Eigene Texte - Claus Niederau

  • “Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.” Eine Annäherung. 2020.
  • Heimat. 1999.
  • Die Freundschaft: Exzerpte. 1997 - 2020.
  • Das Jahr 1492. Kurze und lange Erinnerungen. 2020.
  • Sissi und Heine. 2020
  • Geschichte der Pfalz. 2004.
  • Bild und Sprache. 2020.
  • Die Bildtheorie Wittgensteins. 2020. 
  • Schönheit ist der Glanz des Wahren. 1994 - 2020.
  • Ambulante Hospizarbeit: Ein Plädoyer für das Ehrenamt. 2007. 
  • Krokus. 1972.
  • Atlantis. 1972.
  • Götterspeise. 2020.
  • Des Photos Schatten. 2020.
  • Meine liebsten Lyriker*innen im Mai 2020.
  • Gold. 2004/2021.
  • Abschied und Danke. 2020.
  • Warum schmecken Plätzchen so einzigartig? 2022.
  • Der Frühling in Sprache und Lyrik. 2022.
  • Einführung zu den Kamelien. Februar 2022.
  • Begrüßung zur Vernissage der Aquarellausstellung von Vera Niederau zum Thema „Kevelaer und der Niederrhein“ am 18. Mai 2022
  • Dankesworte anlässlich der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft des Ambulanten Hospizes Oberhausen e.V. am 9. September 2022
  • Grußwort zum 30-jährigen Bestehen der Gaucher Gesellschaft Deutschland e.V.  am 19.11.2022
  • Die Rose. Im Mai 2023.
  • Gedanken und Gedichte zum Monat April. Im April 2024.
  • Die Farbe BLAU. Im Mai 2025.
  • Gott, Mensch und Natur. Eine Reise durch Philosophie und Literatur. Im März 2026.

“Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.”
 Eine Annäherung

“Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar” lautet der Titel der Dankesrede von Ingeborg Bachmann anlässlich der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden am 17. März 1959 im Bonner Plenarsaal des Bundesrates (1). Mich hat dieser Satz als Mensch und Arzt ein Leben lang begleitet und geleitet. Besonders bedeutsam ist die Annäherung an Wahrheit bei Fragen von Liebe, Glaube, Hoffnung, Sterben und Tod. Ich habe über mehr als zwei Jahrzehnte eine Klinik mit Intensivstation geleitet und bin Vorstand eines ambulanten Hospizes. Hier geht es im wahrsten Sinne des Wortes jeden Tag um Leben und Tod. Neben meinem Glauben haben mir Literatur und Philosophie geholfen, mich der alltäglichen Wahrheit anzunähern. Das Ringen um Wahrheit begleitet uns alle, immer und überall.

Die Adäquations-Theorie hat seit mehr als 2000 Jahren die Diskussion um die Wahrheit dominiert (2-3). Diese Theorie prüft, ob Gedanken und Worte adäquat zur Wirklichkeit passen und eben dann wahr sind (2-3). Der Skeptizismus hinterfragt seit der Antike, ob es überhaupt gelingen kann, Wahrheit zu erkennen (4). Für kritische Menschen mag Wahrheit ohne die Möglichkeit von wissen und prüfen fragwürdig erscheinen. Die Adäquations-Theorie ist nicht epimistisch. Der Satz „Die Erde ist eine Kugel“ ist wahr oder falsch, ob wir es nun wissen oder nicht. Die Wahrheitstheorie ist im letzten Jahrhundert durch Ludwig Wittgenstein vorangetrieben worden (5). Er hat auch beschrieben, wie wichtig soziale Aspekte der Alltags-Sprache für die Wahrheit von Aussagen sind (6). Diese Idee greift die semantische Wahrheitstheorie von Tarski auf (7). Habermas hat sie als Konsenstheorie weiterentwickelt (8), wonach eine Aussage dann wahr ist, wenn sie Anerkennung aller vernünftigen Gesprächspartner verdient und über sie ein prinzipiell unbegrenzter Konsens hergestellt werden kann (8). Viele Philosophen der Postmoderne und Gegenwart lehnen - ähnlich wie die antiken Skeptiker - den Gedanken einer einzigen Wahrheit ab, da es nur miteinander konkurrierende subjektive Wahrheiten gäbe (9).  Der Kritische Rationalismus hält hingegen an der Wahrheit als Idee fest (10). Er erklärt Unterschiede in Meinungen mit ihrer unterschiedlichen Wahrheitsnähe. Gegenstand aktueller Forschung ist es, wie man der Wahrheit mit Wahrheitskriterien oder -indikatoren näher kommt (11). Ich neige zu dieser aktuellen Theorie und denke, dass Kunst und Literatur bei solcher Annäherung helfen.

Ingeborg Bachmann hat sich in ihrer Promotion (12) und mehreren Texten (13) mit Heidegger und Wittgenstein beschäftigt und später literarische Beiträge zum Thema Wahrheit publiziert (13-17). In ihrer Dichtung versucht sie immer wieder, die von Wittgenstein errichtete „Grenze der Sprache als Grenze der Welt“ (5) zu überwinden. Für Wittgenstein ist Sprache der Schüssel zur Wahrheit. Jeder wahre Satz beschreibt einen wirklichen Sachverhalt oder einen realen Gegenstand. Der Mensch kennt nur die Namen der Dinge, nicht die Dinge selbst (5). Wittgenstein ermuntert uns aber, die Sprache als Werkzeug zu erkennen, denn nur so kann man der Welt gegenübertreten (5). Ethik liegt jenseits der Sprachgrenze. Die Kunst kann Sprache und Ethik über Grenzen weg verbinden. Diese Gedanken durchziehen die Kunst der Ingeborg Bachmann. 

Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ (1). Das heißt auch, die Wahrheit kann eine Zumutung sein. Wer die Wahrheit sagt, mutet dem anderen etwas zu. Ingeborg Bachmann mutet den Kriegsblinden sogar folgende Zeilen zu: (1) „So kann es auch nicht die Aufgabe des Schriftstellers sein, den Schmerz zu leugnen, seine Spuren zu verwischen, über ihn hinwegzutäuschen. Er muß ihn, im Gegenteil, wahr haben und noch einmal, damit wir sehen können, wahr machen. Denn wir wollen alle sehend werden. Und jener geheime Schmerz macht uns erst für die Er­fahrung empfindlich und insbesondere für die der Wahrheit. Wir sagen sehr einfach und richtig, wenn wir in diesen Zustand kommen, den hellen, wehen, in dem der Schmerz fruchtbar wird: Mir sind die Augen aufgegangen. Wir sagen das nicht, weil wir eine Sache oder einen Vorfall äußerlich wahrgenommen haben, sondern weil wir begreifen, was wir doch nicht sehen können. „

Als Arzt muss man sich täglich mit Wahrheit und Sprache beschäftigen. Dies gilt besonders für den Umgang mit schwer oder unheilbar Erkrankten. Hier kann die Wahrheit eine ganz bittere Zumutung sein. Man muss die “richtigen Worte” finden, wie bitter die Wahrheit auch bleibt. Manche Menschen wollen die Wahrheit gar nicht hören. Der Arzt kann die Wahrheit nur anbieten wie einen Mantel, in den man hineinschlüpfen kann. Sprache und Wahrheit spielen eine entscheidende Rolle in der Begegnung mit anderen Menschen, vor allem in der Liebe. Hier kann ein “falsches Wort” alles verderben. Kann man ohne Wahrheit leben? Philosophisch kaum, real schon. Man kann es aber nicht mehr, wenn man Ingeborg Bachmann gelesen hat. 

Bei Joh 8, 32 18 heißt es:  „...ihr...werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Die Wahrheit kann aber zunächst bitter enttäuschen; trotzdem schreibt Ingeborg Bachmann (1), „daß man enttäuscht, und das heißt: ohne Täuschung zu leben vermag.“ Die Kontroversen der Wahrheitstheorien bestätigen, wie schwierig die Annäherung an Wahrheit ist. Niemand kann Wahrheit mit Löffeln fressen. Niemand hat Anspruch auf die Wahrheit, jeder Mensch kann sich täuschen. Heute leben wir in Orwellschen Zeiten der universellen Täuschung, wo das Aussprechen der Wahrheit zur revolutionären Tat wird. Man kann enttäuscht von der Wahrheit weiterleben. Nach Ingeborg Bachmann ist dann sogar eine Art des Stolzes gerechtfertigt (1): “...der Stolz dessen, der in der Dunkelhaft der Welt nicht aufgibt und nicht aufhört, nach dem Rechten zu sehen.“ Diese Ermunterung habe ich den ehrenamtlichen Sterbebegleiter*innen des Ambulanten Hospizes immer wieder mit auf den Weg gegeben.

Die Wahrheit durchzieht als Motiv das Werk von Ingeborg Bachmann. Die Kunst möge die Wahrheit sagen, so dass einem die "Augen aufgehen" (1). Schon die gewagte Utopie, Blinde sehend zu machen, deutet auf die Schwierigkeiten, sich mit dem Begriff Wahrheit zu nähern. Wie sieht man, wenn man die Augen nicht sehen können? Iso Carmatin hat in seinem Essay zur „Macht der Musik“ geschrieben (19): „Dabei ist es nicht so sehr das Ohr, das die Wirkung der Musik ins Herz trägt, als das Herz, das sie zum Ohr trägt.“ So mag es auch nicht so sehr das Auge sein, das die Wirkung des Gesehenen ins Herz trägt, als das Herz, das sie zum Auge trägt. Ingeborg Bachmann war eine sehr gute Kennerin der Literatur. So ist ihr Gedicht „An die Sonne“ eine Hymne an die deutsche Lyrik mit Rückverweisen an eine Vielzahl von deutschen Gedichten (20). In dem Bild „Mir sind die Augen aufgegangen“ zitiert Ingeborg Bachmann mit William Shakespeare den berühmtesten aller Vordichter, der vor mehr als 400 Jahren sein Sonett Nr. 43 mit dem folgendem Vers begann: „Klar seh' ich erst, wenn sich mein Auge schließt“ (21).

Die Kunst soll uns also die Augen aufgehen lassen und uns mit der Darstellung der Wirklichkeit zur Wahrheit führen. Einfach ist dies nicht, auch nicht bei Ingeborg Bachmann. Der Wahrheitsanspruch der Kunst stimmt oft nicht mit unserer Wirklichkeit überein, es besteht eine unübersichtliche Grenze. Dichtung und Kunst können diese Grenze überwinden – mit ethischer Vision und Utopie. Bachmann beschreibt solche Grenzüberschreitungen in ihrem Gedicht „Alle Tage“ (22), im Interview „Ein Tag wird kommen“ 23 und im Gedicht „Böhmen liegt am Meer“ (15). Der erneute Rückverweis auf Shakespeare (24) „Böhmen liegt am Meer“ (15) ist nach Wittgenstein eindeutig ein „falscher“ Satz (5). Dies weiß Ingeborg Bachmann. Trotzdem macht sie den Satz in ihrem Gedicht „wahr“, denn Kunst kann die Grenzen von Logik und Philosophie überwinden.

Sprache und Literatur versuchen, sich der Wirklichkeit und Wahrheit anzunähern. Dass Kunst dabei immer nur Annäherung ist, zeigen gerade Bachmanns Texte. Oft verweigern uns ihre Gedichte, Bilder und Metaphern den Sinn, den wir Lesenden selbst suchen müssen. Auch ein Arzt ist oft nur ein dem Menschen zugewandter Begleiter. So bin ich dankbar, dass mich die Texte von Ingeborg Bachmann bis heute begleitet haben.

In zwei Bachmannschen Gedichten geht es schon im Titel um die Wahrheit: Das eine mit dem Titel „Wahrlich“ ist der russischen Lyrikerin Anna Achmatova gewidmet (15), das zweite stammt aus dem Band „Anrufung des Großen Bären“ (17) und erzählt von Wahrheit und von Sand in den Augen. In diesem Gedicht mit dem Titel „Was wahr ist“ lautet ein Vers „Was wahr ist, rückt den Stein von deinem Grab“ (17). Gott existiert für Ingeborg Bachmann immerhin als Utopie. Als Jenseits nicht verortbar, als Möglichkeit aber denk- und sagbar. Denn: „Böhmen liegt am Meer“ (15).

Bei aller Schönheit und Ambivalenz ihrer Gedichte vergisst man manchmal, dass Ingeborg Bachmann eine ausgesprochen politische Dichterin war. Ihr wohl bekanntestes politisches Gedicht „Alle Tage“ (22) bleibt mir seit dem Gymnasium ein - manchmal utopisches - Vorbild. Der aus dem Gedicht entnommene „Verrat unwürdiger Geheimnisse“ wird später zum Motto der Bewegung von Whistleblowern und Wikileaks. Weitere Texte der Bachmann belegen, dass Utopien wirklich werden können. Aus ihrem Roman Malina (25) stammt die damals utopisch anmutende Vorstellung, dass wieder freie Wisente bei uns leben, die Poesie der Frauen wieder erschaffen und die Luft vom Schmutz befreit wird. Immerhin: Die Luft ist in den letzten Jahrzehnten immer sauberer geworden (26), die Genderdiskussion ist allgegenwärtig (27) und es gibt tatsächlich wieder freilebende Wisente in Deutschland (28). All dies hätte Ingeborg Bachmann gefreut. Sie hat diese Utopien prophetisch beschrieben. Denn „Böhmen liegt am Meer“ (15).

Prof. Dr. med. Claus Niederau im April 2020

Literaturhinweise

  1. Ingeborg Bachmann. Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Essays, Reden, Kleinere Schriften. Piper Verlag 2011. Mit freundlicher Genehmigung von Andrea Binder, Piper Verlag.
  2. Hans Reiner. Die Entstehung der Lehre vom bibliothekarischen Ursprung des Namens Metaphysik. Geschichte einer Wissenschaftslegende. Zeitschrift für philosophische Forschung 1955: 9: 77-99.
  3. Thomas von Aquin.:Von der Wahrheit (De veritate, Quaestion I). Lateinisch - Deutsch, ausgewählt, übersetzt und herausgegeben von Albert Zimmermann, Hamburg 1986. Online im Corpus Thomisticum.
  4. Julia Annas, Jonathan Barnes: The Modes of Scepticism. Ancient Texts and Modern Interpretations. Cambridge 2003.
  5. Ludwig Wittgenstein. Tractatus logico-philosophicus, Logisch-philosophische Abhandlung. Suhrkamp Verlag 2003. 
  6. Ludwig Wittgenstein. Logisch-philosophische Abhandlung, W. Ostwald (Hrsg.), Annalen der Naturphilosophie 1921 (http://digital.slub-dresden.de/sammlungen/titeldaten/15325484L/)
  7. Alfred Tarski. The Semantic Conception of Truth and the Foundations of Semantics. Philosophy and Phenomenological Research 1944; 4: 3.
  8. Jürgen Habermas. Wahrheitstheorien. In: Helmut Fahrenbach (Hrsg.): Wirklichkeit und Reflexion. Neske, Pfullingen 1973-. Ebenfalls in: Vorstudien und Ergänzungen zur Theorie des kommunikativen Handelns. Suhrkamp Verlag 1984.
  9. Ernst von Glasersfeld: Der Radikale Konstruktivismus. Ideen, Ergebnisse, Probleme. Suhrkamp  Verlag 1996.
  10. Siegfried J. Schmidt. Konstruktivismus auf dem Wege. Shoebox House. Sammlung Flandziu, Band 3. Hamburg 2017.
  11. Gunnar Skirbekk. Wahrheitstheorien. Eine Auswahl aus den Diskussionen über Wahrheit im 20. Jahrhundert. Suhrkamp Verlag 1977.
  12. Ingeborg Bachmann. Die kritische Aufnahme der Existentialphilosophie Martin Heideggers. (Dissertation Wien 1949). Piper Verlag 1985.
  13. Ingeborg Bachmann. Frankfurter Vorlesungen. Piper Verlag 1982.
  14. Ingeborg Bachmann. Wir müssen wahre Sätze finden. Gespräche und Interviews. Hrsg.: Christine Koschel, Inge von Weidenbaum, Piper Verlag 1983.
  15. Ingeborg Bachmann. Liebe: Dunkler Erdteil. Piper Verlag 1982.
  16. Ingeborg Bachmann. Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar: Essays, Reden, Kleinere Schriften. Piper Verlag 2011.
  17. Ingeborg Bachmann. Anrufung des großen Bären. Piper Verlag 1956.
  18. Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2016
  19. Iso Camartin. Die Macht der Musik. Graziendienste. Suhrkamp Verlag 1999.
  20. Peter von Matt. Wörterleuchten: Kleine Deutungen deutscher Gedichte. DTV Verlag 2011.
  21. William Shakespeare.  Sonett Nr. 43. Übersetzt und nachgedichtet von Max Josef Wolff, Musaicum Books. OK Publishing 2017.
  22. Ingeborg Bachmann. Die gestundete Zeit. Piper Verlag 1957.
  23. Ingeborg Bachmann. Ein Tag wird kommen. Gespräche in Rom. Ein Porträt von Gerda Haller. Jung und Jung Verlag, Salzburg - Wien 2004.
  24. William Shakespeare. The Winter's Tale. The Arden Shakespeare Third Series. William New Edition 2010.
  25. Ingeborg Bachmann. Malina. Suhrkamp Verlag 1974.
  26. www.umweltbundesamt.de/themen/luft/daten-karten/entwicklung-der-luftqualitaet#entwicklung-der-luftqualitat-in-deutschland
  27. Ines Kappert. 30 Jahre Judith Butlers „Gender Trouble“: Gewissheiten in Frage stellen. taz.de. 14. März 2020.
  28. www.welt.de/regionales/nrw/article191007025/Rothaargebirge-Kompromiss-im-Streit-ueber-wilde-Wisent-Herde.html
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Ingeborg Bachmann Büste im Norbert-Artner-Park in Klagenfurt, am 25.Juni.2006 aufgestellt. Free for use under the  GNU Free Documentation License. For attribution/credit: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bachmann_bueste.jpg. 

Heimat.        

Rede anlässlich der Einweihung 
unseres neubezogenen Hauses 1999. 

Liebe Gäste,

 

wir freuen uns sehr, dass Sie unserer Einladung zur Einweihung unseres neuen Hauses gefolgt sind. Wir hoffen, Sie fühlen sich hier so wohl, wie wir dies vom ersten Tag an getan haben. Ein neues Zuhause in einer neuen Stadt wirft viele Fragen auf. Fühlen Sie sich wohl? Vermissen Sie Düsseldorf nicht? Wo sind Sie bisher Zuhause gewesen? Ja, wo ist unsere Heimat. Wird dieses Fleckchen Erde einmal unsere Heimat werden oder zumindest die unserer Kinder. Ist die Frage nach Heimat überhaupt noch zeitgemäß? Der Begriff der Heimat klingt antiquiert und altmodisch, und doch man kann ihn nicht verdrängen.

 

Selbst 1968 gab es deutsche Zeitgenossen, die sich mit diesem Begriff auseinandersetzten - ganz unzeitgemäß: Martin Walser hat damals ein Buch mit dem Titel "Heimatkunde" veröffentlicht. Jetzt erst, also nachdem die Zeitgeistdiskussion über die regionale Identität aufkam, erschien die zweite Auflage der „Heimatkunde“, in der es heißt: "Volkskundler waren lange Zeit gefährdet wie Opiumraucher. Auch heute gibt es noch Leute, die können keinen Gamsbart sehen, ohne sich gleich als schneidige Intellektuelle zu fühlen. Heimat scheint es vor allem in Süddeutschland zu geben. Wo gibt es mehr Gamsbärte, Gesangsvereine, Gesundbeter, Bauernschränke, Melkschemel, Bekenntnisschulen, usw. Heimat, das ist sicher der schönste Name für Zurückgebliebenheit".


Tatsächlich konnte man sich viele Jahre sicher sein, beim Verwenden des Wortes Heimat, selbst bei wohlwollenden Zeitgenossen, ein mildes Lächeln zu ernten. Lassen Sie mich dennoch versuchen, diesem Begriff anlässlich des heutigen Abends auf die Spur zu kommen.

 

Eine zeitgeist-gemäße Bestimmung des Begriffes "Heimat" hat der tschechische Präsident Vaclav Havel vor zwei Jahren vor dem Deutschen Bundestag gegeben: Ich zitiere einige Passagen: "Der Mensch ist keine Erscheinung an sich ... Im Gegenteil, unsere Identität wird durch zahlreiche Schichten dessen mitgestaltet, was als unser Zuhause bezeichnet werden kann. Unsere Familie; unsere Freunde; unsere Glaubensgemeinschaft; das Haus, in dem wir leben; unsere Gemeinde und Landschaft; unser Land; aber auch der breitere Zivilisationskreis, zu dem wir uns zugehörig fühlen; und letzten Endes auch unser Erdenbürgertum.“

 

Nur eine dieser Schichten aber nennen wir Heimat. Gewöhnlich verstehen wir darunter das Land, in dem das Volk lebt, dem wir angehören. Als sich allmählich Nationen im modernen Sinne des Wortes bildeten, wurde unter dem Begriff Heimat immer deutlicher der eigene Nationalstaat verstanden. Ich glaube, wenn man heute Heimat sagt, verbinden damit die meisten Menschen eben die zuletzt beschriebene Bedeutung. Anders gesagt, sie sehen die Heimat als eine abgeschlossene, genau definierbare Struktur. Ist eine solche Einstellung zur Heimat die einzig richtige und zukunftsorientierte Haltung? "Heimat" ist vom urgermanischen "haima" abgeleitet, welches nicht nur die uns nahestehende, vertraute Welt, also eine Schicht unseres Zuhauses bezeichnete, sondern auch die Welt in ihrer Gesamtheit. Ursprünglich bezeichnet also das Wort Heimat keine abgeschlossene Struktur, sondern das Gegenteil: eine Struktur, die öffnet; einen Leitfaden, der vom Bekannten auf das Unbekannte und vom Konkreten auf das Allgemeine weist. Es ist der feste Boden unter den Füßen, auf dem der Mensch steht, wenn er sich zum Himmel hin ausrichtet.

 

Eine allmähliche Überwindung des Nationalstaates in seiner traditionellen Auffassung sollte meines Erachtens auch eine neue Reflexion des Begriffs Heimat herbeiführen. Wir sollten lernen, die Heimat wieder als unseren Teil der "Welt im Ganzen" zu empfinden, das heißt als etwas, das uns einen Platz in der Welt verschafft, statt uns von der Welt zu trennen. 

 

Stimmt Havels Analyse? Trifft sie auf uns hier- also „tief im Westen“ Deutschlands zu? 

 

In wichtigen Punkten irrt Havel, offensichtlich unterscheiden sich die tschechische und die deutsche Gesellschaft heute fundamental - oder aber - was wahrscheinlicher ist - Havel irrt vor allem in der Analyse unserer Gesellschaft. Auf die Frage lieben Sie Ihr Land, hätte Havel wahrscheinlich ohne Reflexion mit "Ja" geantwortet. Anders schon vor vielen Jahren unser ehemaliger Bundespräsident Gustav Heinemann, der auf die Frage, ob er Deutschland liebe, sagte: "Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau; fertig."

 

Was ist Heimat? Das ist für fast 90 % der Bundesbürger nicht Deutschland, sondern der Ort, an dem sie, ihre Familie und ihre Freunde leben. Lediglich 11 % der Deutschen verbinden mit dem Begriff "Heimat" zuerst Deutschland. Dies ist ein Ergebnis einer Emnid-Umfrage, die im Auftrag des SPIEGELS im Sommer 1999 durchgeführt wurde. Für die jungen Menschen hat Deutschland als Heimat einen noch geringeren Stellenwert: Nur 1 % der 18- bis 29-Jährigen betrachten Deutschland als ihre Heimat. Und dennoch ist Heimat im Zeitalter der Globalisierung wichtiger geworden. Denn für mehr als 56 % hat der Begriff an Bedeutung gewonnen, nur 25 % haben ausgesagt, daß ihnen die Heimat weniger bedeute als früher. 

 

Heimat ist sicher weit mehr als das aktuelle Zuhause: Zu Hause bin ich, wo meine Familie und meine Arbeit ist. Hier finde ich einen Ausgangspunkt wieder. Heimat aber ist der Ort, wo alles begann und alles wieder enden kann. Vertraute Gefühle, wie der von Sand unter den nackten Füßen, vertrauten Gerüchen, wie der von Weihnachten, und die Erkennung geliebter Landschaften. In der Heimat ist das Leben in Ordnung: Vertrautheit, Sicherheit, aber auch Freiheit und Zukunft. 

 

Bei der Vorbereitung des Themas habe ich nicht nur unsere Bücher durchgeschaut, sondern auch im Internet gesurft, dort bin ich auch auf das schon zitierte Spiegel-Spezial-Heft gestoßen. Wenn der Spiegel einem Thema wie "Heimat" ein Spezialheft widmet, so kann der Wind des Zeitgeistes nicht weit sein.

 

Der Begriff Heimat ist in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten in Verruf geraten und hat eine negative, ideologische Bedeutung erhalten. Dies gilt für alle Heimat-Begriffe, wie Heimatbund, Heimatverein, Heimatabend, Heimatverbundenheit, Heimatkunde und Heimattreue. Viele schließen daraus Verbindungen zur Ideologie des „Dritten Reiches“, andere denken an Wirtshäuser mit Vereinsfahnen. 

 

Liest man einige der Artikel aus dem Juni-Heft des Spiegels im Jahr 1999, kann man aber zunächst den Eindruck gewinnen, der Begriff "Heimat" sei immer noch hoffnungslos antiquiert.

 

So schreibt eine 42-jährige Psychologin aus Berlin: "Mit dem Wort Heimat kann ich nichts anfangen. Für mein Leben trifft der Begriff "kulturelle Identität" viel eher zu. Orte verändern mich. So wie ich mich selbst verändere, wandelt sich auch mein Umfeld. Heimat ist Verortung von Menschen. Heimat verschluckt Menschen. Ich empfinde Heimatlosigkeit als großen Vorteil." 

 

Ein 22-jähriger, deutscher Jura-Student äußert sich ähnlich: "Heimat ist ein altmodischer Begriff, einfach nicht mehr zeitgemäß. Jetzt, wo doch alle vom Global Village reden. Wenn mich jemand fragt, sage ich, ich bin Europäer. In meinem Leben wird es eben immer temporäre Aufenthaltsorte geben, egal, ob für ein Jahr, für zehn oder für zwanzig Jahre. Die Welt ist so groß.“

 

Erst in den letzten Jahren gibt eine Wiedergeburt der Heimat, wobei der Begriff Heimat weiter gemieden und durch andere Begriffe ersetzt wird. In dem Maße, wie Nationalstaaten mit der Globalisierung der Weltwirtschaft an Steuerungsfähigkeit einbüßen, gewinnt die Region an Bedeutung. Ein ganzer Sonderforschungsbereich der Deutschen Forschungsgemeinschaft beschäftigt sich mit der Entstehung der regionalen Identität. Die Nähe zum Begriff der Heimat findet sich hier freilich erst nach näherem Lesen der Forschungsinhalte. „Heimat“ klingt eben ziemlich unwissenschaftlich - die "regionale Identität" hingegen umweht der Zeitgeist.

 

Meine eigentliche Heimat ist Wuppertal und der Begriff "Geschichte" und im besonderen die "Bergische Geschichte" gehörte zu meinem Zuhause, da sich mein Vater sein Leben lang damit beschäftigt hat. Die Stadt Wuppertal - als Konstrukt so jung wie Oberhausen - ist auf der einen Seite der Region von Rhein und Ruhr auf engste benachbart, ist aber andererseits ur-bergisch geblieben. Hier war Heimatkunde nie absurd und die Menschen sind bodenständiger als die Düsseldorfer, eher also schon wie die westfälisch-angehauchten Bewohner des nördlichen Ruhrgebiets. Mit Genuß habe ich bei der Vorbereitung meiner Heimatbetrachtungen das Buch "Auf der Suche nach der Wuppertaler Seele" gelesen; ich kann es allen Wuppertaler Freunden nur empfehlen- fast alles stimmt und lässt heimatliche Gefühle aufkommen; manches aber wird verschwiegen - wer wie ich vor 40 Jahren neben der Schwebebahn unweit vom Zoo gewohnt hat, dem werden vor allem zwei heimatliche Erinnerungen bleiben: der Ausfall des Fernsehbildes im Vier-Minuten-Takt, in dem die so umweltfreundliche Schwebebahn vorbeikreischte und nicht minder einprägsam die heimatlichen Düfte der Firma Bayer. Vielleicht war dies alles auch nur kindliche Einbildung so wie die bunt-changierenden Farben der Wupper, wenn man in der Bahn über ihr schwebte?

 

Früher war die Heimat ganz selbstverständlich dort, wo man geboren war, wo man aufwuchs und sein Leben lebte. Reiste man in ferne Orte, fühlte man Fremde und Heimweh. Reisen war nicht selbstverständlich und mein Großvater aus Altenessen ist nie im Ausland gewesen.
 
Gastfreundschaft bleibt wichtig. Heute ist die Welt klein geworden, der Zeitgeist spricht vom "Global Village". Reisen ist Pflicht. Die Deutschen sind das Reisevolk Nr. 1. Wenn die Grenzen zwischen Heimat und Fremde verschwinden, verliert die freie neue Welt aber auch Mitte und Heimat. Wir gehen nicht mehr auf Reisen in die Welt und kehren nicht mehr zurück zu uns. Auch die Gastfreundschaft schrumpft zur Formalität, die keine Heimat mehr schenkt, sondern nur noch gemeinsames Unterwegssein bezeugt. Der Weg in die Welt und die Heimat scheinen eins geworden zu sein, doch sie sind es nicht wirklich, denn sie sind im Wesen verschieden. Der Mensch braucht die Erfahrung von Heimat und Fremde; es gilt, einen Ausgleich zwischen beiden Polen zu finden. 

 

Martin Heidegger spricht davon, daß die menschlichste Haltung diejenige einer heiteren Gelassenheit und Offenständigkeit ist. Heitere Gelassenheit und Offenständigkeit sind in ihrem Wesen voneinander verschieden und grenzen sich, um sich selbst zu sein, voneinander ab. Die heitere Gelassenheit wird erst dann zur Heimat, wenn Offenheit hinzukommt, ein Weg zum Hause führt und Gäste empfangen werden. 

 

Ernst Bloch widmet den dritten Teils seines Hauptwerkes "Prinzip Hoffnung" der menschlichen Identität, die Heimat begründet. Das Prinzip Hoffnung schließt mit der Überzeugung, der Mensch lebe "noch überall in der Vorgeschichte", und erst "wenn er sich erfaßt habe, entsteht in der Welt etwas, das allen in der Kindheit scheint und worin doch noch niemand war: Heimat". Heimat also als paradoxer Zeit- und Grundbegriff, sowohl Vorgeschichte wie Zukunftsbegriff.


Unsere eigene Biographie, die von meiner Frau und mir, spiegelt das Wechselspiel von Heimat und Fremde wider. Wir freuen uns besonders, dass heute Abend Freunde aus fast allen diesen Lebensabschnitten den Weg in unser neues Zuhause gefunden haben. Man erkennt Heimat erst, wenn man in der Fremde lebt - meine Frau und ich haben konkret vor der Frage gestanden, auf welchem Kontinent wir leben wollen, in den USA oder in Europa. Der Gedanke, unsere Kinder hätten einst Amerika als Heimat, dieser drohende Bruch in Familie und Freundeskreis, hat den Ausschlag zugunsten Europas gegeben. 

 

Was wird unseren Kindern einmal Heimat bedeuten? Dieses Haus, Oberhausen, das Revier, Deutschland, Europa? 

 

Wir werden alle die anderen Lebensabschnitte nicht vergessen - weder Jülich, noch Köln, noch Wuppertal und schon gar nicht die gemeinsamen Jahre in Düsseldorf. „Die Stadt Düsseldorf ist sehr schön und wenn man in der Ferne an sie denkt und zufällig dort geboren ist, so wird einem wunderlich zumute und es ist, als müßte man gleich nach Hause gehen“, so Heinrich Heine. Nun sind wir beide nicht in Düsseldorf geboren und der Wechsel vom Rhein zur Ruhr ist uns leicht gefallen. 

 

Bei meiner Abschiedsfeier in Himmelgeist wurde ich von den Rheinländern mit Grubenlampe und Helm ausgerüstet, um im Pott zu überleben. Gebraucht habe ich mehr ein anderes Geschenk, den "Pommesführer Ruhr" und das Büchlein "Der Ruhrpott pauschal". Vieles, was dort beschrieben ist, erscheint zunächst als Tegtmeierscher Witz - und wird doch schnell von der Realität übertroffen. Bei der Visite in der Klinik heißt es täglich "Hauptsache, ich wird geholfen Herr Doktor" und wenn man in der Pommesbude auf die Frage "Met Allet?" "Ja" sagt, so gibt es Tzatziki und Zwiebeln in den Döner. Gemäß dem Ruhrpottführer darf aber auch der Ruhri gelegentlich einmal nach Düsseldorf fahren, so heißt es dort: "Am Samstag fährt der Ruhri gerne auch einmal in die Düsseldorfer Altstadt, selbst auf das Risiko hin einem Rheinländer zu begegnen und Altbier trinken zu müssen".

 

Nun warum aber gerade nach Alstaden, und nicht etwa nach Königshardt oder nach Speldorf, in die schönen Wohnzimmer des Ruhrgebietes, wie es uns die Makler so schmackhaft machten. Nun, unser Haus war so richtig schön alt wie wir es uns immer gewünscht hatten, der verstorbene Vorbesitzer war Arzt und Internist aus just dem Lionsclub, in dem ich nun in Oberhausen aufgenommen bin. Noch entscheidender für die Wahl: Etwa 40 m links gegenüber auf der anderen Straßenseite der Eissalon, die Bude rechts „umme Ecke“ knapp 50 m weg, der Bäcker ganze 30 m, Penny und die Polizei 100 m, und der Aldi gut 200 m. Also alles was man wirklich braucht „is umme Ecke“. Keine Sorge auch die Pommesbude, die ist 100 m rechts „umme Ecke“ und liefert all die Köstlichkeiten des Reviers: Döner, Kebab, türkische Pizza, Currywurst und Pommes Rot-Weiß. Die Bude „umme Ecke“ ist eine ruhrgebietstypische Einrichtung. Im Schwäbischen wäre sie undenkbar. Richtung Düsseldorf gibt es auch eine Bude „umme Ecke“, nur heißt sie hier - eben vornehmer - Trinkhalle.

 

Auch unser Garten ist typisch Ruhrgebiet, grün und ruhig. Der Sohn des Vorbesitzers konnte sich allerdings noch erinnern, daß die Mutter in seiner Kindheit das Rosenthal-Service nur drinnen deckte, da draußen nach zwanzig Minuten alles von einer schwarzen Staubschicht überzogen war. Auch ich kann mich noch an den Kohlegeruch und die uniform schwarzen Häuser in der Heimat meiner Mutter in Altenessen erinnern. Nun hat sich seit einigen Monaten die ehemals schwarze Farbe unseres Hauses in ein freundliches Gelb verwandelt, denn so Johannes Rau: „Wenn der Wandel eine Heimat hat, so liegt sie im Ruhrgebiet.“

 

Was wünschen wir uns von unserem neuen Zuhause. Natürlich, dass es uns und unseren Kinder Heimat wird. So etwa, wie es Siegfried Lenz ausdrückt: „Heimat ist der Winkel vielfältiger Geborgenheit, es ist der Platz, an dem man aufgehoben ist, in der Sprache, im Gefühl, ja, selbst im Schweigen aufgehoben, und es ist der Flecken, an dem man wiedererkannt wird; und das möchte doch wohl jeder eines Tages: wiedererkannt, und das heißt: aufgenommen werden.“ 

 

Wir wünschen auch, dass dieses Haus Ihnen und uns ein Ort der Gastfreundschaft und Begegnung sei und damit ein Stück Heimat werde. 

 

Prof. Dr. med. Claus Niederau – 28. August 1999
 
 

Literatur

Für meine Begrüßungsrede 1999 habe ich mir leider damals die Originalliteratur  nicht notiert, deshalb stammen die u. g. Angaben teils aus Buchausgaben, die nach 1999 datiert sind:

 

Martin Walser. Heimatkunde. Aufsätze und Reden. Suhrkamp Verlag 1996.

