Literatur
- Bild und Sprache. Mit Auszügen aus der Dankrede von Anselm Kiefer anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2008
- Ein volles Schaufenster - Rainer Maria Rilke
- Improvisation - Li-tai-pe, Nachdichtung von Klabund
- Sonett Nr. 18 - William Shakespeare 1609, Nachdichtung von Stefan George 1909
- Taste and smell alone remain - Marcel Proust 1913. Remembrance of things past.
- An ihn - Else Lasker-Schüler
- Warum heiratet man - Wilhelm Busch
- An M. - Jochaim Ringelnatz
- Die Katze - Charles Baudelaire
- Schöne Fraun mit schönen Katzen - Joachim Ringelnatz
- Jene Große - Joachim Ringelnatz
- Die Mimose und der Nobelpreis - Claus Niederau
- The peacock - Christina Rossetti
- Der einzige Mut - Rainer Maria Rilke
- An ignorance a Sunset - Emily Dickinson
- Weihnachten - Joachim Ringelnatz
- Geburt Christi - Rainer Maria Rilke
- The Year - Ella Wheeler Wilcox
- Wo? - Heinrich Heine
- Zu Dir - Joachim Ringelnatz
- Schlussstück - Rainer Maria Rilke
- Hope - Emiliy Dickinson
- Das Meer singt - Francisca Stoecklin
- Die erste Elegie - Rainer Maria Rilke
- Wenn ich in Nächten wandre - Klabund
- Maria - Novalis
- An die Sternen - Andreas Gryphius
- Zum Neujahr - Wilhelm Busch
- Heimlich zur Nacht - Else Lasker-Schüler
Bild und Sprache
Anselm Kiefer erhielt 2008 als erster bildender Künstler den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In seiner Dankrede diskutiert er das Verhältnis von Literatur, Geschichte, Wissenschaft und Mythologie zur Kunst. Anselm Kiefer hat in seine Gemälde häufig Verse von Ingeborg Bachmann, Paul Celan und anderen Dichtern integriert und damit ein direktes Verhältnis von Text und Bild hergestellt. Gleich zwei seiner Bilder tragen den Titel eines Gedichts von Ingeborg Bachmann: „Böhmen liegt am Meer“. Anselm Kiefer zählt weltweit zu den bekanntesten und erfolgreichsten zeitgenössischen Künstlern. Da er mein Verständnis von Kunst und Literatur so sehr widerspiegelt, möchte ich einige Sätze seiner Dankrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels zitieren:
„Ich denke in Bildern. Dabei helfen mir Gedichte. Sie sind wie Bojen im Meer. Ich schwimme zu ihnen, von einer zur anderen; dazwischen, ohne sie, bin ich verloren...Ich grenz, wie wenig auch, an alles immermehr: Jede Grenze ist Illusion, aufgerichtet, um uns zu beruhigen und einen festen Ort vorzugaukeln. Aber ohne Grenzen, ohne diese Illusion von Grenzen sind wir nicht lebensfähig, weder als einzelne, noch im Verhältnis zu den anderen. »Ich grenz, wie wenig auch, an alles immer mehr« : Dieser wunderbare Satz (von Ingeborg Bachmann, Anmerkung des Autor) überspringt, übersetzt, kunstvoll den Dualismus und kommt zu etwas ganz Anderem, Tieferem, dessen Rätsel mich immer wieder beschäftigen.
