Die Farbe BLAU: Natur- und Geisteswissenschaftliches
Prof. Dr. med. Claus Niederau. Im Mai 2025.
Inhaltsverzeichnis
- Etymologie
- Umfragen zu Beliebtheit von Farben
- Blau: Assoziationen, Symbolik und Werbung
- Physik und Psychologie
- Philosophie
- Geschichte
- Blau in Stoffen und Kleidung
- Blau in Fauna und Flora
- Wie funktionieren Farb-Pigmente
- Blaue Augen
- Warum sind Himmel und Meer blau
- Farb-Mischungen
- Farb-Illusionen
- Farb-Nomenklatur
- Malen mit blauen Farb-Pigmenten
- Musik: Der Blues
- Lyrik und Literatur
Etymologie
In der deutschen Sprache stammt das Wort „blau“ vom althochdeutschen plâo und vom mittelhochdeutschen blâwes ab, wobei blâwes später auslautend neuhochdeutsch in blau mündet (1); im Englischen heißt diese Farbe blue, im Französischen bleu und im Italienischen blu, azzuro oder celeste. Viele Sprachen haben kein übergeordnetes, allgemeines Wort für Blau, sie verwenden mehrere Worte für verschiedene Blautöne; dies ist z. B. im Italienischen der Fall, wo blu ein eher dunkles Blau, azzuro das Blau des Mittelmeeres und celeste ein helles Himmelsblau bedeuten (2-3). Viele andere Sprachen nutzen dasselbe Wort für grün und blau, so dass hierfür aktuell auch das Wort „grue“ benutzt wird (Beispiele: Vietnam, Japan, Maja, Maori, Sioux, Warlpiri-Australia, Yupik-Eskimo) (3-5).
Umfragen zu Beliebtheit von Farben
Welche Farbe mögen sie am liebsten? Weltweit ist heute die Farbe Blau in den meisten Ländern am beliebtesten, meist gefolgt von Rot oder Grün (internationale Umfrage im Jahr 2016 bei 10.866 Personen) (6).
Blau: Assoziationen, Symbolik und Werbung
Die Farbpsychologie wird heute vor allem für die Werbung und Kennzeichnung von Produkten, Firmen, Organisationen und Parteien genutzt. Eine Zusammenstellung von Beispielen zu den Assoziationen mit der Farbe Blau ist im Folgenden dargestellt (7-9):
Seriosität: Tech-/Finanz-Branche, IBM, Intel, Facebook, Allianz, LH, Boeing,
GE, Deutsche Bank, PayPal, VW, Aral, Allianz, VISA, ...
Sicherheit, Frieden: UNO, Blauhelme, UNESCO, EU, THW, Polizei, OP, u. a.
Sehnsucht, Treue: Musik, Blues, Literatur
Kühle, Frische: Meer, Himmel
Traurigkeit, Melancholie: blaue Stunde, blaue Blume
Trunksucht, Trunkenheit: blau sein, blau machen
Physik und Psychologie
Die Farbenlehre der antiken griechischen Philosophen war fehlerhaft; so meinte Platon (427-347 v. Chr.), dass Farben durch Sehstrahlen entstehen, die das Auge aussendet (10-12). Den heutigen Vorstellungen näher kam Demokrit (460-371 v. Chr.); nach seiner Theorie lösen sich farbige Bilder vom Gegenstand, um durch die Luft ins Auge und von dort in die Seele zu gelangen, die sie dann erkennt. Aristoteles (384-322 v. Chr.) diskutierte, wie Farben auf den menschlichen Geist einwirken. Den Zusammenhang von Farben und Gefühlen (Farbpsychologie) hat also nicht Goethe entdeckt, sondern nur ausführlicher beschrieben.
Newton entdeckte 1671 durch Prisma-Experimente in Cambridge, dass weißes Licht aus den Spektralfarben zusammengesetzt ist (13-15). Nach Newton besteht Licht aus winzigen Teilchen, die sich mit großer Geschwindigkeit im leeren Raum geradlinig bewegen. Newtons Annahmen kommen den heutigen Vorstellungen nahe. Seine Idee von absolutem Raum und absoluter Zeit wurde allerdings später durch die Relativitätstheorie widerlegt (16-17). Nach Einstein und Planck besteht Licht aus Energiequanten (Photonen) mit der Masse von 0 und Lichtgeschwindigkeit, je nach Betrachtung mit den Eigenschaften einer Welle oder eines Teilchens. Im engeren Sinn sind mit Licht nur die für das menschliche Auge sichtbaren Anteile des elektromagnetischen Spektrums gemeint. Die untere Grenze wird bei Wellenlängen von 360-400 nm (blau), die obere bei 760-830 nm angesetzt (rot). Im weiteren Sinn werden in der Physik auch elektromagnetische Wellen kürzerer Wellenlänge (Ultraviolett, Röntgenstrahlen, gamma-Strahlen) und größerer Wellenlänge (Infrarot, Radar, Radiowellen) hinzugezählt.
Newtons Lichttheorie wurde lange kritisiert, u. a. vehement von Goethe. Goethe sagte in hohem Alter zu Eckermann: „Auf alles, was ich als Poet geleistet habe, bilde ich mir gar nichts ein. Daß ich aber in der Farbenlehre der einzige bin, der das Rechte weiß, darauf tue ich mir etwas zugute.“ (18). Nach Goethe ist weißes Licht nicht zusammengesetzt, Farben entstehen durch Interaktion von Licht und Finsternis. Diese Ansicht hat sich als falsch erwiesen. Goethe entwickelte zusammen mit Schiller einen Farbkreis, in dem Farben bestimmten Bereichen des menschlichen Geistes- und Seelenlebens zugeordnet sind. Dabei beeinflussen Farben Gefühl und Seele. So beeinflusste Goethe die Farbenlehre nachhaltig, obwohl seine physikalischen Annahmen nicht korrekt waren. Seine Beobachtungen zur Wirkung von Farben werden als Beginn der Farbpsychologie angesehen. Der Rückschluss von Lieblingsfarben auf das Wesen einzelner Menschen ist aber irreführend. Dies unterstreicht ein bekannter Sketch von Loriot („Herr Blöhmann - und ihre Lieblingsfarbe?“) (19). Obwohl Goethes Lieblingsfarbe Magenta oder "Pfirsichblüt" war, mochte er wohl auch die Farbe Blau insbesondere als Teil der Kleidung; so ist der blaue Frack das wichtigste Kennzeichen der damals trendigen „Werther-Tracht“ (20-21).
Farbe ist nach DIN 5033 so definiert (22-25): „Farbe ist der Sinneseindruck, durch den sich
zwei aneinandergrenzende, strukturlose Teile des Gesichtsfeldes bei einäugiger Beobachtung mit unbewegtem Auge allein unterscheiden lassen.“ Vereinfacht: Farbe ist die einzige Eigenschaft, die es erlaubt, mit dem Auge zwei strukturlose Flächen gleicher Helligkeit zu unterscheiden.