 

Václav Havel spricht im Deutschen Bundestag. 1997. www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2017/kw17-kalenderblatt-vaclav-havel-502774

 

Wolfgang Gröf, Sabine Kneib. Johannes Rau: Ein Politikerleben in Briefen, Reden und Bildern. Dietz Verlag  2011.

 

Sehnsucht nach Heimat. SPIEGEL Spezial 6/1999. 

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Sonderforschungsbereiche

 

Gustav Heinemann. "Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau; fertig!" - Auf die Frage, ob er diesen Staat denn nicht liebe. Zitiert von Hermann Schreiber in DER SPIEGEL, 13. Januar 1969.

 

Ernst A. Ziegler, Johannes Rau. Auf der Suche nach der Wuppertaler Seele: Geschichten aus einer ganz besonderen Stadt. Born Verlag 1996.

 

Ernst Bloch. Das Prinzip Hoffnung. Suhrkamp Verlag 1985.

 

Heinrich Heine. Ideen. Das Buch Le Grand. Zenodot Verlagsgesellschaft 2017.

 

Prinz Henning, Marius Ebel. Pommesführer Ruhr: Die 50 kultigsten Buden. Klartext Verlag 2015.

 

Felix Janosa. Der Ruhrpott pauschal. Fischer Verlag 1999.

 

Siegfried Lenz. Winkel vielfältiger Geborgenheit: Suleyken, Lucknow, Egenlund.

In: Der ungeheure Verlust, Louis Ferdinand Heibig (Hrsg.). Harrassowitz Verlag 1996.

 

Siegfried Lenz. Heimatmuseum. Hoffmann und Campe Verlag 1978. 

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Zwei Schwanzmeisen am Biotop in Alstaden 2020.

Die Freundschaft: Exzerpte.

In den vergangenen 30 Jahren habe ich bei Geburtstagen und Festen zum Thema „Freundschaft“ referiert. Auf deren Wunsch waren „Lions-Freundschaft“ und „Männerfreundschaft“ Varianten der Thematik. Nun habe ich diese Reden noch einmal gelesen und gemerkt, dass sich in den vergangenen 30 Jahren einiges zum Thema Freundschaft getan hat. Dazu gehören insbesondere die bis heute nicht abgeschlossene Genderdiskussion und das große Projekt der neuen Medien. So versuche ich, meine Gedanken zum Thema Freundschaft im April 2020 zusammenzufassen und zu aktualisieren.

 

Traditionelle Freundschaftsbegriffe in Philosophie und Literatur - Männerfreundschaften

„O meine Freunde, Freunde gibt es nicht“. Das Zitat stammt aus Jacques Derridas Artikel „Die Politik der Freundschaft“, der - im Jahr 1997 publiziert - sich fast ausschließlich mit diesem einen Satz beschäftigt (1): „O meine Freunde, Freunde gibt es nicht.“ Auch Derrida zitiert, und zwar Michel de Montaigne, dessen aus dem 15. Jahrhundert stammender Essay „Über die Freundschaft“ eben dieses Zitat enthält (2). Es ist - so Montaigne - das von Aristoteles so gern benutzte Wort (3). Neuere Arbeiten zeigen, dass die Vorstellungen Platons (4) sich nicht sehr von denen des Aristoteles unterschieden (5).

Der Begriff Freundschaft hat die Philosophie über mehr als zwei Jahrtausende bis in die Gegenwart fasziniert (6-7). Alle bedeutenden Abhandlungen zur Freundschaft beklagen ihre Gefährdung. Matthias Claudius (8) beschreibt dies so: „Von der Freundschaft spricht nun einer: sie sei überall; der andere: sie sei nirgends - und es steht dahin, wer von beiden am ärgsten gelogen hat.“ Wenn die Philosophie das Thema bis heute diskutiert, scheint es nicht ganz einfach, sich dem Phänomen zu nähern. Vielleicht gibt es wenigstens eine einfache Antwort auf die Frage: Was bedeutet „Männer-Freundschaft“. Tatsächlich gab es in der Literatur und Philosophie bis in die 1960er Jahre fast nur Berichte und Abhandlungen zu Männer-Freundschaften. Dies heißt aber nicht, dass es nicht zuvor auch Frauenfreundschaften gegeben hat, diese wurden allerding damals nicht öffentlich oder systematisch thematisiert. Alle großen philosophischen Diskussionen zur Freundschaft schließen die Freundschaft zwischen Frauen einerseits und die Freundschaft zwischen einem Mann und einer Frau andererseits aus. Dies zieht sich bis in die heutige Forschung. Zwar werden nun auch Frauenfreundschaften akzeptiert, eine Freundschaft zwischen Frau und Mann wird aber quasi „per definitionem“ ausgeschlossen (9-11).

Worin ist diese doppelte Ausschließung des Weiblichen in der Philosophie der Freundschaft begründet? Bei der Freundschaft zwischen einem Mann und einer Frau mag immer ein wenig Erotik mitspielen, so unbewusst sie auch sein mag. Und doch - es gibt keine Liebe, die nicht von Freundschaft begleitet wird, und es gibt keine wahre Freundschaft ohne Liebe. Nietzsche hat dies im Zarathustra so formuliert (12): „Allzulange war im Weib ein Sklave und ein Tyrann versteckt. Deshalb ist das Weib noch nicht der Freundschaft fähig: es kennt nur die Liebe.“ Man mag dies als Macho-Sprüche abtun, Nietzsche fährt im Zarathustra aber so fort (12): „Aber sagt mir, ihr Männer, wer von euch ist denn fähig der Freundschaft? Es gibt Kameradschaft - möge es Freundschaft geben.“

Die schönste Eigenschaft der Freundschaft ist nach Iso Camartin (13) ihre Diskretion im Umgang mit den Gefühlen. „Freundschaft gedeiht im Windschatten der Sinne.“. Freunde ... stellen nichts zur Schau und haben nichts zu beweisen. Ihre Zuneigung ist langsamer gereift, wie Augustinus schreibt, von der Sonnenwärme gemeinsamen Strebens“ (14). Das gemeinsame Streben ist auch ein Grundstein der Freundschaft bei Lions und Rotariern.

 

Frauenfreundschaften
„Viel Feind, viel Ehr.“ Ich kenne Männer, die diesen Spruch geradezu verehren. Meine Frau kann dazu nur den Kopf schütteln. „Der Spruch stammt von Georg von Frundsberg, der 1513 ein zahlenmäßig überlegenes venezianisches Heer besiegte (15). Ein wohl auch männlicher Spruch lautet: Nicht der Freund, sondern der Feind wird dir sagen, wer du bist. So ist wohl kein Zufall, dass es mit Ingeborg Bachmann eine Frau war, die diese Sätze so wunderbar verdreht, wenn sie sagt: „... die Auszeichnung der armselige Stern der Hoffnung über dem Herzen. Er wird verliehen für die Tapferkeit vor dem Freunde.“ (16). Diese Zeilen verleihen Hoffnung für eine neue Freundschaft zwischen Mann und Frau. Seit diesem 1957 veröffentlichten Gedicht (16) hat sich das Ideal der patriarchalischen Männerfreundschaft gewandelt, viele nennen das Phänomen nun Männerkumpanei. Vielen Soziologien gelten Frauen heute als die besseren Freunde (17). Tatsächlich haben sich die Lebenswelten von Männern und Frauen angenähert und die traditionellen Geschlechterrollen lösen sich immer mehr auf. So wird “platonische“ Freundschaft zwischen den Geschlechtern möglich. Auch bei solch “platonischen“ Freundschaften kann die sexuelle Anziehung eine Herausforderung sein. Meist ist die Freundschaft aber  stärker (18). Auf die Vermischung von platonischer Freundschaft und sexueller Anziehung gehe ich später im Kapitel „Freundschaft Plus“ noch ausführlich ein.

Einige soziologische Untersuchungen vermuten, dass es gar keine Unterschiede zwischen Männer- und Frauenfreundschaften gibt (19). Tatsächlich waren in einigen Studien Freundschaften und Popularität in Gemeinschaften nicht genderabhängig (20). Für den Soziologen Kracauer (21) bedeutet Freundschaft „den Zusammenklang der Persönlichkeiten“. Sie sei nicht, wie die Liebesbeziehung, auf die dauernde Anwesenheit der anderen Person angewiesen, sondern könne auch über Distanzen existieren und in Briefen ihren Ausdruck finden (21). Wie unterschiedlich Frauenfreundschaften und Männerfreundschaften wirklich sind, ist auch heute umstritten – gleich sind sie auch in den meisten Studien der modernen Soziologie und Psychologie aber nicht: Frauen pflegen häufiger Face-to-Face-Freundschaften, Männer Side-by-Side-Freundschaften (22). Männerfreundschaften sind also eher aktivitätsbezogen; sie unternehmen etwas zusammen, es entsteht Nähe und Intimität (22). Darüber wird aber unter Männern nicht groß gesprochen. Viele Frauen hingegen treffen sich lieber, um zu sprechen, auch über die Freundschaft selbst (22).
 

Freundschaft und Freiwilligkeit

Freundschaft lässt sich weder verordnen noch verorten, also anders als Zwangsehen oder Verwandtschafts- und Arbeitsbeziehungen. Freundschaft kann weder erzwungen noch verboten werden. Freundschaft wird nicht vererbt, sie ähnelt allenfalls einer Wahlverwandtschaft. Es gibt nur eines, was schlimmer ist als die Verwandtschaft -  keine zu haben. Freunde sind Gottes Entschuldigung für die Verwandtschaft. Es gibt keinen normierten Bund der Freundschaft, wie es etwa die Ehe ist. In der Freundschaft gibt es keinen Handel, sie beschäftigt sich ausschließlich mit sich selbst. Auch der Lohn der Lions-Freundschaft ist sie selbst. Wer sich mehr erhofft, versteht nicht, was Freundschaft ist. 

 

Freundschaft als Rückbestätigung

Die Forschung der letzten 50 Jahren legt nahe, dass Freundschaft insbesondere durch Rückbestätigung bzw. Bekräftigung der eigenen Ideen und Handlungen entsteht (23-24). Solche Modelle ähneln der psychologischen Konditionierung, bei der eine Handlung durch eine Belohnung konditioniert wird (25). Freundschaft festigt sich, wenn das Ergebnis des Zusammenseins beiden positiv erscheint (26).

Eine besondere Eigenschaft von Freundschaft wird in einer jüdischen Geschichte des Baal-Schem-Tov offenbar (27), die u.a. auch im Artikel von Iso Camartin erzählt wird (13). Der Meister bittet einen seiner Schüler mitten im Unterricht plötzlich um einen Taler. Der Schüler weiß, dass er keinen Taler besitzt. Trotzdem greift er in seine Jackentasche, um dem Meister dies zu zeigen. Tatsächlich aber findet er in der Tasche den erbetenen Taler und überreicht ihn seinem Meister. Solche Erfahrungen machen Freunde. Man findet plötzlich Dinge bei sich, von deren Existenz man gar nicht wusste. Wir verdanken sie dem Vertrauen, bei seinem Freund das zu finden, was er benötigt.

 

Freundschaft als Baustein von seelischer und körperlicher Gesundheit

Viele Studien belegen, dass Freundschaft zur seelischen und körperlichen Gesundheit beitragen (28-30). Dies gilt nicht in gleicher Weise für Facebook-Kontakte und Facebook-Freunde (31). Facebook-Benutzer waren mit ihrem Leben auch eher weniger zufrieden als die ohne Facebooknutzung. Die Lebensqualität hing auch nicht von der Zahl der Facebook-Freunde ab (32). Die Zahl und Qualität von konventionellen Freundschaften korreliert positiv mit Gesundheit und Lebensqualität, dies gilt nicht für Facebook-Freundschaften. (33). Diese Phänomene waren bei Frauen und Männern ähnlich (34). 
 In der posttraditionellen und postfaktischen Zeit verändert sich unsere Gesellschaft in hohem Tempo. Durch die Auflösung von Familienstrukturen und dauerhafter traditioneller Zweierbeziehungen sind viele Menschen verunsichert. Es bleibt unklar, ob hier die neuen Medien mit vielen virtuellen Freuden und noch größeren Freundeskreisen eine stabile Hilfe sind (35-36). 

 

Freundschaft als „Soziales Kapital“

Auch in der modernen Soziologie beinhaltet Freundschaft als soziale Beziehung Intimität, Gleichheit, gemeinsame Interessen und befriedigende (Inter)-Aktionen (37). Zudem ist Freundschaft soziales Kapital. Der soziologische Begriff des sozialen Kapitals ist seit den 1980er Jahren geläufig, seine Entwicklung reicht schon etwas länger zurück (38-42). Das Konzept beschreibt, wie es sozialem Kapital gelingt, Gruppen und Gesellschaften zusammenzuhalten und wie die Interaktion der einzelnen Mitglieder dazu beiträgt. Dabei spielen Freundschaft und Freundeskreise eine wichtige Rolle (43-46).

Vertrauen gehört zur Freundschaft (47) und zum sozialen Kapital (48-49). Freundschaft ist sogar ein ganz wesentlicher Teil des sozialen Kapitals (50-51) für das Zusammenhalten und die Kraft einer Gesellschaft. Die individuelle und durchschnittliche Lebensqualität steigt mit der Zahl und Qualität der Freundschaften. Freundschaften muss man pflegen, auch das zeigen aktuelle soziologische Studien (52). Sinkt der Zahl der Kontakte kann die Qualität der Freundschaft leiden und so auch das soziale Kapital schrumpfen (52). Freundschaft ist auch nach den neuen soziologischen Studien ein wichtiger Faktor für das Vertrauen in einer Gesellschaft, sowohl auf der Makroebene (Stadt, Land etc.) wie auch auf der Mikroebene (Unternehmen, Beziehungen, Familie) (52-53). 

 

Freundschaft und Vertrauen

Viele moderne Menschen haben verlernt, mit Gott und Seele zu kommunizieren; Gottesfreundschaft und Seelenverwandtschaft sind altmodische Begriffe (54). Trotzdem schätzt auch der moderne Mensch, wenn ihm Freundschaft hilfreich ist und den sozialen Umgang erleichtert - eine zunächst angenehme Eigenschaft insbesondere der nord-amerikanischen Gesellschaften. Und doch bleibt dieser Blick auf die Freundschaft oberflächlich. Auch bei der „Freundschaft“ steckt die Wahrheit im Detail: „Nice to have met you“ - daraus wird keine Freundschaft. Freundschaft ist eben mehr als die praktische Verbesserung von Kommunikation. Freundschaft beinhaltet Vertrauen und Sympathie und damit die psychosoziale Voraussetzung, um in unserer komplexen Welt zu überleben. Max Frisch hat dies so wunderbar in seinen Tagebüchern beschrieben (55): „Sympathie hat Geduld, die Geduld der Hoffnung... Der Schutzengel, die Sympathie, wir brauchen sie immerzu; wir haben ihn als Kind, sonst wären wir längst überfahren, wir verlassen uns auf ihn. Sympathie gibt das Gefühl, Luft unter den Flügeln zu haben. Anders der Partner, der keine Sympathie empfindet, der gerecht verbucht, was ist. Dies ist fürchterlich. Wehe dem Menschen, dem die Sympathie entzogen wird, wehe der Gesellschaft, der die Sympathie verloren geht.“  Wo Vertrauen und Sympathie vorhanden sind, schwindet die Angst, Fehler zu machen und die Gesellschaft kommt voran. Diesen sozialen Vorteil nutzen wir im öffentlichen und privaten Leben. So sagt Iso Camartin (13): „Vertrauen ist geradezu ein Wundermittel für das Zusammenleben... Sowohl in geschäftlichen Partnerschaften wie in Liebesbeziehungen bleibt Vertrauen seltsam gefährdet... Man wird es nie ganz begreifen, warum jemand von einem Tag auf den anderen glaubt, seine Freuden und seine Schmerzen seien bei einer Geliebten besser aufgehoben als bei der eigenen Frau. Der Vorrat an Vertrauen ist dann rasch verbraucht. Als weit ungefährdeter gegenüber solchem Tausch ist die Freundschaft... Freundschaft gedeiht im Windschatten der Sinne.“

Auch in der modernen Soziologie gehört Vertrauen zur Freundschaft (47) und zum sozialen Kapital (56). Freundschaft bleibt gefährdet: Ein richtiger Freund. Ein wahrer Freund. Mein bester Freund. Unter allem, was zu einem glücklichen Leben beiträgt, gibt es keinen größeren Reichtum als die Freundschaft. Es heißt aber auch: Ein falscher Freund. Ein sauberer Freund. Der Freund sei wie ein Schatten: Er verfolgt dich in den Momenten voller Licht und verlässt dich in dunklen Zeiten.  

 

Freundschaft mit sich selbst – Ähnlichkeit der Charaktere und Interessen

Montaigne antwortet auf die Frage nach dem Grund wahrer Freundschaft: „Weil er er war, weil ich ich war.“ Freundschaft ist nach Hegel „der konkrete Begriff der Freiheit“ (57), denn in der Freundschaft erfährt sich jeder so, wie er ist, geachtet und in aller Freiheit angenommen. Bei Hegel bedeutet Freiheit, dass ich in einem anderen bei mir selbst sein kann. Freundschaft entsteht dort, wo Menschen gemeinsame Ziele verfolgen (57): „Freundschaft beruht auf Gleichheit der Charaktere, besonders des Interesses, ein gemeinsames Werk miteinander zu tun, nicht auf dem Vergnügen an der Person des anderen als solcher.“ Ich denke, dass Hegel hier die Thesen des Aristoteles verkürzt, bei dem Freundschaft auch Vergnügen auslöst.
 

Freundschaft und Solidarität

Das griechische Wort für Freundschaft „philia“ umfasst alle Formen menschlichen Zusammenlebens: Freunden ist alles gemeinsam. Freundschaft bedeutet Solidarität. Mensch­liches Zusammenleben basiert nach Gadamer auf Solidarität (58). „Solidarität setzt voraus, was die Griechen Freundschaft mit sich selber nannten... Nur wer mit sich selbst Freund ist, kann sich dem Gemeinsamen einfügen.“ Gerade in modernen Zivilisationen bedeutet das Bewusstsein des eigenen Könnens eine wichtige Art von Freiheit. Nach Gadamer mag „das Bewußtsein des Könnens die ein­zige Form der Freiheit sein, die sich ungefährdet gegenüber den Zwängen unserer Welt erhält.“ Und Können begründet Solidarität. „Die Solidarität im Können, die Sachverantwortung im Beruf, das Wissen, das ich mit anderen teile, sind Gestalten von Solidarität, die auf die eine innere Grundmöglichkeit des Menschen zurückweisen, sich mit sich selbst und der Welt einzurichten, ja, anzufreunden.“ (58)
 

Freundschaft und Facebook

Der Begriff Freundschaft hat sich in den letzten Jahren vor allem in der jüngeren Generation verändert. Die sozialen Medien spielen hierbei eine wichtige Rolle. Begonnen hat dies mit der Möglichkeit eine E-Mail statt einem Brief zu schreiben. Während die Unterschiede zwischen E-Mail und Brief noch vergleichsweise gering sind, führten Facebook und die weiteren neuen sozialen Medien zu einer wirklichen Revolution von Kommunikation und Beziehungen. Eine ähnlich rapide und gravierende Veränderung hat es in der Menschheitsgeschichte nicht gegeben. Es bleibt die Frage, ob diese Veränderungen auch die Freundschaft nachhaltig beeinflusst haben.
Facebook ist ein soziales Netzwerk im Internet; es ermöglicht die Darstellung von privaten wie geschäftlichen Profilen und die Bildung von Gruppen zur Diskussion oder Organisation von gemeinsamen Themen. Die Facebook-Accounts werden erst nach einer Freundschaftsanfrage vernetzt (59-61). Die Höchstgrenze der so entstehenden Facebook-Freunde ist auf 5000 „Freunde“ beschränkt. Die Anzahl von Abonnenten ist analog den Followern auf Twitter oder den Abonnenten auf Instagram nicht begrenzt (59-61). Das 2004 gegründete Facebook-Netzwerk zählte 2019 etwa 2,5 Milliarden aktive Mitglieder, welche die Seite mindestens einmal pro Monat besuchten (62). Der jährliche Umsatz beträgt mehr als 40 Mrd. $ (59).
Im Mittel haben Inhaber eines Facebook-Accounts immerhin 338 Freunde (63). Personen mit vielen Facebook-Freunden genießen eine höhere Anerkennung als die mit wenigen; trotzdem haben auch Menschen mit sehr vielen Facebook-Freunden im realen Leben vielleicht gar keine Freunde. Reale, zupackende Hilfe erhält man nicht von virtuellen Freunden. 
Die neuen sozialen Netzwerke - und Facebook ist darunter hier nur als Beispiel genannt - haben bei aller Kritik große und bisher auch nicht vorstellbare Vorteile. Nicht umsonst nutzt inzwischen mehr als die Hälfte der Menschheit diese Medien. Der virtuelle Austausch ist auch über sehr große Distanzen in Sekundenschnelle möglich – per Text, Video und Audio. Die neuen Medien sind auch nicht angetreten, die konventionellen Freundschaften und Bindungen aufzulösen oder zu ersetzen. Menschen mit vielen Facebook-Freunden können auch viele reale Freunde haben. Der virtuelle Austausch schließt allerdings gemeinsames Erleben und Erfahren aus. Die sozialen Netzwerke haben viele andere Gefahren, auf die hier nicht eingegangen wird. 
Die neuen Medien beinhalten zudem große Kontaktbörsen, die in der Regel auf Liebesbeziehungen angelegt sind. Hier können sich Personen kennenlernen, die ähnliche Interessen und Wünsche haben. Schon 2013 war das Internet, nach dem Kennenlernen im realen Freundeskreis, die zweit-wahrscheinlichste Möglichkeit, einen festen Partner zu finden (64). Alleine bei Tinder erzielen mehr als 50 Millionen Benutzer 12 Millionen „Matches“ pro Tag (65). Auf die Vermittlung konventioneller Freundschaften konzentrieren sich die großen Börsen aber bisher nicht. 

Freundschaft Plus

Nach aktuellen Forschungsdaten versuchen immer mehr jüngere Menschen Freundschaft und Sex für längere Zeit ohne die Absicht einer formalen Partnerschaftsbindung zu kombinieren (66). Man nennt dies heute auch „Freundschaft Plus“ oder „No Strings Attached“. Diese Begriffe spielen auf den US-Film „No Strings Attached“ aus dem Jahr 2011 an (67). Im Film versuchen die von Natalie Portman und Ashton Kutcher gespielten Hauptfiguren eine freundschaftliche Beziehung zu führen, in der es darum geht, Sex miteinander zu haben, ohne sich emotional zu verlieben. Im Film mündet dies - wie es sich für ein amerikanisches Märchen gehört - in eine auf Dauer angelegte Liebesbeziehung. Im echten Leben ist dies auch in den heutigen posttraditionellen Zeiten aber durchaus nicht immer so.

Was passiert mit einer schon länger bestehenden Freundschaft, wenn ein heterosexueller Mann Sex mit einer heterosexuellen Frau hat (68). Die Beziehungen einer solchen „Freundschaft Plus“ können sich in unterschiedliche Richtungen entwickeln, wobei eine feste Liebesbeziehung nur in weniger als 10 % der Fälle entstand (69). Mehr als 1/3 der Personen hatten die sexuelle Beziehung eines Tages beendet, gaben aber an, noch Freunde zu sein, während etwa ¼ die Beziehung und auch die Freundschaft vollständig beendet hatten (69). In einer weiteren aktuellen Studie wurde untersucht, wie sich die Freundschaft nach Beendigung der sexuellen Beziehung entwickelte (17). Dabei hatte sich die Freundschaft bei der Hälfte der Personen zurückentwickelt, während die andere Hälfte angab, die Freundschaft wäre so gut wie vorher oder sogar  enger.

Auch bei der „Freundschaft Plus“ gibt es auch nach aktuellen Studien signifikante Unterschiede zwischen Frauen und Männern (70). Männer nannten den Sex als Hauptgrund für die Beziehung häufiger als Frauen, die wiederum häufiger als Männer als Hauptgrund die emotionale Verbindung mit dem Partner nannten. Zudem erhofften sich Frauen häufiger als Männer, aus der „Freundschaft Puls“ könne eine feste Partnerschaft werden. Männer hingegen wollten meist die Art der „Freundschaft Plus“ beibehalten (70-71). Diese Genderunterschiede in den Erwartungen an eine „Freundschaft Plus“ können zu erheblichen Problemen führen, insbesondere wenn die Partner nicht darüber sprechen (69). Weder die sexuelle Kommunikation noch die sexuellen Praktiken unterschieden sich bei den in einer „Freundschaft Plus“ lebenden Personen von denen in festen Beziehungen. Partner in einer „Freundschaft Plus“ waren allerdings weniger sexuell befriedigt als Personen in festen konventionellen Beziehungen (71).
In der heutigen Soziologie gilt Freundschaft als ein dynamischer freiwilliger Beziehungsprozess zwischen zwei Personen  (35); zudem ist die Beziehung gleichberechtigt und nicht hierarchisch. Im Vergleich zu Bekanntschaften besteht unter Freunden ein hoher Grad an Vertrauen und Intimität (72). Kontrovers wird sowohl die Frage der Gleichgeschlechtlichkeit unter Freundinnen und Freunden als auch die teilweise bis heute geforderte Abwesenheit von Sexualität diskutiert. (10-11)
 

Freundschaft in der aktuellen Soziologie

Müller-Jentsch (9) hat wichtige Erkenntnisse der aktuellen Freundschaftsforschung in acht Punkten zusammengefasst:

1. Freundschaft findet man in allen menschlichen Gesellschaften. Ihre Ausgestaltung kann sich von Kultur zu Kultur deutlich unterscheiden

2. Freundschaft ist eine Zweier-Beziehung, oft zwischen Menschen ähnlichen Alters und ähnlicher Bildung sowie des gleichen Geschlechts; Freunde sind nicht verwandt und haben keine sexuelle Liebesbeziehung. 

3. Freundschaft ist ein soziales Mikro-System, das Intimität besitzt. 

4. Freunden kann man Geheimnisse anvertrauen, die verletzbar machen. 

5. Freundschaft ist freiwillig, vertrauensvoll, gleichberechtigt, auf Dauer angelegt und gelebt.

6. Freundschaft bietet Unterstützung emotionaler, kognitiver und materieller Art. Dazu gehören Vertrauen, Information und praktische Hilfen.

7. Freundschaften entstehen oft bei Gelegenheit aus räumlicher und sozialer Nähe und aus wiederholter Kommunikation sowie gemeinsamer (Inter-)Aktion. 

8. Eine Verallgemeinerung der in Studien festgestellten Unterschiede zwischen Männer- und Frauenfreundschaften ist problematisch. Gender-Unterschiede können auf Verschiedenheit von gesellschaftlichen Rollen beruhen.

 

Aristoteles nennt in der Nikomachischen Ethik nur drei wesentliche Motive, Freundschaften einzugehen: Freundschaft um des Wesens Willen, des Nutzens Willen und der Lust Willen. Diese Eigenschaften werden der Freundschaft auch von der aktuellen Soziologie zugeschrieben (73). Freundschaft ist seit Aristoteles auch für das Funktionieren der Gesellschaft eine wichtige soziale Beziehung, die sich von anderen Bindungen unterscheidet. Auch Aristoteles zeigt bereits, wie wichtig der Freundschaft die Gleichberechtigung, das gemeinsames Aufwachsen und ein ähnliches Alter sind; auch dies wird durch die moderne Soziologie bestätigt (5,74). Schon Platon hat im Lysis Dialog Freundschaft ähnlich charakterisiert (5). Freundschaft existiert zunächst um des Freundes willen. Die regelmäßige Teilhabe am alltäglichen Leben des Freundes ist für die Freundschaft wichtig (3). Freunde im Ruhrgebiet nennen sich auch Kumpel. Kumpel leitet sich von Compagnon ab, wörtlich also der Person, der der man zusammen das Brot isst. Gemeinsames Tun alltäglicher Dinge wie das gemeinsame Essen ist wichtig für die Festigung von Freundschaft. Freunde haben häufig ähnliche Interessen und Werte, was Austausch und Verstehen erleichtert (74).  Die Person entscheidet selbst und freiwillig, wen sie als Freundin oder Freund bezeichnet (75). Eine solche Freundschaft gewinnt in der Jugendphase mit der Ablösung von erwachsenen Bezugspersonen eine große Bedeutung. So entstammen die besten Freunde meist aus der Jugend. Ähnliche Beschreibungen der Freundschaft findet man auch schon bei Sokrates, Platon, Aristoteles und Cicero (3-4,76-80). Die moderne Soziologie bestätigt fast alle Annahmen von Aristoteles; ob man der Freundschaft nun drei oder acht wesentliche Eigenschaften oder Motive zuordnet erscheint mir dabei zweitrangig. Freundschaften zwischen den Geschlechtern bleiben aber auch in der aktuellen Forschung ambivalent.

 

Freundschaft ist auf Dauer angelegt

So fasst Bertolt Brecht dies in wenigen Versen zusammen (81):

 

„Worauf kann man sich bei seinen Freunden verlassen? 
 Nicht für ihr Tun. Man kann nicht wissen, was sie tun werden.
 Nicht auf ihre Art. Sie kann sich ändern. 
 Nur auf eines: Dass sie nicht weggehen.“

 

Prof. Dr. med. Claus Niederau, im April 2020

 


Literaturhinweise

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4.  Platon. Die Suche nach dem Grund der Freundschaft. Deutsch von Schleiermacher F. In: Eichler KD (Hrsg.): Philosophie der Freundschaft. Reclam Verlag 1999.

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62. Statista. Anzahl der monatlich aktiven Facebook Nutzer weltweit vom 3. Quartal 2008 bis zum 2. Quartal 2018. In: Statista. Accessed 26.07.2018.

63.  www.brandwatch.com/blog/facebook-statistics/. Accessed 21.04.2020. 

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65. Eckler I: Zahlen & Fakten rund um Tinder: 50 Millionen Nutzer, 12 Millionen Matches am Tag. Kroker's Look @ IT. Accessed 17.01.2020.

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72. Alisch LM, Wagner J: Freundschaften unter Kinder und Jugendlichen.   Interdisziplinäre Perspektiven und Befunde. Juventa Verlag 2006.

73. Bellah RN, Madsen R, Sullivan WM, Swidle A, Tipton SM: Habits of the Heart. Individualism and commitment in American life. University of California Press 1996.

74. Perlman D: Adult Friendship. Journal of Marriage and Family 1993; 55: 246-248.

75. Argyle M, Henderson M: The Rules of Friendship. Journal of Social and Personal Relationships 1984; 1: 211–237.

76. Platon. Werke. Schleiermacher F (Hrsg.). Kindle Ausgabe 2020. www.amazon.de.

77. Hitz Z: Aristotle on self-knowledge and friendship. Philosophers’ Imprint 2011; 11: 1–28.

78. Cicero MT: Über die Freundschaft, Hrsg. von Robert Feger (Hrsg.). Reclam Verlag 1995.

79. Cicero MT: Freundschaft und Wohlwollen. Deutsch von Huchthausen HD und L. In: Eichler KD (Hrsg.): Philosophie der Freundschaft. Reclam Verlag 1999.

80. Brüschweiler A. Sokrates über Liebe und Freundschaft (Epistemata Philosophie). Königshausen und Neumann Verlag 2011. 


81. Brecht B: Die Gedichte in einem Band. Suhrkamp Verlag 2007.

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Bild:  Romantischer Abend am Markusplatz in Venedig 2007.

Das Jahr 1492:  

Kurze und lange Erinnerungen.


Am 21.02.2020 haben sich meine beiden langjährigen Oberärzte Dres. Thomas Kaden und Jochen Breuer im Sissi & Franz am Theater Oberhausen verabschiedet. Meine Beiträge zu „Sissi und Heine“ bzw. zu „Das Jahr 1492“ habe ich ihnen gewidmet. Hier der Beitrag „Das Jahr 1492: Kurze und lange Erinnerungen“.

 

In Spanien gilt das Jahr 1492 als “Jahr der Wunder”, denn kaum ein anderes Land hat an der Schwelle zur Neuzeit so entscheidende historische Ereignisse in einem einzigen Jahr erlebt. Am Anfang des Jahres stand dabei nicht Christoph Kolumbus, sondern die Rück-Eroberung Granadas, die Reconquista. Zehn Jahre hatte das „islamische Troja“ dem Heer der katholischen Könige Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon getrotzt. Am 2. Januar 1492 endete das über zweihundert-jährige Reich der Nasriden und damit fiel das letzte Bollwerk des Islam in Westeuropa. Die Errichtung des Kreuzes über der Alhambra hatte für die besiegten Muslime eine ähnlich traumatische Bedeutung wie der Fall Konstantinopels 1453 für die Christen. 

 

Der Sieg über den Islam bestärkte die katholischen Könige in der Überzeugung, die Einheit des Landes über die Einheit des Glaubens herzustellen. Das wichtigste Instrument dafür wurde die Inquisition. Am 31. März 1492 erging das Alhambra-Edikt, das nun auch die Vertreibung der Juden aus allen Territorien der Krone von Kastilien und Aragón zum 31. Juli des Jahres anordnete, sofern diese nicht zuvor zum Christentum  übergetreten waren. Als Kolumbus im August 1492 die Anker der Santa Maria hieven ließ, stauten sich im Hafen die aus ihrer Heimat Vertriebenen. Etwa 200.000 Menschen mussten Spanien damals verlassen. Die jüdischen Flüchtlinge bildeten eine über Europa verstreute Diaspora, in deren Nachfolge bedeutende Personen stehen wie Baruch de Spinoza und Heinrich Heine. Spanien erlitt durch die Vertreibung von Muslimen und Juden einen schweren Aderlass in der Wirtschaft und in der Kultur. Wer einmal die wunderbare Alhambra in Granada besucht hat, erahnt, wie schwer der künstlerische Verlust für Spanien gewesen sein muss. Der spanische König Juan Carlos I. besuchte am 1. April 1992 die Synagoge von Madrid und entschuldigte sich für den Akt der Barbarei, den seine Vorgänger fünfhundert Jahre zuvor begangen hatten; er setzte das Vertreibungsedikt feierlich außer Kraft. Bei Galileo Galilei hat es nach seiner Verteilung 1633 nur 359 Jahre gedauert, bis er 1992 von Johannes Paul II. rehabilitiert wurde.

 

Am 12. Oktober 1492 erreichte Christoph Kolumbus die Neue Welt und ging auf einer Insel an Land. Er gab ihr den Namen San Salvador, der Heilige Retter. Gerettet hat er dort niemanden und er glaubte sich auch in Asien, seinem eigentlichen Reiseziel. 

 

Im Jahr 1492 geschah aber noch etwas Epochales - zumindest in den Augen unseres Geschichtslehrers aus dem Wuppertaler Gymnasium. Erst die genaue Kenntnis dieses dritten historischen Ereignisses war Voraussetzung für eine gute Note. Der Lehrer war auch sonst ein ausgesprochen guter Pädagoge. Dazu muss man auch wissen, dass er aus Salzburg stammte. So ereignete sich das dritte epochale Ereignis im Jahr 1492 eben auch in Salzburg.

 

Am 16. Juni 1492 wird das Brauhaus „Das Haus Bey der Stiegen“ erstmals  urkundlich erwähnt. Der Name Stiegl-Brauerei taucht wenig später auf. Namensgeber ist die kleine Stiege neben dem Brauhaus, über die man frisches Brauwasser holte. Stiegl-Bier wurde also schon vor den Entdeckung Amerikas getrunken.

 

Schon einige Jahrzehnte später war die Stiegl-Brauerei die größte in Salzburg und produzierte 100.000 Liter Bier im Jahr. Getrunken wurde damals im Übermaß und im 18. Jahrhundert ging der Bierboom weiter. Nun gab es im Bezirk Salzburg sage und schreibe 94 Brauereien.