»Böhmen liegt am Meer«, diesem Bild von Ingeborg Bachmann glaub ich mehr als den Landkarten oder der Geographie. Es gibt eine besondere Grenze, die Grenze zwischen Kunst und Leben, eine Grenze, die sich oft irrlichternd verschiebt. Aber ohne diese Grenze gibt es keine Kunst. Im Verlauf der Herstellung leiht sich die Kunst das Material vom Leben; und noch im vollendeten Kunstwerk scheinen die Spuren von Leben durch. Die Distanz zum Leben ist aber zugleich das Wesentliche, die Substanz der Kunst. Dennoch hat das Leben seine Spuren hinterlassen. Und das Kunstwerk ist umso interessanter, je mehr es gezeichnet ist vom Kampf um die Grenze zwischen Kunst und Leben.“
Die vollständige Rede ist zu lesen bzw. zu hören unter: www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/sixcms/media.php/1290/2008%20Friedenspreis%20Reden.pdf bzw. www.youtube.com/watch?v=wsO4RWY7ttU
Zitate der Auszüge aus der Friedenspreisrede mit freundlicher Genehmigung von Martin Schult, Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V.
Bild: Boje auf der Maas, Juli 2016.
Ein volles Schaufenster
Manchmal gehe ich an kleinen Läden vorbei, in der rue de Seine etwa: Händler mit Altsachen oder kleine Buch-Antiquare oder Kupferstichverkäufer mit ganz, ganz vollen Schaufenstern: Nie tritt jemand ein bei ihnen, sie machen offenbar keine Geschäfte: aber man sieht hinein, und sie sitzen und lesen, unbesorgt (und sind doch nicht reich); sorgen nicht um morgen, ängstigen sich nicht um ein Gelingen, haben einen Hund, der vor ihnen sitzt, gut aufgelegt, oder eine Katze, die die Stille um sie noch größer macht, indem sie die Bücherreihen entlangstreicht, als wischte sie die Namen von den Rücken.
Ach, wenn das genügte: Ich wünschte manchmal, mir so ein volles Schaufenster zu kaufen und mich mit einem Hund darunterzusetzen für zwanzig Jahre.
Rainer Maria Rilke, 1875-1926
Aus: Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
Bild: Fenster in Wissembourg, Frankreich. April 2009.
Improvisation
Wolke Kleid
Und Blume ihr Gesicht.
Wohlgerüche wehn,
Verliebter Frühling!
Wird sie auf dem Berge stehn,
Wage ich den Aufstieg nicht.
Wenn sie sich dem Monde weiht,
Bin ich weit,
Verliebter Frühling ...
Li-tai-pe, Nachdichtung von Klabund
Bild: Wolken über Oberhausen, Juli 2015.
William Shakespeare (1564-1616) hat die Weltliteratur mit seinen Tragödien, Komödien und Gedichten bis heute geprägt. Seine 114 Sonette sind ein faszinierendes und unergründliches Kaleidoskop von Leidenschaft und Liebe. Eines der berühmtesten ist das Sonett Nr. 18. Von den mehr als 200 deutschen Übersetzungen stammen bekannte von August Schlegel 1851, Friedrich Bodenstedt 1866, Stefan George 1909 und Karl Kraus 1933. Die Aktualität zeigt sich auch in der Vertonung durch David Gilmour, die auf Youtube bisher mehr als 1 Million Mal abgerufen wurde.
David Gilmour: www.youtube.com/ watch?v=S8Osse7w9fs. Bild ist "public domain". https://en.wikipedia.org/wiki/William_Shakespeare#/media/File:Sonnets1609titlepage.jpg
Sonett 18 von William Shakespeare
Shall I compare thee to a summer’s day?
Thou art more lovely and more temperate;
Rough winds do shake the darling buds of May,
And summer’s lease hath all too short a date;
Sometime too hot the eye of heaven shines,
And often is his gold complexion dimm’d;
And every fair from fair sometime declines,
By chance or nature’s changing course untrimm’d;
But thy eternal summer shall not fade,
Nor lose possession of that fair thou ow’st;
Nor shall Death brag thou wander’st in his shade,
When in eternal lines to time thou grow’st:
So long as men can breathe or eyes can see,
So long lives this, and this gives life to thee.
William Shakespeare 1609
Soll ich vergleichen einem sommertage
Dich der du lieblicher und milder bist?
Des maien teure knospen drehn im schlage
Des sturms und allzukurz ist sommers frist.
