hot on my neck as I observe
The spikes of the crocus.
The smell of the earth is good.
It is apparent that there is no death.
But what does that signify?
Not only under ground are the brains of men
Eaten by maggots.
Life in itself
Is nothing,
An empty cup, a flight of uncarpeted stairs.
It is not enough that yearly, down this hill,
April
Comes like an idiot, babbling and strewing flowers.
Edna St. Vincent Millay, 1892-1950
Bild: Märzenbecher im Aprii 2024
An April Day
When the warm sun, that brings
Seed-time and harvest, has returned again,
'T is sweet to visit the still wood, where springs
The first flower of the plain.
I love the season well,
When forest glades are teeming with bright forms,
Nor dark and many-folded clouds foretell
The coming-on of storms.
From the earth's loosened mould
The sapling draws its sustenance, and thrives;
Though stricken to the heart with winter's cold,
The drooping tree revives.
The softly-warbled song
Comes from the pleasant woods, and colored wings
Glance quick in the bright sun, that moves along
The forest openings.
When the bright sunset fills
The silver woods with light, the green slope throws
Its shadows in the hollows of the hills,
And wide the upland glows.
And when the eve is born,
In the blue lake the sky, o'er-reaching far,
Is hollowed out and the moon dips her horn,
And twinkles many a star.
Inverted in the tide
Stand the gray rocks, and trembling shadows throw,
And the fair trees look over, side by side,
And see themselves below.
Sweet April! many a thought
Is wedded unto thee, as hearts are wed;
Nor shall they fail, till, to its autumn brought,
Life's golden fruit is shed.
Henry Wadsworth Longfellow, 1807-1882
Bild: Kohlmeise im Garten. April 2020.
Home Thoughts, From Abroad
Oh, to be in England
Now that April's there,
And whoever wakes in England
Sees, some morning, unaware,
That the lowest boughs and the brush-wood sheaf
Round the elm-tree bole are in tiny leaf,
While the chaffinch sings on the orchard bough
In England -- now!
Robert Browning, 1845.
Auszug aus dem Gedicht.
Bild: Buchfink am Ruhrufer, Biotop in Alstaden 2022.
Der erste April
Wie wir als Knaben uns doch neckten!
Wie wir voll Schelmenstücke steckten!
Ich mach´s noch heute nicht bekannt,
Wonach ich einstmals ward gesandt,
Ich schweige still,
Sonst hört' ich heute noch: April, April!
Man schickt den dummen Narren wie man will.
Nach ungebrannter Asche gingen,
Nach Mückenfett und selteneren Dingen
wir ernsthaft in des Krämers Haus,
Der warf uns dann zur Tür hinaus.
Schwieg still, schweig still!
Sonst ruft man heute noch: April, April!
Man schickt den dummen Narren wie man will.
Wie wir´s gemacht als kleine Kinder,
So macht´s ein König auch nicht minder:
Er schickt sein Volk nach Freiheit aus,
Es kehret wiederum nach Haus
Ganz still, ganz still.
Die Nachbarn rufen laut: April, April!
Man schickt den dummen Narren wie man will.
Hoffmann von Fallersleben, 1843
Bild: Magnolie im Garten im April 2018.
Das Ei
Es fiel einmal ein Kuckucksei
Vom Baum herab und ging entzwei.
Im Ei da war ein Krokodil;
Am ersten Tag war′s im April.
Joachim Ringelnatz, 1883-1934
April
Sollst ernst und still
Nach Wahrheit spüren;
In den April
Lass nie dich führen.
Vergiss nicht, wenn die Sonne scheint,
Dass bald der Himmel wieder weint,
Und wenn dich Trübsal traurig macht,
Dass bald die Sonne wieder lacht.
Maiglöckchen blühn
Schon im April
Als Gruß von dem,
Der kommen will.
Otto Baisch, 1840-1892
Bild: Maiglöckchen im April 2021.
Die Liebe gleichet dem April
Bald Frost, bald fröhliche Strahlen,
Bald Blüten im Herzen, in Thalen,
Bald stürmisch und bald still:
Bald heimliches Ringen und Sehnen,
Bald Wolken, Regen und Thränen,
Im ewigen Schwanken und Wähnen,
Wer weiß, was werden will.
Emanuel Geibel, 1815-1894
Bild: Beim Trifels in der Pfalz 2023.