 

Auch Wolfgang Amadeus Mozart hat das Stiegl-Bier gemundet. Aus dem Tagebuch seiner Schwester Nannerl wissen wir von seinem Besuch im Salzburger Stieglbräu: Im August 1780 schreibt Nannerl „... um 3 uhr wir drey zum stieglbreü zu schauen … für ein paar Trunck guten Biers“

 

Später hat die Brauerei eine wechselhafte Geschichte und brennt zwischenzeitlich komplett ab. Dann geht es mit dem „Stiegl-Goldbräu“ wieder bergauf. Die besten Bierjahre sind die vor dem 1. Weltkrieg. Der Pro-Kopf-Verbrauch beträgt in Salzburg nun mehr als 200 Liter Bier im Jahr. Heute liegen wir in Österreich und Deutschland bei etwa der Hälfte. Auch die Salzburger Bierproduktion erreicht in den letzten Friedensjahren rekordverdächtige Ausmaße. Im Jahr 1908 werden 47 Millionen Liter Bier produziert. Nach den Welt-Kriegen ging es langsam wieder bergauf und 2009 braute Stiegl erstmals mehr als 100 Millionen Liter Bier im Jahr. Die Brauerei ist bis heute in privater Hand. Ausgeschenkt wird das Stiegl-Bier heute auch im „Sissi & Franz“, dem ehemaligen „Falstaff“ neben dem Theater Oberhausen.

 

Prof. Dr. med. Claus Niederau, im März 2020
 
 
 Literaturhinweise


Leo Trepp: Die Rückeroberung Spaniens durch die Christen - Die Inquisition. In: Die Juden; Volk, Geschichte, Religion. Rowohlt Verlag Hamburg 1999.


Gerd Schwerhoff: Die Inquisition - Ketzerverfolgung in Mittelalter und Neuzeit. 3. Auflage. C. H. Beck Verlag München 2009.

 

Georg Bossong: Die Sepharden. Geschichte und Kultur der spanischen Juden. Beck Verlag 
 
Thomas Freller: Granada, Königreich zwischen Orient und Okzident. Ostfildern Verlag 2009.München 2008.
 
Walther L. Bernecker und Horst Pietschmann: Geschichte Spaniens - Von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. 4. Auflage. W. Kohlhammer Verlag Stuttgart 2005. 

 

Uwe Scheele: Die schwierige Rückkehr nach Sepharad. Jüdische Zeitung Berlin. 2. Mai 2009. 

 

Robert H. Fuson: Das Logbuch des Christoph Kolumbus. Die authentischen Aufzeichnungen des großen Entdeckers. Gustav Lübbe Verlag Bergisch Gladbach 1989.
 
 https://www.stiegl.at

  

Walter Hummel:  Nannerl Mozarts Tagebuchblätter. Mit Eintragungen ihres Bruders Wolfgang Amadeus Mozart. Bergland Verlag Salzburg 1958


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Heine Heinrich Denkmal von Louis Hesselrijs im Auftrag von Kaiserin Elisabeth (Sissi), heute in Toulon, Frankreich. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:HeineHeinrich.jpg

Sissi und Heine

Am 21.02.2020 haben sich meine beiden langjährigen Oberärzte Dres. Thomas Kaden und Jochen Breuer im Sissi & Franz am Theater Oberhausen verabschiedet. Meine Beiträge zu „Sissi und Heine“ bzw. zu „Das Jahr 1492“ habe ich ihnen gewidmet. Hier der Beitrag zu „Sissi und Heine“.
 
Die Geschichte von Sissi begeistert zu jedem Weihnachtsfest noch immer die Zuschauer. Zumindest in meiner Familie spielt das Wort genderneutral hier keine Rolle und es darf geweint werden. Und das alles ist Ritual seit der erste Film der Trilogie 1955 über die Bildschirme flimmerte. Romy Schneider und Karlheinz Böhm spielen das Traumpaar. Romy Schneider hat später alles versucht, um von der Rolle der Sissi wieder loszukommen – zumindest in Deutschland und Österreich ist es ihr nicht gelungen. Filmlizenzen wurden auch in mehr als 70 weitere Länder verkauft. Sissi ist quasi Weltkulturerbe. Ernsthafte Remakes gibt es, keiner der Sissi-Fans möchte sie aber zu Weihnachten sehen. Sissi und Romy Schneider sind auf immer untrennbar verbunden. 

 

Den meisten Sissi-Fans ist ihre Verehrung von Heinrich Heine wahrscheinlich überhaupt nicht bewusst. Sie selbst hat sich viele Jahre mit dem Dichten versucht, wobei sie sich vor allem von ihrem „Meister" Heinrich Heine geleitet fühlte. Immer wieder verwies sie darauf, dass sie ihre Inspirationen direkt von seinem Geist bekäme; einmal sei ihr der „Meister“ sogar höchst persönlich erschienen. Sissi wurde 1837 geboren und war erst 19 Jahre alt, als Heine 1856 starb; sie sind sich nie persönlich begegnet.

 

Ihre Verehrung Heinrich Heines war zu ihren Lebzeiten allgemein bekannt. Sie kannte lange Passagen aus Heines Werken auswendig und beschäftigte sich intensiv mit seinem Leben. So sammelte sie Heine-Manuskripte und -Porträts, besuchte Heines ältere Schwester Charlotte in Hamburg und betete an Heines Grab auf dem Montmartre-Friedhof in Paris.

 

Zu dieser Zeit reifte in der Stadt Düsseldorf ein Plan, einem ihrer berühmtesten Söhne ein Denkmal zu setzen. Anlässlich des 90. Geburtstags Heines wurde 1887 vom Bürgermeister ein Komitee für die Errichtung eines Heine-Denkmals gegründet. Es folgten politisch motivierte Auseinandersetzungen, denn der liberale Heine war im wilhelminischen Deutschland ein höchst umstrittener Dichter. Heine entstammte einer jüdischen Familie; obwohl er später zum Katholik konvertierte, blieb er für viele ein Jude. Vor allem antisemitische und deutsch-nationale Gruppen agitierten gegen ihn. Wir haben die Probleme Düsseldorfs im Umgang mit Heinrich Heine bis in die 1970er und 1980er Jahren erlebt, als die Studenten der Universität Düsseldorf ihr den Namen Heinrich-Heine geben wollten; erst 1988 haben die Professoren den Studenten nachgegeben. Seitdem profitiert meine Alma mater weltweit von seinem Namen. 

 

Ich selbst habe eine enge Beziehung zum Werk Heinrich Heines und zur Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, die mich promovierte und habilitierte. Bis heute bin ich dort Professor und Mitglied der Medizinischen Fakultät. Gefreut habe ich mich auch, dass meine beiden Kinder auf dem Heinrich-Heine Gymnasium in Oberhausen das Abitur gemacht und später in der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf studiert haben.
 

In den Wirren um das Heine-Denkmal 100 Jahre zuvor bat das zuständige Düsseldorfer Komitee Sissi um Unterstützung und sie spendete umgehend und begeistert etwa 13.000 Reichsmark. Als Künstler schlug Sissi den Berliner Künstler Herter vor. Nachdem die öffentliche Seite in Düsseldorf zugestimmt hatte, erarbeitete Herter zwei Entwürfe. Der eine stellte einen Loreley-Brunnen dar, der andere zeigte den auf einem Sockel sitzenden Dichter. Sissi mochte wohl den letzteren Entwurf lieber. 

 

Die Agitationen gegen das Heine-Denkmal hatten nun aber ein solches Ausmaß angenommen, dass der deutsche Kulturminister eingriff: Gegen einen Loreley-Brunnen könne niemand etwas einwenden, eine Büste Heines sei aber zu provokant. Tatsächlich fand das Loreley-Motiv bei der Ausstellung der Entwürfe in der Düsseldorfer Kunsthalle großen Zuspruch. Damit wäre der Brunnenlösung nichts mehr im Wege gestanden. Das Heine-Komitee aber wünschte vom Künstler einen weiteren Entwurf in Büstenform. Sofort loderte die Entrüstung gegen das Denkmal wieder auf. Inzwischen wollte die Stadtverwaltung eine erneute öffentliche Diskussion vermeiden und gab den Plan eines Heine-Denkmals auf. Auch Sissi hatte von den politischen und teils auch persönlichen Anfeindungen genug. Für Sissi war die Errichtung eines Heine-Denkmals aber eine sehr persönlich-literarische und keine politische Angelegenheit; viele Liberale sahen in Sissi aber eine Verbündete gegen nationalistische Strömungen. Geteilt haben Sissi und Heine auf jeden Fall das Ideal von Freiheit.

 

Seit den späten 18-achtziger Jahren war Sissi häufig in Griechenland. 1888 eröffnete sie ihrem Mann Kaiser Franz Joseph, dass sie Griechenland als ihre neue Heimat betrachte. Franz Joseph war davon wenig angetan. Sissi hat dann aber geholfen, dass Kaiser Franz eine gute „Freundin“ bekam. So ließ er Sissi auf Korfu ein sehr teures Privatschloss im Stil Trojas und Pompejis erbauen; es wurde Achilleion genannt. Hier konnte Elisabeth ihrem geliebten Meister Heine endlich kompromisslos huldigen. Sie prüfte verschiedene Porträts Heines und lud dessen Neffen Gustav Heine ein, um festzustellen, welches Porträt dem meisten am ähnlichsten war. Sie entschied sich für einen Entwurf des dänischen Bildhauers Hasselriis. Die Figur ließ sie in einem Tempel im Garten des Achilleion aufstellen.

 

Doch auch dieses Heine-Denkmal sollte, ähnlich wie der Loreley-Brunnen, noch eine bewegte Zukunft haben. Nach der Ermordung Sissis kaufte der deutsche Kaiser Wilhelm II. das Schloss auf Korfu. Als neuer Hausherr entfernte er bald das Heine-Denkmal. Diese Aktion brachte ihm großen politischen Beifall. Der Verleger Heines Julius Campe rettete das Heine-Denkmal, das bis heute in Süd-Frankreich im Jardin de Mourillon in Toulon steht.

 

Das Modell des Loreley-Brunnens, das auf der Düsseldorfer Ausstellung viel Beifall gefunden hatte, wurde auch international publiziert. So wurde der Verein Arion in New York auf den Entwurf aufmerksam und fragte den Künstler, ob er den Loreley-Brunnen in New York errichten könnte. Herter sagte freudig zu. Doch auch bei der Aufstellung des Denkmals in New York gab es erneut Schwierigkeiten. Ursprünglich wollte der Verein das Heine-Denkmal an einer zentralen Stelle in Manhattan aufstellen, am liebsten im Central Park. Dies wurde von der New Yorker Stadtverwaltung nicht genehmigt. In New York war Heine zwar keine so umstrittene Person wie in Düsseldorf, doch einem Deutschen, der nie in den USA war, wollte man auch nicht einen so prominenten Platz in Manhattan einräumen. Schließlich wurde von der Stadt­verwaltung ein Platz in einem Park in der Bronx genehmigt. Dieser Ort war damals zwar abgelegen, aber eine gute Wohngegend, in der u. a. Mark Twain zu Hause war.

 

Doch die Auseinandersetzungen um das Heine-Denkmal in New York gingen auch nach der Enthüllung 1899 weiter. Während die Heine-Proteste in Deutschland deutsch-national und anti-semitisch geprägt waren, so gab es in New York nun auch anti-deutsche Vandalenakte. Dem lyrischen Meister wurde schon ein Jahr nach der Enthüllung des Denkmals der Kopf abgeschlagen. Der Kopf wurde zwar ersetzt, fehlte aber bald wieder. Ein ähnliches Schicksal erlitt Jahrzehnte später die Statue der Kleinen Meerjungfrau in Kopenhagen, der gleich zweimal - 1964 und 1998 - der Kopf abgetrennt wurde. 

 

Die Motive für den Vandalismus am Loreleybrunnen und an der Kleinen Meerjungfrau mögen unterschiedliche gewesen sein, sie trafen aber beide märchenhafte Figuren; die Loreley entstammt einer Ballade von Clemens Brentano aus dem Jahr 1801 und die Kleine Meerjungfrau einer Geschichte von Hans Christian Andersen aus dem Jahr 1837. Es gibt weitere Gemeinsamkeiten: Beide - die Loreley und die Kleine Meerjungfrau-  sitzen auf einem Felsen am Wasser, beide sind rätselhaft schön und beide erzählen eine eher traurige Geschichte. 

 

Nach dem 2. Weltkrieg ging der politisch motivierte Vandalismus gegen die Heine-Statue zurück. Mit dem sozialen Niedergang der Bronx kam es aber zu unpolitischem Vandalismus. Ich kann mich noch erinnern, dass ich 1983 das Heine-Denkmal besuchen wollte und in der U-Bahn an der Bronx aussteigen wollte. Davon abgehalten wurde ich von zwei Cops des NYPD, die mir unmissverständlich klar machten, dass hier nur Lebensmüde aussteigen würden; ich solle sofort wieder in die U-Bahn einsteigen und erst zwei Stationen weiter dürfte ich wieder aussteigen. Selbst die Feuerwehr würde nicht mehr in die South Bronx fahren. 

 

Inzwischen sind New York und auch die Bronx wieder viel sicherer geworden und man kann dort die U-Bahn wieder verlassen. Auch das Heine-Denkmal ist nun nicht mehr von Graffiti überzogen. Dennoch war sein Zustand schlecht. Nur Loreley selbst, die oben auf dem Denkmal nachdenklich das Haar kämmt, ist aufgrund ihrer schwer zugänglichen Lage von Ver­wüstungen weitgehend verschont ge­blieben.

 

Wie in amerikanischen Märchen gab es für den Loreley-Brunnen ein Happy-End. Der damalige New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani - nun der Rechtsanwalt Donald Trumps - errichtete einen Fond zur Renovierung des Heine-Denkmals, der bald auf mehr als 1 Million Dollar anwuchs. Gleichzeitig wurde die Südseite des Joyce-Kilmer-Parks neu gestaltet und dort erhielt der Loreley-Brunnen 1999 seinen neuen Standort. Nun kann man ihn problemlos besuchen und in seiner vollen Pracht bewundern. Dazu kann man die Loreley zitieren oder gerne auch besingen. Zeitgenössische Kommentare zum berühmten deutschen Gedicht und seiner Vertonung wurden 2006 in Die Zeit publiziert (s. Literatur):

Die Loreley
 
Ich weiß nicht was soll es bedeuten 

Daß ich so traurig bin; 
Ein Märchen aus alten Zeiten, 
Das kommt mir nicht aus dem Sinn. 
 
Die Luft ist kühl und es dunkelt, 
Und ruhig fließt der Rhein; 
Der Gipfel des Berges funkelt 
Im Abendsonnenschein. 
 
Die schönste Jungfrau sitzet 
Dort oben wunderbar, 
Ihr goldenes Geschmeide blitzet, 
Sie kämmt ihr goldenes Haar. 

Sie kämmt es mit goldenem Kamme 
Und singt ein Lied dabey; 
Das hat eine wundersame, 
Gewaltige Melodei. 
 
Den Schiffer, im kleinen Schiffe, 
Ergreift es mit wildem Weh; 
Er schaut nicht die Felsenriffe, 
Er schaut nur hinauf in die Höh´. 
 
Ich glaube, die Wellen verschlingen 
Am Ende Schiffer und Kahn; 
Und das hat mit ihrem Singen 
Die Lore-Ley getan. 

 

Heinrich Heine 1823

 
Eine weitere Büste Heines ziert sein Pariser Grab, eines der meist besuchten Gräber auf dem Montmartre-Friedhof.  Der Cimetière de Montmartre liegt in der Avenue Rachel im 18. Arrondissement von Paris. Neben Heinrich Heine wurden dort auch Berlioz, Degas, Dumas, Offenbach, Stendhal, Truffaut und Zola begraben. Der schöne Marmorkopf ist erst später auf das Grab gesetzt worden. In Auftrag gegeben wurde auch er von Sissi. Das Grab ist fast immer mit frischen Blumen geschmückt und zu Heines Todestag am 17. Februar liegt dort seit 164 Jahren ein großer Kranz des Hoffmann und Campe Verlags. Eine Bild vom Grab finden Sie auf meiner Webseite. Auf dem Grabstein sind folgende Verse Heines eingemeißelt:

 

Wo wird einst des Wandermüden 
letzte Ruhstätte sein? 
Unter Palmen in dem Süden, 
Unter Linden an dem Rhein? 

 

Werd ich wo in einer Wüste
Eingescharrt von fremder Hand?
Oder ruh ich an der Küste
Eines Meeres in dem Sand.

Immerhin. Mich wird umgeben 
Gotteshimmel. Dort wie hier 
und als Totenlampen 
schweben nachts die Sterne über mir.


Immerhin – von seinem Denkmal in Toulon schaut Heine nun auf Palmen in dem Süden. Sissi wäre mit all dem auch sehr einverstanden gewesen.

 

Literatur

 

Clemens Brentano. Sämtliche Werke und Briefe. Historisch-kritische Ausgabe, Anne von Bohnenkamp-Renken, Konrad Feilchenfeldt, Jürgen Behrens, Wolfgang Frühwald, Detlev Lüders (Hrsg.). Kohlhammer Verlag Stuttgart 1975. 

 

Heinrich Heine: Sämtliche Gedichte in zeitlicher Folge. Klaus Briegleb (Hrsg.). Insel Verlag 1997.

 

Dietrich Schubert: Der Kampf um das erste Heine-Denkmal. Düsseldorf 1887-1893, Mainz 1893-1894, New York 1899. In: Wallraf-Richartz-Jahrbuch: Westdeutsches Jahrbuch für Kunstgeschichte 1990; 51, S. 241–272. 

 

Brigitte Hamann: Kaiserin Elisabeth - Das poetische Tagebuch. Akademie der Wissenschaften, Wien 1997.


Renate Daimler: Frei sollen die Frauen sein…. Gedanken der Kaiserin Elisabeth von Österreich. Brandstätter Verlag Wien 1998.

 

Wolfgang Schedelberger: Heinrich Heine in der Bronx. In: Extra. Wochenend-Beilage zur Wiener Zeitung  11./12. Dezember 1998, S. 5.

 

Paul Reitter: Heine in the Bronx. In: The Germanic Review 74; 1999, S. 327–336.

 

Jeffrey L. Sammons: The Restoration of the Heine Monument in the Bronx. In: The Germanic Review 74; 1999, S. 337–339.

 
Marcel Reich-Ranicki: Der Fall Heine. DVA Verlag Stuttgart 1997 und dtv Verlag München 2000.


Manfred Flügge: Die Odyssee von Sisis Heine-Denkmal. F.A.Z., 08.12.2007. Nr. 286, S. 4.

 

Christopher Gray: Sturm und Drang Over a Memorial to Heinrich Heine. In: New York Times. Ausgabe vom 27. Mai 2007.

 

Andersens Märchen. Vollständig überarbeitete und illustrierte Ausgabe speziell für digitale Lesegeräte. Null Papier Verlag Neuss 2011.

 

Brigitte Hamann: Elisabeth: Kaiserin wider Willen. Piper Verlag 2012.

 

Jürgen Habermas: Zeitgenosse Heine: Es gibt jetzt in Europa keine Nationen mehr. Rede anlässlich der Verleihung des Heinrich-Heine-Preises der Stadt Düsseldorf am 14.12.2012. In: Im Sog der Technokratie. Kleine Politische Schriften. XII. Suhrkamp Verlag Berlin 2013.

 

Die Zeit: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten. Freud, Heine und die Wirklichkeit. Die Zeit 10. Mai 2006:

  • Die Psychoanalytische Sichtweise von Thea Bauriedl
  • Die philosophische Vernunft von Julian Nida-Rümelin
  • Fragen eines Hirnforschers beim Lesen von Wolf Singer
  • Die Tricks der Schriftstellerei von Daniel Kehlmann
  • Die List der Übertragung von Elisabeth Bronfe
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Blick über die Weinberge der Südpfalz. Im Hintergrund der Pfälzerwald. 2003

Geschichte der Pfalz

Rede anlässlich der Ladies-Night des Lion-Clubs Oberhausen am 7. Mai 2004 in Gleiszellen. 
Prof. Dr. Claus Niederau

  

Die Pfalz ist omnis divisa in zwei Teile, auf dem einen wächst der Wein, auf der anderen wird gewandert, im Pfälzer Wald.

 

Gleich, nachdem man das Elsass passiert hat, bemerkt man ein liebliches Land, die Pfalz am Rhein. Reist man weiter, so zeigen einem des Hunsrücks rauhe Winde, dass man ihre Nordgrenze erreicht hat. Die schönste Meile Deutschlands, und da sind sich alle Pfälzer einig, liegt zwischen Schweigen im Süden und Grünstadt im Norden am Fuß der Haardt, wo die Höhen des Pfälzer Waldes steil gegen den Rheingraben abfallen. Diese Berge sind von Burgen gekrönt und von Reben gekränzt. „Sagt mir und schauet hinab, wie herrlich liegen die schönen, reichen Gebreite nicht da und unten Weinberg und Garten, dort die Scheunen und Ställe, die schöne Reihe der Güter“, so Goethe.

 

In diesem gesegneten Landstrich lebten einst die Kelten, das wissen wir schon von den Sprachforschern. Rhein, Main, Mosel und Ruhr sind keltische Worte. Schon lange hatten die im Norden frierenden Germanen einen Blick auf die sonnigen südlichen Gefilde geworfen und die keltische Bevölkerung nach Süden und Westen verdrängt. In den letzten Jahrhunderten v. C. kamen die germanischen Horden gar nicht mit dem Wunsche der Landnahme, sondern schlicht, um zu plündern. Schon damals zogen die Kelten mit Hab und Gut in die Berge, auf denen primitive Fluchtburgen und Wallanlagen entstanden. Mit der Zeit gefiel es den Germanen aber in der Pfalz und die Bevölkerung mischte sich an einigen Orten mit den Kelten. So wird angenommen, dass die pfälzische Bevölkerung nicht mehr rein keltisch war, als die Römer hier erschienen.

 

Die römische Zeit der Pfalz beginnt mit Julius Caesar, der zunächst nicht die Pfalz, sondern die Macht im damals noch republikanischen Rom wollte. Die Machtergreifung war nur mit einer großen Armee denkbar, der Grund für eine solche war schnell gefunden: die Furcht vor Kelten und Germanen. Mit den Kelten, die die Römer Gallier nannten, hatte Rom schon einschlägige Erfahrungen, schon 400 v. C. hätten sie Rom fast erobert, wären nicht die Gänse auf dem Kapitolinischen Hügel so wachsam gewesen. Nun drohte ein keltischer Stamm mit Hilfe der germanischen Sueben die Obermacht im Norden zu gewinnen und Caesar konnte die Furcht in Rom so weit schüren, dass er ein riesiges Heer bekam, die Sueben besiegte und gleich weiter nach Norden zog, um alle linksrheinischen Gebiete, also auch die Pfalz zu übernehmen. 

 

Nun - was hat sich an römischen Traditionen gehalten - nicht die Toga, die Römer tragen heute „germanische Hosen“. Auch mit dem Ablativ haben sich die Barbarenvölker nie anfreunden können. Mindestens drei Geschenke der Römer an die Pfalz überdauerten aber die Zeit, zwei wunderbare und ein schreckliches. Zunächst zu den schönen Geschenken: Die Römer brachten uns die essbaren Kastanien, die man hier am Übergang vom Pfälzerwald zu den Weinbergen so zahlreich findet. Das größte Geschenk der Römer war aber der Wein, ohne den die Pfälzer nicht mehr leben könnten. Bis dahin musste der Wein in Schläuchen aus Ziegenhaut über die Alpen geschleppt werden, entsprechend teuer war das Getränk. So trank man nördlich der Alpen halt Bier, ein Getränk, das erst nach 2.000 Jahren den Süden erobert hat. Die Meinung der Römer über das Bier geben Zeilen von Kaiser Julian wider:

 

„Der Wein schmeckt wie der Götter Trank

Du Gerstenbrüh schmeckst nach des Bocks Gestank

Du plagst den Leib mit schlimmem Krachen

kannst nicht wie Wein die Leute fröhlich machen.“

 

Lange Zeit hatte die römische Weinlobby den Weinanbau im Norden mit hohen Bestechungsgeldern verhindert, bis die Finanzbehörden Roms eine neue Weinsteuer erfanden. Steuern sind die schlimmste Hinterlassenschaft der Römer. Zunächst wurde nur der Grundbesitz besteuert, zum Schluss gab es eine Kopfsteuer. Wer die nicht zahlen konnte, durfte in den Militärdienst eintreten. Einfach und wirksam. Eichel hätte es sich nicht besser ausdenken können. Eigentlich erscheinen einem die heutigen Steuergesetze wieder richtig human.

 

Den nordischen Wein musste man aber damals nachzuckern, meist mit Honig. Dazu brachten die Römer das Imkerhandwerk gleich mit. Später dickte man dann Traubensaft und mit Bleioxid konservierte Traubenkerne durch langsames Köcheln zu Sirup ein, um den Wein zu süßen; ein Gemisch, das sicher schädlicher als Glykol ist.

 

Bis etwa 200 n. C. war dann in der Pfalz Frieden, obwohl es nördlich schon länger krachte, etwa im Teutoburger Wald, an der Emsmündung und bei Altenburg, um nur einige Beispiele zu nennen. Um 260 n. C. musste der östlich gelegene Limes gegen den Ansturm der Alemannen aufgegeben werden, die immer öfter den Rhein Richtung Pfalz überschritten. Die Römer antworteten mit Gegenangriffen und dem Ausbau der Städte; aus dieser Zeit stammen die Mauern von Koblenz, Köln, Mainz und Speyer.  

 

Um 400 n. C. strebt die Völkerwanderung ihrem Höhenpunkt zu. Dem Druck der Hunnen müssen viele Völker gen Westen weichen. Lange blieb der Rhein aber die Westgrenze Roms, alles Linksrheinische war für die Germanen römisch. Ihre Überfälle in dieses Gebiet blieben ohne System und hätten die Herrschaft der Römer nicht beendet, wären die Westgoten nicht in Italien einmarschiert. Rom war so weit heruntergekommen, dass man den Vandalen Stilicho zum Oberbefehlshaber der römischen Truppen im Westen machte, damit er mit befreundeten germanischen Stämmen wenigsten dort für Ruhe sorgte, was auch eine Zeit lang gelang. Der Druck von Alemannen, Vandalen und Alanen nahm aber so zu, dass selbst der fähige Kriegsherr Stilicho die Franken bitten musste, die Rheingrenze gegen die anstürmenden noch barbarischeren Stämme als Grenze Roms zu halten. Dabei hatten ja gerade die Franken seit Jahren viele römische Städte wie Köln, Trier, Xanten und pfälzische Gebiete immer wieder mit Genuss überfallen und geplündert. So wurde der Bock zum Gärtner gemacht. Das war‘s dann auch für die Römer, die ihr Truppenzentrum von Trier nach Arles verlegen mussten und damit die Präsenz am Rhein endgültig aufgaben.

 

Verabredungsgemäß verteidigten die Franken nun die römische Rheingrenze. Das ging gut, solange keiner kam. Dann aber kamen sie, nämlich Silvester 406 und noch einmal ein Jahr später, die Alemannen, Alanen, Quaden, Burgunder und Vandalen. Die Alemannen drangen kamen nur bis ins Elsass vor, nach Lothringen und ein kleines Stück in die Champagne, dann hatten sie keine Lust mehr. Land gab es nach Abzug der Römer eh genug. Die Alemannen mochten die römische Sprache nicht, sie hassten den Ablativ. So musste die verbliebene Bevölkerung notgedrungen altdeutsch sprechen und es entstand die bis heute bestehende deutsch-romanische Sprachgrenze. Alle weiter nach Süden eingedrungenen germanischen Stämme erkannten die höher stehende romanische Kultur und assimilierten deren Sitten und Sprache. 

 

Durch das Machtvakuum der zurückgewichenen Römer nahmen aus der Gegend des Ijsselmeers kommende Frankenstämme unter Chlodwig die größten Teile des heutigen Frankreichs ein. Ein verwirrter Alemannenhäuptling kam auf die Idee, den Franken ein Stück des Kuchens abzunehmen. Die Alemannen waren aber damals politisch desorganisiert und unterlagen den Franken bei Zülpich. Dies war dann auch das Ende der politischen Rolle der Alemannen. Nach den Ereignissen bei Zülpich übernahmen die Franken die pfälzischen Gebiete. Da die Franken aber viel zu besetzen hatten, erfolgte auf dem Gebiet der Pfalz eine eher sanfte Durchmischung von Franken und Alemannen, die daraus resultierende Mundart heißt rheinfränkisch. Man sagt, der Menschenschlaei, nicht ganz so elegant wie der Franzose oder so kultiviert wie der Römer, aber auch nicht so tölpelhaft wie die nordischen Barbaren, ein Menschenschlag ausgesprochen munter, umgänglich, tolerant und liebenswert.

 

In der Pfalz regierten von nun an die fränkischen Merowinger. Einer der Nachfahren Chlodwigs war Dagobert, dessen Wirken in der Südpfalz in den Annalen besondere Erwähnung findet. Das Lieblingshobby der Merowinger war es, sich gegenseitig aus dem Weg zu schaffen. Nun saß eines Tages König Dagobert auf Schloss Landeck, das hier gleich um die Ecke zu sehen ist, mit seiner Frau beim Kuchen, da kommen böse Vettern und wollen ihn umbringen, was aber schiefgeht. Dagobert findet Schutz am Waldrand hinter einer hohen Hecke und ein wunderschönes Mädchen nimmt sich seiner an. Sie holt dann auch Hilfe benachbarter Bauern, die ihn schließlich retten. Aus Dank schenkt Dagobert den Rettern einen guten Teil des Pfälzer Waldes; jeder durfte für sich selbst von nun an so viel Holz holen wie er brauchte. Der Provinzadel hat Dagobert dafür gehasst, denn sie hatten den freien Bauern den Wald gerade erst abgejagt. Bei der Kirche hatte Dagobert sich ebenfalls beliebt gemacht, er beschenkte sie hin und wieder mit Land, das ihm nicht gehörte und bekam so den Namen Dagobert „der Gute“. Die Pfälzer, denen das Land gehörte, fanden das gar nicht witzig. Nach seinem Tod wurde Dagoberts Herz in Göcklingen begraben, in Klingenmünster liegen seine Eingeweide, in Wissembourg sein Leib. Was sie Pfälzer von ihm übrig ließen, liegt in St. Denis im Norden von Paris, so behaupten die Franzosen.

 

Aus der karolingischen Zeit wie auch von den Sachsenkaisern gibt es wenig Überbleibsel in der Pfalz, sie bauten woanders. Erst die Salier tobten sich hier wieder aus. 

 

Die Christianisierung der Pfalz verlief so friedlich wie der Menschenschlag hier nun einmal ist. Man könnte auch sagen „Heilige kann man nicht genug haben“. Unter den Römer waren nur die großen Städte christianisiert. Die Christianisierung der Landbevölkerung erfolgte erst erst zwischen 600 und 750 n. C. Unter Bonafatius fanden richtige Taufparties statt: Zu Hunderten drängelten sich Franken und Alemannen an Sonntagen nach dem heiligen Nass. Die Mönche stifteten jedem Täufling ein weißes Leinenhemd, bis sie merkten, dass sich viele Germanen hinten wieder in die Schlange stellten, um mehr als ein Hemd zu erlangen. So war die Gegend rasch von anderen Göttern befreit, nur dem Dionysos huldigen die Pfälzer bis heute. Dies können Sie ja am Beispiel der katholischen Dionysos-Kapelle in Gleiszellen sehen. Ein weiterer berühmter Missionar war Columban, der auch mit den ersten Rodungen begann. Dass der Pfälzerwald noch steht, liegt nicht daran, dass man zu faul war, ihn zu roden, sondern daran, dass er auf Buntsandstein steht, auf dem nicht einmal Hafer wächst. Das Roden machte die Mönche durstig und es gab zudem reichlich Wein. So erfand Columban eine eiserne Regel, die lange Bestand hatte. Ein Bischof, der so betrunken ist, dass er die Hostie ausbrach, musste 40 Tage lang Buße tun. Die Alkoholfrage wurde erst 200 Jahre später auf dem Konsil in Aachen 816 endgültig geregelt. Einem Mönch stand danach am Tag fünf Pfund Bier und ein Pfund Wein zu, eine Nonne musste sich mit 3 Pfund Bier begnügen. Harte Zeiten.

 

Sehr lebendig wurde es in der Pfalz wieder mit den Saliern, denn die waren hier zuhause. Konrad war der erste König und stiftete das Kloster Limburg bei Bad Dürkheim zu seiner Seelen Heil. Die Mönche dort befreite es von der harten Arbeit des Bücherabschreibens, den allerblindesten ernannte er zum Chefbibliothekar. Abt wurde ein Familienangehöriger, der noch einen gut dotierten Posten brauchte. Gekrönt wurde Konrad vom Bischof Aribo von Mainz. Konrad verliebte in Giesela, eine schöne, sehr erfahrene Frau, die schon mehrfach verheiratet gewesen war, einmal sogar unkanonisch. Der wackere Mainzer verweigerte dem König den Ehebund mit Giesela. So musste das Paar bis nach Köln reiten, wo Bischof Pilgrim weniger Bedenken hatte. Dem fortschrittlichen Kölner war längst klar, dass Frauen in höheren Kreisen aus politischen Gründen geehelicht wurden, und dass kanonisches Recht im Wesentlichen für die kleinen Leute galt. Von nun an blieb die Königskrönung das Privileg der Kölner Bischöfe. Als Konrad sich die Kaiserkrone in Rom abholte, war wieder einmal etwas fällig. Er stiftete den Kaiserdom in Speyer, der bei seinem Tod 1039 immerhin schon so weit fertig war, dass er darin beerdigt wurde. Sein Nachfolger Heinrich der III. vollendete den Dom nicht nur, er erweiterte ihn u. a. um das erste gewölbte Mittelschiff, die erste Gratwölbung Deutschlands, die beispielgebend für das ganze Abendland wurde und später von der Gotik in abgewandelter Form übernommen wurde. Seit Speyer wölbt man.

 

Dann gibt es kurze Zwischenspiele von Schwaben und Sachsen in der Pfalz, die eine Menge von Burgen auf den Waldgipfeln bauen ließen, sich sonst aber wenig um die Pfalz kümmerten. Die Staufer kamen und bauten die berühmte Kaiserpfalz von Kaiserslautern, von der nicht viel übrig ist. Außerdem erweiterten sie den Wormser Dom zum dritten Kaiserdom.

 

Die Gefangennahme von König Löwenherz auf dem Trifels fällt in die Zeit der Kreuzzüge. Das Lösegeld von 24.000 kg Silber war selbst für England ein so großer Brocken, dass man erst einmal sicher sein wollte, ob Löwenherz überhaupt noch lebte. So schickte man den Sänger Blondin in die Pfalz, wo dieser von Burg zu Burg zog, um ein dem König bekanntes Lied zu singen. Am Trifels angekommen war er schon ziemlich heiser, aber König Löwenherz erkannte das Lied, antwortete mit dem Refrain und das Lösegeld wurde bezahlt, da der König offensichtlich am Leben war.

 

Dem Stauferkönig Friedrich II. entgleitet dann Macht und Einfluss, der deutsche König wird zu einem schwachen Territorialbaron, selbst wenn er den Kaisertitel trägt. Seit 1356 wählen die sieben Kurfürsten den König, sehr bedacht, einen schwachen König auszusuchen, der sie nicht zu sehr in der Verfolgung der eigenen Interessen stört.

 

Pfalz und Palast sind die schönen Worte, die wir aus dem lateinischen Palatium ableiten. So nannte sich der Palast des römischen Kaisers. Das viersilbige Wort Palatium war aber nicht griffig genug, so wurde Pfalz daraus. Ursprünglich hinterließen Könige und Kaiser in den Palästen, die sie bauten, einen Grafen als Statthalter zurück. Auch wenn der Besitz dann an Bedeutung verlor, behielt ein neuer Besitzer gern das Wort Pfalz bei. Einer von ihnen ergatterte sogar den Titel Pfalzgraf beim Rhein, nebst Privileg, ihn erblich führen zu dürfen. Aus unerklärlichen Gründen, bürgerte sich das Wort Pfalz, ursprünglich nur auf das Gebäude von König oder Kaiser bezogen, auch auf das Gebiet des Grafen ein. So kam die Region zu ihrem schönen Landesnamen.