Des himmels aug scheint manchmal bis zum brennen
Trägt goldne farbe die sich oft verliert ·
Jed schön will sich vom schönen manchmal trennen
Durch zufall oder wechsels lauf entziert.
Doch soll dein ewiger sommer nie ermatten:
Dein schönes sei vor dem verlust gefeit.
Nie prahle Tod · du gingst in seinem schatten . .
In ewigen reimen ragst du in die zeit.
Solang als menschen atmen · augen sehn
Wird dies und du der darin lebt bestehn.
Übersetzt von Stefan George (1909)
„But when from a long-distant past nothing subsists, after the people are dead, after the things are broken and scattered, taste and smell alone, more fragile but more enduring, more unsubstantial, more persistent, more faithful, remain poised a long time, like souls, remembering, waiting, hoping, amid the ruins of all the rest; and bear unflinchingly, in the tiny and almost impalpable drop of their essence, the vast structure of recollection.“
Marcel Proust 1913. Swann's Way.
Remembrance of things past.
Bild: Duftende Rose Augusta Luise im Garten. Juni 2022.
An ihn
Komm zu mir in der Nacht – wir schlafen eng verschlungen.
Müde bin ich sehr, vom Wachen einsam.
Ein fremder Vogel hat in dunkler Frühe schon gesungen,
Als noch mein Traum mit sich und mir gerungen.
Es öffnen Blumen sich vor allen Quellen
und färben sich mit deiner Augen Immortellen ...
In Liebe eingehüllt spät in mein Zelt.
Es steigen Monde aus verstaubten Himmelstruhen.
Wir wollen wie zwei seltene Tiere liebesruhen
Im hohen Rohre hinter dieser Welt.
Else Lasker-Schüler, 1869 - 1945
Bild: Zwei Songdrosseln im Kreuzweg in Kevelaer. Juni 2020.
Warum heiratet man
Der eine tuts um die Dukaten,
der zweite um ein hübsch Gesicht,
der dritte darf nicht länger warten,
der vierte, weil Mama so spricht.
Der fünfte will sich einmal setzen,
der sechste ist nicht gern allein,
der siebte hofft, sich zu ergötzen,
der achte möcht auch einmal frein,
beim neunten sind es Mitleidstriebe,
doch ihr - ihr heiratet sicher nur aus Liebe.
Wilhelm Busch, 1832-1908
Gemälde von Wassilij Wladimirowitsch Pukirew, 1862.
An M.
Der du meine Wege mit mir gehst,
Jede Laune meiner Wimper spürst,
Meine Schlechtigkeiten duldest und verstehst –.
Weißt du wohl, wie heiß du oft mich rührst?
Wenn ich tot bin, darfst du gar nicht trauern.
Meine Liebe wird mich überdauern
Und in fremden Kleidern dir begegnen
Und dich segnen.
Lebe, lache gut!
Mache deine Sache gut!
Joachim Ringelnatz, 1883-1934
Bild: Sommerliche Fleuth in der Binnenheide bei Kevelaer am Niederrhein. Juli 2022.
Die Katze
In meinem Hirn, als wär's ihr eigner Raum,
Schleicht auf und nieder auf der weichen Tatze
Geschmeidig sanft die schöne, stolze Katze.
Und ihrer Stimme Ton vernimmt man kaum,
So zart und heimlich ist ihr leis Miauen.
Und ob sie zärtlich, ob sie grollend rief,
Stets ist der Klang verhalten, reich und tief
Und Zauber weckend und geheimes Grauen.
Sie schläfert ein die grausamsten Verbrechen,
Verzückung ruht in ihr. Kein Wort tut not,
Doch alle Töne stehn ihr zu Gebot
Und alle Sprachen, die die Menschen sprechen.
Und wenn mein Blick, magnetisch hingelenkt
Zu jener Katze, die beherrscht mein Sinnen,
Sich wieder wendet, fügsam, ohn Entrinnen
Und still in ihren Anblick sich versenkt,
Dann seh' ich staunend und im Tiefsten schauernd,
Dass ihre Augensterne feurig fahl,
Leuchtfeuern gleich und lebendem Opal,
Mich unverwandt betrachten, still und lauernd.