Vom menschlichen Auge werden Licht und Farbe von Foto-Rezeptoren der Netzhaut wahrgenommen. Es gibt in jedem Auge etwa 6 Mio. Zapfen, die bei Helligkeit und Dämmerung die Unterscheidung von 1-2 Mio. Farben ermöglichen, und etwa 120 Mio. Stäbchen, die bei Dunkelheit die Erkennung einzelner Photonen erlauben. Bei den Zapfen haben die Short-Wave-Zapfen (S-Typ) ihre beste Erkennung im Blaubereich, die M-Zapfen (Mittelwellig) im Grünbereich und die L-Zapfen (Langwellig) im Rotbereich (26-28). Der Anteil der blau-empfindlichen S-Zapfen beträgt nahezu konstant 10 % aller Zapfen, die relative Anzahl von M- zu L-Zapfen variiert beträchtlich zwischen 2:1 bis 1:16 (26-28).
Die Anzahl der Zapfentypen unterscheidet sich bei verschiedenen Tieren teilweise erheblich (29-31)
- 0 Zapfentypen: Wenige nachtaktive Primaten besitzen keine Zapfen; sie sehen nur hell-dunkel.
- 1 Zapfentyp: Einige Säugetiere wie Robben und Wale sind Monochromaten (nur M/Grün-Zapfen); sie können keine Farben unterscheiden.
- 2 Zapfentypen: Die meisten Säugetiere (Katzen, Hunde, u.v.a.) besitzen zwei Zapfentypen (dichromatisch); der M-Zapfen ist nicht vorhanden, was mit der X-chromosomal-rezessiv vererbten Rot-Grün-Schwäche vergleichbar ist.
- 3 Zapfentypen: Menschen und einige Primaten verfügen über drei Zapfentypen; sie sind trichromatisch (S, M, L).
- 4 Zapfentypen: Viele Insekten, Spinnen und Vögel sind tetrachromatisch mit einem zusätzlichem UV-Zapfen. Etwa 10% europäischer Frauen sind Tetrachromaten mit zusätzlichem L- oder M-Zapfen, nur wenige können dies aber nutzen.
- 12 Zapfentypen: Der Fangschreckenkrebs hat 12 Zapfentypen, 8 im sichtbaren und 4 im UV-Bereich. Seine beiden auf Stielen sitzenden, sehr beweglichen Sehorgane erlauben einen präzisem Rundumblick, da beide mit 10.000 winzigen Einzelaugen ausgestattet sind, die so raffiniert angeordnet sind, dass jedes der beiden Augen dreidimensional sehen kann.
Philosophie
Ist Blau objektiver, technisch messbarer Teil der Realität, so wie Gewicht und Größe? Im Realismus ist die Farbigkeit von Objekten Bestandteil der Natur und nicht nur Empfindung oder Einbildung von Personen. Farben kann man gemeinsam erfahren, sie gehören zu bestimmten Dingen und sind damit nicht vom einzelnen Beobachter abhängig. Farben erlauben uns eine bessere Orientierung in der gemeinsamen Welt.
Oder ist Farbe nur ein Gefühl – wie Geruch und Geschmack – und daher ausschließlich subjektiv? Im Subjektivismus gehört Farbe nicht zum Objekt, sondern nur zur Person, die Farbe empfindet. Die Welt mit ihren Farben und Düften sei nur ein Schauspiel, das uns das Gehirn vorführt. Diese Vorstellung tendiert zum Radikalen Konstruktivismus, nach dem die Welt nur durch Empfindungen und Gedächtnis in unserem Gehirn konstruiert wird und wir deshalb grundsätzlich keinen Zugang zu Realität und Wahrheit erlangen können.
Weitere aktuelle philosophische Richtungen wie der Neue Realismus, der Erweiterte Realismus und auch der Neopragmatismus betrachten Realismus und Subjektivismus als verschiedene Betrachtungsweisen auf den beiden o. g. Ebenen, die aber beide zu unserer Welt gehören und die uns beide nützlich sind. Zur Farbwahrnehmung gehören Interaktionen von Objekt, Licht und wahrnehmender Person. Farben sind nicht nur physikalisch und technisch definierbar, sie gehören auch zur subjektiven Wahrnehmung des Individuums und sind somit Resultat von Beziehungen zwischen Person und Umwelt. Farbtäuschungen können „echt“ aussehen, man kann sie aber erklären.
Artikel und Diskussionen zu philosophischen Aspekten von Farben mit weiterer Literatur findet man unter (32-34).
Geschichte
In den antiken Kulturen Griechenlands und Italiens spielte die Farbe Blau lange eine untergeordnete Rolle. So kam es zu der bis heute diskutierten Frage: Waren die Griechen und Römer blau-blind? Literaturhinweise zu den unten genannten Punkten findet man in (34).
- blavus erst spät aus dem Germanischen übernommen
- azureus erst spät aus dem Arabischen übernommen
- im Regenbogen wird Blau nicht beschrieben
- in der Odyssee kommt die Farbe Blau nicht vor?
Blau war die Farbe der Barbaren, z. B. der Germanen
- färben sich blau zur Abschreckung der Feinde (Tacitus)
- färben sich im Alter die grauen Haare mit Indigo (Ovid)
- Frauen der Bretonen färben den ganzen Körper blau, bevor sie sich in Orgien stürzen (Plinius)
In anderen antiken Gesellschaften war Blau hingegen sehr wohl geschätzt (35). Erwähnt sei beispielhaft die Krone der Nofretete, die auch nach 3.300 Jahren noch eine schöne blaue Farbe hat. Sie wurde erstellt mit dem „Ägyptisch Blau“, das aus fein gemahlenem Quarzsand und Kalkstein gewonnen wurde, nachdem es mit Kupfererz oder Bronzespänen und Natron oder Pflanzenasche versetzt und bei > 870 °C für mehrere Stunden gebrannt worden war (36). Heute kann dieses Cuprorivait synthetisch hergestellt (CaCuSi4O10) werden.
Auch in vielen alten asiatischen Kulturen war und ist Blau beliebt. So ist der blaue Elefanten-Gott Ganesha in Indien bis heute populär (37). Blau und Lapislazuli gehören im Hinduismus zur 6. Stirn-Chakra, dem Kommandozentrum; sie lösen Ängste und Blockaden. Blaue Elefanten-Skulpturen bestehen oft aus afghanischem Lapislazuli (38). Verehrt wird der Elefant als Garant für Glück und Frieden von Thailand bis China (39). In China wird seit den Hongwu-Ming Dynastien um 1300 Porzellan mit Hilfe von Cobaltdioxid eingefärbt. Später wurde dies in Delft und Meissen aufgegriffen. Cobalt-Blau (Dumonts Blau, Leithners Blau) ist das nach Louis Jacques Thénard 1777 benannte Cobalt-Aluminat (CoAl2O4), das seitdem synthetisch hergestellt werden konnte (40). Zuvor musste es als Pigment aus Zaffer durch Erhitzen von Cobalterzen gewonnen werden. Es diente zur Herstellung von Smalte, einem blauen, feuerfesten Pigment, welches in Ölfarben verwendet wurde (40). Außerdem wurden früher damit Porzellan und Glas blau gefärbt.