 

Im späten Mittelalter ging es auch in der Pfalz drunter und drüber. Berühmt waren in jener Zeit die Raubritterburgen Berwartstein und Klein-Frankreich, die erste in der Pfalz, die zweite im Elsass. Der Anführer war ein Herr von Trotha, besser bekannt als Herr von Trapp. Er nahm sogar dem mächtigen Kloster Wissembourg viele Ländereien und Dörfer ab. Vasallen des Abts ließ er in die Verließe der Burgen werfen, bis sie verschimmelten. Was bei uns in der Nikolaus-Zeit Knecht Ruprecht ist, ist im Elsass bis heute der rohe Buhmann Hans Trapp, der böse Kinder in einen dunklen Sack steckt und verschwinden lässt.

 

Zur Zeit der Reformation entstand der Bauern-Aufstand im Elsass und etwas später in der Pfalz und in Hessen. In der Pfalz wurden die Burgen Lindelbrunn, Gräfenstein, Landeck, Ramberg und Elmstein von den Bauern niedergebrannt, das Stift Klingenmünster und das berühmte Kloster Eußerthal verwüstet. Später nehmen die Bauern Annweiler, Neustadt und Bergzabern ein. Der Kurfürst traf sich dann mit den Bauernführern in Neustadt; jovial lud er sie zu einem Mahl ein, und sicherte ihnen Straffreiheit und seine ganze Gnade zu. Die Forderungen der Bauern wurden anerkannt: Wahl der Pfarrer durch die Gemeinde, Abschaffung der schlimmsten Steuern und der Leibeigenschaft, Beseitigung von Willkür in Verwaltung und Justiz, Eingrenzung der adeligen Fischerei- und Jagdrechte. Wenig Revolutionäres. Nur Thomas Münzer verlangte die Regentschaft für das Volk, er kam aber gar nicht bis in die Pfalz. Gleich nach diesen Zugeständnissen machte sich der Kurfürst daran, ein Heer zusammenzustellen. Außerdem fragte er den berühmten Melanchthon um Rat, wie er mit den Bauern umgehen solle. Der sagte, dass „ein so unerzogen Volk“ als die Deutschen es sind, noch weniger Freiheiten haben soll, als es hat. Gesagt, getan. Zusammen mit dem Herzog von Lothringen wurden die Bauerhaufen geschlagen. Der Kurfürst zog dann von Dorf zu Dorf und kam mit 200.000 Golddukaten Brandschatzung nach Hause. Brandschatzung hieß, dass man eine hohe Summe zahlen musste, damit Haus und Hof eben dieser entkamen.

 

Kurfürst Ottheinrich war der erste Protestant auf dem pfälzischen Thron. Inzwischen war in Glaubensdingen das Angebot soweit vergrößert, dass man auch unter Protestanten reichlich Auswahl und Zwist gab und man sich auch hier wegen Haarspaltereien auf den Scheiterhaufen schickte. Ein steter Wechsel der Konfession der Kurfürsten sorgte für viel Abwechslung. Die Fürsten dürften ihre Konfession nun frei wählen, nicht jedoch ihre Untertanen. Nun sah man alle paar Jahre die Pfarrer mit Sack und Pack ihrer Wege ziehen, die mit dem verkehrten Gesangbuch mussten das Land verlassen. Die Fürsten hatten wichtigeres zu tun, sie tranken, gingen zur Jagd und sorgten für ehelichen und unehelichen Nachwuchs. Nun wollte aber Kurfürst Friedrich einst doch König werden; die böhmischen Stände, die eigentlich gerade den Erzherzog Ferdinand von Österreich zum König gewählt hatten, wollten denn in letzter Minute doch lieber einen Protestanten und boten dem pfälzischen Kurfürsten den Königstitel an, der ihn unbekümmert annahm. Der Österreicher war so beleidigt, dass er in den Krieg zog, dem Kurfürsten Titel und die Pfalz wegnahm. Außerdem nahm er ihm die Kurwürde ab, wozu der Papst noch mit einem Bakschisch versorgt wurde. Die Pfalz wurde mit einem Schlag wieder katholisch. Die Pfälzer bekamen von den Jesuiten immerhin zwei Monate Bedenkzeit, Exil oder Katholizismus. Es dauerte nicht lang, dann eroberten die Schweden große Teile der Pfalz, die auf einem Schlag wieder protestantisch wurde. Die Schweden hausten in der Pfalz wie Vandalen. Nachdem sie bei Nördlingen von den Kaiserlichen geschlagen wurden, kehrten diese siegestrunken zurück und hausten nicht minder schlimm. Noch schlimmer kam es für die Bevölkerung, als die Franzosen in die Pfalz und das Elsass einmarschierten. Den Kaiserlichen gelang es schließlich, die Pfalz zurückzuerobern. Endlich kam 1648 dann der westfälische Friede. Frankreich behielt die Festung Landau und versuchte die französische Sprache einzuführen, was gründlich misslang. Katholiken, Lutheraner und Calvinisten erhielten Gleichberechtigung. Durch die Wirren des 30-jährigen Krieges war auch die Pfalz entvölkert, Ackerbau und Weinzucht waren am Ende. Es erfolgte eine Einwanderungswelle aus der Schweiz, aus Holland und aus Frankreich, jeder Neuankömmling erhielt einige Jahre Steuerfreiheit, wenn er ein Haus baute.

 

Kurfürst war nun recht geschäfts-tüchtige Karl-Ludwig. Seinen Sohn verheiratete er mit einer dänischen Prinzessin, natürlich gegen Geld, 100.000 Taler. Bevor die Prinzessin aus Dänemark zur Hochzeit anreiste, schickte er ein Mahn-Telegramm mit einem einzigen berühmten Satz: „Ohne Geld kein Prinz“. Seine Tochter verheiratete er mit einem Bruder des Sonnenkönigs von Frankreich. Dies hielt Frankreich aber nicht davon ab, die Pfalz als Aufmarschfeld für den kommenden Krieg gegen Deutschland zu benutzen. So ging die Aufbauarbeit nach dem 30-jährigen Krieg wieder futsch.

 

Neuer Kurfürst wurde der mit der dänischen Prinzessin; er war ein besonders schwacher Chef, starb bald und kinderlos. Nun kam eine verzweigte Verwandtschaft zum Zuge, die in Jülich und Berg residierte. Ludwig der XIV. focht diese Nachfolge an, da Liselotte von der Pfalz eben seinen Bruder geheiratet hatte, Liselotte hatte zwar bei der Heirat auf alle Erbansprüche ausdrücklich verzichtet, Ludwig der XIV. ließ aber, die Pfalz und das Elsass besetzen - „um den Frieden aufrechtzuerhalten“. Der deutsche Kaiser konnte schließlich eine breite Koalition gegen Frankreich vereinen, das die Pfalz wieder abgeben musste. Die Franzosen haben die Pfalz vor ihrem Abzug so gut wie machbar niedergebrannt. In Speyer hatten die Franzosen Sorge, der Dom würde schlecht brennen. So ließen sie die Bevölkerung wissen, sie würden alles abbrennen, nur den Dom nicht, bewegliches Gut könnte also dort unversehrt bleiben. Die dorthin verbrachten Gegenstände brannten dann aber doch so gut, dass nicht nur der Dachstuhl einfiel, sondern sogar die Mauern. Vorher wurden auch die Königsgräber gründlich zerstört. In Mannheim wurde den Bürgern angeboten, die eigenen Häuser doch selbst einzureißen, da sie dies doch viel liebevoller tun würden als die Franzosen. Dies alles geschah im Namen der Nationalheiligen, Liselotte von der Pfalz. Von ihrer Zeit am französischen Hof existieren über 2.000 berühmte Briefe, die sich mit der deutschen, undiplomatischen Art im vornehmen Paris beschäftigen. In der Pfalz war es weniger spaßig. In diesen Jahren von Greuel und Elend wanderten viele Pfälzer aus, nicht wenige nach Nordamerika. Wilhelm Penn ist vielleicht der bekannteste, nach ihm ist Pennsylvania benannt.

 

Die neuen Kurfürsten saßen in Düsseldorf und scherten sich lange wenig um die Pfalz. Leben in die Sache kam erst als die regierende bayrische Herrscherlinie ausstarb und der Kurfürst Carl Theodor auch Bayern erbte, das ihn gar nicht interessierte. Er wollte Bayern an Österreich verschachern, dies bot ihm dafür die spanischen Niederlande, also Belgien. Aus dem Deal wurde nichts, da Preußen intervenierte. Nun hatte der Kurfürst viele Monate in München verbracht und dort einige uneheliche Kinder gezeugt. Mit seiner Rückkehr nach Mannheim sah sich seine Gattin in ihrer Ruhe gestört und bat ihn zu seinen unehelichen Kindern nach München zurückzukehren, was er dann auch tat. Im Übrigen ging der Streit zwischen Katholiken und Protestanten weiter. Recht und Gesetz existierten in der Praxis nicht. In der Pfalz gab es 37 Fürsten, von denen 27 Land mit einer Fläche von weniger als 5 qm2 besaßen.

 

Die Bote der französischen Revolution kam in der Pfalz gut an und das Volk begann örtliche Selbstverwaltungen zu bilden. Österreich und Preußen befinden sich nun im Krieg mit Frankreich, das rasch die Pfalz besetzt und die Mainzer Republik ausruft. Die Annahme der französischen Idee von Egalite scheitert aber zunächst, da zwar die Idee gefällt, nicht aber die dahinterstehende Absicht, die Pfalz an Frankreich anzuschließen. Preußen und Österreich eroberten große Teile der Pfalz zurück. Wieder nahmen die Franzosen alles mit, was sie transportieren konnten, den Rest verbrannten sie.

 

1803 beschließt Napoleon, dass der Rhein die Grenze Frankreichs sei und die Pfalz zur Grande Nation gehöre. Der Kurfürst, gleichzeitig Regent von Bayern, erhält als Gegenleistung für die Pfalz alle Reichsstädte und den gesamten Kirchenbesitz von Bayern. Das mit dem Kirchenbesitz fand der Katholik super, gleich ließ er alle Klosterbibliotheken ausräumen. Napoleon nannte ihn nun einen Freund Frankreichs und machte ihn zum König. Die französische Verwaltung der Pfalz führte allerdings zu einer wirtschaftlichen Blütezeit, es existierte nun eine funktionierende Verwaltung und ein unabhängiges Rechtssystem –diesbezüglich haben ja viele Regionen doch noch von Napoleon profitiert. Es bestand Gewerbefreiheit, freie Verfügung des einzelnen über Grund und Boden und freie Ehelichung. Napoleon gefiel die Pfalz, er besuchte viele Gaststätten, erst sehr viel später übertroffen von Helmut Kohl.

 

Die „Befreiung“ der Pfalz durch die Heere Blüchers war nur die Befreiung von Frankreich, die Demokratie war zunächst dahin. Immerhin gelang es den Pfälzern gegen alle Widerstände, das französische Rechts- und Notariatssystem beizubehalten. Pfälzische Abgeordnete durften nun im bayrischen Landtag mitbestimmen. Man konnte die Abgeordneten wählen, es waren aber nur genehme Parteien zugelassen und die Gewählten mussten vom Kurfürsten bestätigt werden. Soweit zur Demokratie um 1830. Das Hambacher Fest von 1832 formulierte erstmals grundlegende deutsche demokratische Ideen, es gipfelte aber eben nicht in der Ausrufung der Republik. Nichtsdestotrotz wurden die Teilnehmer gnadenlos verfolgt, mussten ins Exil oder wurden eingekerkert.

 

„Inspiriert vom Heiligen Geist“ gab der König von Bayern 1838 der Pfalz ihren schönen Namen zurück. Es beginnt die Zeit der Industrialisierung: die erste Eisenbahn durchzieht die Pfalz von Ludwigshafen bis nach Bexbach. Ludwigshafen wird als Hafen ausgebaut. 

 

1848 kamen Nachrichten von einer französischen Republik mit freiem Wahlrecht. Die Pfälzer wollten Ähnliches und fuhren nach München. Alles was die Bayern zustande brachten, war die Forderung, dass die Geliebte von Ludwig I. Lola Montez das Land verlassen solle. Immerhin - der König war beleidigt und dankte zugunsten seines Sohnes ab. Ebenfalls 1848/49 wurde schließlich die Verfassung des deutschen Reiches in der Paulskirche beschlossen. Zum Reichsoberhaupt wurde der König von Preußen gewählt; der aber wollte gar kein König von Volkes Gnaden sein, sondern von Gottes Gnaden, und lehnte ab. Auch Bayern hatte mit den neuen Ideen wenig am Hut. Hier in der Pfalz saß der republikanische Bazillus tief. Preußen schickte gleich 20.000 Soldaten, gegen die die 2.000 pfälzischen Turner und Studenten bei Rhinntal rasch verloren hatten. Ein Denkmal in Annweiler erinnert noch heute an die für eine Bundesrepublik kämpfenden Freischärler. Ein paar schöne Reden, ein paar Tausend Tote und Eingekerkerte und Zehntausende von Auswanderern, das war die Bilanz der gescheiterten republikanischen Hoffnung. Nach Abzug der Preußen verwalteten erneut die Bayern die Pfalz. 1870/71 durften die Pfälzer dann auch gleich - „als Bayern verkleidet“ - gegen die Franzosen ziehen. Diesmal als Sieger, nicht schlecht zur Abwechslung. 

 

Nach dem Versailler Vertrag wurde die Pfalz zunächst französisch verwaltetet, alle Versuche, die Pfalz durch Separatisten endgültig zu Frankreich zu bringen, scheiterten am Widerstand der Bevölkerung. Ab 1930 wurde die Pfalz wieder von Bayern verwaltete. 1946 erfolgte die Gründung des Bundesstaates Rheinland-Pfalz.

 

 

Literatur

 

Heinz Cüppers. Die Römer in Rheinland-Pfalz. Theiss Verlag 1990.

 

Karl Moersch. Geschichte der Pfalz von den Anfängen bis ins 19. Jahrhundert. Landau Pfälzische Verlagsanstalt 1990. 

 

Karl-Friedrich Geißler, Wolfgang Diehl. Im Wein erklingt das Wort. Gedichte, Lieder und geschichten zum Pfälzer Wein. Pfälzische Verlagsanstalt 1990. 

 

Hilde Düro Schiffels. Sagen und Geschichten aus Rheinland Pfalz. Moritz Diesterweg Verlag 1991.

 

Jochen Goetze, Werner Richner. Burgen in der Pfalz. Braus Verlag 1991. 

 

Viktor Carkl. Pfälzer Schmunzelgeschichten. Klein Verlag 1993. 

 

Elisabeth Charlotte von der Pfalz. Die Briefe der Lieselotte von der Pfalz. Langewieschen-Brandt Verlag 1996.

 

Meinrad Maria Grewenig. Napoleon - Feldherr, Kaiser, Mensch. Hatje Verlag 1998. 

 

Hansgeorg Baßler, Michael Seyl. Burgenröte. Geschichten aus der Pfalz.  TR- Union Verlag 1999.

 

Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz. Rheinland-Pfalz: Besuch bei Römern, Rittern und Romantikern. Gebr. Metz Verlag 2000 

 

Herrmann J. Settelmeyer. Pälzer Art und Lewenskunscht Heitere Gedichte und Geschichten in Pfälzer Mundart. Pfälzer Kunst Verlag 2001.

 

Karl H. Rothenberger, Karl Scherer, Franz Staab. Pfälzische Geschichte. Bezirksverband Pfalz Institut für pfälzische Geschichte 2001. 

 

Trifelsverein Annweiler. Stauferkaiser Reichsinsignien Ministerialität. Beiträge zur Geschichte des Trifels und des Mittelalters. Band 2. Selbstverlag 2002. 

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Auf der Maas im Juni 2019.

Bild und Sprache

Anselm Kiefer erhielt 2008 als erster bildender Künstler den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In seiner Dankrede diskutiert er das Verhältnis  von Literatur, Geschichte, Wissenschaft und Mythologie zur Kunst. Anselm Kiefer hat in seine Gemälde häufig Verse von Ingeborg Bachmann, Paul Celan und anderen Dichtern integriert und damit ein direktes Verhältnis von Text und Bild hergestellt. Gleich zwei seiner Bilder tragen den Titel eines Gedichts von Ingeborg Bachmann: „Böhmen liegt am Meer“. Anselm Kiefer zählt weltweit zu den bekanntesten und erfolgreichsten zeitgenössischen Künstlern. Da er mein Verständnis von Kunst und Literatur so sehr widerspiegelt, möchte ich einige Sätze seiner Dankrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels zitieren: 


„Ich denke in Bildern. Dabei helfen mir Gedichte. Sie sind wie Bojen im Meer. Ich schwimme zu ihnen, von einer zur anderen; dazwischen, ohne sie, bin ich verloren...Ich grenz, wie wenig auch, an alles immermehr:  Jede Grenze ist Illusion, aufgerichtet, um uns zu beruhigen und einen festen Ort vorzugaukeln. Aber ohne Grenzen, ohne diese Illusion von Grenzen sind wir nicht lebensfähig, weder als einzelne, noch im Verhältnis zu den anderen. »Ich grenz, wie wenig auch, an alles immer mehr« :  Dieser wunderbare Satz (von Ingeborg Bachmann, Anmerkung des Autor) überspringt, übersetzt, kunstvoll den Dualismus und kommt zu etwas ganz Anderem, Tieferem, dessen Rätsel mich immer wieder beschäftigen.

»Böhmen liegt am Meer«, diesem Bild von Ingeborg Bachmann glaub ich mehr als den Landkarten oder der Geographie. Es gibt eine besondere Grenze, die Grenze zwischen Kunst und Leben, eine Grenze, die sich oft irrlichternd verschiebt. Aber ohne diese Grenze gibt es keine Kunst. Im Verlauf der Herstellung leiht sich die Kunst das Material vom Leben; und noch im vollendeten Kunstwerk scheinen die Spuren von Leben durch. Die Distanz zum Leben ist aber zugleich das Wesentliche, die Substanz der Kunst. Dennoch hat das Leben seine Spuren hinterlassen. Und das Kunstwerk ist umso interessanter, je mehr es gezeichnet ist vom Kampf um die Grenze zwischen Kunst und Leben.“

Die vollständige Rede ist zu lesen bzw. zu hören unter:  www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/sixcms/media.php/1290/2008%20Friedenspreis%20Reden.pdf  bzw. www.youtube.com/watch?v=wsO4RWY7ttU
Zitate der Auszüge aus der Friedenspreisrede mit freundlicher Genehmigung von Martin Schult, Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, Börsenverein des Deutschen Buchhandels  e.V.


Die Bildtheorie Wittgensteins

Nach Ludwig Wittgenstein zerfällt die Wirklichkeit in „Dinge“, die in der Sprache einen „Namen“ haben. Bedeutung erhalten die Namen erst durch ihre Anordnung im Satz. Sätze zerfallen - wie die Wirklichkeit in Dinge - also in deren Namen. Wenn die Anordnung von Namen im einem Satz die gleiche Struktur aufweist wie die Anordnung der von den Namen vertretenen Gegenstände in der Wirklichkeit, wird ein Satz wahr. Beispiel ist ein Bild, das eine Katze zeigt, die auf einer Matte sitzt. Der entsprechende Satz lautet: "Die Katze sitzt auf der Matte." Die Teilelemente eines Satzes sind untereinander genauso angeordnet wie die Teilelemente der Tatsache. Der Satz ist wahr. Wittgenstein nennt dies Bildtheorie.

Eine daraus folgende Kernaussage Wittgensteins „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“ ist immer wieder hinterfragt worden. So hat sich Ingeborg Bachmann mit den Grenzen der Sprache beschäftigt und Anselm Kiefer hat die Grenze von Kunst und Leben in seiner Dankrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels thematisiert. Auf meiner Webseite stelle ich bewusst ein Gedicht oder einen Text neben oder in ein Bild. Ich denke, beide zusammen helfen uns, die Wirklichkeit besser zu erfassen. Obwohl es vielleicht nur eine Wahrheit gibt, können wir uns ihr nur nähern.

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Bild:  Tulpen im Spiegel. Frühjahr 2015.

Schönheit ist der Glanz des Wahren

Rede zur Ausstellungseröffnung: Bilder von Menschen mit Behinderung aus den Lebenshilfe-Werkstätten Königshardt am 11.10.2016 im Ambulanten Hospiz Oberhausen. 

 

Prof. Dr. med. Claus Niederau, 1. Vorsitzender, Ambulantes Hospiz Oberhausen e. V. 

  

Schönheit ist der Glanz des Wahren. Diese Aussage findet man in der Geschichte der Menschheit von Platon bis Beuys. Mit der Schönheit beschäftigt sich die philosophische Disziplin der Ästhetik. Das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet Sinneswahrnehmung, aber auch Erkenntnis und Verstehen. Schönheit steht seit dieser Zeit im Dienst des Wahren und Guten. Gut ist dabei weniger moralisch zu verstehen, sondern als Maß dafür, inwieweit ein Objekt mit seiner Idee übereinstimmt. 

 

Im Mittelalter wurde die irdische Welt der sinnlichen Erscheinung gegenüber einer jenseitigen Welt radikal abgewertet. Erst in der Renaissance wird Schönheit nicht mehr nur als Ausdruck der Macht Gottes gedacht, sondern von ihrer Wirkung aufs Subjekt her verstanden. Kant beschreibt die Erfahrung des Schönen als Zusammenspiel von Sinnlichkeit und Verstand. Schiller löst dieses Konzept der Schönheit als Form der menschlichen Beurteilung auf und spricht sie den Kunstwerken selbst zu. Die Schönheit kehrt vom wahrnehmenden Subjekt zurück aufs wahrgenommene Objekt. Erst in den 1950er Jahren wird das Verhältnis von Kunstwerk und Betrachter zum Dialog, so wie es etwa Gadamer beschreibt: „Das Kunstwerk hat ... sein eigentliches Dasein darin, daß es zur Erfahrung wird, die den Erfahrenden verwandelt “. 

 

Autoren wie Heidegger, Adorno und Gadamer besinnen sich auf die Ästhetik als Gegenpol einer einseitig logo-zentrischen Philosophie des Abendlandes und einer technisierten Welt. Von der Philosophie sagt man – so John Dewey, sie „beginne beim Wunder und ende im Verstehen. Kunst nimmt ihren Ausgang beim Verstandenen und endet im Wunder.“ Bei Heidegger lichtet erst die Kunst das Sein in seiner Dunkelheit, erst die Kunst erhebt die „Erde zur Welt”. 

 

Jeder Mensch ist ein Künstler“, so Joseph Beuys. Dieser provokante Satz beinhaltet die Aufforderung, aus und in unserem Leben Kunst zu machen, unser Leben kreativ zu gestalten. Von Pablo Picasso stammt ein ähnlicher Satz: „Jedes Kind ist ein Künstler“. Gerade Kinder malen freier als Erwachsene, sie kennen noch keine antrainierten Grenzen von Formen und Farben. In diesem Sinn kennt Kunst auch keine Behinderung! Kunst sucht ja nach neuen Ausdrucksformen und nicht nach Ausgrenzung. Die künstlerische Arbeit mit Menschen mit Behinderungen ist für alle Beteiligten eine Bereicherung und schafft neue Wahrnehmungsmöglichkeiten, die Menschen ohne Behinderung oft verschlossen sind. Menschen mit Behinderung erfahren auf der anderen Seite, dass sie in der Kunst Vorstellungen ausleben können, die ihnen sonst verwehrt sind.

 

So lassen Sie uns heute mit Hilfe der hier ausgestellten Kunst und ihren Künstlern ein Stück „Erde zur Welt“ machen. 

 

Literaturhinweise

 

Michael Hauskeller. Was ist Kunst? Positionen der Ästhetik von Platon bis Danto. C. H. Beck Verlag 2008.

 

Umberto Eco. Die Geschichte der Schönheit. Übersetzt von Friederike Hausmann und Martin Pfeiffer. Hanser Verlag 2004. 

 

Zhengmi Zhouhuang. Der sensus communis bei Kant: Zwischen Erkenntnis, Moralität und Schönheit. De Gruyter Verlag 2016.

 

Friedrich Schiller. Über die ästhetische Erziehung des Menschen: In einer Reihe von Briefen. Klaus L. Berghahn (Hrsg.). Reclam Verlag 2000.

 

Martin Heidegger. Der Ursprung des Kunstwerkes. Holzwege Verlag 1980.

 

Theodor W. Adorno. Gesammelte Schriften in 20 Bänden: Band 7: Ästhetische Theorie. Suhrkamp Verlag 2003. 

 

Udo Tietz. Hans-Georg Gadamer zur Einführung. Junius Verlag 2019.

 

John Dewey. Kunst als Erfahrung. Übersetzt von Christa Velten, Dieter Sulzer und Gerhard vom Hofe. Suhrkamp Verlag 2010.

 

Heiner Stachelhaus. Joseph Beuys. 'Jeder Mensch ist ein Künstler'. Heyne Verlag 1995.

 

Pablo Picasso. Picasso in TIME, October 4, 1976. Modern Living: Ozmosis in Central Park. http://content.time.com/time/magazine/article/0,9171,918412,00.html

Ambulante Hospizarbeit:  

Ein Plädoyer für das Ehrenamt

Das Ambulante Hospiz Oberhausen e. V. wird im März 2007 zehn Jahre alt. In dieser Zeit hat es mehr als 100 ehrenamtliche Begleiter von Schwerkranken und Sterbenden ausgebildet. „Wir kommen nach Hause und überallhin“ lautet das Motto der ambulanten Hospizarbeit, die von ehrenamtlich tätigen Menschen geleistet wird. Ehrenamtliche und Ehrenamt sind Kristallisationspunkte, von denen aus die Hospizinitiative lebt und wächst. Die freiwilligen Begleiter heißen in Deutschland deshalb ganz bewusst „Ehrenamtliche“. Der Charakter des Ehrenamts prägt ihre Arbeit und den Hospizgedanken. 

 

Deutschland tut sich mit dem Begriff „Ehrenamt“ bisweilen schwer: so hieß eine Umfrage zur ehrenamtlichen Tätigkeit „Freiwilligensurvey" und eine Kommission des Deutschen Bundestages wurde „Enquete-Kommission zum bürgerschaftlichen Engagement“ genannt. Ehrenamt mag „altmodisch“ anmuten und besteht in der Tat aus zwei alten deutschen Worten. Das soziale Ehrenamt ist allerdings nicht so alt: in Deutschland entstand es im 19. Jahrhundert als christlich-soziale kommunale Armenpflege. In Deutschland sind heute über 20 Millionen Menschen ehrenamtlich tätig, so viele wie nie zuvor. Welche Motive hat das ehrenamtliche Engagement in unserer doch sonst so profit-orientierten Gesellschaft? 

 

Die Reibungspunkte zwischen staatlicher Fürsorge und ehrenamtlicher Hilfe kommen in viel­fältigen neuen Begriffen zum Ausdruck: Zivilgesellschaft, Bürgergesellschaft, Subsidiarität, partizi­pative Demokratie u.a. Ihre Entstehung und die dahinter stehenden gesellschaftlichen Veränderungen sind nur zum Teil durch den Rückzug des Sozialstaates zu erklären. Subsidiarität stellt individuelle Verantwortung vor staatliches Handeln. In viele gesellschaftliche Angele­genheiten wollen wir uns heute wieder unmittelbar einmischen. Die Diskrepanz zwischen Bürgern und Staat ist überall in Europa offensichtlich. Die repräsentative Demokratie, mit der die Bürger ihre souveräne Macht an Abgeord­nete übertragen, hat Grenzen erreicht. Unser Wille, an Entscheidungsprozessen direkter teilzunehmen, kommt im Begriff der „partizipativen Demokratie“ zum Ausdruck. Max Frisch hat diesen Gedanken so beschrieben: "Demo­kratie heißt, sich in die eigenen Angelegenheiten einzu­mischen." Genau dies ist ehrenamtliche Tätig­keit.

 

Ehre bedeutet nach Wikipedia „Achtungswürdigkeit einer Person“; Amt bezeichnet eine „öffentliche Einrichtung bzw. die einer Person übertragenen öffentlichen Aufgaben, Rechte und Pflichten“. Ehren­amt meint heute „unentgeltliches Handeln im gemeinnützigen Bereich“. Die Worte Ehre, Amt und Ehrenamt bedeuteten aber mehr als diese lexikalischen Definitionen. Ihre Bedeutung erfasst man erst, wenn man nach ihrer Herkunft und Verwendung in unserer Sprache sucht.

 

Im Grimmschen Wörterbuch der Deutschen Sprache steht Ehre ursprünglich für Zier und Geschenk Gottes. So heißt es „Ehre sei Gott in der Höhe“. Ehre wurde aber auch immer schon mit heidnischen Gottheiten in Verbindung gebracht. So ist von der „meien ere“ die Rede, also der Ehre des heidnischen Frühlingsgottes Mai. Sei es christlich oder heidnisch, diesem Aspekt des Wortes Ehre liegen die Begriffe Zierde, Wert, Schönheit und Glanz nahe. Ähnlich wie Gott gebot man auch dem König Ehre. Hierher stammen die Begriffe Ehrenpreis, Ehrentrunk und Ehrengabe. Nach der Aufklärung kann man auch dem gemeinen Bürger Ehre erweisen; so heißt es bei Goethe „Ehre, wem Ehre gebührt“. Ehre hat mit Schenken zu tun: Ich „verehre“ Dir etwas, heißt, ich verschenke Dir etwas, das mir besonders wertvoll ist. Ehre drückt zu einem gewissen Maß auch Scham und Scheu aus. Gelegentlich wird Ehre zudem mit Furcht assoziiert, deshalb heißt es Ehrfurcht. Schopenhauer sagt: „Die Ehre ist, objektiv, die Meinung anderer von unserem Wert und, subjektiv, unsere Furcht vor dieser Meinung“. Ehrlich heißt auch „anständig“. Man spricht von persönlicher Ehre, vom Ehrenmann. Neben der „Achtungswürdigkeit einer Person“ klingen im Wort Ehre je nach Verwendung viele Assoziationen mit, die wir kennen und fühlen, auch wenn wir sie nicht gleich als solche reflektieren. 

 

Beim "Verlust der Ehre" ist auch von „Gesichtsverlust“ die Rede. Das Gegenteil der Ehre ist die Schande, der Verlust von Würde. Dass falsch verstandene Ehre zur Tragödie führen kann, zeigt Lessing in seinen Dramen. Von ihm stammen auch die Verse „Die Ehre hat mich nie gesucht, sie hätte mich auch nie gefunden“. Die Ehre ist schon als Wort verletzlich. So kann man eine Schandtat zum „Ehrenmord“ pervertieren. Hegel hat in seinen „Vorlesungen über die Ästhetik“ ein ganzes Kapitel der Ehre und ihrer Verletz­lichkeit gewidmet: „Indem nun die Ehre nicht nur ein Scheinen in mir selber ist, sondern auch in der Vorstellung und Anerkennung der anderen sein muss, welche wiederum ihrerseits die gleiche Anerkennung ihrer Ehre fordern dürfen, so ist die Ehre das schlechthin Verletzliche“. Der Begriff Ehre kommt hier dem der „Würde“ sehr nahe, denn auch die Würde des Menschen ist verletzlich. Die Würde des Menschen ist gerade dann antastbar, wenn der Mensch schwach ist - zu Beginn und am Ende seines Lebens. Unser Grundgesetz beginnt mit den Sätzen „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dies zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Diese Grundsteine unserer so menschenwürdigen Verfassung dokumentieren aber auch, wie leicht antastbar die Würde des Menschen ist; hinter ihnen steckt die Erfahrung unserer Nation, dass staatliche Gewalt die Würde des Menschen in besonderer Weise erniedrigen kann. 

 

Die Hospizbewegung ist auch eine Antwort auf die Rufe nach aktiver „Sterbehilfe“ und einen leichtfertigen Umgang mit Demenzkranken und Menschen im Wachkoma. Hier stößt Hospizarbeit an Grenzen der menschlichen Autonomie, die sich nicht immer perfekt in Patientenverfügungen regeln lässt, auch wenn Politik und Staat dies manchmal suggerieren. Nicht jeder Wille lässt sich durchsetzen und nicht jeder Wille ist ermittelbar. Im Grundgesetz steht auch nicht der Wille des Menschen an erster Stelle, sondern seine Würde.

 

Ehre und Würde gehören in ihrem ursprünglichen Wortsinn zum Kern des Hospizgedankens. Sie haben wegen ihrer Verletzlichkeit den Schutz staatlicher Gewalt verdient. Nun ist die Hospizbewegung aber nicht Resultat staatlicher Aktion - im Gegenteil: sie ist eine Bürgerbewegung aus der Mitte der Zivilgesellschaft. Immer­hin nehmen der Staat und sein Gesundheitssystem die Hospizbewegung zunehmend als Partner wahr.

 

Die Wurzeln des Wortes Amt in den germanischen Sprachen beinhalten den Begriff des Dienenden. Im Grimmsches Wörterbuch heißt es: „Aus dieser sinnlichen Bedeutung (des Dienenden) schrumpfte unser abstraktes Amt zusammen. Kaum ein anderes deutsches Wort kann solchen Wert in Anspruch nehmen und so lehrreich sein für die Geschichte unserer Sprache“. Das Wort Amt drückt heute freilich hauptsächlich den Dienst oder das Geschäft aus, womit einer beauftragt ist, sowie den ihm zugeteilten Bezirk; so heißt es Bezirksamt, Oberamt, Forstamt, usw. Sprachgeschichtlich ist der Amtsträger aber ein Dienender und nicht ein Herrschender. In diesem Sinn passt das Amt gut zum Hospizgedanken.

 

Dieses Dienen im Amt der Ehre hilft dabei nicht nur den Hilfebedürftigen, sondern auch den Ehrenamtlichen. Menschen, die sich über das berufliche Maß engagieren, sind zufriedener und oft auch glücklicher als andere. Verantwortung für den Anderen stiftet offensichtlich eigene Erfüllung. Ehrenamt macht Freude und soll Freude machen, so wie Nächstenliebe und Selbstliebe zusammengehören. Bundespräsident Köhler hat dies so ausgedrückt: „Ehrenamtliches Engagement ist nicht selbstlos, sondern im wahrsten Sinne des Wortes selbstbewusst.“ Berufliches und ehrenamtliches Engagement sind für eine demo­kratische Gesellschaft zwei existentiell wichtige Pole; der eine treibt uns voran, der andere hält uns zusammen.

 

Der Begriff „Ehrenamt“ hat gegenüber anderen Bezeichnungen Vorzüge. Die Begriffe bürger­schaftliches Engagement, Subsidiarität, Zivilgesellschaft und Freiwilligenarbeit als Ersatz für das Ehren­amt können den Sinn des eigentlich Gemeinten nicht einfangen. Unser Sprachgefühl erlaubt es uns zu begreifen, was das Wort Ehrenamt meint und was bei dem Begriff mitschwingt. Diesen großen sprachgeschichtlichen Schatz sollten wir hüten. So heißt es in einem Märchen der Gebrüder Grimm „Du bist mein Geselle auf der Wanderschaft gewesen, du sollst bei mir bleiben und mit von meinem Schatz zehren.“ In diesem Sinn sind die Ehrenamtlichen und das Ehrenamt die wertvollsten Schätze der Ambulanten Hospize. 

 

Prof. Dr. med. Claus Niederau

 

Auszug einer Rede anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Ambulanten Hospizes Oberhausen e. V. in der Luise-Albertz-Halle Oberhausen am 14.3.2007

Krokus


Aus Harsch und Karsch

Unterm Knospenvisier

Welch glanzvoller Aufmarsch

 

Mit dem Erstling schon

Hebt neu das Leben an

Schöpfungsgeschichte nach Kälte und Nacht

 

Morgen werden deine Farbfanfaren

Österlich uns auferwecken

Und die Welt ist gut


Claus Niederau, 1972

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Bild:  Krokusse aus dem Garten, Februar 2022.