April
Bald ein rauhes kaltes Rauschen,
Daß der dunkle Forst erkracht;
Bald ein Flüstern, Kosen, Lauschen,
Wie die stillste Frühlingsnacht.
Bald der Himmel, bald die Sonne,
Bald die Wolken, bald der Schnee -
Wie der Liebe erste Wonne,
Wie der Liebe erstes Weh.
Bald das Jauchzen, bald die Trauer
In der aufgeregten Brust —
Und noch halb in Winterschauer,
Und schon halb in Frühlingslust.
Bald ein ungestümes Ringen,
Bald ein Frieden sonntagsstill —
O, was wirst Du mir noch bringen
Schöner, stürmischer April?
Julius Rodenberg, 1831-1914
Gedicht 1889 veröffentlicht.
Bild: Rosa Kamelie im Garten im April 2022.
April
Wie der Südwind pfeift,
In den Dornbusch greift,
Der vor unserm Fenster sprießt.
Wie der Regen stürzt
Und den Garten würzt,
Und den ersten Frühling gießt.
Plötzlich säumt der Wind,
Und der Regen rinnt
Spärlich aus dem Wolkensieb.
Und die Mühle dreht
Langsam sich und steht,
Die noch eben mächtig trieb.
Schießt ein Sonnenblick
Über Feld und Knick,
Wie der Blitz vom Goldhelm huscht,
Und auf Baum und Gras
Schnell im Tropfennaß
Tausend Silbertüpfel tuscht.
Wieder dann der Süd,
Immer noch nicht müd,
Zornt die Welt gewaltig an.
Und der Regen rauscht,
Und der Garten lauscht
Demütig dem wilden Mann.
Meiner Schulter dicht
Lehnt dein hold Gesicht,
Schaut ins Wetter still hinein.
Kennst das alte Wort,
Ewig treibt es fort:
Regen tauscht und Sonnenschein.
Detlef von Liliencron, 1844-1909
Bild: Teich in Tarasp im Unterengadin. April 2004.
April spricht Geistersprache
April spricht Geistersprache.
Wie ein Vergoldermeister
Sitzt er am Nachbardache,
Spritzt Goldschaum auf Taube und Tauber,
Beklebt die Zimmer lichtsauber,
Belebt die Fenstergardinen,
Den Staub auf alten Tischen,
Vergoldet Falten und Mienen,
Sein Zauber will nie mehr verwischen.
Auf meinen Stühlen sitzt still,
Ich seh' ihn mit blumigen Gliedern,
Ein Geist von Liebesliedern,
Der dreist erlöst sein will.
Max Dauthendey, 1867-1918
Bild: Tulpen bei Lemmer in Friesland, Niederlande. April 2024.
Aus einem April
Wieder duftet der Wald.
Es heben die schwebenden Lerchen
mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern schwer war;
zwar sah man noch durch die Äste den Tag, wie er leer war,-
aber nach langen, regnenden Nachmittagen
kommen die goldübersonnten
neueren Stunden,
vor denen flüchtend an fernen Häuserfronten
alle die wunden
Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen.
Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser
über der Steine ruhig dunkelnden Glanz.
Alle Geräusche ducken sich ganz
in die glänzenden Knospen der Reiser.
Rainer Maria Rilke, 1900
Bild: Rotkehlchen im heimischen Garten. April 2023.
April
Das erste Grün der Saat, von Regen feucht,
Zieht weit sich hin an niedrer Hügel Flucht.
Zwei große Krähen flattern aufgescheucht
Zu braunem Dorngebüsch in grüner Schlucht.
Wie auf der stillen See ein Wölkchen steht,
So ruhn die Berge hinten in dem Blau,
Auf die ein feiner Regen niedergeht,
Wie Silberschleier, dünn und zitternd grau.
Georg Heym, 1911
Bild: Nilgans am Ruhrufer in Astaden. April 2021.
April
Das ist die Drossel, die da schlägt,
Der Frühling, der mein Herz bewegt;
Ich fühle, die sich hold bezeigen,
Die Geister aus der Erde steigen.
Das Leben fließet wie ein Traum -
Mir ist wie Blume, Blatt und Baum.
Theodor Storm, 1817-1888
Bild: Tulpenfelder bei Urk in Nordfriesland, NL. April 2024.