Charles Baudelaire ,1921-1867
Auszug des Gedichtes. Aus: Die Blumen des Bösen
Bild: Katze auf einer Wiese bei DeHaan in Belgien im September 2021.
SCHÖNE FRAUN MIT SCHÖNEN KATZEN
Schöne Fraun und Katzen pflegen
Häufig Freundschaft, wenn sie gleich sind,
Weil sie weich sind
Und mit Grazie sich bewegen.
Weil sie leise sich verstehen,
Weil sie selber leise gehen,
Alles Plumpe oder Laute
Fliehen und als wohlgebaute
Wesen stets ein schönes Bild sind.
Unter sich sind sie Vertraute,
Sie, die sonst unzähmbar wild sind.
Fell wie Samt und Haar wie Seide.
Allverwöhnt. – Man meint, daß beide
Sich nach nichts, als danach sehnen,
Sich auf Sofas schön zu dehnen.
Schöne Fraun mit schönen Katzen,
Wem von ihnen man dann schmeichelt,
Wen von ihnen man gar streichelt,
Stets riskiert man, daß sie kratzen.
Denn sie haben meistens Mucken,
Die zuletzt uns andre jucken.
Weiß man recht, ob sie im Hellen
Echt sind oder sich verstellen?
Weiß man, wenn sie tief sich ducken,
Ob das nicht zum Sprung geschieht?
Aber abends, nachts, im Dunkeln,
Wenn dann ihre Augen funkeln,
Weiß man alles oder flieht
Vor den Funken, die sie stieben.
Doch man soll nicht Fraun, die ihre
Schönen Katzen wirklich lieben,
Menschen überhaupt, die Tiere
Lieben, dieserhalb verdammen.
Sind Verliebte auch wie Flammen,
Zu- und ineinander passend,
Alles Fremde aber hassend.
Ob sie anders oder so sind,
Ob sie männlich, feminin sind,
Ob sie traurig oder froh sind,
Aus Madrid oder Berlin sind,
Ob sie schwarz, ob gelb, ob grau, –
Auch wer weder Katz noch Frau
Schätzt, wird Katzen gern mit Frauen,
Wenn sie beide schön sind, schauen.
Doch begegnen Ringelnatzen
Häßlich alte Fraun mit Katzen,
Geht er schnell drei Schritt zurück.
Denn er sagt: Das bringt kein Glück.
Joachim Ringelnatz, 1929
Bild: Haus-Katzen. April 2023.
Jene Große
Weil jeder sie so entzückend
Grün und natürlich fand,
Ging die große Mimose
Von Hand zu Hand.
Und ging und lebte, ward müde und schlief,
Und ward herumgereicht.
Und wünschte sich vielleicht – vielleicht! –
Ganz tief,
So unempfindlich zu sein
Wie ein Stein.
Und wie sie trotzdem wunderbar
Organisch grün und wissend klar
Gedieh,
Umschwärmten, liebten, achteten sie
Die Menschen und die Tiere,
Merkten aber fast nie,
Daß sie keine Rose,
Daß sie eine große Mimose war.
Joachim Ringelnatz, 1883-1934
Bild von Bouba. Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=63191
Die Mimose und der Nobelpreis
Die Mimose reagiert bekanntlich auf Berührung und nach Wikipedia auch auf Veränderung des Lichts; dass das Licht die Mimose allerdings nicht direkt beeinflusst, ist seit fast 300 Jahren bekannt. Bereits im Jahr 1729 führte der französische Astronom Jean Jacques d’Ortous de Mairan ein geniales Experiment zur Frage durch, wie es zu den Veränderungen der Mimose zwischen Tag und Nacht kommt. Dazu stellte er eine Mimose tagsüber und nachts in einen dunklen Schrank. Er beobachtete, dass die Mimose ihren üblichen Tag-Nacht-Rhythmus auch ohne die Hell-Dunkel-Information des Lichts behielt. Er verstand damals allerdings nicht, dass er so die innere Uhr einer Pflanze nachgewiesen hatte. Seine Beobachtung blieb lange unbeachtet.