Atlantis 


Wo ist das Land                das unbekannte 

Auf offener See                 fernab bekannter Küsten 

Blüten treiben an uns vorüber 

Im Mastkorb schmeckt der salzige Wind 

                                             zuweilen nach Rauch 

Durch Frühlicht flirrt es wie Brandung 

Und bei Nacht nahm die Wache Flügelschlag wahr 

                                             Am Horizont Lichter 

 
Wo ist das Land                das unentdeckte 

Fernweh und Hoffnung gingen mit uns an Bord 

Daheimgeblieben sind die Gescheiten 

Die alle Küsten verzeichnet 
Und alle Meere verkartet wissen 

Auch für uns sind die Hieroglyphen 

                                             des Vogelflugs entziffert 

und wir wissen             wie alle              Magellans Zeit 

Ist für immer vorbei 

 

Voraus dennoch Land      du fremde Küste 

Vom Ufer treiben uns Blüten zu 

Weht Rauch von Feuern herüber 

Wenn wir auch nie dein Gestade erloten 

Mit fallendem Anker die Dünung zu kreuzen 

Gegrüßest seist du      Atlantis            mein Land 

Wir sind unterwegs 

 

Claus Niederau, 1972 

Bild: Nordseestrand, Zeeland, August 2007.

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Götterspeise

für CWZ 


Jello-O Rot
Zuckerfarbenfroh 
Süße Träume 
Hoffnung spendet

Soße weiße

Froschsülz  spitze
Glitschig Glibber
Sinn verführen
Blühen Waldmeister

Giftig grüner

Jello-Shot
In frommen Zirkeln
Küsse süßer denn
Ambrosia himbeerrrot

Kirschen röter

Wackelwodkajellies
Ampelpuddingpulver
Leuchten fruchtig
Träumend strahlen

Zitronen gelbe

Wilde Tauben
Zu Plejaden aufgeflogen
Zeus erfreuen wie
Die Psyche unsterbliche

Vanille Göttin

Wackelpeter, hack den Peter
Musst mir meinen Herd 
Doch lassen stehn
Glühend Pudding sehn

Lecker Karamell 

Kenn nichts Schönres
Unter der Sonne als dich
Nährt euch kümmerlich
Macht Prometheus ärgerlich

Selbst in Bielefeld

Menschen vorenthalten 
Nur den seitlich Umgeknickten
Ab und zu am Niederrhein 
Abendländisch Endergebnis 


Claus Niederau 2020

Götterspeise und Wackelpudding

Dessert zum Weihnachtsessen, Wuppertal, 25.12.2019.

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Des Photos Schatten
 

 Sonnenweiß schlechthin
 Die hellste aller Farben
 Weiß wählt
 Stille und Leere
 
 Schwarz wirft nichts zurück
 Schatten bleibt Mangel
 Auch unsichtbar immer da
 Verweht als Nichts
 
 Camera obscura
 Träumt im Schatten
 Laterna magica
 Beschattet das Weiß
 
 Silberne Illusion 
 Entwirft Silhouetten
 Mit Licht gezeichnet
 In dunkel Vertrautem


 Claus Niederau, im November 2020

Meine liebsten Lyriker*innen 

„Hitliste“ der deutsch-sprachigen Lyriker*innen im Mai 2020
  

1)          Ingeborg Bachmann

2)          Christian Morgenstern

3)          Heinrich Heine

4)          Bertolt Brecht

5)          Rainer Maria Rilke

6)          J. W. von Goethe

7)          Joachim Ringelnatz

8)          Hans Magnus Enzensberger

9)          Matthias Claudius

10)        Rose Ausländer

11)        Klabund

12)        Joseph Freiherr von Eichendorff

13)        Sarah Kirsch

14)        Friedrich Hölderlin

15)        Eduard Mörike 

16)        Günter Eich

17)        Georg Trakl

18)        Paul Celan

19)        Marie Luise Kaschnitz

20)        Robert Gernhardt
21)        Gottfried Benn

22)        Else Lasker-Schüler

23)        Durs Grünbein

24)        Mascha Kaléko

25)        Nelly Sachs

26)        Andreas Gryphius

27)        Jan Wagner

28)        Michael Krüger

29)        Jan Volker Röhnert

30)        Nora Bossong

31)        Nora Gomringer

32)        Hilde Domin

33)        F. W. Bernstein

 

Welche nicht deutsch-sprachigen Lyriker*innen ich sonst gerne lese:

Emily Dickinson, William Carlos Williams, Robert Frost, Carol Anne Duffy, 
William Shakespeare, Ron Padgett, Sylvia Plath, Anna Achmatowa, 
William Wordsworth, Maya Angelou, John Donne, John Keats, Percy Bysshe Shelley, 
T. S. Eliot, Margaret Atwood, William Butler Yeats, Walt Whitman, Ezra Pound, 
William Blake, Rudyard Kipling, Petrarca, Ungaretti, Charles Baudelaire, 
Paul Verlaine, Arthur Rimbaud,  Louise Glück, Tomas Tranströmer, u. a.

„Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles“ (J.W. von Goethe).

Gold

Einleitung zum Thema „Goldschmiede-Kunst“ - Lionsclub Oberhausen 2004

 

Claus Niederau im Januar 2004, aktualisiert im Januar 2021.

 

Gold glänzt. Der Name Gold ist vom indogermanischen Wort „gehe“ abgeleitet, was schimmernd und blank bedeutet. Gold muss einfach auffallen mit seiner glänzend-gelben Farbe, die dem Antlitz der Sonne Konkurrenz macht. Es liegt schwer in der Hand und es ist selten. Dies sind schon Gründe genug, um Gold als etwas ganz Besonderes zu betrachten. Auch ohne die Kenntnis seiner physikalischen und chemischen Eigenschaften erlangte es mühelos den Status „wertvoll”. Kein anderes Metall hat den Menschen bis heute so sehr in seinen Phantasien und Taten beeinflusst.

 

Das Rheingold. Der Nibelungenhort inspiriert die Kunst bis heute als berühmtester Goldschatz der deutschen Geschichte. Seine Ursprünge stammen aus dem 10. Jahrhundert. Eine gut überlieferte Version erzählt die um 1220 verfasste Edda aus Island. Diese Geschichte diente Richard Wagner als Quelle für seinen Ring des Nibelungen; hier gewinnt Siegfried den Hort allerdings nicht von einem Drachen, sondern durch eine List. Der Schatz bringt dem Besitzer aber nur Unglück und so ermordet Hagen Siegfried, um an den Hort zu kommen. Hagen versenkt später den Nibelungenschatz im Rhein an einer nur ihm bekannten Stelle. Wagners Oper "Das Rheingold" greift diese Geschichte in abgewandelter Form auf. Das Rheingold bildet mit den folgenden Opern Die Walküren Siegfried und Götterdämmerung. Hier bewachen die Rheintöchter das Gold. Alberich versucht, eine der schönen Rheintöchter für sich zu gewinnen und dabei erzählen sie ihm arglos von dem Schatz. Er müsse für das Gold aber die Liebe verfluchen, dann könne er sich daraus einen Ring schmieden, um Macht über die ganze Welt zu erlangen. Alberich begeht diesen Fehler. Als er später alles an Wotan verliert, verflucht er den Ring. Dieser Fluch mündet in den Untergang Wotans, die Götterdämmerung. Die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek greift 2004 in ihrem Bühnenessay „Rein Gold“ die Geschichte auf. Im Streitgespräch zwischen Brünnhilde und Wotan geht es um die Macht von Gold und Geld in der kapitalistischen Gegenwart.

 

Gold wiegt schwer und ist edel. Seine Dichte beträgt mehr als 19 g/cm³, das sprichwörtlich so schwere Blei ist dagegen ein Leichtgewicht mit nur 11 g/cm³. Neben Silber und Kupfer gehört Gold zu den besten Leitern von Wärme und Strom. Gold ist das dehnbarste aller Metalle, aus 1 g Gold lässt sich ein 3 km langer, mikrometer dicker Draht ziehen. Das Metall lässt sich zu Blattgold auswalzen, das eine Dicke von weniger als einem Mikrometer hat, also einem tausendstel Millimeter. Gold ist in reiner Form beständig gegen Luft, Wasser und fast alle Säuren. Es lässt sich hingegen gut mit anderen Metallen mischen. Durch die Beimischung anderer Metalle erhält man Legierungen, die eine höhere Härte besitzen, eine andere Farbe haben und preiswerter sind: In Rotgold ist Gold mit Kupfer und Silber legiert, in Weißgold mit Palladium oder Nickel, Kupfer und Zinn; Münzgold enthält in der Regel 90% Gold und 10% Kupfer. In Deutschland werden meist Legierungen mit den Feingehalten 750/°°, 585/°° und 333/°° verarbeitet. 750/°° Goldlegierungen sind beständig und haben für hochwertige Schmuck-Anfertigungen die größte Bedeutung. Der Hauptvorteil der 585/°° Legierung gegenüber der 750/°° Legierung liegt im Preis. Farbe, Glanz und Beständigkeit von 585/°° und 750/°° Legierungen sind ähnlich. Der geringe Goldanteil in 333/°° Legierungen wirkt sich hingegen negativ auf die Beständigkeit aus: so laufen besonders kupferhaltige 333/°° Goldlegierungen an der Luft an und können von Säuren aufgelöst werden. Bei 333/°° Gold können zudem Risse auftreten. Trotzdem darf diese Legierung in Deutschland als "Echt-Gold" bezeichnet werden.

 

Gold ist selten. Es ist am Aufbau der Erdkruste nur mit 5 mg/Tonne beteiligt und steht somit an 75. Stelle der Häufigkeit der Elemente. Die größten Goldvorkommen der Erde befinden sich am Witwatersrand in Südafrika; die Goldkonzentration ist dort 10.000 fach höher als in der sonstigen Erdkruste. Nur 20 x 20 x 20 Meter groß wäre der Würfel, wenn man alles Gold, das jemals gefördert wurde, einschmelzen würde.

 

Gold ist schwer zu gewinnen. Große Goldnuggets sind ausgesprochen selten. Meist kommt es in Form von Flittern und kleinen Körnchen vor. Das in Lagerstätten gefundene Gold nennt man Berggold; das Gold, das aus Bächen und Flüssen herausgewaschen wird, nennt man Seifengold. Die älteste Methode zur Goldgewinnung ist das Goldwaschen. Bei der Gewinnung von Berggold spielen zwei industrielle Verfahren eine Rolle: Bei der Amalgierung wird das goldhaltige Gestein zermahlen und mit uecksilber vermischt. Das Gold bildet mit dem Quecksilber eine Amalgan-Legierung, aus der das Quecksilber später abdestilliert wird. Durch das Verfahren können zwei Drittel des Goldes aus dem Gestein herausgelöst werden. Zur Gewinnung des restlichen Goldes bedarf es der Cyanidlaugerei, die 1887 erfunden wurde.

 

Gold ist wichtig. Bis 1978 war Gold ein wichtiges Währungsmetall. Noch heute lagern zwei Drittel der Goldreserven in staatlichen Währungsdepots. Auch heute gilt Gold  Währung der „letzten Instanz“, als Versicherung gegen bekannte und unbekannte Risiken unseres Finanzsystems. Heute ist Gold wieder wertvoller als Platin. In der Technik besitzt das Gold im Gegensatz zu Platin nur eine geringe Bedeutung. Eine bedeutende Rolle spielt es noch in Zahnmedizin, Elektronik und Optik. Blattgold wird zum Verzieren oder bei der Restauration von Kunstgegenständen eingesetzt. Der größte Teil des Goldes wurde und wird jedoch zu Schmuck verarbeitet. 

 

Gold ist der schönste Schmuck. Zu den berühmtesten und zugleich ältesten Goldfunden zählt der um 3.800 v. C. datierte Schatz der Königsgräber von Ur in Mesopotamien. Der Schatz der Sumerer zeugt von einer perfekten Verarbeitung von Gold mit Lötungen von perfekter Feinheit. Seit dem 4. vorchristlichen Jahrtausend wurde auch in Ägypten Gold abgebaut. Zu den berühmtesten Funden aus dieser Gegend gehört die goldene Maske des Tutenchamun. Auch die Griechen hatten eine hohe Fertigkeit in der Goldschmiedekunst, wie dies Schliemanns Ausgrabungen in Troja zeigen. Die um 2.600 v. C. datierten Schmuckstücke umfassen mehr als 8.000 goldene Ringe, Armbänder und Diademe. Das größte Diadem mit 56 cm Länge ist aus 12.700 Kettengliedern und 4.000 goldenen Blättchen gearbeitet. Auch die Römer liebten Gold. Zur Zeit der größten luxuriösen Verschwendung wurden Möbel, Badewannen, Nachtgeschirre und Schuhnägel aus Gold gefertigt. Dieser Goldreichtum wurde dem römischen Staat erst unter der Herrschaft von Cäsar ermöglicht. Er organisierte die Ausbeutung der eroberten Gebiete in Gallien und Spanien. Nach dem Niedergang des römischen Reiches nahm die Goldgewinnung in Europa erst gegen Ende des 12. Jahrhunderts wieder zu, erreichte jedoch im Mittelalter keine nennenswerten Zahlen. Später wurden dann mit der Ausplünderung der südamerikanischen Indianer durch die spanischen Eroberer tonnenweise Jahrtausende alte Goldschätze nach Europa geschifft. 

 

Gold kann berauschen. Einen wirklichen Aufschwung erlebte die Goldsuche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als neue Lagerstätten im Westen Nordamerikas entdeckt wurden und viele im Goldrausch nach Alaska kamen. Aus den Zeiten des Goldrausches um 1870 stammt auch das größte bisher gefundene Nugget, das allerdings nicht in Alaska, sondern in Australien gefunden wurde. Es wog 214 kg und hat nach dem heutigen Goldpreis einen Wert von über 12 Millionen Euro. 

 

Gold ist vollkommen und heilt den Menschen. Gold galt schon im Mittelalter als das vollkommene Metall, ihm konnten keine Eigenschaften zugesetzt werden, weil es alle schon besass; es stellte unter den Metallen den gesunden Menschen dar. "Bringet mir die sechs Aussätzigen," heißt es in alten Schriften also „Silber, Quecksilber, Kupfer, Eisen, Blei, Zinn, damit man sie heile." Messing war krankes Gold, Quecksilber krankes Silber. Schon im Altertum wurde Gold gegen Melancholie gebraucht und die Homöopathie verwendet Gold bis heute bei depressiver Verstimmung. Die Goldkur der heiligen Hildegard von Bingen dient der Rheuma-Therapie. Dazu schreibt Hildegard: Das Gold ist warm und hat die Natur wie die Sonne. Wenn ein Mensch rheumatisch ist, dann nehme er das Gold und koche es so, dass kein Schmutz vorhanden ist, doch auch so, dass ihm nichts verloren geht, und dann mache er es zu Pulver. Man bereitet aus 0,6 Gramm Nugget-Gold, 1 Esslöffel Dinkelmehl und 1 Teelöffel Wasser eine Goldpaste und isst diese nüchtern eine halbe Stunde vor dem Frühstück. Am folgenden Tag wird die Goldpaste zu einem Goldkeks verbacken und ebenfalls nüchtern eingenommen. Diese Kur wird einmal jährlich durchgeführt. Gold dient auch in der modernen Medizin als Rheumamittel.

 

Gold symbolisiert den Glanz der Sonne, königliche Macht und Unvergänglichkeit. In alten Zeiten diente Gold reinen Kultzwecken, es gehörte dem Priesterkönig, der es in der Inka-Kultur für die Sonnengottheit verwaltete. In Ägypten wurden bei der Mumifizierung der Toten die Fingernägel von den Priestern vergoldet. Dabei sprachen sie folgende Worte: Jetzt kommt das Gold des Welt- und Himmelgotts zu diesen Fingernägeln und macht dich unsterblich. Der salomonische Tempel der Juden erstrahlte als "Haus Gottes im Goldglanz", die gesamte Oberfläche war mit Gold überzogen. Vom Gold heißt es, es sei das Urlicht, mit dem Gott die Welt erschuf. Der goldene Leuchter ist der Lichtträger. Bis heute besiegeln Goldringe den "ewigen" Bund der Ehe. 

 

Gold gewinnt man mit dem Stein der Weisen. Lange war es der Traum der Alchimisten, Gold mithilfe des Steins der Weisen aus anderen Metallen herzustellen. In Gegenwart des Kaisers Ferdinand III. wurde 1650 mit Hilfe von einem Gramm eines roten Pulvers durch den Oberbergmeister Graf von Russ dreieinhalb Pfund Quecksilber in feines Gold verwandelt, woraus eine grosse Medaille geprägt wurde, worauf der Sonnengott  dargestellt war. Eine andere Geschichte erzählt Landgraf von Hessen-Darmstadt, Ernst Ludwig, der von unbekannter Hand ein Päckchen mit roter und weisser Tinktur erhalten hatte, nebst Anweisung sie zu gebrauchen. Von dem Golde, was er damit aus Blei herstellte, wurden Dukaten geprägt. Solche von den Goldmachern verübte Betrügereien vermochten den Glauben an die Wirklichkeit der Metallverwandlung nicht zu schwächen; Heinrich VI. von England forderte 1423 in vier Dekreten alle Edlen, Professoren und Geistlichen auf, sich auf die Suche nach dem Stein des Weisen zu machen, um nämlich - die Staatsschulden zu bezahlen. Im Grunde haben sich die Zeiten wenig geändert und die Dekrete unserer Regierung sind ähnlich phantastisch. 

Luther, Spinoza und selbst Leibniz, also Ikonen der Wissenschaft, glaubten fest an den Stein der Weisen und an die Möglichkeit der Metallverwandlung. Urteilssprüche juristischer Fakultäten zeigen, welche Tiefe diese Idee damals gewonnen hatten. Die juristische Fakultät zu Leipzig gab im Jahre 1725 ein Gutachten ab in der Streitsache zweier Eheleute, der Gräfin Anna Sophie von Erbach gegen ihren Gemahl Graf Friedrich Karl. Die Gräfin hatte auf ihrem Schloss Frankenstein einem als Wilddieb verfolgten Flüchtling Schutz gewährt, und zum Dank hatte dieser das Silbergeschirr der Gräfin in Gold verwandelt. Der Graf nahm nun die Hälfte davon in Anspruch, weil der Zuwachs des Wertes in der Ehe erworben sei. Die Zugewinngemeinschaft gilt ja bis heute. Die Rechtsfakultät entschied aber gegen ihn, weil das strittige Objekt vor der Verwandlung Eigentum der Gräfin gewesen sei und sie durch Verwandlung das Besitzrecht nicht verlieren könne.

Man ist heute geneigt, die Ansichten der Alchemisten über die Metallverwandlung als eine geistige Verirrung zu beklagen; dabei entspricht der Begriff des Wandelbaren der allgemeinen Erfahrung weit eher als der des Unveränderlichen. Vor der Einführung von Waage und chemischer Analyse gab es keinen wissenschaftlichen Grund für eine andere Meinung. Sicher war die Vorstellung vom Stein der Weisen ein Irrtum; viele unserer Erkenntnisse sind aber aus Irrtümern hervorgegangen. Die Idee vom Stein der Weisen hat lange Zeit nachhaltig auf Geist und Kräfte der Menschen eingewirkt. Ohne diese Idee würde die Chemie in ihrer heutigen Form nicht existieren. Um zu wissen, dass der Stein der Weisen nicht existiert, musste alles der Untersuchung Zugängliche, entsprechend den Hilfsmitteln der Zeit, untersucht werden; darin – so schreibt der berühmte Chemiker Liebig - liegt der ans Wunderbare grenzende Einfluss dieser Idee.

 

Gold ist das Symbol von Reichtum und Macht. Von seiner kultisch-religiösen Bestimmung führte der Weg des Goldes heraus aus den klassischen Tempeln in die Tempel der Neuzeit, die Banken. Mit der Entdeckung der neuen Welt änderte sich auch die Richtung des Goldes. Wie es im Altertum nach Osten geströmt war, trieb der Goldrausch Tausende in den Westen. Auch heute behält Gold kultische Bedeutung: Goldmedaillen sind Zeichen von Sieg und Ehre.

 

Gold in der Kunst. Gold war eines der ersten Metalle, die vom Menschen künstlerisch verarbeitet wurden. Seine Faszination wirkt von den Malereien in Pompei bis in die heutige Zeit. So wird Gustav Klimt (1862-1918) seit mehr als 100 Jahren für seine goldenen Bilder bewundert. Mit Yves Klein (1982-1962) verbindet man zwar zunächst seine mit Ultramarinblau gemalten Monochromien, für ihn war Gold aber ähnlich wichtig. Seine Monogolds sind so berühmt wie kostbar. Für den amerikanischen Künstler James Lee Byars (1932-1997) war Gold die wichtigste Farbe überhaupt. Im Golden Room von 1995 ist Gold ist die einzige Farbe im Raum. In der Mitte sieht man einen großen goldenen Ring, der den Titel „The Halo“ trägt. Der Gedanke an den Ring des Nibelungen liegt nahe. Sein Golden Tower war weltweit ein magisches Objekt auf vielen Ausstellungen. Beim ihm sollte selbst sein eigener Tod golden sein. Unheilbar krank schuf er das Bild vom Tod als offenen Raum mit tausenden funkelnden Blättern aus Blattgold. Man kann das Werk als Grabmonument deuten, aber auch als Hoffnung auf ein goldenes Paradies. Den in New York lebenden Künstler verband eine Briefreundschaft mit Joseph Beuys. Beuys war kein Material zu einfach und alltäglich, Byars keines zu teuer und edel, um es zu gestalten. Beide teilten aber die Idee, dass Ästhetik und Kunst sich mit den wichtigen Fragen von Leben und Tod befassen. So passt die goldene Byars-Amphore "The Spinning Oracle of Delphi" wunderbar in den Wassergraben vor Schloss Moyland (s. nachfolgendes Aquarell von Vera Niederau).

 

Gold bleibt geheimnisvoll. Einst zerbrachen sich die Alchemisten den Kopf über die Herkunft des Goldes, heute sind es die Astrophysiker. Kurz nach dem Urknall enthielt das Universum nur Wasserstoff und Helium. Aus diesen Gasen bildeten sich Sterne, in denen durch Kernfusion schwerere Elemente entstanden. Die schweren Elemente sammeln sich im Innern, da es dort auf Grund des Gravitationsdruckes heiß genug ist. In einem Stern - wie groß und heiß er ist - können durch Fusion aber keine Elemente entstehen, die schwerer als Eisen sind. Zur Entstehung schwererer Elemente wie Gold kommt es hingegen, wenn die Lebenszeit von Riesensternen endet. Wenn fast alles Material zu Eisen verbrannt ist, explodiert ein massereicher Stern als Supernova. Computersimulationen zeigen, dass der Eisenkern des Sterns beim Kollaps innerhalb von Sekundenbruchteilen in sich zusammenstürzt. Durch die extreme Materieverdichtung reagieren Protonen und Elektronen miteinander und verbinden sich zu Neutronen. Der Kern des Sterns ist nun ein Neutronenstern. Die Materie der äußeren Hülle stürzt hinterher. Durch den Schwung prallt die Sternenmasse vom Kern ab und schießt als Supernova nach außen. Bei dieser dramatischen Explosion entstehen schwere Elemente wie Gold, Silber und Platin. Allerdings erzeugt eine Supernova im Modell wohl zu geringe Mengen an Gold und Platin, um die Entstehung dieser Metalle ausreichend zu erklären. 

Heute nimmt man an, dass viele Edelmetalle bei der Kollision von Neutronensternen entstanden sind. Neutronensterne sind ultrakompakte, nur 20 Kilometer große Supernova-Überreste, die die Masse unserer Sonne haben. Um sich die Verhältnisse zu veranschaulichen, denke man an einen Zuckerwürfel mit der Masse eines 1.000 Meter hohen Berges. Die Verschmelzung zweier Neutronensterne übertrifft eine Supernova, es wird ungeheure Energie freigesetzt mit Temperaturen > 100 Milliarden Grad. Augenblicke nach der Kollision kollabieren die Neutronensterne zu einem Schwarzen Loch und es werden Trümmer ins All geschleudert. Im Rahmen dieser Energiefreisetzung können Atomkerne und Neutronen zu schweren Elementen wie Gold und Platin fusionieren. Der vom Computer errechnete Elementenmix der Kollisionsreste stimmt mit dem in unserem Sonnensystem überein.

 

Gold ist Sternenstaub. Es ist eine faszinierende Vorstellung, dass das Gold in unseren Eheringen und im schönsten Schmuck räumlich weit entfernt und zeitlich vor der Entstehung unseres Sonnensystems bei der Kollision von Sternen entstanden ist. 

 

 

Literatur 

 

Andrej V. Anikin. Gold. Verlag Die Wirtschaft Berlin 1987. ISBN 3-349-00223-4.

 

Harry H. Binder. Lexikon der chemischen Elemente – das Periodensystem in Fakten, Zahlen und Daten. Hirzel Verlag Stuttgart 1999. ISBN 3-7776-0736-3. 

 

Hatje Cantz. Nouveau Réalisme. Revolution des Alltäglichen., Ostfildern Verlag 2000. ISBN 978-3-7757-2058-8. 

 

Cassandra Clare et al. Chain of Gold: Die Letzten Stunden. Goldmann Verlag. ISBN-10 3442314542.

 

Hartwig E. Frimmel. Earth’s continental crustal gold endowment: Earth Planet. In: Sci. Letters. Band 267, 2008. S. 45–55. 

 

Johann Wolfgang von Goethe. Faust: Der Tragödie Erster und Zweiter Teil. Reclam Verlag. ISBN-10 315014048X.

 

Bernd S. Grewe. Gold. Eine Weltgeschichte. Band 2889. C. H. Beck Verlag München 2019. ISBN 978-3-406-73212-6. 

 

Mona Horncastle, Alfred Weidinger: Gustav Klimt. Die Biografie. Brandstätter, Wien 2018. ISBN 978-3-7106-0192-7.

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Gold

 

https://www.gold.de/gold-geschichte/

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Rein_Gold:_Ein_B%C3%BChnenessay

 

https://www.sothebys.com/en/articles/yves-kleins-golden-hour

 

https://coloursofpompeii.de/farbsortiment/farbfamilie-gold/

 

https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/kultur/ausstellung-das-ewige-und-das-vergaengliche-leben-liebe-und-tod-das-werk-von-james-lee-byars-1161564.html

 

https://www.kiz-online.de/Kunstwerk-von-James-Lee-Byars-zum-Tod

 

https://www.kunstforum.de/artikel/james-lee-byars-5/

Elfriede Jelinek. Rein Gold. Ein Bühnenessay. Rowohlt Verlag. ISBN-10 3498033395.

  

Eoin H. Macdonald. Handbook of gold exploration and evaluation. Woodhead Verlag Cambridge 2007. ISBN 978-1-84569-175-2. 

 

Thorsten Proettel. Das Wichtigste über Goldanlagen, Ratgeber Vermögensanlage. Sparkassen Verlag Stuttgart 2012.

 

Christoph J. Raub, Esther P. Wipfler. Gold (Werkstoff). In: RDK. Labor 2014.

 

Cosima Schneider. Der Ring des Nibelungen nach Richard Wagner. Edition Büchergilde. ISBN-10 3864061024.

 

Hans-Jochen Schneider. Gold in Amerika. In: Die Geowissenschaften. Band 10, Nr. 12, 1992, S. 346–352. doi:10.2312/geowissenschaften.1992.10.346. 

 

Martin Vitt. Gold als Medizin. Von der Goldkur der Hildegard von Bingen bis zur Goldsole in der Naturheilkunde. Neue Erde. ISBN-10 3890606164.

 

Hannah Weitermeier. Yves Klein: Körper, Farbe, Immaterialität. Taschen Verlag Köln 1995.ISBN 3-8228-8950-4. 

 

Jochem Wolters. Der Gold- und Silberschmied. Band 1. Werkstoffe und Materialien. Rühle-Diebener Verlag Stuttgart 1984. ISBN 3766706616.

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The Spinning Oracle of Delphi von James Lee Byars
im Wassergraben vor Schloss Moyland.

Aquarell von Vera Niederau.

Abschied und Danke 

Rede zur Verabschiedung als Chefarzt des Katholischen Klinikums Oberhausen 
am 15. Januar 2020.

 

Lieber Herr Pastor, lieber Herr Oberbürgermeister, liebe Mitarbeitende, liebe Familie, liebe Gäste,

 

als ich mich daran gemacht habe, eine berufliche Bilanz zu ziehen, habe ich meine Einführungsworte aus dem Jahr 1998 wiedergefunden. Hier hatte ich beschrieben, was Sie von mir erwarten können und was ich mir von Ihnen erhoffte. Ich zitiere aus meiner damaligen Begrüßung: „Ich trete meine Tätigkeit hier unter der Voraussetzung an, dass ich eine breite Palette der Inneren Medizin vertrete. Unser akademisches Lehrkrankenhaus soll den neuesten Stand der Medizin anbieten. Ich bin aber kein Medizintechniker, der Katheter in kranke Organe legt, nur weil der letzte Stand der Dinge dies ermöglicht. Dies gilt insbesondere für die Onkologie. Hospizliche und palliative Gedanken sollen vermehrt berücksichtigt werden.“  

Ich denke, Sie haben bekommen, was ich versprochen habe.

 

Mein Vorgänger Prof. Kremer hat beim Abschied folgende Worte an die Mitarbeitenden gerichtet: „Ich danke Ihnen, dass Sie mir geholfen haben, diesen schweren Karren zu ziehen.“ Damals habe ich das nicht verstanden. Heute weiß ich, wie Recht er hatte. So erfüllend die Arbeit auch war, so haben wir auch viel geschleppt und getragen. Das schafft man nicht alleine. Danken möchte ich deshalb meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ihnen ruft Heinrich Heine zu: „Wüsste ich nicht, dass die Treue so alt ist wie die Welt, so würde ich glauben, ein deutsches Herz habe sie erfunden.“ Am meisten mitgetragen aber hat meine Familie, die klaglos respektiert hat, dass ich so häufig in der Klinik war. Dafür mein besonderer Dank. 

 

In unserer Klinik war das Klima über all die Jahre und über alle Disziplinen hinweg freundlich und kollegial. Die hier so bodenständige Spiritualität hatte mich 1998 bewogen an diesem Katholischen Krankenhaus als Chefarzt anzufangen. Umso bitterer ist es zu sehen, dass unsere Kirche ihre Krankenhäuser nun aufgibt. Wir müssen Acht geben, dass die Kirche nicht die Welt verliert und die Welt nicht die Kirche.

 

Ich zitiere noch einmal aus meiner Antrittsrede: „Ich wünsche mir für meine Arbeitsstelle, die ein Stück Heimat für die nächsten 20 Jahre sein soll, ein Klima der Sympathie, wie es Max Frisch so wunderbar in seinen Tagebüchern beschrieben hat: „Sympathie hat Geduld, die Geduld der Hoffnung. Sie lässt uns stets eine weitere Chance. Der Schutzengel, die Sympathie, wir brauchen sie immerzu; wir haben ihn als Kind, sonst wären wir längst überfahren, wir verlassen uns auf ihn. Sympathie gibt das Gefühl, Luft unter den Flügeln zu haben. Anders der Partner, der keine Sympathie empfindet, der gerecht verbucht, was ist. Dies ist fürchterlich. Wehe dem Menschen, dem die Sympathie entzogen wird, wehe der Gesellschaft, der die Sympathie verloren geht.“ 

 

Ich bin dankbar, dass ich die Sympathie bekommen habe, die ich mir damals gewünscht hatte.

 

Nach der Bilanz kommt der Plan für die Zukunft. Dem Ambulanzen Hospiz Oberhausen e.V. und der Deutschen Leberstiftung werde ich als Vorstand erhalten bleiben. Ich würde mich freuen, wenn auch Sie unserem von den Krankenhäusern unabhängigen Ambulanten Hospiz die Treue halten. 
 

Was wünsche ich Christoph Zimmermann. Gerne folge ich hier Hanns Dieter Hüsch: "Ein harmloser Spaziergang, eine wohl temperierte Stille - und ab und zu eine Götterspeise, das ist das abendländische Endergebnis."

Mein Sohn hat schon eine für mich wichtige Veränderung eingeleitet und die Zeit abonniert, die ich so sehr mag und die ich abbestellt hatte, da ich lange eben keine Zeit sah, sie zu lesen. In der aktuellen Ausgabe vom 9. Januar ist dort eine Rede abgedruckt, die die kanadische Häuptlingsfrau Grandmother Marie Tardif beim Welttreffen der Religionsführer gehalten hat. Der Titel lautet: „Das prophezeien wir Ihnen!“  Meine Dankesworte möchte ich mit den letzten Zeilen aus dieser Prophezeiung schließen: „Kürzlich hörte ich im Radio eine alte Frau erzählen, wie sie den zweiten Weltkrieg in Frankreich überlebt hat. Am meisten beeindruckte mich, dass trotz des Schreckens der Besatzung die jungen Leute - so sagte sie - damals von unbändiger Hoffnung erfüllt waren. Heute dagegen weiß ich, dass unter jungen Leuten Hoffnungslosigkeit wächst, weil die Zukunft so ungewiss ist. Wenn es jedoch etwas gibt, zu dem wir Alten … beitragen müssen, dann ist es die Bewahrung und Verbreitung von Hoffnung.“ 

 

In diesem Sinn: Glückauf !               

 

Prof. Dr. med. Claus Niederau, 15.01.2020

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Warum schmecken Plätzchen so einzigartig?


Was unterscheidet Plätzchen von Keksen, Cookies, Biscuits und Gebäck? Wohl am ehesten die Weihnachtszeit, zu der die Plätzchen von den Familien traditionell selbst gebacken werden. So erklärt ein ZEIT-Artikel den Unterschied zwischen Plätzchen und Keks so: „Das Plätzchen wird gebacken und der Keks gekauft“ (1).  Das Wort „Plätzchen“ ist eine Verkleinerungsform des mundartlichen „Platz“ (= flach geformter Kuchen) bzw. des „Platz“ aus dem altfranzösischen „place“. Das Wort Keks entstammt dem englischen Wort „cakes“. 

Bei uns zuhause stehen zu Weihnachten neben den Geschenken stets „bunte Teller“ mit verschiedenen selbst gebackenen Plätzchen. Je älter man wird, desto wichtiger werden die Plätzchen und die Geschenke rücken in den Hintergrund. Plätzchen können auch nicht zu klein oder zu groß sein und ihre Haltbarkeit ist kein Thema, denn sie werden eh alle rasch „weggefuttert“. Plätzchen müssen - und dürfen - auch nicht zu perfekt aussehen, sonst wären es ja Kekse. Nur duften und schmecken sollten sie schon, wobei hier die Vorlieben sehr unterschiedlich sein können. Einige mögen keine Vanille, andern sind die Nüsse zu hart und wieder andere mögen kein Zitronat. Auf dem bunten Teller ist deshalb die große Auswahl auch so wichtig. Zum Glück mögen wir eigentlich alle Plätzchen.

Plätzchen können verschiedene Formen annehmen wie z. B. runde Taler, rechteckige Schnitten, Ringe, Rauten, Makronen, Häufchen, Kipferl und natürlich Figuren, die durch Ausstechförmchen erzeugt werden, also z. B. Stern, Mond, Herz, Engel, Tannenbaum und viele andere. Jeder hat seine Lieblingsfiguren, allerdings kann man nicht jeden Teig mit jedem Förmchen ausstechen; aber das wissen Sie ja selbst.

Zu Weihnachten werden in vielen deutschen Familien traditionell Plätzchen in der eigenen Küche gebacken. Meist werden die rohen Plätzchen geformt oder ausgestochen und dann auf einem Backblech verteilt; in unseren Ofen passen drei Bleche auf einmal. Die Backzeit ist zum Glück auch recht kurz. An einer leichten Bräunung der Oberfläche erkennt man, wenn die Plätzchen fertig sind. Die vielen verschiedenen Plätzchenarten unterscheiden sich durch die verwendeten Zutaten und die Wahl des Teigs. Die Oberfläche der Plätzchen lässt viel Phantasie für das Dekorieren mit Zitronat, Orangeat, Nüssen, Mandeln, Pistazien, Schokolade, Zuckersternchen und bunten Perlen.

Das eigene Plätzchen-Backen mit dem Auswählen von Teig und Ausstechförmchen gehört als wichtiges Ritual zur Advent- und Weihnachtszeit, so wie man um diese Zeit das Abend-Rot erklärt:  Schau, die Engelchen im Himmel backen schon wieder! 