Blau in Stoffen und Kleidung
Segeltuch für Hosen wurde von Genua aus in die USA exportiert. Aus dem französischen Städtenamen „Gênes“ entwickelte sich in Amerika die Aussprache „Jeans“. Der in Franken geborene Levi Strauss fertigte in San Francisco Kleidung für Goldgräber. Dabei wurde das Segeltuch durch den mit Indigo gefärbten Baumwollstoff Denim (aus Nîmes) abgelöst, seitdem werden die blauen Hosen Denim Jeans oder Blue Jeans genannt. Die Idee, Nähte mit Nieten zu verstärken, hatte zuerst der Schneider Jacob Davis. Da er kein Geld für ein Patent hatte, wandte er sich an Levi Strauss, beide meldeten das Patent der Blue Jeans mit Nieten 1873 gemeinsam an. U.S. Soldaten machten Blue Jeans in Europa erst ab 1945 populär; im Jahr 2021 wurden weltweit etwa 3 Mrd. Blue Jeans verkauft (41).
Seit Jahrtausenden wurde in Mitteleuropa Indigo-Blau aus heimischem Färberwaid gewonnen (42-46). Die grünen Blätter der Waid-Pflanze enthalten Indican, eine Vorstufe des Indigo. Die Blätter wurden einem Zerstampfen, Gären und Verrühren mit Pottasche bei 60°C unterzogen. Durch das Einlegen von Stoffen wurden diese zunächst gelb eingefärbt; erst an Licht und Luft entwickelte sich durch Oxidation der blaue Farbton des Indigo; dieses Indigo war zum Malen schlecht geeignet (Stahl-Blau) und wenig lichtecht. Später wurde Indigo aus dem asiatischen Indigo-Strauch gewonnen, da dieser dreißigmal mehr Indican enthält als Waid. Über Jahrhunderte wurden große Mengen Indigo-Strauch aus Asien nach Europa geschifft. Indigo wurde 1878 erstmals von der BASF synthetisiert. BASF finanzierte diese Entwicklung mit 18 Mio. Goldmark, was den damaligen Gesamtwert des ganzen Unternehmens überstieg.
Blaue Jacken und Mäntel waren in Europa nicht erst seit Goethes „Werther-Tracht“ populär. Seit dem Mittelalter ist Blau die ikonographische Farbe des Marienumhangs, als Symbol für die enge Beziehung der Gottesmutter zum Himmel. Ludwig XIV (1638-1715) trug zur Popularität der Farbe Blau bei, indem er seine Leib-Gardisten mit einer blauen Jacke ausstattete. Die französische Fußballnationalmannschaft der Männer heißt ob ihrer traditionell blauen Trikots bis heute „Les Bleus“; das Blau spielt auch in der Nationalflagge Frankreichs, der Tricolore eine wichtige Rolle, da man das Blau nah am Fahnenmast am besten von allen drei Farben sieht (47). In England ist Royal Blue seit der Krönung von Königin Charlotte 1801 die Farbe des Königshauses. Bei der Krönung von Charles 2023 trugen Prinz William und Prinzessin Kate lange blaue Mäntel (48).
Flora und Fauna
Blaue Blüten sind eher selten, Blätter mit blauem Pigment sind eine Rarität; die wenigen blauen Blätter erreichen Farbe durch Lichtinterferenzen an dünnen Lamellen, die das Spektrum so brechen, dass nur Blau reflektiert wird; ähnlich entsteht die blaue Farbe in aller Regel auch bei Schmetterlingen und Vögeln (s. u.). Zu den Wildblumen mit blauen Blüten zählen Kornblume, Wegwarte, Vergissmeinnicht, Glockenblume, Rittersporn, Veilchen, Traubenhyazinthe, Akelei und einige weitere. Bienen können Rot nicht wahrnehmen, sehr gut aber Bienenblau, eine Mischung aus Violett, Blau und Ultraviolett - für Menschen nicht wahrnehmbar (49). Obwohl Bienen also auf blaue Blüten fliegen, hat sich Blau evolutionär in Fauna und Flora nicht durchgesetzt, da die Produktion des blauen Farbstoffs für Pflanzen sehr aufwendig ist. Dazu braucht es sechs verschiedene Anthocyane und sechs weitere Moleküle, die mit Metall-Ionen eine Verbindung zu einem riesigen Molekülkomplex eingehen (50). Die Gentechnik ist aber dabei blaue Blumen zu erschaffen. Teils ist dies schon gelungen, so gibt es in Japan seit 2017 Chrysanthemen in vielfältigen Blautönen (51).
Pflanzen haben verschiedene Pigmente entwickelt, blaue aber eher selten (52):
- Chlorophyll macht Blätter grün
- Carotinoide färben Karotten orange, Tomaten rot und Mais gelb
- Betalaine färben Beete rot, usw.
Auch bei Mineralien ist Blau ein Sonderfall:
- Lapislazuli (Lasurit, Na3Ca[Si3Al3]O12S)
- Azurit (Kupferkarbonat)
- Saphir, Aquamarin, Mondstein
- YInMn-Blau - 2009 aus Yttrium, Indium und Mangan synthetisiert
Wie funktionieren Farb-Pigmente
Bei der Licht-Absorption gibt das Licht Energie an Materie ab. Dabei geht ein Elektron des Atoms in einen Zustand mit höherer Energie über (Elektronensprung) (53). Der Umkehrprozess ist die Lichtemission, wobei die Energie der Materie abnimmt. Farbpigmente erhalten ihr Erscheinungsbild, indem sie das Licht der Komplementärfarben absorbieren. Beim Photoeffekt von Solarzellen liefert die Absorption von Lichtquanten in einem Halbleiter elektrisch Ladungstrennung und eine Stromquelle.