Bis in die 1980er Jahre war auch unbekannt, wie die innere Uhr von Menschen, Tieren und Pflanzen funktioniert. Für ihre bahnbrechenden Arbeiten zur Entschlüsselung einer solchen inneren Uhr erhielten Jeffrey Hall (Universität Maine in Orono, ME), Michael Rosbash (Brandheis Universität in Waltham, MA) und Michael Young (Rockefeller Universität in New York, NY) im Jahr 2017 den Nobelpreis 2017 für Physiologie bzw. Medizin. Sie beschrieben im Detail, wie mehrere verschiedene Gene den Ablauf der inneren Uhr steuern. Ihre Entdeckungen zeigen zudem, wie die innere Uhr den biologischen Rhythmus von Menschen, Tieren und Pflanzen so einstellt, dass er zum Tag-Nacht-Rhythmus der Erde passt. Diese innere Uhr reguliert den Biorhythmus fast sämtlicher Organismen unserer Welt. Die wichtigsten Gene haben treffende Namen erhalten, wie z. B. Period, Timeless, Clock und Cycle.
https://de.wikipedia.org/wiki/Mimose#/media/Datei:Mimosa_pudica0.jpg
https://en.wikipedia.org/wiki/Jean-Jacques_d%27Ortous_de_Mairan
https://www.nobelprize.org/uploads/2018/06/press-39.pdf
Zusammengestellt von Claus Niederau im März 2024.
Bild: http://cronobio.es/Historia/deMairan.htm
The Peacock
The peacock has a score of eyes,
With which he cannot see;
The cod-fish has a silent sound,
However that may be;
No dandelions tell the time,
Although they turn to clocks;
Cat's-cradle does not hold the cat,
Nor foxglove fit the fox.
Christina Rossetti, 1830-1894
Bild: Fingerhut im Garten. Juni 2021.
Wir müssen unser Dasein so weit, als es irgend geht, annehmen; alles, auch das Unerhörte, muß darin möglich sein. Das ist im Grunde der einzige Mut, den man von uns verlangt: mutig zu sein zu dem Seltsamsten, Wunderlichsten und Unaufklärbarsten, das uns begegnen kann. Daß die Menschen in diesem Sinne feige waren, hat dem Leben unendlichen Schaden getan; die Erlebnisse, die man «Erscheinungen» nennt, die ganze sogenannte «Geisterwelt», der Tod, alle diese uns so anverwandten Dinge, sind durch die tägliche Abwehr aus dem Leben so sehr hinausgedrängt worden, daß die Sinne, mit denen wir sie fassen könnten, verkümmert sind. Von Gott gar nicht zu reden.
Rainer Maria Rilke. Aus einem Brief an Franz Xaver Kappus, 12. August 1904 .
Bild: Brunnenleuchten 2022 in Kevelaer. Amsterdamerstraße.
An ignorance a Sunset
Confer upon the Eye —
Of Territory — Color —
Circumference — Decay —
Its Amber Revelation
Exhilirate — Debase —
Omnipotence' inspection
Of Our inferior face —
And when the solemn features
Confirm — in Victory —
We start — as if detected
In Immortality —
An angel is everywhere
Emily Dickinson, 1830-1886
Bild: Sonnenuntergang über Bad Bergzabern im August 2008.
Weihnachten
Liebeläutend zieht durch Kerzenhelle,
mild, wie Wälderduft, die Weihnachtszeit.
Und eín schlichtes Glück streut auf die Schwelle
schöne Blumen der Vergangenheit.
Hand schmiegt sich an Hand im engen Kreise,
und das alte Lied von Gott und Christ
bebt durch Seelen und verkündet leise,
daß die kleinste Welt die größte ist.