Der Geruch und der Geschmack der Weihnachtsplätzchen, insbesondere während des Backvorgangs nebst dem obligatorischen Probieren, gehören zu den bleibenden Erinnerungen an Kindheit und Heimat. Der Schriftsteller Marcel Proust widmet dem Madeleine-Gebäck in seinem Werk “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” gleich mehrere Seiten. Der Geschmack einer in Tee getunkten Madeleine erinnert den Erzähler plötzlich an seine Kindheit; der Anblick des Gebäcks hingegen nicht. Wenn ein Geschmacks- oder Geruchserlebnis plötzlich ganz bestimmte Erinnerungen hervorruft, wird dies auch als Madeleine- oder Proust-Effekt bezeichnet. Die Hirnforscher haben längst entschlüsselt, wie eng Geruchssinn und Gedächtnis über das limbische System miteinander verbunden sind. Das Madeleine-Kapitel von Marcel Proust beschreibt eindrucksvoll, wie sehr sich Geruch und Geschmack mit unseren frühesten Erinnerungen verbinden und wie beständig sie wie irrende Seelen quasi immateriell weiterleben, um in kleinsten Tröpfchen die große Welt der Erinnerung unfehlbar zu bewahren. Holen Sie doch das Werk aus dem Regal und lesen Sie die wunderbaren Zeilen zum Tee oder Kaffee; wenn Sie den Roman noch nicht besitzen, ist es Zeit, dies nachzuholen. 

Bei uns in der Familie sind viele Plätzchen beliebt - wie Spitzbuben, Terrassen, Spritzgebäck, Kokos- und Haselnussmakronen, Heidesand, Marzipankissen, Berliner Brot, Bethmännchen, Vanillekipferl und Butterplätzchen. Einige eigene Plätzchen-Rezepte finden Sie auf den folgenden Seiten. Bei Google erhält man unter den Stichworten „Plätzchen“ und „Rezepte“ 7.180.000 Web-Seiten angeboten, allein bei www.chefkoch.de findet man 18.888 Plätzchen-Rezepte.

Der Brauch, zur Adventszeit in den Familien zu backen, entwickelte sich erst in der Zeit des Biedermeier. In die bürgerlichen Familien hineingetragen wurde das eigene Backen und Kochen auch durch das 1845 erschienene „Praktische Kochbuch für die gewöhnliche und feinere Küche“ von Henriette Davidis (3). Dieses Werk wurde zu einem der bedeutendsten Kochbücher des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts und gehörte zur Grundausstattung vieler deutscher Haushalte. Die vielen heute noch antiquarisch erhältlichen Exemplare zeigen, dass das Buch rege benutzt und mit Anmerkungen versehen wurde. Viele Familien vererbten das Praktische Kochbuch von Generation zu Generation (3). 

Einen weiteren Schub erfuhr das Backen im eigenen Haushalt Ende des 19. Jahrhunderts mit Dr. August Oetker (4). Er entwickelte 1893 das Backpulver und später viele weitere Back-Produkte wie Puddingpulver, Aromen und Speisestärke. Das 1911 erstmals herausgegebene Dr. Oetker Schulkochbuch wurde eines der erfolgreichsten Kochbücher des Jahrhunderts. Wir selbst sind Mitglieder des Dr. Oetker-Backclubs. Mit den Oetker-Rezepten liegt man immer richtig und sie sind meist einfach umzusetzen. 

Wenn von der Advent- und Weihnachtszeit noch Back-Zutaten übriggeblieben sind, kann man davon zu Ostern Plätzchen backen – wir haben schon seit längerem die entsprechenden Formen wie Hasen, Karotten und Lämmchen. Auch im Herbst lockt das Backen schon deshalb, weil die Küche dann endlich warm wird. Für diese Jahreszeit gibt inzwischen wunderschöne Ausstechförmchen mit verschiedenen Blattformen von Ahorn, Eiche, Erle und Buche. Zu Weihnachten schmecken die Plätzchen allerdings immer noch am besten. 
 

1.      Jens Jessen. Philosophie des Plätzchens. 13. Dezember 2012. DIE ZEIT Nr. 51. 

2.      Marcel Proust. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Suhrkamp, Berlin 2000.

3.      https://de.wikipedia.org/wiki/Henriette_Davidis 

4.      https://de.wikipedia.org/wiki/Dr._August_Oetker_KG

Claus Niederau. 2022.
 
Die Bilder zeigen bunten Plätzchenteller zu Weihnachten in vier verschiedenen Jahren  zwischen 2003 und 2019. 

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Der Frühling in Sprache  und Lyrik

Die auf den Winter folgende Jahreszeit wird nach dem Grimmschen Wörterbuch der deutschen Sprache (http://dwb.uni-trier.de/de/das-woerterbuch/) erst seit dem 15. Jhd. Frühling genannt; zuvor waren die Bezeichnungen Lenz oder Glenz üblich. Im Althochdeutschen heißt es Lenzo (um 1000), im Mittelhochdeutschen Lenze (um 1200) und im Frühneuhochdeutschen schließlich Lenz (ab 15. Jh.). Glenz ist fast vollständig aus dem Sprachgebrauch verschwunden, Lenz gilt als „altmodisches Wort“, das am ehesten noch in der Sprache der Dichter verwendet wird. 

Astronomisch (www.wikipedia.de) beginnt der Frühling mit einer Tag-und-Nacht-Gleiche auf der Nordhalbkugel am 20./21. März und endet mit der Sommersonnenwende am 20./21. Juni. Meteorologisch beginnt der Frühlings Anfang März. In Mitteleuropa beginnt der Vorfrühling mit den Blüten der Schneeglöckchen, der Vollfrühling ist erst mit dem Blühen der Apfelbäume erreicht. 

Mit der Zunahme des Lichts werden im Frühjahr vermehrt Serotonin und andere Hormone ausgeschüttet, womit Allgemeinbefinden und Stimmung besser werden („Frühlingsgefühle“). 

In vielen Kulturen gibt es Frühlingsfeste und -riten. In der Kultur des Abendlandes widmen sich zahlreiche Gedichte (Petraca, Dante, Shakespeare, Schiller, Goethe, Heine u.a.), Gemälde (Primavera von Boticelli, Der Frühling von Giuseppe Arcimboldo) und Musikstücke (La primavera von Antonio Vivaldi, Le sacre du printemps von Igor Strawinski) dem Frühling. 

Auch in vielen japanischen  und chinesischen Gedichten werden Frühling und Baumblüte beschrieben. Gedichte sind in Japan schon lange beliebt. Im 10. Jhd. war die Lyrik dort so verbreitet, das der Kaiser ein „Ministerium für poetische Angelegenheiten“ schuf. Traditionell gibt es für das japanische lyrische Gedicht nur eine streng klassische Kurzform, die Tanka genannt wird. Daraus entwickelten sich ab dem 15. Jdt. die Haiku, die zur prominentesten Form japanischer Lyrik wurden. Die chinesische Dichtkunst reicht ebenfalls weit zurück. Der in der Qing-Dynastie (ab 1616) zusammengetragene Band „Alle Tang-Gedichte“ enthält über 48.900 Gedichte von mehr als 2.200 Dichtern. 

Aus der italienischen Lyrik stammen berühmte Frühlingsgedichte u.a. von Petrarca und Dante, , in England vor allem von William Shakespeare.

Die deutsche Lyrik hat sich seit dem Minnegesang auch mit dem Frühling beschäftigt. Berühmte Gedichte hierzu stammen von Wolfram von Eschenbach und Walther von der Vogelweide (um 1200). Alle Dichter der Klassik wie Goethe und Schiller haben bis heute bekannte Frühlingsgedichte geschrieben, ebenso wie die nachfolgenden romantischen Lyriker (Heine, Trakl, Mörike und Eichendorff u.a.). Auch die klassische Moderne hat wunderbare Gedichte zum Frühling geschrieben (Bertolt Brecht, Rose Ausländer, Paul Celan, Ingeborg Bachmann, Peter Huchel, Tomas Tranströmer,  Karl Krolow, u.a.). Die zuletzt genannten, noch vom Copyright geschützten Gedichte kann ich hier leider nicht zeigen. Man findet Sie aber im Buchhandel oder im Internet. 

Für mich haben Frühlingsgedichte schon seit der Jugend eine besondere Bedeutung. Unsere Abituraufgabe in Deutsch bestand im Mai 1973 in einem Vergleich des Mörike-Gedichts "Er ist's" mit dem Gedicht "Frühjahr" von Karl Krolow. Ich kann mich an keine der Aufgaben in Mathematik, Physik und Latein erinnern, sehr wohl aber an die Deutschaufgabe, an die ich auch nach fast 50 Jahren - so merkwürdig das klingen mag - mit Freude zurückdenke.

Claus Niederau im Frühling 2022

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Blumenwiese am Niederrhein bei Kevelaer im Juni 2021

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Einführung zu den Kamelien

Die Kamelien (Camellia) gehören zu den Teesträuchern; die bekannteste ist die Camellia japonica. Die Namensgebung durch Carl von Linné geschah zu Ehren von Pater Georg Joseph Kamel (1661–1706), der die Camellia japonica von Manila nach Spanien brachte.

 

Nach Wikipedia ist die Gattung auf Ost-Asien beschränkt. Zentrum der Artenvielfalt ist Südchina. Kamelien seien nicht frosthart und würden nur kurze Frostnächte überstehen. Hier am Niederrhein wachsen im eigenen Garten inzwischen seit mehr als 15 Jahren fünf verschieden-farbige Kamelienarten (s. Bilder); sie haben trotz einiger harter Winter ohne Schutz teilweise eine Größe 2,5 m erreicht. Einige Sorten blühen schon Ende Januar, andere bis in den Mai.

In chinesischen und japanischen Gärten ist die Kamelie seit Jahrhunderten ein beliebter Zierstrauch. Sie spielte bei Hof- und Teezeremonien eine große Rolle. Besonders die einfach-blütigen Arten stehen symbolisch für Freundschaft, Eleganz und Harmonie. In Japan, wo die Kamelie tsubaki (jap. 椿) genannt wird, hat sie eine weitere symbolische Bedeutung. Sie verliert ihre roten Blütenblätter einzeln. Wenn noch Schnee liegt, erinnern die Blätter an Blutstropfen. Daher wird die Blüte in Japan auch als Symbol von Tod und Vergänglichkeit gesehen. 

 

Erstmals in Europa beschrieben wurde sie 1692 von George Meister im Reisebericht "Der Orientalisch-Indianische Kunst- und Lust-Gärtner". Die ersten schriftlich dokumentierten Kamelien Europas wurden 1739 in den Gewächshäusern von Thorndon Hall in Essex gezeigt. Vermutlich stammten sie aus China. Es handelte sich um eine rotblühende und eine weißblühende Kamelie. 

 

Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verbreiteten sich Kamelien in vielen europäischen Schlossgärten. 1771 kam eine Kamelie in die Hofgärtnerei Dresdens und wurde 1801 im Park von Schloss Pillnitz gepflanzt, wo die karminrot blühende Pflanze bis heute steht.
  

Die französische Kaiserin Josephine liebte Kamelien. Die Kamelie gehörte so im 19. Jahrhundert zur adligen und großbürgerlichen Kultur, was sich auch in Alexandre Dumas Roman "Die Kameliendame" ausdrückte. Sein 1848 erschienener Roman wurde Vorlage für Verdis Oper "La Traviata". In beiden wurde der Kamelie kulturgeschichtlich ein Denkmal gesetzt. Der Stoff wurde mehrfach verfilmt, u. a. mit Greta Garbo. In Dumas Roman ist Madame Marguerite Gautier die Königin der Pariser Halbwelt, schön und rätselhaft. Kamelien sind die einzigen Blumen, die sie entgegennimmt. Madame schwärmte für rote oder weiße Kamelien, die sie auch als Signal für ihre Liebhaber nutzt; mit roten Blüten wies sie darauf hin, dass ein Besuch nicht nach Wunsch ausfallen würde, weiße bedeuteten „sei willkommen“. Auch Fontane beschreibt die Schönheit der Kamelien in „Effi Briest“.

In der klassischen Lyrik von Shakespeare bis Goethe und Heine taucht die Kamelie hingegen nicht auf, wohl weil sie damals hier noch nicht heimisch war. In den Haikus hingegen ist die Kamelie schon lange ein bekanntes Motiv. Das erste mir bekannte deutsche Kamelien-Gedicht stammt von Hannes Trojan aus dem Jahr 1837.  Später wurde die Kamelie in der Literatur und Lyrik ein beliebtes Motiv.

Gabrielle 'Coco' Chanel wurde die weiße Kamelie japonica alba schon früh zur Lieblingsblume und damit später zur Ikone ihres Modehauses (1883-1971). Von den 1920er Jahren bis in die aktuellen Kollektionen findet man die Kamelie auf vielen Chanel-Kollektionen wie Taschen, Jacken, Knöpfen, Uhren und Schmuck. Die geruchlose Kamelie zog Gabrielle Chanel wohl auch deshalb anderen Blumen vor, da sie den charakteristischen Duft des Parfums Nr. 5 nicht beeinträchtigte.

In Europa symbolisiert die weiße Kamelie heute Hingabe, Reinheit und ewige Treue, so dass sie häufig für Brautsträuße verwendet wird. 
 

Claus Niederau im Februar 2022

Literatur in https://de.wikipedia.org/wiki/Kamelie und  https://bellevue.nzz.ch/mode-beauty/die-kamelie-alles-ueber-die-blume-die-coco-chanel-so-liebte-ld.1759559

Bild: Rosa Kamelie im heimischen Garten im Februar 2022,
 

Begrüßung zur Vernissage der Aquarellausstellung von Vera Niederau
zum Thema „Kevelaer und der Niederrhein“ am 18. Mai 2022
 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Hospizler,

als Vorsitzender unseres Hospizvereins begrüße ich Sie herzlich zum Tag der Offenen Tür im Ambulanten Hospiz Oberhausen und zur Vernissage der Aquarellausstellung zum Thema „Kevelaer und der Niederrhein“.
 
„Wir kommen nach Hause und überallhin“ - so lautet das Motto unserer ambulanten Hospizarbeit, die hier in Oberhausen seit mehr als 25 Jahren von ehrenamtlich tätigen Menschen geleistet wird. Das Ambulante Hospiz ist also nicht verortet. Gerade deshalb sind uns Zusammensein und gemeinsames Erleben wichtig. Wir hoffen, dass der heutige Tag dazu beiträgt.
 
Ich freue mich sehr, dass meine Ehefrau Vera Niederau bereit war, Ihre Aquarelle für die heutige Ausstellung zur Verfügung zu stellen. Zusammen haben wir 80 Bilder zum Thema „Kevelaer und der Niederrhein“ zusammengestellt. Meine Frau wird im Anschluss einige Worte zum Entstehen ihrer Bilder sagen und steht Ihnen für weitere Fragen zur Verfügung. Der ausliegende Flyer, den Sie gerne mit nach Hause nehmen können, gibt Ihnen Auskunft über die abgebildeten Motive, die Sie anschließend bei einem Rundgang auf dieser und der darunterliegenden Etage betrachten mögen.
 
 Warum haben wir als Thema der heutigen Ausstellung „Kevelaer und der Niederrhein“ gewählt? Fast alle Oberhausener Hospizler waren ja schon in Kevelaer und kennen viele andere hier gezeigte Orte und Landschaften. Ihnen allen wohnt ein eigener Zauber inne, Kevelaer zudem eine besondere Spiritualität, die auch Menschen fühlen, die keiner Religion angehören. Dort trifft man auf eine einzigartige Kombination von Kunst und Kitsch, Kirche und Kommerz - und es gibt wunderbar bürgerliche Küche und noch bessere Kuchen. In wenigen Schritten ist man zudem in einer herrlichen Natur. So wurde Kevelaer zu unserer zweiten Heimat.
 
Wie steht es mit Ihrer malerischen Kunstfertigkeit? Viele erwachsene Menschen erinnern sich nicht so gerne an den Kunstunterricht in der Schule. Man hört dann häufig Kommentare wie diesen: Ich konnte in der Schule schon nicht malen.
 
 Ich kann bis heute nicht malen, meine Frau konnte immer schon malen. „Jeder Mensch ist ein Künstler“ (1), nur ich nicht? Nun ja, ich kann nicht malen, habe aber Freude, Sprache zu gestalten.
 
Die eigene Kreativität wird zu oft verbunden mit Vorstellungen wie: Das kann ich machen, wenn es mir gut geht oder wenn ich berentet bin; dann, wenn ich Zeit habe und mir jemand zeigt, wie das Bild auch schön wird.
 
Diese Vorstellungen sind gerade in der Palliativ- oder Hospizsituation verständlich. Sowohl für die Betroffenen und Angehörigen wie auch für die ehrenamtlichen und professionellen Helfer ist es aber wichtig, Kunst als kreative Kraft zu verstehen und nicht nur als schönen Zeitvertreib. Kunst und Kreativität sind grundlegende Bedürfnisse des Menschen nach Resonanz (2). Die Sehnsucht nach resonanten Weltbeziehungen und die Verarbeitung von Entfremdung generieren künstlerische Gestaltung und Rezeption. So wird Kunst von Kranken, Angehörigen und Helfenden auch in der Hospiz- und Palliativversorgung als unterstützend erlebt. Sie fühlen sich auf eine neue Weise verstanden.
 
Die künstlerische Gestaltung öffnet zudem neue Räume und berührt eine spirituelle Dimension, in der die Endlichkeit des Menschen einen wichtigen Stellenwert einnehmen kann. Unbewusstes oder Unerklärtes kann sich in der künstlerischen Gestaltung besonders gut offenbaren - manchmal mit eindrucksvoller Klarheit. So dient Kunst nicht nur als Resonanzraum für die Interaktion mit der Welt, sondern auch als Türöffner zu uns selbst. Kunst ist in besonderer Weise geeignet, Brücken zu bauen, Hemmungen zu nehmen und dazu beizutragen, das Hospiz zu dem zu machen, was es sein soll: eine gute Welt und Heimat.
 
Sie alle kennen das berühmte Zitat von Johann Wolfgang von Goethe (3): „Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht“. Dies ist eine verkürzte Sicht auf Kunst und Welt. Paul Valery entgegnet (4): „Kunst kann uns lehren, dass wir nicht gesehen haben, was wir sehen“. Sie macht uns Nicht-Gesehenes und doch Vorhandenes bewusst.
 
So gibt es auf der Erde viele Dinge, doch erst Kunst und Kultur machen aus diesen Dingen eine Welt, erst die Kunst erhebt die Erde zur Welt (5). Heute denken wir beim Begriff Kunst noch ein Stückchen weiter. Gerade im Hospiz dürfen wir fragen: Was bleibt denn letztlich von Kunst?  Robert Musil antwortet (6): „Wir, als Geänderte, bleiben“.
 
"Wir als Geänderte bleiben". Selbst nach einem Zwiegespräch über ein Bild mit einem selbst bleiben wir Geänderte, umso mehr, wenn wir miteinander über Kunst sprechen. So laden wir heute ein zum Schauen und zum Sprechen.

Was wäre der Niederrhein ohne Hanns Dieter Hüsch. Er hat das für den Niederrhein das getan, was Vincent van Gogh für die Sonnenblumen getan hat. Beide haben aus einem Stück Erde eine Welt gemacht.

Hüsch hat trefflich beschrieben, was es am Niederrein zu bestaunen gibt (7). Man sieht Schlösser und Wasserschlösser, Windmühlen und Wassermühlen, Kirchturmspitzen und Kühe, Römisches in Xanten, Heiliges in Kevelaer, Kunst in Moyland, und immer viel Himmel. Diese Schönheiten offenbaren sich nicht immer beim ersten Hinsehen, wer aber einmal am Niederrhein war, der kommt wieder. „Der Niederrhein will angeguckt werden“, so Hüsch (7). Und dann beginnt die große Liebe.

Also, meine Damen und Herren: Der Niederrhein will angeguckt werden. Das ist hier und heute möglich. Viel Vergnügen.

Claus Niederau, 18. Mai 2022

Literaturhinweise

1.       Joseph Beuys. 1976. Ausstellung Hamburger Bahnhof, Berlin 2006.
           www.quotez.net/german/joseph_beuys.htm 
2.       Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. 2. Auflage. 
          Suhrkamp Berlin 2016. 
3.       Johann Wolfgang von Goethe. Brief an Friedrich von Müller, 24. April 1819. 
          Schriften zur Kunst, Propyläen: Gedenkausgabe der Werke, Briefe und Gespräche
          1948 ff, Bd. 13, S. 142. 
4.       Paul Valery: Werke. Frankfurter Ausgabe in 7 Bänden. Suhrkamp Berlin, 1989. 
5.       Siegbert Peetz. Welt und Erde: Heidegger und Paul Klee. Heidegger Studies Vol. 11,
          The New Onset of the Thinking of Being. Duncker-Humblot Berlin, 1995. 
6.       Robert Musil. Gesammelte Werke. Band 2, Hrsg. A. Frisé. Rowohlt Reinbeck, 1978. 
7.       Hanns Dieter Hüsch, Hein Driessen. Mein Traum vom Niederrhein. Mercator Duisburg,
          2003. 

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Wilde Wolken am Niederrhein. Aquarell von Vera Niederau
www.kunstniederau.de
Zurzeit zu sehen im Ambulanten Hospiz Oberhausen e.V.
Marktstr. 165, 46045 Oberhausen
www.hospiz-oberhausen.de

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Dankesworte anlässlich der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft des Ambulanten Hospizes Oberhausen e.V. bei der Mitgliederversammlung im Zentrum Altenberg

Gerne bedanke ich mich bei allen Mitarbeiterinnen in der Geschäftsstelle, dem Vorstand, den Mitglieder, den Kooperationspartnern und vor allem all den vielen Ehrenamtlichen, die den Kern unseres Ambulanten Hospizes ausmachen. Der Vorstand ist verjüngt und ein Stückchen femininer geworden. Wir haben eine große Zahl an bestens ausgebildeten Ehrenamtlichen, viele Mitglieder und bewährte Mitarbeiterinnen in der Geschäftsstelle. Auch unsere Finanzen sehen erfreulich aus. 

So kann ich als ergrauter Professor nun in die zweite Reihe zurücktreten: ich bleibe unserem Verein aber als Mitglied und nun auch als Ehrenmitglied treu und werde Sie bei entsprechenden Gelegenheiten auch in der Zukunft gerne mit Texten erfreuen. 

Ich hatte Ihnen im letzten Sommer-Rundbrief erst- und einmalig ein englischsprachiges Gedicht von Emily Dickinson zugemutet: 

Hope is the thing with feathers –
That perches in the soul –
And sings the tune without the words –
And never stops – at all – 

I’ve heard it in the chillest land –
And on the strangest Sea –
Yet – never – in Extremity,
It asked a crumb – of me. 

Emily Dickinson lebte von 1830-1886 in der Nähe von Boston. Sie hat zu Lebzeiten keines ihrer etwa 2000 Gedichte publiziert und im Testament verfügt, dass ihre Schwester alle Texte nach ihrem Tod verbrennen möge. Das hat ihre Schwester zum Glück nicht getan. 

Ich hatte die Hoffnung als Thema gewählt, da wir sie angesichts der Pandemie und des Krieges in Europa aktuell besonders brauchen. Hoffnung spielt bei der Hospiz-Arbeit eh eine große Rolle. Es gibt auch viele schöne deutsche Gedichte zur Hoffnung von Goethe über Eichendorff bis zu Ingeborg Bachmann. Keines schätze ich aber mehr als diese kurzen Verse von Emily Dickinson. 

Wie in vielen ihrer Gedichte hat sie hier eine Idee verdinglicht, fühl- und hörbar gemacht, die Hoffnung als singender Vogel, hope is the thing with feathers; sie erreicht uns nicht mit Worten, sondern mit Melodien – it sings the tune without the words. Die Hoffnung hat sich tief in unserer Seele eingenistet - it perches in the soul - und man kann ihre Botschaft nicht abstellen und nicht abbestellen. Im Deutschen sagt man „Die Hoffnung stirbt zuletzt“. Emily Dickinson geht einen Schritt weiter: it never stops – at all. Die Hoffnung stirbt nie, niemals, unter keinen Umständen. Man fühlt sie auch in extremer Not, und trotzdem - sie kostet uns nichts und verlangt nichts – nicht einmal einen crumb, nicht einen Krümel. 

Was mag bleiben, wenn Sie an diese Verse zurückdenken, was bleibt denn letztlich überhaupt von all der Kunst. Die Antwort gibt Robert Musil: Wir als Geänderte bleiben

Ich wünsche uns allen die Hoffnung und Fröhlichkeit, die in den Versen von Emily Dickinson so wunderbar leuchten. 

Vielen Dank.   

Claus Niederau, Oberhausen 09.09.2022

 Grußwort zum 30-jährigen Bestehen der Gaucher Gesellschaft Deutschland e.V. (GGD)

Gerne übernehme ich die Aufgabe, ein Grußwort der Ärzt:innen zum 30-jährigen Bestehen der GGD zu sprechen. Bei der Gründung der GGD habe ich Pate gestanden und komme bis heute gerne zu Ihren Treffen. Dies trifft wahrlich auf alle deutschen Gaucher-Ärzt:innen zu. Warum unterstützen wir so gerne die GGD? 

Hier spielt der Begriff Partizipative Entscheidungsfindung eine große Rolle. Das Wort Partizipieren kennen Sie als Teilnehmen oder Teilhaben. In der Medizin wird Partizipative Entscheidungsfindung definiert als eine Interaktion mit dem Ziel, unter gleichberechtigter Beteiligung von Patient:in und Ärzt:in auf der Basis geteilter Informationen zu einer gemeinsam verantworteten Übereinkunft zu kommen. Auch die WHO versteht die gemeinsame Entscheidungs-findung als beste Form der Arzt-Patient-Interaktion, da sie mündige und informierte Patient:innen in den Mittelpunkt rückt. Patient:innen und Ärzt:innen begegnen sich in diesem Modell als gleichberechtigte Partner:innen. Tatsächlich fällt die theoretische Zustimmung zu diesem Wunschmodell bei Ärzt:innen mit 75% noch stärker aus als in der Allgemeinbevölkerung. Wunsch und Wirklichkeit klaffen in der Behandlungsrealität aber noch weit auseinander. Dies liegt nicht nur am Unwillen der Ärtz:innen, sondern sicher auch an ökonomischen und zeitlichen Zwängen. Viele von uns müssen aber noch lernen, dass die Interaktion mit Patient:innen umso leichter und schneller klappt, je besser sie informiert sind. 

Patientenorganisationen können dazu beitragen, die Patient:innen unabhängig und mit einer für sie verständlichen Sprache zu informieren, zu stärken und zu ebenbürtigen Partner:innen der Ärzt:innen zu machen, die sich ja eben solche Partner:innen wünschen. 
 
 Ihre GGD-Treffen dienen nicht nur zum Gewinn neuer Kenntnisse, sondern auch zum Austausch von Erfahrungen. Probleme werden in der Gruppe angesprochen, schon dadurch fühlt man sich weniger isoliert und geborgen. Jeder kann an den Sorgen anderer Anteil nehmen und oft erkennt man so auch neue Lösungsmöglichkeiten.

Das Miteinander in einer Gruppe ist immer auch ein Prozess der Selbstentwicklung. Durch den Umgang miteinander können alle selbst- und problem-bewusster werden und die gewonnene Sicherheit auf den persönlichen Alltag übertragen.

Durch eine Regelmäßigkeit der Treffen entsteht ein stützender Zusammenhalt, der Mut macht zu neuen Aktivitäten und verändertem Verhalten. Oftmals entwickeln sich auch sehr persönliche Beziehungen.

Wenn - wie bei Ihnen - Betroffenheit und Engagement einhergehen, entwickelt sich Kompetenz. Im gemeinsamen Handeln einer Gruppe können gerade Patient:innen mit seltenen Erkrankungen ihre Interessen gegenüber Medizin, Industrie, Krankenkassen, Versicherungen und Politik hörbar machen und besser durchsetzen.

Patientenverbände sollten sich insbesondere um die Menschen kümmern, die sich keine ebenbürtige Partnerschaft mit einem „Gott in Weiß“ vorstellen können oder wollen. Es gibt viele Belege, dass die Schwächsten unter Ihnen am meisten von der Selbsthilfe profitieren.

Letztlich ist die partizipative Entscheidungsfindung der Wunsch, an Entscheidungsprozessen direkter teilzunehmen. Im allgemeinen gesellschaftlichen Zusammenleben ist eine solche partizipative Entscheidungsfindung eine Teilmenge der partizipativen Demokratie. Max Frisch hat diesen Gedanken so beschrieben: "Demo­kratie heißt, sich in die eigenen Angelegenheiten einzu­mischen." 

"Demo­kratie heißt, sich in die eigenen Angelegenheiten einzu­mischen."  
Genau dies mögen Sie auch weiter tun.

 

Vielen Dank. 
                            

Claus Niederau, Wiesbaden, 19.11.2022

Die Rose

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„Kommst Du in den Garten? Ich möchte Dich gerne meinen Rosen zeigen“, so Richard Brinsley Sheridan (1751-1816) [1]. 

Meine Frau und ich lieben Rosen. Nahezu alle die Gedichte begleitenden Rosenbilder sind Fotografien aus unserem Garten. Viele Rosen stammen aus Lottum, dem Rosendorf an der Maas in der Nähe von Arcen. Meine Frau kümmert sich eher um das Düngen und die Gesundheitspflege der Rosen, ich mehr um das Schneiden; gemeinsam wässern wir in der warmen Jahreszeit und beide fotografieren gerne. Die Aquarelle meiner Frau finden Sie unter www.kunstniederau.de, Fotos und Gedichte auf dieser Webseite. Auf Youtube finden Sie gesprochene Texte und gesungene Lieder zu Rosengedichten, so spricht Louise Glück ihr Gedicht „The white rose“ [2]. Es gibt viele ältere und moderne Vertonungen von Goethes „Heidenröslein“, von den Comedian Harmonists [3] über Schuberts Kunstlied [4] bis zu Helen Schneiders Interpretation [5]. Sehr zu empfehlen ist es auch, sich anzuhören, wie Carol Anne Duffy ihr eigenes Gedicht „Valentine“ vorliest [6]. Robert Burns berühmtes Gedicht “My love is like a red red rose” wird als Lied in einem Beitrag der BBC von Rachel Sermanni schöner gesungen, als man es sprechen könnte [7].

 

Herkunft und Botanik [8-11]

Erste fossile Funde von Wildrosen stammen aus Colorado; sie sind etwa 30 Millionen Jahre alt. Die Pflanzengattung der Rosaceae (100-250 Arten) verbreitet sich aber vermehrt erst nach der letzten Eiszeit (ab 11.000 v. C.). Typische Merkmale der Rosen sind Stacheln, Hagebutten und unpaarig gefiederte Blätter. Die ursprünglichen Rosensträucher haben fünfzählige Blüten und sind nur in der Holarktis (nicht tropische Gebiete der Nordhalbkugel) verbreitet. Stamm, Äste und Zweige haben Stacheln, die häufig Dornen genannt werden. Gärtnerisch wird zwischen Wildrosen und Kulturrosen unterschieden.
 
Pflege der Rosen [12-13]

Nach einer geläufigen Regel wird der Trieb bei verblühten Rosen bis kurz über das erste vollentwickelte 5-fiedrige Blatt zurückgeschnitten. Der Frühjahrsschnitt erfolgt, wenn die Forsythien blühen. Der Rosenschnitt sollte leicht schräg etwa 5 mm oberhalb einer Knospe verlaufen. Alle öfter blühenden Beetrosen kann man auf 20 cm herunterschneiden, Strauchrosen weniger stark. Moderne Sorten sind so stark blühend, dass sie ohne Frühjahrsschnitt auskommen; Kletterrosen muss ebenfalls nicht unbedingt schneiden. Einmalblühende Strauchrosen schneidet man erst im Sommer. Wildtriebe haben meist mehr als die regulären fünf Fiederblättchen. Man sollte sie besser abreißen, um Nebenwuchsknospen zu entfernen.
Beim Wässern sollte man darauf achten, die Blätter nicht zu benetzen. Am besten wässert man früh mor­gens, um die Rosen vor Sonnenbrand zu schützen; beim abendlichen Wässern droht Pilzbe­fall. Die Häufigkeit hängt vom natürlichen Niederschlag und den Temperaturen ab, wobei folgende Grundregeln gelten; bei über 30 Grad täg­lich wässern, bei 10-30 Grad al­le 2-3 Ta­ge und bei 15-20 Grad einmal pro Woche. Neu ge­pflanz­te Ro­sen be­nö­ti­gen mehr Was­ser als ältere und im späten Herbst sollte man nur bei ho­hen Tem­pe­ra­tu­ren we­nig wässern. 
Das Blühen kostet die Rose viel Kraft, weshalb sie nicht nur Wasser, sondern auch Nährstoffe braucht, vor allem im Frühjahr. Meist erwachen Rosen Ende März/Anfang April aus ihrem Winterschlaf. Spätestens mit dem ersten Blattaustrieb wird es Zeit, sie zu düngen. Bei mehrfach blühenden Rosen empfiehlt sich eine zweite Düngung Ende Juni/Anfang Juli.
Rosen sind anfällig gegenüber verschiedenen Krankheiten z. B. den Pilzkrankheiten Sternrußtau und Mehltau sowie dem Befall durch Blattläuse. Hiervor sollte man die Blumen prophylaktisch schützen.

Mythologie und Symbolik der Rosen [11]

Schon 700 v. Chr. berichtet Homer von Rosen und um 600 v. Chr. besingt Sappho die Rose als „Königin der Blumen“ [14]. Der alexandrinische Schriftsteller Achilleus Tatios (2 Jh. v. Chr.) schrieb über die Rose: „Sie ist die Zierde der Erde, der Stolz des Pflanzenreichs, die Krone der Blumen, der Purpur der Wiesen, der Abglanz des Schönen.“ Rosenbilder wurden 600 v. Chr. im Knossospalast auf Kreta gefunden, später auch in Fresken aus Pompeji.  In Alexandria flutete Kleopatra ihre Schlafgemächer kniehoch mit Rosenblättern, um Julius Caesar und Mark Antonius zu betören. Bei den Griechen waren die Rosen der Göttin Aphrodite geweiht, bei den Römern der Venus. Die Römer kultivierten Rosen zur Parfümherstellung und als Heilpflanze; sie schwelgten auf Rosen; aus dieser Zeit stammt der Begriff „Auf Rosen gebettet". In der griechischen Mythologie wurde Aphrodite, die Göttin der Liebe, mit einem weißen Rosenstrauch aus dem Schaum des Meeres geboren. Die rote Farbe erhielt die Rose erst durch Aphrodites Ehebruch mit dem schönen Adonis. Auf dem Weg zu ihrem sterbenden Liebhaber trat Aphrodite in Rosendornen und färbte mit ihrem Blut die weißen Rosen rot. So steht die weiße Rose für die Reinheit der Liebe, während roten Rosen Begierde und Leidenschaft symbolisieren. Die Rose steht nicht nur für die Liebe, sondern auch für die Verschwiegenheit. „Sub rosa“ sagte man im Mittelalter, wenn man Geheimes sagen wollte. So nannte sich auch die deutsche Widerstandsgruppe gegen die Diktatur des Nationalsozialismus „Weiße Rose“.

 

Rosenzüchtung [8-9, 11]

3000 v. Chr. erste Rosenzüchtungen in China; 500 v. Chr. berichtet Konfuzius von umfangreichen Rosenpflanzungen in den kaiserlichen Gärten in Peking.

Um 50 v. Chr. betört Kleopatra Julius Caesar und Mark Antonius mit Rosendüften; bei den Römern wurde die Rose zu einem beliebten Luxusgut.

794 verordnet Karl der Große den Anbau der Rose als Heilpflanze.

1150 beschreibt Hildegard von Bingen in den „Physica“ die Rose als eines der schönsten Heilmittel. 

1570 bringen die Kreuzritter die betörend duftende „Rosa damascena“ aus dem Orient nach Westeuropa; sie eignet sich bestens für die Gewinnung von Rosenöl.

In der Renaissance werden in Europa neue Kulturrosen entwickelt, ein Grundstock der europäischen Gartenkultur. 

Im Barock und im Rokoko setzt sich die Rose in Europa als Königin der Blumen durch und hält Einzug in viele Stadtgärten. 

1752 erfolgt erstmals die Kreuzung der Chinarose mit europäischen Rosen; dies führt zu Entstehung der mehrfach blühenden Teehybriden.