Das grüne Pigment Chlorophyll im Pflanzenblatt absorbiert rotes, blaues und gelbes Licht und betreibt mit dieser Energie Photosynthese (aus H2O und CO2 entstehen Glukose und O2). Nur Grün wird reflektiert. Der Blau-Anteil ist im Sonnenlicht besonders hoch und wird für die Photosynthese in hohem Maße benutzt. Schattenlicht hat einen hohen Rot-Anteil. Die Annahme, dass Grün in der Natur besonders gut, natürlich und gesund sei (siehe z. B. die Partei „die Grünen“ oder die NGO „Greenpeace“), ist „streng genommen“ falsch, denn ausgerechnet mit grünem Licht können die Pflanzen nichts anfangen, es bleibt ungenutzt und wird nur reflektiert. Für die Photosynthese ist hingegen das im Sonnenlicht reichlich enthaltene blaue Licht herausragend wichtig. Auf der anderen Seite bedeuten uns die grünen Farben von Blättern und Pflanzen aber, dass diese mit dem Rest des Lichts die so wichtige Photosynthese betreiben. Diese Überlegungen deuten an, wie ambivalent man mit Farben und den damit ausgelösten Gefühlen und Vorstellungen umgehen kann.
Viele Blautöne der Natur bestehen gar nicht aus Pigmenten. Blaue Schmetterlinge und Vögel wirken meist deshalb blau, weil ihre Schuppen und Federn dreidimensionale Nanostrukturen aufweisen, die Licht auf eine bestimmte Weise reflektieren oder brechen. Diese „Diffraction of light“ (Beugung/Brechung) geschieht ohne Energieänderung (54). Dabei werden alle Wellenlängen außer den blauen herausgefiltert und nur das Blau wird reflektiert. Ein Beispiel ist der Blaue Morpho-Falter (55-57). Eine sehr seltene Ausnahme ist der Schmetterling Nessaea aglaura (olive wing, Olivenflügel), der in seinem Flügel eine kleine Menge an echtem Blau-Pigment besitzt (56-57).
Warum sind Himmel und Meer blau
Besungen wurden das Blau von Himmel und Meer ungezählte Male, u. a. von Vicky Leandros (L’amour est bleu. Blau, blau so wie das Meer. ESC Wien 1967) (58-59). Im Jahr 2011, also 44 Jahre später haben Vicky Leandros und Scooter das Lied erneut erfolgreich aufgenommen (u. a. 6 Mio. Youtube-Aufrufe) (60). Von diesem Lied gibt es viele Cover-Versionen.
Kurzwelliges Blau wird vom Wasser stärker reflektiert und weniger absorbiert als die anderen Farben (61). Diese Absorption und damit das Blau des Wassers beruhen dabei ausnahmsweise nicht auf der Bewegung von Elektronen, also einem Elektronensprung, sondern auf Schwingungen des Moleküls. Wasser wandelt rot-oranges Licht in Bewegung um (61). Der Rest wird reflektiert und erscheint blau. In einem Glas ist der Effekt zu schwach, um ihn zu sehen. Im tieferen Wasser kann man ihn gut erkennen. Die „Rote“ Hornkoralle ist in 40 m Tiefe bei natürlichem Licht nur blau, im Sonnenlicht oder Blitzlicht aber rot. Mit zunehmender Wassertiefe verschwindet zunächst das rote Licht, dann das orange, gelbe und grüne. Ab einer Tiefe von 50 Metern gibt es nur noch Blau. Ab 200 Metern ist alles dunkel, unter 1.000 Metern wird es schwarz (61). Auch beim Himmel sorgt die kurze Wellenlänge des Blaus für eine häufigere Brechung und Reflektion, wenn es auf die Luftteilchen in der Atmosphäre trifft.
Blaue Augen
Literatur zu den unten genannten Punkten findet man unter (62-64). In der Antike waren blaue augen eher mit den germanischen Barbaren assoziiert, heute sind sie beliebt.
- Fehlen von (braunem) Melanin durch eine Genvariation
- 7.000 J. v. Chr. frühester Nachweis einer Variation im HERC2-Gen (blaue Augen)
- Blauentstehung durch Brechung ähnlich wie beim Himmelsblau
- weltweit blaue Augen nur bei 10% der Menschen, in Finnland und Estland aber bei > 90%
- blaue Augen häufiger bei blonden Menschen
Blaue Augen wurden von Heinrich Heine schon im Jahr 1844 besungen (65):
Mit deinen blauen Augen
Siehst du mich lieblich an,
Da wird mir so träumend zu Sinne,
Daß ich nicht sprechen kann.
An deine blauen Augen
Gedenk ich allerwärts; -
Ein Meer von blauen Gedanken
Ergießt sich über mein Herz.
Auch Annette Wynne bewundert blaue Augen in ihrem Gedicht „Blue“ aus dem Jahr 1919 (66):
When God made everything
I'm glad he had a lot of blue -
A great big sky for all the world
And eyes like yours for you.
Ein moderne gesangliche Hommage an „Blaue Augen“ stammt von der Band Ideal aus dem Jahr 1981 (67); dort heißt der Refrain: „Deine blauen Augen machen mich so sentimental, so blaue Augen. Wenn du mich so anschaust, wird mir alles andre egal, total egal. Deine blauen Augen sind phänomenal, kaum zu glauben, was ich dann so fühle ist nicht mehr normal.“ Ob Heinrich Heine hier mitgewirkt hat, bleibt unklar.
Farbmischungen
Gemäß der additiven Farbmischung nach Young und Helmholtz werden die drei Primärfarben Rot, Grün und Blau bei Trichromaten addiert (RGB-Monitor), es entsteht Weiß (68-70). Die Empfindung ist Schwarz, wenn die Summe Null ist. Die additive Mischung aus diesen drei Primärfarben bewirken Gelb, Cyan und Magenta (Sekundärfarben).
Die subtraktive Farbmischung (68-69,71) mit den drei Primärfarben Cyan, Magenta, Yellow (CMY; Druckertinte) entsteht, wenn von einer Lichtquelle Anteile ihres Farbspektrums entfernt (subtrahiert) werden. Der entstehende Farbreiz entspricht dem von der Oberfläche bzw. dem Filter nicht-absorbierten, also reflektierten oder hindurchgelassenen Licht. In der Mitte von drei hintereinandergeschalteten Filtern wird das Licht vollständig absorbiert, so dass sich Schwarz ergibt.
Nach Harald Küppers (72) entstehen durch die Wahrnehmung der drei Urfarben - entsprechend der optimalen Zapfenempfindlichkeit beim humanen Trichromaten - alle acht Grundfarben, die sich in der Malerei nicht durch Mischung anderer Farben herstellen lassen (s. nachfolgende Tabelle). Diese Theorie vereint die additive und subtraktive Theorie der Farbmischungen.
Farb-Illusionen
Bekannte Beispiele von Farb-Illusionen (73) sind die Kindergarten-Illusion, die Cafe Wall-Illusion und die Munker White-Illusion. Eine fantastische Darstellung der Munker White-Illusion findet man unter (74).