Joachim Ringelnatz, 1883-1934
Bild: Heimische Krippe 2021.
Geburt Christi
Hättest du der Einfalt nicht, wie sollte
dir geschehn, was jetzt die Nacht erhellt?
Sieh, der Gott, der über Völkern grollte,
macht sich mild und kommt in dir zur Welt.
Hast du dir ihn größer vorgestellt?
Was ist Größe? Quer durch alle Maße,
die er durchstreicht, geht sein grades Los.
Selbst ein Stern hat keine solche Straße.
Siehst du, diese Könige sind groß,
und sie schleppen dir vor deinen Schoß
Schätze, die sie für die größten halten,
und du staunst vielleicht bei dieser Gift -:
aber schau in deines Tuches Falten,
wie er jetzt schon alles übertrifft.
Aller Amber, den man weit verschifft,
jeder Goldschmuck und das Luftgewürze,
das sich trübend in die Sinne streut:
alles dieses war von rascher Kürze,
und am Ende hat man es bereut.
Aber (du wirst sehen): Er erfreut.
Rainer Maria Rilke, 1875-1926
Das Marienleben. Duino, Januar 1912
Gemälde von Domenico Beccafumi um 1546. Public domain. www.wikidata.org/wiki/Q16166928
The Year
Wat can be said in New Year rhymes,
That’s not been said a thousand times?
The new years come, the old years go,
We know we dream, we dream we know.
We rise up laughing with the light,
We lie down weeping with the night.
We hug the world until it stings,
We curse it then and sigh for wings.
We live, we love, we woo, we wed,
We wreathe our brides, we sheet our dead.
We laugh, we weep, we hope, we fear,
And that’s the burden of the year.
Ella Wheeler Wilcox, 1850-1919
Bild: Silvestertisch 2021.
Schlußstück
Der Tod ist groß,.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.
Rainer Maria Rilke, 1875-1926
Bild: Garten im Oktober 2012.
Wo?
Wo wird einst des Wandermüden
letzte Ruhestätte sein?
Unter Palmen in dem Süden?
Unter Linden an dem Rhein?
Werd ich wo in einer Wüste
Eingescharrt von fremder Hand?
Oder ruh ich an der Küste
Eines Meeres in dem Sand?
Immerhin mich wird umgeben
Gotteshimmel, dort wie hier,
Und als Totenlampen schweben
Nachts die Sterne über mir.
Heinrich Heine, 1797-1856
Aus: Nachgelesene Gedichte 1812 - 1827
Der Cimetière de Montmartre liegt in der Avenue Rachel im 18. Arr. von Paris. Neben Heinrich Heine (Grab s. Bild) wurden dort begraben Berlioz, Degas, Dumas, Offenbach, Stendhal, Truffaut und Zola.
Zu dir
Sie sprangen aus rasender Eisenbahn
Und haben sich gar nicht weh getan.
Sie wanderten über Geleise,
Und wenn ein Zug sie überfuhr,
Dann knirschte nichts. Sie lachten nur.
Und weiter ging die Reise.
Sie schritten durch eine steinerne Wand,
Durch Stacheldrähte und Wüstenbrand,
Durch Grenzverbote und Schranken
Und durch ein vorgehaltnes Gewehr,
Durchzogen viele Meilen Meer. -
Meine Gedanken. -
Ihr Kurs ging durch, ging nie vorbei.
Und als sie dich erreichten,
Da zitterten sie und erbleichten
Und fühlten sich doch unsagbar frei.
J. Ringelnatz, Flugzeuggedanken, Berlin 1929
Bild: Nordseeküste in Zeeland, NL. August 2004.
“Hope” is the thing with feathers -
That perches in the soul -
And sings the tune without the words -
And never stops - at all -
And sweetest - in the Gale - is heard -
And sore must be the storm -
That could abash the little Bird
That kept so many warm -
I’ve heard it in the chillest land -
And on the strangest Sea -
Yet - never - in Extremity,
It asked a crumb - of me.