Ab 1900 werden ostasiatische Wildrosen in Europa für die Züchtung von Kletterrosen genutzt.

1959 wird die Allgemeine Deutsche Rosenneuheitenprüfung (ADR) (W. Kordes) eingeführt; nun spielen Winterhärte und Robustheit gegen die Rosenkrankheiten eine große Rolle, zunehmend duften aber nun auch ADR-Rosen.

Ab 1960 vereint der Brite David Austin den Charme der Alten Rosen (einmalblühend, duftend) mit den Vorzügen moderner Rosen (öfter blühend, nicht duftend); seine Rosen heißen „Englische Rosen“ [9].

Der größte Teil der nach Deutschland importierten Rosen stammt heute aus den Niederlanden und ein erheblicher Anteil davon aus dem Rosendorf Lottum an der Mass unweit von Arcen.

 

Kulinarische Bedeutung der Rosen [15]
Heute wird Rosenwasser bei der Marzipanherstellung verwendet sowie in Rosenkonfitüre. Die türkische Küche verwendet Rosenwasser noch in vielen weiteren Rezepten. Kandierte Rosenblätter werden gerne zum Dessert gereicht. Die essbaren Blumenblätter der Rosen eignen sich auch zur Dekoration von Speisen und Backwaren. Mit ihnen lassen sich zudem elegante Cocktails kreieren. Schon die Römer dekorierten den Inhalt ihrer Weingläser mit Blütenblättern von Rosen und stellten Rosenwein her. Der französische „Drei Sterne Koch“ Alain Passard hat eine Rosenblüte als Vorlage für sein berühmtes Dessert „Rosebud“ gewählt [16].

Rosen in der Heraldik und Malerei [11]

Rosen zieren Wappen von Personen, Familien, Städten und Staaten; bekannte Beispiele sind Luther, die Tudor-Dynastie, Kevelaer, Nordrhein-Westfalen und Finnland. Eine fünfblättrige Rose diente als Vorbild für berühmte gotische Fensterrosetten wie die in den Kathedralen von Chartres und Notre-Dame in Paris. Zu den Rosenliebhaberinnen zählte Kaiserin Joséphine, deren Garten durch Gemälde von Redouté bekannt wurde. Auch in der Malerei ist die Rose wohl das häufigste Blumenmotiv, von den Fresken in Knossos und Pompeji über mittelalterliche Marienmotive bis zu Salvatore Dali und Anselm Kiefer. Besonders bekannt sind die weißen Rosen von Vincent van Gogh und die Rosengemäle von Pissaro, Manet und Renoir.

 

Rosen-Düfte [11]
Rosen haben die seltene Eigenschaft, zahlreiche Düfte zu entwickeln; sie riechen z. B. nach Veilchen, Apfel, Banane, Maiglöckchen, Myrrhe und Pampelmusen. Viele Wildarten und "Alte Rosen" duften; die Züchtung winterharter Sorten gelang zunächst nur durch das Einkreuzen von gegen Mehltau und Rost unempfindlicheren, aber nicht duftenden Wildarten. Seit 50 Jahren können Charme und Duft der alten Sorten aber mit der Blühfreudigkeit und Gesundheit moderner Rosen vereint werden.

Für die Parfümherstellung wird Rosenöl benutzt. Die Rosenölgewinnung in großem Maßstab geht auf den Rosenanbau in Bulgarien auf die Zeit um 1700 zurück. Rosenöl wird durch Wasserdampf-Destillation aus Blütenblättern gewonnen, wobei für 1 L Rosenöl 5 Tonnen Blütenblätter nötig sind; die Kosten für diesen Liter betragen 3.000-10.000 Euro. Rosenöl ist neben Jasmin häufig in Parfüms enthalten. Berühmte Rosendüfte trugen z. B. Marylin Monroe, Sophia Loren und heute Rihanna. 

 

Rosen in der Lyrik [17]

Goethes Heidenröslein ist das wohl bekannteste deutschsprachige Rosengedicht [18]. Obwohl es auf einem schlichten Volkslied fußt, ist Goethes Text tiefgründig. Seine ursprüngliche Vertonung als Volkslied kann bis heute fast ein jeder singen; Schubert hat es zu einem seiner bekanntesten Kunstlieder gemacht. Auch der Text des Songs „Rosenrot“ von Rammstein fußt auf Goethes Gedicht; „Rosenrot“ ist etwa 139 Millionen Mal auf Youtube gestreamt und damit insgesamt Deutschlands erfolgreichster Musikexport [19]. Heine und Rilke haben viele wunderbare Verse über die Rose geschrieben [20-22]. Rilkes Grabspruch über die Rose gibt bis heute Rätsel auf. In Deutschland gab es nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst eher dunkle Rosengedichte, z. B. von Ingeborg Bachmann und Paul Celan; genannt seien z. B. „Gewitter der Rosen“ und „Niemandrose“ [23-24]. In der englisch-sprachigen Lyrik spielt die Rose eine herausragende Rolle von William Shakespeare [25] über William Blake [26-27] und William Butler Yeats [28] bis zu Lisel Mueller [29] und Louise Glück [30]. Louise Glück hat ein Gedicht über „The white rose“ geschrieben und eines über die rote Rose mit dem Titel „Brennende Liebe“. In ihrem Gedichtzyklus „Wild Iris“ unterhalten sich Blumen, Gärtner und Gott; die lyrischen Gespräche eröffnen wundersam neue Perspektiven [30] so wie sie Heinrich Heine schon 1830 angedeutet hatte: „Wenn du eine Rose schaust, sag ich laß sie grüßen“, so  [20].

 

Das Genom der Rose [31]

Das Genom der Rose ist komplex aufgebaut und war schwierig zu sequenzieren. Vor einigen Jahren konnte nun das Genom der aus China stammenden Rose „Old Blush“ vollständig entschlüsselt werden [31]. Diese Rose besitzt sieben Chromosomenpaare und mehr als 36.000 Gene – und damit mehr als der Mensch mit seinen etwa 25.000 Genen. 

Mit der Kenntnis des Genoms wurden dann kürzlich mehrere Gene identifiziert [32-38], die für Zeit und Häufigkeit der Blüte, Zahl und Farbe der Blütenblätter, Duft der Blüten sowie Anfälligkeit für Kälte und Schädlinge verantwortlich sind. Mit Hilfe dieser Informationen können in der Zukunft bestimmte Merkmale der Rose gezielt beeinflusst werden.


Literaturhinweise

  1. Richard Brinsley Sheridan, Frances Edward Stainforth. The Works of Richard Brinsley Sheridan. Legare Street Press 2022.
  2. https://www.youtube.com/watch?v=PgOE1XVxdJU
  3. https://www.youtube.com/watch?v=1GLthOJ9n1Y
  4. https://www.youtube.com/watch?v=Ifuwo9iNf7E
  5. https://www.youtube.com/watch?v=5P3cwbGjJUE
  6. https://www.youtube.com/shorts/tY3BvBkX2Ok
  7. https://www.youtube.com/watch?v=BvrnVFaIxZY
  8. Peter E. Kukielski, Charles Phillips. Rosen: Die Geschichte der Rose. Gerstenberg Verlag 2022.
  9. David Austin et al. Englische Rosen. Tradition und Schönheit. DuMont Verlag 1994.
  10. Angelika Throll. Rosen: Die besten Sorten europäischer Züchter. Über 650 Rosen im Porträt. Franckh Kosmos Verlag 2010.
  11. https://de.wikipedia.org/wiki/Rosen
  12. Silke Kluth. Rosen pflegen: Schritt für Schritt zum Rosenparadies. Gräfe Unzer Verlag 2016.
  13. Andreas Barlage. Das große Ulmer Rosenbuch: Verwendung, Pflege und Sorten für jede Gartensituation. Eugen Ulmer Verlag 2018. 
  14. Sappho. The Complete Poems of Sappho. Shambhala Verlag 2009.
  15. Eleanour Sinclair Rohde. Rose recipes from olden times. Dover Verlag 1973.
  16. https://www.papillesetpupilles.fr/2018/01/tarte-bouquet-de-roses-alain-passard.html/
  17. Eva Hoffmeier. Die Königin der Blumen: Rosen in Bild und Gedicht. Reclam Verlag 2022. 
  18. Johann Wolfgang von Goethe. Sämtliche Gedichte. Insel Verlag 2007.
  19. https://www.youtube.com/watch?v=af59U2BRRAU
  20. Heinrich Heine. Sämtliche Gedichte in einem Band. Insel Verlag 1992.
  21. Rainer Maria Rilke. Rosen - Les Roses: Gedichte französisch-deutsch. Ars Vivendi Verlag 2012.
  22. Rainer Maria Rilke. Die Gedichte: Rilkes lyrisches Werk in einem Band. Insel Verlag 2006.
  23. Ingeborg Bachmann. Sämtliche Gedichte. Piper Verlag 2003.
  24. Paul Celan. Die Niemandsrose / Sprachgitter: Gedichte. Fischer Verlag 2017.
  25. William Shakespeare. Die Blumen bei Shakespeare: Mit Bildern von Maria Sibylla Merian. Ars Vivendi Verlag 2013.
  26. William Blake. The Complete Poems. Penguin Verlag 1977.
  27. https://www.youtube.com/watch?v=RkIAQgy_F1E
  28. William Butler Yeats. Poems. Mint Editions Verlag 2021.
  29. Lisel Mueller. Alive Together: New and Selected Poems. LSU Press Verlag 1995. 
  30. Louise Glück. Poems 1962-2012. FSG Verlag 2013.
  31. Raymond O. et al. The Rosa genome provides new insights into the domestication of modern roses. Nature Genetics 2018; 50: 772-777.
  32. Liu J. et al. Genome-wide analysis reveals widespread roles for RcREM genes in floral organ development in Rosa chinensis. Genomics 2021; 113: 3881-3894. 
  33. Kawamura K. et al. The identification of the Rosa S-locus provides new insights into the breeding and wild origins of continuous-flowering roses, Horticulture Res 2022; 9: uhac155.
  34. Shi S. et al. Genetic and Biochemical Aspects of Floral Scents in Roses. Int J Mol Sci 2022; 23: 8014.
  35. Song X. et al. Genome-Wide Identification of Rose  SWEET Gene Family in Cold Response between Two Rose Species. Plants 2023; 12: 1474. 
  36. Jian H. et al. Identification and Validation of Reference Genes for qRT-PCR Analysis of Petal-Color-Related Genes in Rosa praelucens. Genes 2024: 15: 277.
  37. Wang D. et al. Molecular and genetic regulation of petal number variation. J Experimental Botany 2024: erae136.
  38. Zhang X. et al. Haplotype-resolved genome assembly of the diploid Rosa chinensis provides insight into the mechanisms underlying key ornamental traits. Mol Horticulture 2024; 4: 14.

Claus Niederau im Mai 2024


Bild: Rose Santana im Garten. Juni 2001.

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Gedanken und Gedichte zum Monat April

Der April (lateinisch Aprilis) ist im gregorianischen Kalender der vierte Monat des Jahres; im römischen Kalender war der Aprilis ursprünglich der zweite Monat, weil der März mit dem Beginn des Frühjahrs das neue Jahr einläutete [1-2]. Im Jahr 153 v. Chr. wurde der Jahresbeginn auf den 1. Januar verlegt, weshalb der Monat Aprilis an die vierte Stelle im Kalender rückte [1-2] Nach der Kalenderreform des Julius Caesar wurde der April von 29 auf 30 Tage verlängert [1].

Etymologisch gibt es nach dem Grimmschen Wörterbuch der Deutschen Sprache und dem Digitalen Wörterbuch der Deutschen Sprache (DWDS) keine gesicherte oder allgemein akzeptierte Herleitung des Namens April [3-4]. Da alle anderen Namen der ersten Jahreshälfte nach Göttern benannt sind, wird spekuliert, ob April nicht von Aphrodite (Kurzform: Apris) abstammt, zumal die Göttin der Liebe zur Jahreszeit des Frühlings passt [1-4].
 
Nach anderen Deutungen könnte sich der Name April auf die sich öffnenden Knospen im Frühling beziehen in Ableitung vom lateinischen Wort „aperire“ („öffnen“) [3-4]. Eine weitere Deutung benennt das Wort „apricus“ („sonnig“) als Ursprung des Wortes April; eine andere Deutung nimmt an, dass April vom lateinischen Wort “apero“ („der hintere“) stammt, da der April ursprünglich der zweite Monat des mit dem März beginnenden römischen Jahres war [3-4]. Zur Regierungszeit von Kaiser Nero wurde der Monat April Nero zu Ehren in Neroneus umbenannt; unter Kaiser Commodus Pius hieß der Monat vorübergehend Pius, beide Umbenennungen konnten sich nicht durchsetzen [1].
 
Der April hieß im Deutschen nach Einführung durch Karl den Großen im 8. Jahrhundert zunächst Ostermond und später Ostermona (althochdeutsch: ostaramond bzw. ostarmanoth) [3]. Frühere, nicht mehr gebräuchliche Bezeichnungen des April waren Wandelmonat, Grasmond oder Launing [3].
 
Es existieren eine Reihe von Bräuchen und Redewendungen zum Monat April [1-4]: Der Legende nach wurde Luzifer am 1. April aus dem Himmel verstoßen. Die Sitte, jemanden „in den April zu schicken“, also am 1. April mit einer erfundenen Geschichte zum Narren zu halten, stammt angeblich [2] aus dem 16. Jahrhundert aus Frankreich. Erwähnenswert ist aber, dass in den Canterbury Tales schon um 1375 von einem April-Scherz die Rede ist, so dass der Ursprung wohl eher in England liegt. Im deutschen Sprachraum tritt die Redensart erstmals 1618 in Bayern auf. Es heißt seitdem: „Am 1. April schickt man den Narren, wohin man will.“ Aprilwetter steht für wechselhaftes Wetter: „April, April – der macht, was er will“ [3-4].
 
Die Wetter- und Schauer-Kapriolen des April spielen auch in der Lyrik eine große Rolle. Mehr als 1000 englischsprachige April-Gedichte sind im Internet beim „Poemhunter“ [5] zu finden, 35 besonders interessante bei „Discoverpoetry“ [6].
 
Die beiden wohl berühmtesten Aprilgedichte stammen aus dem englischsprachigen Raum und umspannen mehr als 600 Jahre. So beginnen die um 1375 datierten Canterbury Tales von Geoffrey Chaucer mit den Schauern des April und T.S. Eliot beginnt 1922 sein berühmtes Gedicht „The Waste Land“ mit der Zeile „April is the cruellest month“. Anknüpfend an T.S. Eliot schrieb William Carlos Williams 1923 sein Gedicht „April Is The Saddest Month”; dieses kurze, komplexe Werk behandelt mit einer einfachen Alltagssprache Vergänglichkeit, Erinnerung und Sehnsucht.
 
Im Jahr 1922 schrieb Carl Sandburg sein Gedicht „Just before April came“; hier „feiert die Natur ihr altes Festival“. Ganz im Gegensatz zu T.S. Eliot rühmt Arthur Symons 1892 den „Miraculous April“ in der ersten und letzten Strophe des Gedichts „April Midnight“ als Zeichen des Frühlings. Auch Langston Hughes preist in seinem kurzen Gedicht “April Rain Song” die Wärme des April-Regens; ähnlich beschreibt Longfellow den April am Anfang seines Gedichtes: „When the warm sun has returned again“. Auch Sara Teasdale widmet sich dem Regen und der „Windy Grace“ des April. Edna Millay fragt, warum der April eigentlich jedes Jahr zurückkehrt, denn: „beauty is not enough“; April comes like an idiot, babbling and strewing flowers“.
 
Louise Glück verleiht in vielen ihrer Gedichte der Natur eine literarische Stimme; Blumen sprechen zu uns und wir sprechen mit den Blumen – in der Tradition des Franz von Assisi und Heines Versen folgend: „Wenn Du eine Rose schaust, sag, ich lass sie grüßen“. Im April-Gedicht von Louise Glück spielen Blaustern und Duftveilchen Hauptrollen; leider ist das Gedicht nicht im „public domain“; Sie müssten es suchen; ohnehin mag es an der Zeit, ihr Buch mit den Gesammelten Gedichten [7] zu erwerben, falls es nicht schon bei Ihnen im Regal steht.
 
Allein 100 deutschsprachige Gedichte zum Thema April findet man in der Deutschen Gedichte Bibliothek [8] und weitere im Reclamheft „April Gedichte“ [9]. Ich habe hier einige ausgesucht und mit eigenen Fotografien aus dem April kombiniert.
 
In seinem Gedicht „Aus einem April“ beschreibt Hoffmann von Fallersleben schon 1843 den 1. April: „Die Nachbarn rufen laut: April, April! Man schickt den dummen Narren wie man will.“ Aufgegriffen hat die Narren-Idee des 1. April Joachim Ringelnatz in seinem irrsinnig wunderbaren Kurzgedicht „Das Ei“.
 
Ähnlich wie einige englischsprachige Dichter (s.o.) beginnt auch Theodor Fontane seinen Spaziergang am Berliner Kanal mit dem April-Regen: „Eine Regenwolke stand am Himmel; aber nichts schöner als kurze Aprilschauer, von denen es heißt, dass sie das Wachstum fördern.“
 
Im deutschsprachigen Raum beschäftigen sich u. a. Emanuel Geibel (1843), Otto Baisch (um 1880), Detlef von Liliencron (1889), Julius Rodenberg (1889), Rainer Maria Rilke (1900) und Georg Heym (1911) mit den besonderen Aspekten des April-Wetters. Ihre Gedichte finden Sie im folgenden Kapitel. Auch in der modernen Lyrik und Literatur hat der April seinen Platz, so bei Marie Luise Kaschnitz, Hilde Domin, Rose Ausländer, Hermann Hesse, Peter Huchel und Karl Krolow; ihre Werke sind aber noch vom Copyright geschützt und können deshalb hier nicht vollständig wiedergegeben werden.

Zwei besonders schöne moderne April-Gedichte seien hervorgehoben: „Die Welt riecht süß – nach Gestern“, so beginnt und endet das April-Gedicht von Hilde Domin. Rose Ausländer personifiziert den April trefflich so: „Und doch - im großen und ganzen - ein prächtiger Kerl - dieser April“.
 
Nun denn: Haben Sie viel Freude mit diesem prächtigen Kerl!
 
Literatur

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/April 
  2. https://www.wissen.de/wortherkunft/april 
  3. https://woerterbuchnetz.de/?sigle=DWB&lemid=A00001 
  4. https://www.dwds.de/d/zitieren 
  5. https://www.poemhunter.com/poems/april/page-50/ 
  6. https://discoverpoetry.com/poems/april-poems/ 
  7. Louise Glück. Collected Poems. 1962-2012. FSG 2012, NY. ISBN 978-0-374-53409-7
  8. https://gedichte.xbib.de/April_gedichte_recherche.htm 
  9. E. Polt-Heinzl, C. Schmidjell (Hrsg.): April Gedichte, Philipp Reclam, Stuttgart 2014 

 
Claus Niederau im April 2024.

Bild: Erste Pfingstrosen blühen schon im frühen April.

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Die Farbe BLAU:  Natur- und Geisteswissenschaftliches

Prof. Dr. med. Claus Niederau. Im Mai 2025.


Inhaltsverzeichnis

  •  Etymologie
  •  Umfragen zu Beliebtheit von Farben
  •  Blau: Assoziationen, Symbolik und Werbung
  •  Physik und Psychologie
  •  Philosophie
  •  Geschichte
  •  Blau in Stoffen und Kleidung
  •  Blau in Fauna und Flora
  •  Wie funktionieren Farb-Pigmente
  •  Blaue Augen
  •  Warum sind Himmel und Meer blau
  •  Farb-Mischungen
  •  Farb-Illusionen
  •  Farb-Nomenklatur
  •  Malen mit blauen Farb-Pigmenten
  •  Musik: Der Blues
  •  Lyrik und Literatur


Etymologie
In der deutschen Sprache stammt das Wort „blau“ vom althochdeutschen plâo und vom mittelhochdeutschen blâwes ab, wobei blâwes später auslautend neuhochdeutsch in blau mündet (1); im Englischen heißt diese Farbe blue, im Französischen bleu und im Italienischen blu, azzuro oder celeste. Viele Sprachen haben kein übergeordnetes, allgemeines Wort für Blau, sie verwenden mehrere Worte für verschiedene Blautöne; dies ist z. B. im Italienischen der Fall, wo blu ein eher dunkles Blau, azzuro das Blau des Mittelmeeres und celeste ein helles Himmelsblau bedeuten (2-3). Viele andere Sprachen nutzen dasselbe Wort für grün und blau, so dass hierfür aktuell auch das Wort „grue“ benutzt wird (Beispiele: Vietnam, Japan, Maja, Maori, Sioux, Warlpiri-Australia, Yupik-Eskimo) (3-5).


Umfragen zu Beliebtheit von Farben
Welche Farbe mögen sie am liebsten? Weltweit ist heute die Farbe Blau in den meisten Ländern am beliebtesten, meist gefolgt von Rot oder Grün (internationale Umfrage im Jahr 2016 bei 10.866 Personen) (6).


Blau: Assoziationen, Symbolik und Werbung
Die Farbpsychologie wird heute vor allem für die Werbung und Kennzeichnung von Produkten, Firmen, Organisationen und Parteien genutzt. Eine Zusammenstellung von Beispielen zu den Assoziationen mit der Farbe Blau ist im Folgenden dargestellt (7-9):
 

Seriosität:                            Tech-/Finanz-Branche, IBM, Intel, Facebook, Allianz, LH, Boeing, 
                                              GE, Deutsche Bank, PayPal, VW, Aral, Allianz, VISA, ...

Sicherheit, Frieden:            UNO, Blauhelme, UNESCO, EU, THW, Polizei, OP, u. a.

Sehnsucht, Treue:              Musik, Blues, Literatur

Kühle, Frische:                    Meer, Himmel

Traurigkeit, Melancholie:  blaue Stunde, blaue Blume

Trunksucht, Trunkenheit:  blau sein, blau machen

 
Physik und Psychologie
Die Farbenlehre der antiken griechischen Philosophen war fehlerhaft; so meinte Platon (427-347 v. Chr.), dass Farben durch Sehstrahlen entstehen, die das Auge aussendet (10-12). Den heutigen Vorstellungen näher kam Demokrit (460-371 v. Chr.); nach seiner Theorie lösen sich farbige Bilder vom Gegenstand, um durch die Luft ins Auge und von dort in die Seele zu gelangen, die sie dann erkennt. Aristoteles (384-322 v. Chr.) diskutierte, wie Farben auf den menschlichen Geist einwirken. Den Zusammenhang von Farben und Gefühlen (Farbpsychologie) hat also nicht Goethe entdeckt, sondern nur ausführlicher beschrieben.

Newton entdeckte 1671 durch Prisma-Experimente in Cambridge, dass weißes Licht aus den Spektralfarben zusammengesetzt ist (13-15). Nach Newton besteht Licht aus winzigen Teilchen, die sich mit großer Geschwindigkeit im leeren Raum geradlinig bewegen. Newtons Annahmen kommen den heutigen Vorstellungen nahe. Seine Idee von absolutem Raum und absoluter Zeit wurde allerdings später durch die Relativitätstheorie widerlegt (16-17). Nach Einstein und Planck besteht Licht aus Energiequanten (Photonen) mit der Masse von 0 und Lichtgeschwindigkeit, je nach Betrachtung mit den Eigenschaften einer Welle oder eines Teilchens. Im engeren Sinn sind mit Licht nur die für das menschliche Auge sichtbaren Anteile des elektromagnetischen Spektrums gemeint. Die untere Grenze wird bei Wellenlängen von 360-400 nm (blau), die obere bei 760-830 nm angesetzt (rot). Im weiteren Sinn werden in der Physik auch elektromagnetische Wellen kürzerer Wellenlänge (Ultraviolett, Röntgenstrahlen, gamma-Strahlen) und größerer Wellenlänge (Infrarot, Radar, Radiowellen) hinzugezählt.

Newtons Lichttheorie wurde lange kritisiert, u. a. vehement von Goethe. Goethe sagte in hohem Alter zu Eckermann: „Auf alles, was ich als Poet geleistet habe, bilde ich mir gar nichts ein. Daß ich aber in der Farbenlehre der einzige bin, der das Rechte weiß, darauf tue ich mir etwas zugute.“ (18). Nach Goethe ist weißes Licht nicht zusammengesetzt, Farben entstehen durch Interaktion von Licht und Finsternis. Diese Ansicht hat sich als falsch erwiesen. Goethe entwickelte zusammen mit Schiller einen Farbkreis, in dem Farben bestimmten Bereichen des menschlichen Geistes- und Seelenlebens zugeordnet sind. Dabei beeinflussen Farben Gefühl und Seele. So beeinflusste Goethe die Farbenlehre nachhaltig, obwohl seine physikalischen Annahmen nicht korrekt waren. Seine Beobachtungen zur Wirkung von Farben werden als Beginn der Farbpsychologie angesehen. Der Rückschluss von Lieblingsfarben auf das Wesen einzelner Menschen ist aber irreführend. Dies unterstreicht ein bekannter Sketch von Loriot („Herr Blöhmann - und ihre Lieblingsfarbe?“) (19). Obwohl Goethes Lieblingsfarbe Magenta oder "Pfirsichblüt" war, mochte er wohl auch die Farbe Blau insbesondere als Teil der Kleidung; so ist der blaue Frack das wichtigste Kennzeichen der damals trendigen „Werther-Tracht“ (20-21).

Farbe ist nach DIN 5033 so definiert (22-25): „Farbe ist der Sinneseindruck, durch den sich 
 zwei aneinandergrenzende, strukturlose Teile des Gesichtsfeldes bei einäugiger Beobachtung mit unbewegtem Auge allein unterscheiden lassen.“ Vereinfacht: Farbe ist die einzige Eigenschaft, die es erlaubt, mit dem Auge zwei strukturlose Flächen gleicher Helligkeit zu unterscheiden.

Vom menschlichen Auge werden Licht und Farbe von Foto-Rezeptoren der Netzhaut wahrgenommen. Es gibt in jedem Auge etwa 6 Mio. Zapfen, die bei Helligkeit und Dämmerung die Unterscheidung von 1-2 Mio. Farben ermöglichen, und etwa 120 Mio. Stäbchen, die bei Dunkelheit die Erkennung einzelner Photonen erlauben. Bei den Zapfen haben die Short-Wave-Zapfen (S-Typ) ihre beste Erkennung im Blaubereich, die M-Zapfen (Mittelwellig) im Grünbereich und die L-Zapfen (Langwellig) im Rotbereich (26-28). Der Anteil der blau-empfindlichen S-Zapfen beträgt nahezu konstant 10 % aller Zapfen, die relative Anzahl von M- zu L-Zapfen variiert beträchtlich zwischen 2:1 bis 1:16 (26-28). 
 
 Die Anzahl der Zapfentypen unterscheidet sich bei verschiedenen Tieren teilweise erheblich (29-31)

  • 0 Zapfentypen: Wenige nachtaktive Primaten besitzen keine Zapfen; sie sehen nur hell-dunkel.
  • 1 Zapfentyp: Einige Säugetiere wie Robben und Wale sind Monochromaten (nur M/Grün-Zapfen);  sie können keine Farben unterscheiden.
  • 2 Zapfentypen: Die meisten Säugetiere (Katzen, Hunde, u.v.a.) besitzen zwei Zapfentypen (dichromatisch); der M-Zapfen ist nicht vorhanden, was mit der X-chromosomal-rezessiv vererbten Rot-Grün-Schwäche vergleichbar ist. 
  • 3 Zapfentypen: Menschen und einige Primaten verfügen über drei Zapfentypen; sie sind trichromatisch (S, M, L).
  • 4 Zapfentypen: Viele Insekten, Spinnen und Vögel sind tetrachromatisch mit einem zusätzlichem UV-Zapfen. Etwa 10% europäischer Frauen sind Tetrachromaten mit zusätzlichem L- oder M-Zapfen, nur wenige können dies aber nutzen.
  • 12 Zapfentypen: Der Fangschreckenkrebs hat 12 Zapfentypen, 8 im sichtbaren und 4 im UV-Bereich. Seine beiden auf Stielen sitzenden, sehr beweglichen Sehorgane erlauben einen präzisem Rundumblick, da beide mit 10.000 winzigen Einzelaugen ausgestattet sind, die so raffiniert angeordnet sind, dass jedes der beiden Augen dreidimensional sehen kann.

 

Philosophie

Ist Blau objektiver, technisch messbarer Teil der Realität, so wie Gewicht und Größe? Im Realismus ist die Farbigkeit von Objekten Bestandteil der Natur und nicht nur Empfindung oder Einbildung von Personen. Farben kann man gemeinsam erfahren, sie gehören zu bestimmten Dingen und sind damit nicht vom einzelnen Beobachter abhängig. Farben erlauben uns eine bessere Orientierung in der gemeinsamen Welt.

Oder ist Farbe nur ein Gefühl – wie Geruch und Geschmack – und daher ausschließlich subjektiv? Im Subjektivismus gehört Farbe nicht zum Objekt, sondern nur zur Person, die Farbe empfindet. Die Welt mit ihren Farben und Düften sei nur ein Schauspiel, das uns das Gehirn vorführt. Diese Vorstellung tendiert zum Radikalen Konstruktivismus, nach dem die Welt nur durch Empfindungen und Gedächtnis in unserem Gehirn konstruiert wird und wir deshalb grundsätzlich keinen Zugang zu Realität und Wahrheit erlangen können.  

Weitere aktuelle philosophische Richtungen wie der Neue Realismus, der Erweiterte Realismus und auch der Neopragmatismus betrachten Realismus und Subjektivismus als verschiedene Betrachtungsweisen auf den beiden o. g. Ebenen, die aber beide zu unserer Welt gehören und die uns beide nützlich sind. Zur Farbwahrnehmung gehören Interaktionen von Objekt, Licht und wahrnehmender Person. Farben sind nicht nur physikalisch und technisch definierbar, sie gehören auch zur subjektiven Wahrnehmung des Individuums und sind somit Resultat von Beziehungen zwischen Person und Umwelt. Farbtäuschungen können „echt“ aussehen, man kann sie aber erklären.
Artikel und Diskussionen zu philosophischen Aspekten von Farben mit weiterer Literatur findet man unter (32-34).
 
Geschichte 
In den antiken Kulturen Griechenlands und Italiens spielte die Farbe Blau lange eine untergeordnete Rolle. So kam es zu der bis heute diskutierten Frage: Waren die Griechen und Römer blau-blind? Literaturhinweise zu den unten genannten Punkten findet man in (34).

  • blavus erst spät aus dem Germanischen übernommen
  • azureus erst spät aus dem Arabischen übernommen
  • im Regenbogen wird Blau nicht beschrieben
  • in der Odyssee kommt die Farbe Blau nicht vor?


Blau war die Farbe der Barbaren, z. B. der Germanen

  • färben sich blau zur Abschreckung der Feinde (Tacitus)
  • färben sich im Alter die grauen Haare mit Indigo (Ovid)
  • Frauen der Bretonen färben den ganzen Körper blau, bevor sie sich in Orgien stürzen (Plinius)

 

In anderen antiken Gesellschaften war Blau hingegen sehr wohl geschätzt (35). Erwähnt sei beispielhaft die Krone der Nofretete, die auch nach 3.300 Jahren noch eine schöne blaue Farbe hat. Sie wurde erstellt mit dem „Ägyptisch Blau“, das aus fein gemahlenem Quarzsand und Kalkstein gewonnen wurde, nachdem es mit Kupfererz oder Bronzespänen und Natron oder Pflanzenasche versetzt und bei > 870 °C für mehrere Stunden gebrannt worden war (36). Heute kann dieses Cuprorivait synthetisch hergestellt (CaCuSi4O10) werden. 
Auch in vielen alten asiatischen Kulturen war und ist Blau beliebt. So ist der blaue Elefanten-Gott Ganesha in Indien bis heute populär (37).  Blau und Lapislazuli gehören im Hinduismus zur 6. Stirn-Chakra, dem Kommandozentrum; sie lösen Ängste und Blockaden. Blaue Elefanten-Skulpturen bestehen oft aus afghanischem Lapislazuli (38). Verehrt wird der Elefant als Garant für Glück und Frieden von Thailand bis China (39). In China wird seit den Hongwu-Ming Dynastien um 1300 Porzellan mit Hilfe von Cobaltdioxid eingefärbt. Später wurde dies in Delft und Meissen aufgegriffen. Cobalt-Blau (Dumonts Blau, Leithners Blau) ist das nach Louis Jacques Thénard 1777 benannte Cobalt-Aluminat (CoAl2O4), das seitdem synthetisch hergestellt werden konnte (40). Zuvor musste es als Pigment aus Zaffer durch Erhitzen von Cobalterzen gewonnen werden. Es diente zur Herstellung von Smalte, einem blauen, feuerfesten Pigment, welches in Ölfarben verwendet wurde (40). Außerdem wurden früher damit Porzellan und Glas blau gefärbt. 

 

Blau in Stoffen und Kleidung
Segeltuch für Hosen wurde von Genua aus in die USA exportiert. Aus dem französischen Städtenamen „Gênes“ entwickelte sich in Amerika die Aussprache „Jeans“. Der in Franken geborene Levi Strauss fertigte in San Francisco Kleidung für Goldgräber. Dabei wurde das Segeltuch durch den mit Indigo gefärbten Baumwollstoff Denim (aus Nîmes) abgelöst, seitdem werden die blauen Hosen Denim Jeans oder Blue Jeans genannt. Die Idee, Nähte mit Nieten zu verstärken, hatte zuerst der Schneider Jacob Davis. Da er kein Geld für ein Patent hatte, wandte er sich an Levi Strauss, beide meldeten das Patent der Blue Jeans mit Nieten 1873 gemeinsam an. U.S. Soldaten machten Blue Jeans in Europa erst ab 1945 populär; im Jahr 2021 wurden weltweit etwa 3 Mrd. Blue Jeans verkauft (41). 

Seit Jahrtausenden wurde in Mitteleuropa Indigo-Blau aus heimischem Färberwaid gewonnen (42-46). Die grünen Blätter der Waid-Pflanze enthalten Indican, eine Vorstufe des Indigo. Die Blätter wurden einem Zerstampfen, Gären und Verrühren mit Pottasche bei 60°C unterzogen. Durch das Einlegen von Stoffen wurden diese zunächst gelb eingefärbt; erst an Licht und Luft entwickelte sich durch Oxidation der blaue Farbton des Indigo; dieses Indigo war zum Malen schlecht geeignet (Stahl-Blau) und wenig lichtecht. Später wurde Indigo aus dem asiatischen Indigo-Strauch gewonnen, da dieser dreißigmal mehr Indican enthält als Waid. Über Jahrhunderte wurden große Mengen Indigo-Strauch aus Asien nach Europa geschifft. Indigo wurde 1878 erstmals von der BASF synthetisiert. BASF finanzierte diese Entwicklung mit 18 Mio. Goldmark, was den damaligen Gesamtwert des ganzen Unternehmens überstieg.

Blaue Jacken und Mäntel waren in Europa nicht erst seit Goethes „Werther-Tracht“ populär. Seit dem Mittelalter ist Blau die ikonographische Farbe des Marienumhangs, als Symbol für die enge Beziehung der Gottesmutter zum Himmel. Ludwig XIV (1638-1715) trug zur Popularität der Farbe Blau bei, indem er seine Leib-Gardisten mit einer blauen Jacke ausstattete. Die französische Fußballnationalmannschaft der Männer heißt ob ihrer traditionell blauen Trikots bis heute „Les Bleus“; das Blau spielt auch in der Nationalflagge Frankreichs, der Tricolore eine wichtige Rolle, da man das Blau nah am Fahnenmast am besten von allen drei Farben sieht (47). In England ist Royal Blue seit der Krönung von Königin Charlotte 1801 die Farbe des Königshauses. Bei der Krönung von Charles 2023 trugen Prinz William und Prinzessin Kate lange blaue Mäntel (48).