Farb-Nomenklatur
Die älteste weitläufig bekannte und lange benutzte Farb-Nomenklatur stammt von Abraham Gottlob Werner (1749-1817), einem deutschen Mineralogen und Geologen von internationaler Bedeutung. Zu seinen Schülern gehörten Novalis, Alexander von Humboldt und Charles Darwin; Werners Nomenklatur von 79 Farben verwendete Darwin zur Farbbeschreibung von Fauna und Flora auf seiner fünfjährigen Weltreise mit der HMS Beagle. Der schottische Pflanzenmaler Patrick Syme erweiterte 1814 Werners Nomenklatur um weitere 31 Farbtöne mit Beispielen aus Zoologie, Botanik und Mineralogie. Ihr gemeinschaftliches Werk ist bis heute im Buchhandel erhältlich (75).
Heute teilt man die Farben meist nach dem hexadezimalen RGB-System ein; dies erlaubt eine Differenzierung von 16.777.216 Farben, von denen der Mensch aber nur 1-2 Mio. unterscheiden kann (76). Die hexadezimalen Farbcodes beginnen mit dem Hashtag #, gefolgt von sechs Buchstaben und/oder Zahlen. Die ersten beiden Buchstaben/Zahlen stehen für Rot, die nächsten beiden für Grün und die letzten beiden für Blau. Die hexadezimalen Farbwerte werden mit Werten von 00 bis FF definiert (entspricht von 0 bis 255 im reinen RGB-Format). Es werden nur zehn Zahlen von 0 bis 9 verwendet, die 6 Buchstaben A bis F bedeuten, dass der Wert größer als 9 ist; d. h. A steht für 11 und F für 15. Insgesamt gibt es für jede Farbe also 16 x 16 = 256 Möglichkeiten. Die hexadezimale Darstellung stammt aus der Informatik und erleichtert die Einteilung; die Rückcodierung auf den reinen RGB-Code ist einfach: z. B. ist ein reines Blau hexadezimal #0000FF und rückcodiert im reinen RGB-System (0, 0, 255). Capri-Blau z. B. ist hexadezimal #00BFFF, was im reinen RGB-System (0, 191, 255) entspricht (d. h. kein Rot, aber deutlicher Grünanteil und volles Blau).
Das CMY-System mit den Primär-Farben Cyan, Magenta und Yellow wird meist CMYK genannt (77), da speziell für die Drucktechnik noch ein Schwarzanteil hinzukommt; dieser wird als Key=K bezeichnet. Im CMYK-Farbmodell werden die möglichen Werte für jede der vier einzelnen Farben zwischen 0 % und 100 % definiert, wobei 0 % für unbedruckt steht und 100 % für eine Volltonfläche. Zur Umrechnung zwischen RGB und CMYK gibt es Tools im Internet (78).
Malen mit blauen Farb-Pigmenten
Über Jahrtausende wurden blaue Farbtöne vor allem Dingen mit Azurit, Ägyptisch-Blau, Lapislazuli und Indigo gemalt (79). Die Herstellung aller dieser blauen Pigmente war schwierig, zeitaufwendig und kostspielig. Erst ab dem 18. Jahrhundert gelang es, Preußisch-Blau, Kobalt-Blau, Ultramarin, Indigo und zuletzt YInMn-Blau synthetisch herzustellen (s. nachfolgende Tabelle).
100.000 v. Chr. Menschen malen mit Pigmenten aus rotem und gelbem Ocker
sowie Holzkohle; Indigo eher zur Stofffärbung benutzt
9.000 v. Chr. nach jüngsten Funden aus der Türkei wird das blaue Mineral Azurit schon damals zu feinem Pulver zermahlen
2.000 v. Chr. Babylonier und Ägypter verwenden Lapislazuli
zudem Herstellung von Cuprorivait = Ägyptisch Blau
1706 n. Chr. Synthese von Preußisch-Blau
1777 n. Chr. Synthese von Kobalt-Blau
1806 n. Chr. Synthese von Ultramari
1878 n. Chr. Synthese von Indigo
2009 n. Chr. Synthese von YInMn-Blau aus Yttrium, Indium und Mangan
Oregon-Blue, Mas-Blue, Bluetiful
Das Fra Angelico-Blau wurde aus Lapislazuli gewonnen. Jenseits des Mittelalters wurde es zur ikonographischen Farbe der Gottesmutter Maria. Der blaue Mantel bei Maria symbolisiert ihre Verbindung zum Himmel (80). Beispiele für den blauen Umhang Marias sind z. B. zu sehen bei Fra Angelico (Madonna mit Granatapfel, um 1440. Prado, Madrid) und bei Giovanni Battista Salvi da Sassoferrato 1645 (Die Jungfrau im Gebet. National Gallery, London). Später wurde das Lapislazuli-Blau gerne auch in weltlichen Portraits verwendet, so z. B. von Johannes Vermeer im Turban des Gemäldes „Mädchen mit dem Perlen-Ohrring“ (1665, Royal Picture Gallery Mauritshuis); die Familie Vermeer verarmte u. a., weil Lapislazuli damals etwa so teuer war wie Gold und Vermeer sehr viel davon für seine Bilder benötigte (81-82).
Der niederländische Maler Pieter van der Werff (1665-1722) verwendete das 1706 von J. J. Dies in Berlin entdeckte Preußisch Blau für den Himmel und den Umhang Marias (Maria in Wolken, um 1715, Privatbesitz) (83). Berliner Blau = Preußisch Blau [Eisen-(III)-hexacyanoferrat-(II)] wird bis heute in der Histologie genutzt, um Eisen in Zellen nachzuweisen. Nachfolgend führte es auch zur Entdeckung der Blausäure (Cyansäure) (83). Pablo Picasso verwendete in seiner Blauen Periode fast nur Preußisch-Blau (84). Ein Beispiel ist sein „Blauer Akt“ aus dem Jahr 1902 (85).
Der „Blaue Reiter“ war eine Künstlergruppe um Wassily Kandinsky und Franz Marc, die in den Jahren 1911 bis 1914 aktiv war. Die Künstlergruppe war ein wichtiger Wegbereiter der modernen Kunst des 20. Jahrhunderts hin zu Abstraktion und Kubismus. Der Name entstand im Rückblick von Kandinsky wie folgt: „Den Namen Der blaue Reiter erfanden wir in der Gartenlaube: beide liebten wir Blau; Marc - Pferde, ich - Reiter. So kam der Name selbst.“ (86) (mit Marc ist Franz Marc gemeint). Zur Gruppe des Blauen Reiters gehörten neben Wassily Kandinsky und Franz Marc Gabriele Münter, Max Ackermann, Heinrich Campendonk, Alexej Jawlensky, Paul Klee und Alfred Kubin. Wichtige Werke des Blauen Reiters sind der „Reiter“ von Kandinsky aus dem Jahr 1911 und „Die großen blauen Pferde“ von Franz Marc aus dem Jahr 1911. Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs endete der Blaue Reiter.