Emily Dickinson , 1830–1886
Bild: Himmel am Niederrhein 2012.
Das Meer singt
Singe das Leben
Trunken und weit.
Rausche euch allen
Unendlichkeit.
Singe die Liebe
Grausam und groß.
Breit über alles
Mein Namenlos.
Gott tönt aus mir.
Dunkel und Glut.
Alles ist tödlich
Und alles ist gut.
Francisca Stoecklin, 1894 - 1931
Bild: Nordsee-Promenade in De Haan, Belgien, September 2023.
Die erste Elegie
Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.
Und so verhalt ich mich denn und verschlucke den Lockruf
dunkelen Schluchzens. Ach, wen vermögen
wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht,
und die findigen Tiere merken es schon,
daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind
in der gedeuteten Welt. Es bleibt uns vielleicht
irgend ein Baum an dem Abhang, daß wir ihn täglich
wiedersähen; es bleibt uns die Straße von gestern
und das verzogene Treusein einer Gewohnheit,
der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht.
Rainer Maria Rilke, 1875-1926. Beginn der 1. Duineser Elegie
Foto: Engel auf der Kirchturmspitze der Marienbasilika in Kevelar 2022
Wenn ich in Nächten wandre
Ein Stern wie viele andre,
So folgen meiner Reise
Die goldnen Brüder leise.
Der erste sagts dem zweiten,
Mich zärtlich zu geleiten,
Der zweite sagts den vielen,
Mich strahlend zu umspielen.
So schreit ich im Gewimmel
Der Sterne durch den Himmel.
Ich lächle, leuchte, wandre
Ein Stern wie viele andre.
Klabund, 1890-1928
Bild ist public domain. Credit: #conservationlands15 Social Media Takeover, June 15th, Top 15 Places to Stargaze on the #mypubliclandsroadtrip in BLM California.
Ich sehe dich in tausend Bildern,
Maria, lieblich ausgedrückt,
doch keins von allen kann dich schildern,
wie meine Seele dich erblickt.
Ich weiß nur, daß der Welt Getümmel
seitdem mir wie ein Traum verweht,
und ein unnennbar süßer Himmel
mir ewig im Gemüte steht.
Novalis, 1772-1801
Bild: Gnadenkapelle auf dem Kapellenplatz in Kevelaer im Januar 2023.
An die Sternen
Ihr Lichter, die ich nicht auf Erden satt kann schauen,
Ihr Fackeln, die ihr Nacht und schwarze Wolken trennt,
Als Diamante spielt und ohn Aufhören brennt,
Ihr Blumen, die ihr schmückt des großen Himmels Auen,
Ihr Wächter, die als Gott die Welt auf- wollte bauen,
Sein Wort, die Weisheit selbst, mit rechten Namen nennt,
Die Gott allein recht mißt, die Gott allein recht kennt,
(Wir blinden Sterblichen, was wollen wir uns trauen!)
Ihr Bürgen meiner Lust, wie manche schöne Nacht
Hab ich, indem ich euch betrachtete, gewacht?
Herolden dieser Zeit, wenn wird es doch geschehen,
Daß ich, der eurer nicht allhier vergessen kann,
Euch, derer Liebe mir steckt Herz und Geister an,
Von andern Sorgen frei werd' unter mir besehen?
Andreas Gryphius, 1616-1664
Bild: Feuerwerk über Alstaden, Neujahr 2012.
Zum Neujahr
Bald, so wird es zwölfe schlagen.
Prost Neujahr! wird mancher sagen;
Aber mancher ohne Rrren!
Denn es gibt vergnügte Herren.
Auch ich selbst, auf meinen Wunsch,
Mache mir ein wenig Punsch. -
Wie ich nun allhier so sitze
Bei des Ofens milder Hitze,
Angetan den Rock der Ruhe
Und die schönverzierten Schuhe,
Und entlocke meiner Pfeife
Langgedehnte Wolkenstreife,
Da spricht mancher wohl entschieden:
Dieser Mensch ist recht zufrieden!