Flora und Fauna
Blaue Blüten sind eher selten, Blätter mit blauem Pigment sind eine Rarität; die wenigen blauen Blätter erreichen Farbe durch Lichtinterferenzen an dünnen Lamellen, die das Spektrum so brechen, dass nur Blau reflektiert wird; ähnlich entsteht die blaue Farbe in aller Regel auch bei Schmetterlingen und Vögeln (s. u.). Zu den Wildblumen mit blauen Blüten zählen Kornblume, Wegwarte, Vergissmeinnicht, Glockenblume, Rittersporn, Veilchen, Traubenhyazinthe, Akelei und einige weitere. Bienen können Rot nicht wahrnehmen, sehr gut aber Bienenblau, eine Mischung aus Violett, Blau und Ultraviolett - für Menschen nicht wahrnehmbar (49). Obwohl Bienen also auf blaue Blüten fliegen, hat sich Blau evolutionär in Fauna und Flora nicht durchgesetzt, da die Produktion des blauen Farbstoffs für Pflanzen sehr aufwendig ist. Dazu braucht es sechs verschiedene Anthocyane und sechs weitere Moleküle, die mit Metall-Ionen eine Verbindung zu einem riesigen Molekülkomplex eingehen (50). Die Gentechnik ist aber dabei blaue Blumen zu erschaffen. Teils ist dies schon gelungen, so gibt es in Japan seit 2017 Chrysanthemen in vielfältigen Blautönen (51). 


Pflanzen haben verschiedene Pigmente entwickelt, blaue aber eher selten (52):

  • Chlorophyll macht Blätter grün
  • Carotinoide färben Karotten orange, Tomaten rot und Mais gelb
  • Betalaine färben Beete rot, usw.

 

Auch bei Mineralien ist Blau ein Sonderfall: 

  • Lapislazuli (Lasurit, Na3Ca[Si3Al3]O12S)
  • Azurit (Kupferkarbonat)
  • Saphir, Aquamarin, Mondstein
  • YInMn-Blau - 2009 aus Yttrium, Indium und Mangan synthetisiert 


Wie funktionieren Farb-Pigmente
Bei der Licht-Absorption gibt das Licht Energie an Materie ab. Dabei geht ein Elektron des Atoms in einen Zustand mit höherer Energie über (Elektronensprung) (53). Der Umkehrprozess ist die Lichtemission, wobei die Energie der Materie abnimmt. Farbpigmente erhalten ihr Erscheinungsbild, indem sie das Licht der Komplementärfarben absorbieren. Beim Photoeffekt von Solarzellen liefert die Absorption von Lichtquanten in einem Halbleiter elektrisch Ladungstrennung und eine Stromquelle.

Das grüne Pigment Chlorophyll im Pflanzenblatt absorbiert rotes, blaues und gelbes Licht und betreibt mit dieser Energie Photosynthese (aus H2O und CO2 entstehen Glukose und O2). Nur Grün wird reflektiert. Der Blau-Anteil ist im Sonnenlicht besonders hoch und wird für die Photosynthese in hohem Maße benutzt. Schattenlicht hat einen hohen Rot-Anteil. Die Annahme, dass Grün in der Natur besonders gut, natürlich und gesund sei (siehe z. B. die Partei „die Grünen“ oder die NGO „Greenpeace“), ist „streng genommen“ falsch, denn ausgerechnet mit grünem Licht können die Pflanzen nichts anfangen, es bleibt ungenutzt und wird nur reflektiert. Für die Photosynthese ist hingegen das im Sonnenlicht reichlich enthaltene blaue Licht herausragend wichtig. Auf der anderen Seite bedeuten uns die grünen Farben von Blättern und Pflanzen aber, dass diese mit dem Rest des Lichts die so wichtige Photosynthese betreiben. Diese Überlegungen deuten an, wie ambivalent man mit Farben und den damit ausgelösten Gefühlen und Vorstellungen umgehen kann.
Viele Blautöne der Natur bestehen gar nicht aus Pigmenten. Blaue Schmetterlinge und Vögel wirken meist deshalb blau, weil ihre Schuppen und Federn dreidimensionale Nanostrukturen aufweisen, die Licht auf eine bestimmte Weise reflektieren oder brechen. Diese „Diffraction of light“ (Beugung/Brechung) geschieht ohne Energieänderung (54). Dabei werden alle Wellenlängen außer den blauen herausgefiltert und nur das Blau wird reflektiert. Ein Beispiel ist der Blaue Morpho-Falter (55-57). Eine sehr seltene Ausnahme ist der Schmetterling Nessaea aglaura (olive wing, Olivenflügel), der in seinem Flügel eine kleine Menge an echtem Blau-Pigment besitzt (56-57).

 

Warum sind Himmel und Meer blau

Besungen wurden das Blau von Himmel und Meer ungezählte Male, u. a. von Vicky Leandros (L’amour est bleu. Blau, blau so wie das Meer. ESC Wien 1967) (58-59). Im Jahr 2011, also 44 Jahre später haben Vicky Leandros und Scooter das Lied erneut erfolgreich aufgenommen (u. a. 6 Mio. Youtube-Aufrufe) (60). Von diesem Lied gibt es viele Cover-Versionen.
Kurzwelliges Blau wird vom Wasser stärker reflektiert und weniger absorbiert als die anderen Farben (61). Diese Absorption und damit das Blau des Wassers beruhen dabei ausnahmsweise nicht auf der Bewegung von Elektronen, also einem Elektronensprung, sondern auf Schwingungen des Moleküls. Wasser wandelt rot-oranges Licht in Bewegung um (61). Der Rest wird reflektiert und erscheint blau. In einem Glas ist der Effekt zu schwach, um ihn zu sehen. Im tieferen Wasser kann man ihn gut erkennen. Die „Rote“ Hornkoralle ist in 40 m Tiefe bei natürlichem Licht nur blau, im Sonnenlicht oder Blitzlicht aber rot. Mit zunehmender Wassertiefe verschwindet zunächst das rote Licht, dann das orange, gelbe und grüne. Ab einer Tiefe von 50 Metern gibt es nur noch Blau. Ab 200 Metern ist alles dunkel, unter 1.000 Metern wird es schwarz (61). Auch beim Himmel sorgt die kurze Wellenlänge des Blaus für eine häufigere Brechung und Reflektion, wenn es auf die Luftteilchen in der Atmosphäre trifft.

Blaue Augen
[Literatur zu den unten genannten Punkten in (62-64). In der Antike eher mit den germanischen Barbaren assoziiert, heute beliebt.

  • Fehlen von (braunem) Melanin durch eine Genvariation
  • 7.000 J. v. Chr. frühester Nachweis einer Variation im HERC2-Gen (blaue Augen) 
  • Blauentstehung durch Brechung ähnlich wie beim Himmelsblau
  • weltweit blaue Augen nur bei 10% der Menschen, in Finnland und Estland aber bei > 90%
  • blaue Augen häufiger bei blonden Menschen

 

Blaue Augen wurden von Heinrich Heine schon im Jahr 1844 besungen (65):


Mit deinen blauen Augen
Siehst du mich lieblich an,
Da wird mir so träumend zu Sinne,
Daß ich nicht sprechen kann.

An deine blauen Augen
Gedenk ich allerwärts; -
Ein Meer von blauen Gedanken
Ergießt sich über mein Herz.


Auch Annette Wynne bewundert blaue Augen in ihrem Gedicht „Blue“ aus dem Jahr 1919 (66):

When God made everything
I'm glad he had a lot of blue -
A great big sky for all the world
And eyes like yours for you.
 

Ein moderne gesangliche Hommage an „Blaue Augen“ stammt von der Band Ideal aus dem Jahr 1981 (67); dort heißt der Refrain: „Deine blauen Augen machen mich so sentimental, so blaue Augen. Wenn du mich so anschaust, wird mir alles andre egal, total egal. Deine blauen Augen sind phänomenal, kaum zu glauben, was ich dann so fühle ist nicht mehr normal.“ Ob Heinrich Heine hier mitgewirkt hat, bleibt unklar.

Farbmischungen
Gemäß der additiven Farbmischung nach Young und Helmholtz werden die drei Primärfarben Rot, Grün und Blau bei Trichromaten addiert (RGB-Monitor), es entsteht Weiß (68-70). Die Empfindung ist Schwarz, wenn die Summe Null ist. Die additive Mischung aus diesen drei Primärfarben bewirken Gelb, Cyan und Magenta (Sekundärfarben). 

Die subtraktive Farbmischung (68-69,71) mit den drei Primärfarben Cyan, Magenta, Yellow (CMY; Druckertinte) entsteht, wenn von einer Lichtquelle Anteile ihres Farbspektrums entfernt (subtrahiert) werden. Der entstehende Farbreiz entspricht dem von der Oberfläche bzw. dem Filter nicht-absorbierten, also reflektierten oder hindurchgelassenen Licht. In der Mitte von drei hintereinandergeschalteten Filtern wird das Licht vollständig absorbiert, so dass sich Schwarz ergibt.
Nach Harald Küppers (72) entstehen durch die Wahrnehmung der drei Urfarben - entsprechend der optimalen Zapfenempfindlichkeit beim humanen Trichromaten - alle acht Grundfarben, die sich in der Malerei nicht durch Mischung anderer Farben herstellen lassen (s. nachfolgende Tabelle). Diese Theorie vereint die additive und subtraktive Theorie der Farbmischungen.


Farb-Illusionen

Bekannte Beispiele von Farb-Illusionen (73) sind die Kindergarten-Illusion, die Cafe Wall-Illusion und die Munker White-Illusion. Eine fantastische Darstellung der Munker White-Illusion findet man unter (74).

 

Farb-Nomenklatur

Die älteste weitläufig bekannte und lange benutzte Farb-Nomenklatur stammt von Abraham Gottlob Werner (1749-1817), einem deutschen Mineralogen und Geologen von internationaler Bedeutung. Zu seinen Schülern gehörten Novalis, Alexander von Humboldt und Charles Darwin; Werners Nomenklatur von 79 Farben verwendete Darwin zur Farbbeschreibung von Fauna und Flora auf seiner fünfjährigen Weltreise mit der HMS Beagle. Der schottische Pflanzenmaler Patrick Syme erweiterte 1814 Werners Nomenklatur um weitere 31 Farbtöne mit Beispielen aus Zoologie, Botanik und Mineralogie. Ihr gemeinschaftliches Werk ist bis heute im Buchhandel erhältlich (75).

Heute teilt man die Farben meist nach dem hexadezimalen RGB-System ein; dies erlaubt eine Differenzierung von 16.777.216 Farben, von denen der Mensch aber nur 1-2 Mio. unterscheiden kann (76). Die hexadezimalen Farbcodes beginnen mit dem Hashtag #, gefolgt von sechs Buchstaben und/oder Zahlen. Die ersten beiden Buchstaben/Zahlen stehen für Rot, die nächsten beiden für Grün und die letzten beiden für Blau. Die hexadezimalen Farbwerte werden mit Werten von 00 bis FF definiert (entspricht von 0 bis 255 im reinen RGB-Format). Es werden nur zehn Zahlen von 0 bis 9 verwendet, die 6 Buchstaben A bis F bedeuten, dass der Wert größer als 9 ist; d. h. A steht für 11 und F für 15. Insgesamt gibt es für jede Farbe also 16 x 16 = 256 Möglichkeiten. Die hexadezimale Darstellung stammt aus der Informatik und erleichtert die Einteilung; die Rückcodierung auf den reinen RGB-Code ist einfach: z. B. ist ein reines Blau hexadezimal #0000FF und rückcodiert im reinen RGB-System (0, 0, 255). Capri-Blau z. B. ist hexadezimal #00BFFF, was im reinen RGB-System (0, 191, 255) entspricht (d. h. kein Rot, aber deutlicher Grünanteil und volles Blau).
 Das CMY-System mit den Primär-Farben Cyan, Magenta und Yellow wird meist CMYK genannt (77), da speziell für die Drucktechnik noch ein Schwarzanteil hinzukommt; dieser wird als Key=K bezeichnet. Im CMYK-Farbmodell werden die möglichen Werte für jede der vier einzelnen Farben zwischen 0 % und 100 % definiert, wobei 0 % für unbedruckt steht und 100 % für eine Volltonfläche. Zur Umrechnung zwischen RGB und CMYK gibt es Tools im Internet (78).

Malen mit blauen Farb-Pigmenten

Über Jahrtausende wurden blaue Farbtöne vor allem Dingen mit Azurit, Ägyptisch-Blau, Lapislazuli und Indigo gemalt (79). Die Herstellung aller dieser blauen Pigmente war schwierig, zeitaufwendig und kostspielig. Erst ab dem 18. Jahrhundert gelang es, Preußisch-Blau, Kobalt-Blau, Ultramarin, Indigo und zuletzt YInMn-Blau synthetisch herzustellen (s. nachfolgende Tabelle).

 

100.000 v. Chr.    Menschen malen mit Pigmenten aus rotem und gelbem Ocker 
                               sowie Holzkohle; Indigo eher zur Stofffärbung benutzt

    9.000 v. Chr.     nach jüngsten Funden aus der Türkei wird das blaue Mineral                                                                             Azurit schon damals zu feinem Pulver zermahlen

    2.000 v. Chr.     Babylonier und Ägypter verwenden Lapislazuli
                               zudem Herstellung von Cuprorivait = Ägyptisch Blau

    1706 n. Chr.     Synthese von Preußisch-Blau

    1777 n. Chr.     Synthese von Kobalt-Blau 

    1806 n. Chr.     Synthese von Ultramari

    1878 n. Chr.     Synthese von Indigo

    2009 n. Chr.     Synthese von YInMn-Blau aus Yttrium, Indium und Mangan
                              Oregon-Blue, Mas-Blue, Bluetiful

 Das Fra Angelico-Blau wurde aus Lapislazuli gewonnen. Jenseits des Mittelalters wurde es zur ikonographischen Farbe der Gottesmutter Maria. Der blaue Mantel bei Maria symbolisiert ihre Verbindung zum Himmel (80). Beispiele für den blauen Umhang Marias sind z. B. zu sehen bei Fra Angelico (Madonna mit Granatapfel, um 1440. Prado, Madrid) und bei Giovanni Battista Salvi da Sassoferrato 1645 (Die Jungfrau im Gebet. National Gallery, London). Später wurde das Lapislazuli-Blau gerne auch in weltlichen Portraits verwendet, so z. B. von Johannes Vermeer im Turban des Gemäldes „Mädchen mit dem Perlen-Ohrring“ (1665, Royal Picture Gallery Mauritshuis); die Familie Vermeer verarmte u. a., weil Lapislazuli damals etwa so teuer war wie Gold und Vermeer sehr viel davon für seine Bilder benötigte (81-82).

Der niederländische Maler Pieter van der Werff (1665-1722) verwendete das 1706 von J. J. Dies in Berlin entdeckte Preußisch Blau für den Himmel und den Umhang Marias (Maria in Wolken, um 1715, Privatbesitz) (83). Berliner Blau = Preußisch Blau [Eisen-(III)-hexacyanoferrat-(II)] wird bis heute in der Histologie genutzt, um Eisen in Zellen nachzuweisen. Nachfolgend führte es auch zur Entdeckung der Blausäure (Cyansäure) (83). Pablo Picasso verwendete in seiner Blauen Periode fast nur Preußisch-Blau (84). Ein Beispiel ist sein „Blauer Akt“ aus dem Jahr 1902 (85).

Der „Blaue Reiter“ war eine Künstlergruppe um Wassily Kandinsky und Franz Marc, die in den Jahren 1911 bis 1914 aktiv war. Die Künstlergruppe war ein wichtiger Wegbereiter der modernen Kunst des 20. Jahrhunderts hin zu Abstraktion und Kubismus. Der Name entstand im Rückblick von Kandinsky wie folgt: „Den Namen Der blaue Reiter erfanden wir in der Gartenlaube: beide liebten wir Blau; Marc - Pferde, ich - Reiter. So kam der Name selbst.“ (86) (mit Marc ist Franz Marc gemeint). Zur Gruppe des Blauen Reiters gehörten neben Wassily Kandinsky und Franz Marc Gabriele Münter, Max Ackermann, Heinrich Campendonk, Alexej Jawlensky, Paul Klee und Alfred Kubin. Wichtige Werke des Blauen Reiters sind der „Reiter“ von Kandinsky aus dem Jahr 1911 und „Die großen blauen Pferde“ von Franz Marc aus dem Jahr 1911. Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs endete der Blaue Reiter.

Blau spielte in der Malerei auch später im 20. Jahrhundert eine wichtige Rolle. So sieht man eine Fülle von verschiedenen Blautönen im Gemälde „Guardians of the Secret“ von Jackson Pollock aus dem Jahr 1943. Hier symbolisiert die Farbe Blau das Geheimnisvolle in meisterlicher Weise (87). 

Yves Klein schuf 1947-1957 mehr als 200 monochrom-blaue Leinwände und Skulpturen; auf der Suche nach der Farbe des Himmels fand er eine matte Version von tiefblauem Ultramarin. Sein Versuch, diesen Blauton als International Klein Blue (IKB als Farbmarke) zu patentieren, scheiterte (88). 

Mark Rothko verwendete oft Ultramarin, Josef Albers Kobaltblau, Gerhard Richter viele Blautöne (89-91). Alle diese Künstler kann man auch mit dem Begriff Farbfeldmaler beschreiben, wobei ihr Werk weit darüber hinausgeht (89-91).

Unerwartet und eher zufällig wurde 2009 ein neues Blau-Pigment synthetisiert, das YInMn-Blau (92). Sein Name setzt sich aus den hier enthaltenen Elementen Yttrium, Indium und Mangan. Das Pigment ist auch unter den Namen Oregon Blue, Mas Blue oder Bluetiful bekannt. Es entstand an der Oregeon State University 2009 durch Manganexperimente des Teams um den Chemiker Mas Subramanian (93). Das YInMn-Blau-Pigment ist temperatur- und lichtbeständig, bleicht weder in Wasser noch Öl aus, ist nicht giftig und vergleichsweise einfach herzustellen. Inzwischen ist es auch als Aquarellfarbe erhältlich, z. B. von Schmincke (94).

 

Musik: Der Blues

Die Blues-Musik entstand um 1900 aus Folk-, Country- und Gospelkomponenten vorwiegend in den Südstaaten der USA (95-97). Mitgebracht und weiterentwickelt haben die Bluesmusik zunächst die aus Afrika stammenden Sklaven. Der Blues folgt einer pentatonischen Tonleiter, einer der ältesten musikalischen Skalen, die in vielen außereuropäischen Kulturen wie in Afrika und Indien seit mehr als 5.000 Jahren benutzt wird (95-97). Die pentatonische Tonleiter besteht nur aus fünf Tönen, wobei im Beispiel des C-Dur die Töne F und H fehlen. Die Blues-Tonleiter entwickelte sich aus der pentatonischen, indem - am Beispiel des C-Dur - die kleine Terz als Blue-Note hinzukam. Alternativ oder zusätzlich kann man weitere Blue-Notes hinzufügen. Die Blue-Notes sind Töne, die so im klassisch-europäischen Musikschema nicht definiert waren; später wurden sie formalisiert als Halbtonschritte, die eigentlich den westlich-tradierten Klassik-Schemata von Dur und Moll nicht entsprachen. Die Geschichte des Blues ist nachzulesen im Buch von Carl-Ludwig Reichert (98). Eine prägnante Besprechung dieses Buches stammt von Lutz Hagestedt und ist mit „Blues - Mutter aller Popmusik“ betitelt (99). Dort wird das Geheimnis des Blues beschrieben als die „Spannung zwischen dem relativ starren Taktgefüge, dem festen Wechselverhältnis der Harmonien und der ‚Blue Notes‘, den Zwischentönen, die neben der individuellen Farbe und den Rhythmen den eigentlichen Reiz des Blues ausmachen.“ Die Blue Note sei für den Blues das, „was der ‚unreime‘ Reim für die Lyrik bedeutet: die überraschende, nicht erwartete und zugleich erwartbare, die vielleicht nicht 'korrekte' und doch zulässige, ja erwünschte Abweichung von der Regel, die der Harmonik und Melodieführung Spannung und Relief verleiht.“ (99). Es heißt weiter: „Wie alle große Musik ist der Blues einfach, und genau das macht es ‚so schwierig, ihn einfallsreich und interessant zu spielen‘. Wie Bach - Anfang und Ende aller Musik - ist er nicht selten 'schematisch', dadurch aber auch offen für Variationen aller Art. Dies führt nicht zuletzt in 'verwandte' Stilrichtungen, wie Boogie, Rhythm & Blues, Dixieland, Skiffle, Blues-Rock, Jazz, Free-Jazz, Soul, Hip-Hop und sogar Rap.“ (99)

Das Standard-Schema ist der 12-taktige Blues (97,100-101). Die erste Lied-Zeile umfasst vier Takte; sie wird in den nächsten vier Takten wiederholt, bevor die abschließende Zeile in den letzten vier Takten erfolgt. Das Schema basiert auf den Akkordfolgen der I. Stufe Tonika, der IV. Stufe Subdominante und der V. Stufe Dominante. Auf vier Takte Tonika folgen je zwei Takte Subdominante und Tonika, je ein Takt Dominante und Subdominante und wieder zwei Takte Tonika. Als drittletzter Akkord kann statt der Subdominante auch die Dominante gespielt werden. Dieses Schema wurde im Laufe der Zeit erweitert und modifiziert.

Obwohl Standard und Schema des Blues von dem schwarzen „King of Blues“, B. B. King beschrieben wurde (103), gibt es in der Literatur immer wieder Kritik an den skizzierten Blues-Definitionen, die theoretischen Überlegungen alter weißer männlicher Akademiker entsprächen. Dies gipfelt in der Überlegung, ob Menschen mit weißer Hautfarbe überhaupt Blues singen und spielen können (102). 

Weitere Blue-Notes kann man teils nur ungenau zwischen zwei Ganztonnoten einordnen. Blues funktioniert deshalb auch eher durch das Ziehen von Noten zwischen zwei Tönen; diese ist auf vielen Tasteninstrumenten wie dem Klavier nicht möglich, sehr wohl aber auf Saiten- und Blas-Instrumenten sowie in der perfekten Form mit der menschlichen Stimme. 

Viele Bluessongs besingen auch im Text den Blues mit seiner Traurigkeit, Melancholie und Sehnsucht. Ein bekanntes Beispiel stammt von Arethra Franklin aus dem Jahr 1960 (104); sie gilt nach der Zeitschrift „Rolling Stone“ bis heute als beste Sängerin aller Zeiten (jenseits der klassischen Musik) (105). Ein Textauszug aus dem Song lautet:
“Without a word of warning, the blues walked in this morning and circled around my lonely room.
 I didn′t know why I had that sad and lonely feeling until my baby called and said we we're through. 

For yesterday, this time I sang a love song but today, I′m singing the blues.” (104).

Die Entwicklung des Blues und seine Bedeutung für die weitere Entwicklung der nicht-klassischen Musik kann man an berühmten Liedbeispielen nachvollziehen wie z. B. den Songs „House of the Rising Sun“ und „Little Girl Blue“. Das “House of the Rising Sun” war wohl ein Bordell in New Orleans, erstmals erwähnt in der „Louisiana Gazette“ im Jahr 1821. Der Folksong entstand um 1910; inzwischen gibt es mehr als 400 (Cover-) Versionen, z. B. von:

  • Clarence Ashley 1933 
  • Leadbelly 1945 
  • Woody Guthrie 1945
  • Pete Seeger 1958
  • Joan Baez 1960
  • Johnny Hallyday 1961 
  • Nina Simone 1962 
  • Bob Dylan 1962
  • Marianne Faithful 1964
  • Animals 1964
  • Tim Hardin 1967
  • Jimi Hendrix 1970 
  • Frijid Pink 1970
  • Beatles 1975
  • Tracy Chapman 1990
  • Sinéad O’Connor 1994 


Die meisten Leser werden unter dem Lied die Version der Band „The Animals“ aus dem Jahr 1964 verstehen; fast alle berühmten Blues- und Folk-Sänger und -Sängerinnen haben eine eigene Version eingespielt (Beispiele in obiger Liste) (106). Die älteste akustisch dokumentierte Version wurde von  

Clarence Ashley & Gwen Foster 1933 aufgenommen (197). Auch Bob Dylan hat dieses Lied gesungen; in seiner Version kann man besonders gut verstehen, wie wenig es darauf ankommt, ob die Tonhöhe stimmt und ins Schema passt. So heißt es in einer Besprechung eines aktuellen Films über den jungen Bob Dylan (108): „Wenn es um Bob Dylans Stimme geht, gibt es zwei Lager: die, die sie nicht mögen. Und die, die sich mit ihr arrangiert haben. Der Soul-Sänger Sam Cooke hat 1963, nachdem er «Blowing in the Wind» gehört hatte, angeblich gesagt: Von nun an kommt es nicht mehr darauf an, wie schön eine Stimme ist – sondern nur noch, ob man ihr glaubt, dass sie die Wahrheit sagt.“

Die Bluestonleiter ist ein schematischer Versuch, sich dem beabsichtigten Klang anzunähern bzw. den Klang in Art einer Tonleiter darzustellen. In der musikalischen Praxis gibt es verschiedene Wege, sich diesem Ideal zu nähern. Die menschliche Stimme erlaubt es, die Tonhöhe über etwa vier Oktaven nahezu beliebig anpassen. Aber auch auf vielen Instrumenten ist es möglich, Töne außerhalb des chromatischen Schemas zu erzeugen. So eignet sich die Gitarre besonders gut, den gegriffenen Ton zu ziehen und dadurch dessen Tonhöhe zu verändern. Auch auf der Mundharmonika lassen sich die Tonhöhen der Blue-Notes anpassen. Hier ist Bob Dylan ebenfalls ein prägendes Beispiel.

Ab 1930 hat sich der Jazz aus dem Blues entwickelt, wobei die Übergänge fließend sind. Auch im Jazz werden die Töne oft “gezogen”; ein berühmtes Bespiel ist der Song „Mood Indigo“ von Duke Ellington aus dem Jahr 1930 (109). Dieser Song soll später den Namen der Band „Moody Blues“ beeinflusst haben.

Der Song „Little Girl Blue“ (Musik von Richard Rodgers, Text von Lorenz Hart) stammt aus dem Jahr 1935; er gibt viele Cover-Versionen; die schönsten Versionen stammen m. E. von Nina Simone aus dem Jahr 1958 und von Janis Joplin aus dem Jahr 1969 (110-111); in den Videos (110-111) kann man wahrnehmen, wie sich aus Folk und Blues Soul, Pop und Rock entwickelten. Hier aus “Little Girl Blue” eine Strophe, die Blues und Blue besingt: 
“Sit there, count your fingers. What else, what else is there to do? Honey, I know how you feel. I know you feel that you're through. Sit there, count your little fingers. My unhappy, oh, little girl, little girl blue.“ (110-111).
Wie wenig auf der Gitarre die Theorie von halben und ganzen Tönen seit dem Blues eine Rolle spielt, zeigt sich beispielhaft am Gitarrensolo von Jimmy Page (112) (Led Zeppelin. Stairway to Heaven. Madison Square Garden NY, 1973). Hier entscheiden Stimmung und Seele, wobei das Solo auch so komplex ist, dass es an eine klassische Fuge von Bach erinnert (112). Zudem wird m. E. auch die Unterscheidung von „wertvoller Klassikmusik“ und „billiger Popmusik“ ad absurdum geführt.

Bis heute sind „Blue“ und „Blues“ in der Musik wichtige Themen. Ein aktuelles Bespiel ist der weltweit erfolgreiche Song „Blue“ von Billie Eilish aus dem Jahr 2024 (113), wobei man hier den Musikstil noch kaum einordnen kann.


Lyrik und Literatur
Goethe verkörperte die Klassik und verachtete die Romantik: „Um zu begreifen, daß der Himmel überall blau ist, braucht man nicht um die Welt zu reisen.“ (114). Trotzdem leitete sein Werther-Roman mit dem blauen Frack die Romantik ein – mit der Melancholie, dem Streben nach Unendlichkeit und der Farbe Blau. Später wurde dann die Blaue Blume zum zentralen Symbol der Romantik (115). Reale Vorbilder der blauen Blume sind vor allem Kornblume und Wegwarte. Als Dichter-Beispiele seien Novalis und Eichendorff genannt:
„…fern ab liegt mir alle Habsucht: aber die blaue Blume sehn’ ich mich zu erblicken.“ (Novalis, 116)

„Ich suche die blaue Blume, Ich suche und finde sie nie.“ (Eichendorff, 117)

Die Romantik endet mit Heinrich Heine; sein Gedicht „Die Welt ist so schön und der Himmel so blau“ 
sei hier genannt (Text s. u.) (118). Auch er zitiert Goethes Bemerkung zum blauen Himmel, wobei der Schluss des Heine-Gedichtes keine romantische Ironie mehr ist, sondern ein düsterer Abgesang auf diese Epoche. Auch im Symbolismus und Ästhetizismus wird das Blau des Firmaments angesprochen, beispielhaft erwähnt ein Gedicht von Stefan Georges Gedicht aus dem Jahr 1895 (119); es beginnt mit diesen Zeilen: 
 Komm in den totgesagten park und schau:
 Der schimmer ferner lächelnder gestade
 Der reinen wolken unverhofftes blau.
 
Auch im 20. Jahrhundert, im Realismus und in der Moderne spielt die Farbe Blau eine Rolle in der Lyrik: bespielhaft sei das Rilke-Gedicht „Die blaue Hortensie“ genannt (120). Es erscheint mir schwierig, Rilke einer bestimmten Epoche zuzuordnen; im Gedicht zur blauen Hortensie ist keine Metapher romantisch, symbolbeladen oder schwülstig, alle Metaphern sind zeitlos perfekt. 

Trotz Goethes eher abfälliger Bemerkung zum blauen Himmel, bleibt der blaue Himmel bis heute Thema von Literatur und Lyrik. Zahlreiche weitere deutsche und englische Gedichte zur Farbe Blau sind im Folgenden zu lesen und im Kapitel zur Farbe „Blau“ mit Bildern und Texten auf meiner Homepage sowie im Buch von Gabriele Sanders (121).

Die deutsche Sehnsucht nach dem mediterranen Blau, der Côte d’Azur, beschreibt Friederike Kemptner mit einfachen, aber trefflichen Worten (Text s. u.) (122). Selbst der sonst oft expressionistisch düster schreibende Georg Heym hat dem Blau 1911 ein wunderschönes Gedicht mit dem Titel „Träumerei in Hellblau“ gewidmet (Text s. u.) (123). Nur einige Jahre später schrieb Sara Teasdale ihr Gedicht „Blue Squills“, eine Hommage an Blau und Weiß (Text s.u.) (124). Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg lautet der erste Gedichtband von Friederike Mayröcker „Blaue Erleuchtungen“ (125); hier wird in erneuter Anknüpfung an Goethe trotz der schwierigen Zeiten der blaue Himmel thematisiert. Kritisch mit der Naturlyrik geht Alfred Andersch um, wenn er schreibt „Empört Euch, der Himmel ist blau.“ (126). In erneuter Anknüpfung an Goethe und Andersch schreibt Hans Magnus Enzensberger 2003: „Der Himmel ist blau. Damit ist alles gesagt über den blauen Himmel“ (127), um nur einige Jahre später einen ganzen Gedichtband „Blauwärts“ (128) zu titeln. Auch der Lyriker Rolf Dieter Brinkmann hat 1970 ein Gedicht geschrieben, welches mit dem Statement beginnt „der Himmel ist ganz blau“; es endet mit einer kleinen weißen Wolke (129).  In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, dass unter den zahlreichen Wolkenbildern von Gerhard Richter nur ein einziges den Titel „Himmel“ trägt (130), obwohl viele seiner Wolkenbilder auch vom Blau des Himmels leben.

Glücklicherweise haben wir wunderbare zeitgenössische Lyriker wie z. B. Jan Wagner und Jan Röhnert, die sich vor allem mit der Natur beschäftigen. Bei der Vorbereitung des Themas „Blau“ habe ich den Gedichtband von Jan Röhnert mit dem Titel „Breughels Affen“ durchstöbert und bin in den etwa 60 Gedichten mehr als zwanzigmal auf die Farbe Blau gestoßen. Seine Verse berühren viele Aspekte meiner Beschäftigung mit der Farbe Blau - insbesondere, wenn es im Gedicht „Bonjour“ heißt (131): 

„Die Möglichkeit, die Leere auszumalen
mit Blau und einer Farbe ohne Namen;
die sich erst im Vertrautsein zeigt. Es kann
sich nur im Traum ereignen, und dort bleibst du
mir fremd aber nah, als hättest du einmal Hallo gesagt."

Enzensberger schreibt in „Blauwärts“ (128): „Hinter der Nebelwand im Gehirn gibt es noch andere Gegenden, die blauer sind, als du denkst.“ - und Röhnert schreibt von „Blau und einer Farbe ohne Namen;“ (131). Tatsächlich gibt es wohl Farben, die bisher kein Mensch gesehen hat, die aber unter Umständen sichtbar gemacht werden können. 
Am 18. April 2025 erschien im anerkannten Wissenschaftsjournal Science Advances ein Artikel, der beschreibt, wie es mit dem Computer-Lasersystem OZ gelingt, eine neue Farbe durch selektive Stimulation der M-Zapfen sichtbar zu machen (132). Dabei wurden mit Hilfe aufwendiger Techniken 1000 M-Zapfen in der Retina identifiziert und kartiert. Unter normalen Umständen werden alle drei Zapfentypen (S, M, L) durch Licht im für den Menschen sichtbaren Spektrum gleichzeitig angeregt – wenn auch in unterschiedlicher Intensität (S mit einem Maximum im Blaubereich, M im Grünbereich und L im Rotbereich); es ergibt sich also stets ein Mischbild aus der Stimulation der drei Zapfen. Theoretisch müssten durch selektive Anregung einzelner Zapfentypen deshalb neue Farben wahrnehmbar werden. Dies ist nun wohl erstmals gelungen, indem die identifizierten M-Zapfen selektiv durch Laserlicht stimuliert wurden - ohne gleichzeitige Stimulation der S- und L-Zapfen (132). Wahrgenommen wurde ein tief-gesättigtes Blau-Grün. Diese Farbe mit dem Namen „OLO“ (COLOR; ohne die außenliegenden Buchstaben/Zapfen) haben bisher nur die fünf Teilnehmer des Experiments gesehen (132). 

Auch im Blau begegnen sich also Fiktion und Wirklichkeit, ähnlich wie es Markus Gabriel beschreibt: 
 „Es gibt keine Wirklichkeit ohne Fiktion, und keine Fiktion ohne Wirklichkeit" (133). 



Gedicht-Texte

Die blaue Blume


Ich suche die blaue Blume,
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh.

 

Ich wandre mit meiner Harfe
Durch Länder, Städt und Au'n,
Ob nirgends in der Runde
Die blaue Blume zu schaun.  

 

Ich wandre schon seit lange,
Hab lang gehofft, vertraut,
Doch ach, noch nirgends hab ich
Die blaue Blum geschaut.

Joseph von Eichendorff, 1818

 

 Die Welt ist so schön und der Himmel so blau,
 Und die Lüfte die wehen so lind und so lau,
 Und die Blumen winken auf blühender Au’,
 Und funkeln und glitzern im Morgenthau,
 Und die Menschen jubeln, wohin ich schau’, –
 Und doch möcht’ ich im Grabe liegen,
 Und mich an ein todtes Liebchen schmiegen.


Heinrich Heine, 1822. 
Buch der Lieder. Lyrisches Intermezzo XXXI.



Der Himmel ist blau

Der Himmel ist blau,
Die Erde so grün,
O laß uns ein wenig
Nach Süden hin ziehn!
 
Dort blühet die Myrte,
Orangen sind frisch,
Dort decken die Blüten
Dir freundlich den Tisch.

Friederike Kempner, 1903



Blaue Hortensie

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.
   
Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;
 
Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.
 
Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.
 
Rainer Maria Rilke. 1906, Paris.
 

Träumerei in Hellblau


Alle Landschaften haben
Sich mit Blau gefüllt. Alle Büsche und Bäume des Stromes,
Der weit in den Norden schwillt.

Blaue Länder der Wolken,
Weiße Segel dicht,
Die Gestade des Himmels in Fernen
Zergehen in Wind und Licht…

Georg Heym, 1911.
 

Blue Squills
 

How many million Aprils came
    Before I ever knew
 How white a cherry bough could be,
    A bed of squills, how blue. 

Sara Teasdale, 1918. 1. Strophe des Gedichts

 

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Blautöne der Hornveilchen und Stiefmütterchen im Garten 2025.