Blau spielte in der Malerei auch später im 20. Jahrhundert eine wichtige Rolle. So sieht man eine Fülle von verschiedenen Blautönen im Gemälde „Guardians of the Secret“ von Jackson Pollock aus dem Jahr 1943. Hier symbolisiert die Farbe Blau das Geheimnisvolle in meisterlicher Weise (87).
Yves Klein schuf 1947-1957 mehr als 200 monochrom-blaue Leinwände und Skulpturen; auf der Suche nach der Farbe des Himmels fand er eine matte Version von tiefblauem Ultramarin. Sein Versuch, diesen Blauton als International Klein Blue (IKB als Farbmarke) zu patentieren, scheiterte (88).
Mark Rothko verwendete oft Ultramarin, Josef Albers Kobaltblau, Gerhard Richter viele Blautöne (89-91). Alle diese Künstler kann man auch mit dem Begriff Farbfeldmaler beschreiben, wobei ihr Werk weit darüber hinausgeht (89-91).
Unerwartet und eher zufällig wurde 2009 ein neues Blau-Pigment synthetisiert, das YInMn-Blau (92). Sein Name setzt sich aus den hier enthaltenen Elementen Yttrium, Indium und Mangan. Das Pigment ist auch unter den Namen Oregon Blue, Mas Blue oder Bluetiful bekannt. Es entstand an der Oregeon State University 2009 durch Manganexperimente des Teams um den Chemiker Mas Subramanian (93). Das YInMn-Blau-Pigment ist temperatur- und lichtbeständig, bleicht weder in Wasser noch Öl aus, ist nicht giftig und vergleichsweise einfach herzustellen. Inzwischen ist es auch als Aquarellfarbe erhältlich, z. B. von Schmincke (94).
Musik: Der Blues
Die Blues-Musik entstand um 1900 aus Folk-, Country- und Gospelkomponenten vorwiegend in den Südstaaten der USA (95-97). Mitgebracht und weiterentwickelt haben die Bluesmusik zunächst die aus Afrika stammenden Sklaven. Der Blues folgt einer pentatonischen Tonleiter, einer der ältesten musikalischen Skalen, die in vielen außereuropäischen Kulturen wie in Afrika und Indien seit mehr als 5.000 Jahren benutzt wird (95-97). Die pentatonische Tonleiter besteht nur aus fünf Tönen, wobei im Beispiel des C-Dur die Töne F und H fehlen. Die Blues-Tonleiter entwickelte sich aus der pentatonischen, indem - am Beispiel des C-Dur - die kleine Terz als Blue-Note hinzukam. Alternativ oder zusätzlich kann man weitere Blue-Notes hinzufügen. Die Blue-Notes sind Töne, die so im klassisch-europäischen Musikschema nicht definiert waren; später wurden sie formalisiert als Halbtonschritte, die eigentlich den westlich-tradierten Klassik-Schemata von Dur und Moll nicht entsprachen. Die Geschichte des Blues ist nachzulesen im Buch von Carl-Ludwig Reichert (98). Eine prägnante Besprechung dieses Buches stammt von Lutz Hagestedt und ist mit „Blues - Mutter aller Popmusik“ betitelt (99). Dort wird das Geheimnis des Blues beschrieben als die „Spannung zwischen dem relativ starren Taktgefüge, dem festen Wechselverhältnis der Harmonien und der ‚Blue Notes‘, den Zwischentönen, die neben der individuellen Farbe und den Rhythmen den eigentlichen Reiz des Blues ausmachen.“ Die Blue Note sei für den Blues das, „was der ‚unreime‘ Reim für die Lyrik bedeutet: die überraschende, nicht erwartete und zugleich erwartbare, die vielleicht nicht 'korrekte' und doch zulässige, ja erwünschte Abweichung von der Regel, die der Harmonik und Melodieführung Spannung und Relief verleiht.“ (99). Es heißt weiter: „Wie alle große Musik ist der Blues einfach, und genau das macht es ‚so schwierig, ihn einfallsreich und interessant zu spielen‘. Wie Bach - Anfang und Ende aller Musik - ist er nicht selten 'schematisch', dadurch aber auch offen für Variationen aller Art. Dies führt nicht zuletzt in 'verwandte' Stilrichtungen, wie Boogie, Rhythm & Blues, Dixieland, Skiffle, Blues-Rock, Jazz, Free-Jazz, Soul, Hip-Hop und sogar Rap.“ (99)
Das Standard-Schema ist der 12-taktige Blues (97,100-101). Die erste Lied-Zeile umfasst vier Takte; sie wird in den nächsten vier Takten wiederholt, bevor die abschließende Zeile in den letzten vier Takten erfolgt. Das Schema basiert auf den Akkordfolgen der I. Stufe Tonika, der IV. Stufe Subdominante und der V. Stufe Dominante. Auf vier Takte Tonika folgen je zwei Takte Subdominante und Tonika, je ein Takt Dominante und Subdominante und wieder zwei Takte Tonika. Als drittletzter Akkord kann statt der Subdominante auch die Dominante gespielt werden. Dieses Schema wurde im Laufe der Zeit erweitert und modifiziert.
Obwohl Standard und Schema des Blues von dem schwarzen „King of Blues“, B. B. King beschrieben wurde (103), gibt es in der Literatur immer wieder Kritik an den skizzierten Blues-Definitionen, die theoretischen Überlegungen alter weißer männlicher Akademiker entsprächen. Dies gipfelt in der Überlegung, ob Menschen mit weißer Hautfarbe überhaupt Blues singen und spielen können (102).
Weitere Blue-Notes kann man teils nur ungenau zwischen zwei Ganztonnoten einordnen. Blues funktioniert deshalb auch eher durch das Ziehen von Noten zwischen zwei Tönen; diese ist auf vielen Tasteninstrumenten wie dem Klavier nicht möglich, sehr wohl aber auf Saiten- und Blas-Instrumenten sowie in der perfekten Form mit der menschlichen Stimme.
Viele Bluessongs besingen auch im Text den Blues mit seiner Traurigkeit, Melancholie und Sehnsucht. Ein bekanntes Beispiel stammt von Arethra Franklin aus dem Jahr 1960 (104); sie gilt nach der Zeitschrift „Rolling Stone“ bis heute als beste Sängerin aller Zeiten (jenseits der klassischen Musik) (105). Ein Textauszug aus dem Song lautet: “Without a word of warning, the blues walked in this morning and circled around my lonely room. I didn′t know why I had that sad and lonely feeling until my baby called and said we we're through. For yesterday, this time I sang a love song but today, I′m singing the blues.” (104).