Leider muss ich, dementgegen,
Schüttelnd meinen Kopf bewegen. -
Schweigend lüfte ich das Glas.
(Ach, wie schön bekömmt mir das!) -
Sonsten wie erfreulich war es,
Wenn man so am Schluss des Jahres
Oder in des Jahres Mitten
Zum bewussten Schrein geschritten
Und in süßem Traum verloren,
Emsig den Kupon geschoren!
Aber itzo auf die Schere
Sickert eine Trauerzähre,
Währenddem der Unterkiefer
Tiefer sinkt und immer tiefer. -
Traurig leere ich das Glas
(Ach, wie schön bekömmt mir das!) -
Henriette, dieser Name
Füllt mich auch mit tiefem Grame:
Die ich einst in leichten Stoffen
Herzbeklemmend angetroffen
Nachts auf dem Kasinoballe,
Sie, die später auf dem Walle
Beim Ziewiet der Philomele
Meine unruhvolle Seele
Hoch beglückt und tief beseeligt,
Sie ist anderweit verehlicht,
Ist im Standesamtsregister
Aufnotieret als Frau Pfister,
Und es wird davon gesprochen,
Nächstens käme sie in Wochen. -
Grollend lüfte ich das Glas.
(Ach, wie schön bekömmt mir das!) -
Ganz besonders und vorzüglich
Macht es mich so mißvergnüglich,
Dass es mal nicht zu vermeiden,
Von hienieden abzuscheiden,
Dass die Denkungskraft entschwindet,
Dass man sich so tot befindet,
Und es sprechen dann die Braven:
Siehe da, er ist entschlafen.
Und sie ziehn gelind und lose
Aus der Weste oder Hose
Den geheimen Bund der Schlüssel,
Und man rührt sich auch kein bissel,
Sondern ist, obschon vorhanden,
Friedlich lächelnd einverstanden. -
Schaudernd leere ich das Glas.
(Ach, wie schön bekömmt mir das!) -
Wo wird dann die Seele weilen?
Muss sie sich in Duft zerteilen?
Oder wird das alte Streben,
Hübsche Dinge zu erleben,
Sich in neue Form ergießen,
Um zu lieben, zu genießen,
Oder in Behindrungsfällen
Sehr zu knurren und zu bellen?
Kann man, frag' ich angstbeklommen,
Da denn gar nicht hinterkommen?Kommt, o kommt herbeigezogen,
Ihr verehrten Theologen,
Die ihr längst die ew'ge Sonne
Treu verspundet in der Tonne.
Überschüttet mich mit Klarheit! -
Doch vor allem hoff' ich Wahrheit
Von dem hohen Philosophen;
Denn nur er, beim warmen Ofen,
Als der Pfiffigste von allen,
Fängt das Licht in Mäusefallen. -
Prost Neujahr! Und noch ein Glas!
(Ei, wie schön bekömmt mir das!) -
Uh, mir wird so wohl und helle!
Himmel, Sterne, Meereswelle,
Weiße Möwen, goldne Schiffe;
Selig schwanken die Be-jiffe,
Und ich tauche in das Bette
Mit dem Seufzer: Hen-i-jette!
Wilhelm Busch, 1832-1908
Bild: Schaufensterdekoration zu Silvester 2016 in Kevelaer.
Heimlich zur Nacht
Ich habe dich gewählt
Unter allen Sternen
Und bin wach – eine lauschende Blume
Im summenden Laub.
Unsere Lippen wollen Honig bereiten,
Unsere schimmernden Nächte sind aufgeblüht.
An dem seligen Glanz deines Leibes
Zündet mein Herz seine Himmel an –
Alle meine Träume hängen an deinem Golde,
Ich habe dich gewählt unter allen Sternen.
Else Lasker-Schüler, 1869-1945
Bild: In der Binnenheide, Kevelaer. Dezember 2018.