Die Entwicklung des Blues und seine Bedeutung für die weitere Entwicklung der nicht-klassischen Musik kann man an berühmten Liedbeispielen nachvollziehen wie z. B. den Songs „House of the Rising Sun“ und „Little Girl Blue“. Das “House of the Rising Sun” war wohl ein Bordell in New Orleans, erstmals erwähnt in der „Louisiana Gazette“ im Jahr 1821. Der Folksong entstand um 1910; inzwischen gibt es mehr als 400 (Cover-) Versionen, z. B. von:
- Clarence Ashley 1933
- Leadbelly 1945
- Woody Guthrie 1945
- Pete Seeger 1958
- Joan Baez 1960
- Johnny Hallyday 1961
- Nina Simone 1962
- Bob Dylan 1962
- Marianne Faithful 1964
- Animals 1964
- Tim Hardin 1967
- Jimi Hendrix 1970
- Frijid Pink 1970
- Beatles 1975
- Tracy Chapman 1990
- Sinéad O’Connor 1994
Die meisten Leser werden unter dem Lied die Version der Band „The Animals“ aus dem Jahr 1964 verstehen; fast alle berühmten Blues- und Folk-Sänger und -Sängerinnen haben eine eigene Version eingespielt (Beispiele in obiger Liste) (106). Die älteste akustisch dokumentierte Version wurde von Clarence Ashley & Gwen Foster 1933 aufgenommen (197). Auch Bob Dylan hat dieses Lied gesungen; in seiner Version kann man besonders gut verstehen, wie wenig es darauf ankommt, ob die Tonhöhe stimmt und ins Schema passt. So heißt es in einer Besprechung eines aktuellen Films über den jungen Bob Dylan (108): „Wenn es um Bob Dylans Stimme geht, gibt es zwei Lager: die, die sie nicht mögen. Und die, die sich mit ihr arrangiert haben. Der Soul-Sänger Sam Cooke hat 1963, nachdem er «Blowing in the Wind» gehört hatte, angeblich gesagt: Von nun an kommt es nicht mehr darauf an, wie schön eine Stimme ist – sondern nur noch, ob man ihr glaubt, dass sie die Wahrheit sagt.“
Die Bluestonleiter ist ein schematischer Versuch, sich dem beabsichtigten Klang anzunähern bzw. den Klang in Art einer Tonleiter darzustellen. In der musikalischen Praxis gibt es verschiedene Wege, sich diesem Ideal zu nähern. Die menschliche Stimme erlaubt es, die Tonhöhe über etwa vier Oktaven nahezu beliebig anpassen. Aber auch auf vielen Instrumenten ist es möglich, Töne außerhalb des chromatischen Schemas zu erzeugen. So eignet sich die Gitarre besonders gut, den gegriffenen Ton zu ziehen und dadurch dessen Tonhöhe zu verändern. Auch auf der Mundharmonika lassen sich die Tonhöhen der Blue-Notes anpassen. Hier ist Bob Dylan ebenfalls ein prägendes Beispiel.
Ab 1930 hat sich der Jazz aus dem Blues entwickelt, wobei die Übergänge fließend sind. Auch im Jazz werden die Töne oft “gezogen”; ein berühmtes Bespiel ist der Song „Mood Indigo“ von Duke Ellington aus dem Jahr 1930 (109). Dieser Song soll später den Namen der Band „Moody Blues“ beeinflusst haben.
Der Song „Little Girl Blue“ (Musik von Richard Rodgers, Text von Lorenz Hart) stammt aus dem Jahr 1935; er gibt viele Cover-Versionen; die schönsten Versionen stammen m. E. von Nina Simone aus dem Jahr 1958 und von Janis Joplin aus dem Jahr 1969 (110-111); in den Videos (110-111) kann man wahrnehmen, wie sich aus Folk und Blues Soul, Pop und Rock entwickelten. Hier aus “Little Girl Blue” eine Strophe, die Blues und Blue besingt:
“Sit there, count your fingers. What else, what else is there to do? Honey, I know how you feel. I know you feel that you're through. Sit there, count your little fingers. My unhappy, oh, little girl, little girl blue.“ (110-111).
Wie wenig auf der Gitarre die Theorie von halben und ganzen Tönen seit dem Blues eine Rolle spielt, zeigt sich beispielhaft am Gitarrensolo von Jimmy Page (112) (Led Zeppelin. Stairway to Heaven. Madison Square Garden NY, 1973). Hier entscheiden Stimmung und Seele, wobei das Solo so komplex ist, dass es an eine klassische Fuge von Bach erinnert (112). Zudem wird m. E. hier auch die Unterscheidung von „wertvoller Klassikmusik“ und „billiger Popmusik“ ad absurdum geführt.
Bis heute sind „Blue“ und „Blues“ in der Musik wichtige Themen. Ein aktuelles Bespiel ist der weltweit erfolgreiche Song „Blue“ von Billie Eilish aus dem Jahr 2024 (113), wobei man ihren Musikstil noch kaum einordnen kann.
Lyrik und Literatur
Goethe verkörperte die Klassik und verachtete die Romantik: „Um zu begreifen, daß der Himmel überall blau ist, braucht man nicht um die Welt zu reisen.“ (114). Trotzdem leitete sein Werther-Roman mit dem blauen Frack die Romantik ein – mit der Melancholie, dem Streben nach Unendlichkeit und der Farbe Blau. Später wurde die Blaue Blume zum zentralen Symbol der Romantik (115). Reale Vorbilder der blauen Blume sind vor allem Kornblume und Wegwarte. Als Dichter-Beispiele seien Novalis und Eichendorff genannt:
„…fern ab liegt mir alle Habsucht: aber die blaue Blume sehn’ ich mich zu erblicken.“ (Novalis, 116)
„Ich suche die blaue Blume, Ich suche und finde sie nie.“ (Eichendorff, 117)
Die Romantik endet mit Heinrich Heine; sein Gedicht „Die Welt ist so schön und der Himmel so blau“ sei hier genannt (Text s. u.) (118). Auch er zitiert Goethes Bemerkung zum blauen Himmel, wobei der Schluss des Heine-Gedichtes keine romantische Ironie mehr ist, sondern ein düsterer Abgesang auf diese Epoche. Auch im Symbolismus und Ästhetizismus wird das Blau des Firmaments angesprochen, beispielhaft erwähnt ein Gedicht von Stefan Georges Gedicht aus dem Jahr 1895 (119); es beginnt mit diesen Zeilen:
Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade
Der reinen wolken unverhofftes blau.
Auch im 20. Jahrhundert, im Realismus und in der Moderne spielt die Farbe Blau eine Rolle in der Lyrik: bespielhaft sei das Rilke-Gedicht „Die blaue Hortensie“ genannt (120). Es erscheint mir schwierig, Rilke einer bestimmten Epoche zuzuordnen; im Gedicht zur blauen Hortensie ist keine Metapher romantisch, symbolbeladen oder schwülstig, alle Metaphern sind zeitlos perfekt.
Trotz Goethes eher abfälliger Bemerkung zum blauen Himmel, bleibt der blaue Himmel bis heute Thema von Literatur und Lyrik. Zahlreiche weitere deutsche und englische Gedichte zur Farbe Blau sind im Folgenden zu lesen und im Kapitel zur Farbe „Blau“ mit Bildern und Texten auf meiner Homepage sowie im Buch von Gabriele Sanders (121).
Die deutsche Sehnsucht nach dem mediterranen Blau, der Côte d’Azur, beschreibt Friederike Kemptner mit einfachen, aber trefflichen Worten (Text s. u.) (122). Selbst der sonst oft expressionistisch düster schreibende Georg Heym hat dem Blau 1911 ein wunderschönes Gedicht mit dem Titel „Träumerei in Hellblau“ gewidmet (Text s. u.) (123). Nur einige Jahre später schrieb Sara Teasdale ihr Gedicht „Blue Squills“, eine Hommage an Blau und Weiß (Text s.u.) (124). Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg lautet der erste Gedichtband von Friederike Mayröcker „Blaue Erleuchtungen“ (125); hier wird in erneuter Anknüpfung an Goethe trotz der schwierigen Zeiten der blaue Himmel thematisiert. Kritisch mit der Naturlyrik geht Alfred Andersch um, wenn er schreibt „Empört Euch, der Himmel ist blau.“ (126). In erneuter Anknüpfung an Goethe und Andersch schreibt Hans Magnus Enzensberger 2003: „Der Himmel ist blau. Damit ist alles gesagt über den blauen Himmel“ (127), um nur einige Jahre später einen ganzen Gedichtband „Blauwärts“ (128) zu betiteln. Auch der Lyriker Rolf Dieter Brinkmann hat 1970 ein Gedicht geschrieben, welches mit dem Statement beginnt „der Himmel ist ganz blau“; es endet mit einer kleinen weißen Wolke (129). In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, dass unter den zahlreichen Wolkenbildern von Gerhard Richter nur ein einziges den Titel „Himmel“ trägt (130), obwohl viele seiner Wolkenbilder auch vom Blau des Himmels leben.
Glücklicherweise haben wir wunderbare zeitgenössische Lyriker wie z. B. Jan Wagner und Jan Röhnert, die sich vor allem mit der Natur beschäftigen. Bei der Vorbereitung des Themas „Blau“ habe ich den Gedichtband von Jan Röhnert mit dem Titel „Breughels Affen“ durchstöbert und bin in den etwa 60 Gedichten mehr als zwanzigmal auf die Farbe Blau gestoßen. Seine Verse berühren viele Aspekte meiner Beschäftigung mit der Farbe Blau - insbesondere, wenn es im Gedicht „Bonjour“ heißt (131):
„Die Möglichkeit, die Leere auszumalen
mit Blau und einer Farbe ohne Namen;
die sich erst im Vertrautsein zeigt. Es kann
sich nur im Traum ereignen, und dort bleibst du
mir fremd aber nah, als hättest du einmal Hallo gesagt."
Enzensberger schreibt in „Blauwärts“ (128): „Hinter der Nebelwand im Gehirn gibt es noch andere Gegenden, die blauer sind, als du denkst.“ - und Röhnert schreibt von „Blau und einer Farbe ohne Namen;“ (131). Tatsächlich gibt es wohl Farben, die bisher kein Mensch gesehen hat, die aber unter Umständen sichtbar gemacht werden können. Am 18. April 2025 erschien im anerkannten Wissenschaftsjournal Science Advances ein Artikel, der beschreibt, wie es mit dem Computer-Lasersystem OZ gelingt, eine neue Farbe durch selektive Stimulation der M-Zapfen sichtbar zu machen (132). Dabei wurden mit Hilfe aufwendiger Techniken 1000 M-Zapfen in der Retina identifiziert und kartiert. Unter normalen Umständen werden alle drei Zapfentypen (S, M, L) durch Licht im für den Menschen sichtbaren Spektrum gleichzeitig angeregt – wenn auch in unterschiedlicher Intensität (S mit einem Maximum im Blaubereich, M im Grünbereich und L im Rotbereich); es ergibt sich also stets ein Mischbild aus der Stimulation der drei Zapfen. Theoretisch müssten durch selektive Anregung einzelner Zapfentypen deshalb neue Farben wahrnehmbar werden. Dies ist nun wohl erstmals gelungen, indem die identifizierten M-Zapfen selektiv durch Laserlicht stimuliert wurden - ohne gleichzeitige Stimulation der S- und L-Zapfen (132). Wahrgenommen wurde ein tief-gesättigtes Blau-Grün. Diese Farbe mit dem Namen „OLO“ (COLOR; ohne die außenliegenden Buchstaben/Zapfen) haben bisher nur die fünf Teilnehmer des Experiments gesehen (132).
Auch im Blau begegnen sich also Fiktion und Wirklichkeit, ähnlich wie es Markus Gabriel beschreibt: „Es gibt keine Wirklichkeit ohne Fiktion, und keine Fiktion ohne Wirklichkeit" (133).
Gedicht-Texte
Die blaue Blume
Ich suche die blaue Blume,
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh.
Ich wandre mit meiner Harfe
Durch Länder, Städt und Au'n,
Ob nirgends in der Runde
Die blaue Blume zu schaun.
Ich wandre schon seit lange,
Hab lang gehofft, vertraut,
Doch ach, noch nirgends hab ich
Die blaue Blum geschaut.
Joseph von Eichendorff, 1818
Die Welt ist so schön und der Himmel so blau,
Und die Lüfte die wehen so lind und so lau,
Und die Blumen winken auf blühender Au’,
Und funkeln und glitzern im Morgenthau,
Und die Menschen jubeln, wohin ich schau’, –
Und doch möcht’ ich im Grabe liegen,
Und mich an ein todtes Liebchen schmiegen.
Heinrich Heine, 1822.
Buch der Lieder. Lyrisches Intermezzo XXXI.
Der Himmel ist blau
Der Himmel ist blau,
Die Erde so grün,
O laß uns ein wenig
Nach Süden hin ziehn!
Dort blühet die Myrte,
Orangen sind frisch,
Dort decken die Blüten
Dir freundlich den Tisch.
Friederike Kempner, 1903
Blaue Hortensie
So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.
Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;
Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.
Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.
Rainer Maria Rilke. 1906, Paris.
Träumerei in Hellblau
Alle Landschaften haben
Sich mit Blau gefüllt. Alle Büsche und Bäume des Stromes,
Der weit in den Norden schwillt.
Blaue Länder der Wolken,
Weiße Segel dicht,
Die Gestade des Himmels in Fernen
Zergehen in Wind und Licht…
Georg Heym, 1911.
Blue Squills
How many million Aprils came
Before I ever knew
How white a cherry bough could be,
A bed of squills, how blue.
Sara Teasdale, 1918. 1. Strophe des Gedichts
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Blautöne der Hornveilchen und Stiefmütterchen im Garten 2025.