Gott, Mensch und Natur: Eine Reise durch Philosophie und Literatur.

Prof. Dr. med. Claus Niederau. Texel-Gespräche, Oberhausen, 21. März 2026.

 

        Inhalte

  •  Einleitung
  •  Fernöstliche Philosophien und Religionen
  •  Griechische Mythologie und Philosophie
  •  Christentum (bis zur Aufklärung)
  •  Spinoza, Judentum, Islam
  •  Aufklärung
  •  Romantik  
  •  Realismus: Storm und Fontane
  •  Nature Writing - Transzendentalismus
  •  Aktuelle Wissenschaftsphilosophie
  •  Integratives Naturverständnis
  •  Zeitgenössische Literatur
  •  Garten und Gärtnern
  •  Shakespeare: Natur und Kunst

 

Einleitung

Der folgende Text entstammt meinem o. g. Vortrag zum Dreiecksverhältnis von Gott, Mensch und Natur. Meine Reise durch Philosophie und Literatur beschäftigt sich vor allem mit „abendländischen“ Gedanken und Texten zu diesem Thema - wohlwissend, dass auch fernöstliche Gedanken und andere Religionen bis heute unser Verständnis von Gott, Mensch und Natur beeinflussen. 

 

Große Weltreligionen 
(Gläubige, >5 % der Weltbevölkerung)
-----------------------------------------------------------

Christentum    2,4  Mrd. 

Islam                2,0  Mrd.

Hinduismus     1,1  Mrd.  
Buddhismus    0,5  Mrd.

 

Mittelwerte von Wikipedia, Perplexity, Chat GPT und Gemini am 20.02.2026.

 

Mein Text soll keine Antworten auf Fragen nach dem Dreieck von Gott, Mensch und Natur geben, sondern Anregung zum Nachdenken sein – so wie es Bertrand Russel beschreibt:

„Man soll sich mit der Philosophie nicht wegen bestimmter Antworten beschäftigen, denn oft kann man diese nicht als wahr erkennen. Man soll sich um der Fragen selber willen mit ihr beschäftigen,  weil sie unsere Vorstellungen vom Möglichen verbessern, unsere intellektuelle Phantasie bereichern und die dogmatische Sicherheit vermindern, die den Geist gegen Spekulation verschließt.„
Bertrand Russell. Probleme der Philosophie. Suhrkamp 1967. ISBN 978-3-518-10207-7.

 

Das Wort „Gott“ wird über Jahrtausende von Philosophen und Schriftstellern immer wieder neu interpretiert. Synonyme, Ersatzbegriffe oder Paraphrasen sind z. B. Götter, Göttliches, Geist/er, Absolutes, Idee, Oversoul, Natura naturans, Metaphysisches, höchste Vernunft, erster Beweger.

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Fernöstliche Philosophien und Religionen

Fernöstliche Philosophien und Religionen wie z. B. der Buddhismus und Hinduismus betrachten das Verhältnis von Gott, Mensch und Natur anders als die abendländischen mono-theistischen Religionen. Im Fernöstlichen ist Gott (das Göttliche oder das Absolute) Teil der Welt und steht nicht außerhalb. Insbesondere der Buddhismus kennt keinen persönlichen Gott. Es besteht eine tiefe Verbundenheit des Menschen mit der Natur. Der Mensch wird wiedergeboren bis er das Nirwana erreicht. Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung; die Natur wird nicht vom Menschen beherrscht, er ist ein lebendiger Teil derselben. Die Natur ist Lehrmeister des Menschen, um ihm zu helfen, die Ordnung der Welt zu verstehen. Im Hinduismus wird die Natur als heiliger Raum betrachtet, in dem göttliche Wesen und Geister wohnen. 

 

Michael von Brück. Einführung in den Buddhismus. Verlag der Weltreligionen 2007. ISBN 978-3-458-71001-1.
Hansjörg Pfister. Philosophische Einführung in den frühen Buddhismus. Reith & Pfister 2004. ISBN 3-9805629-9-9.
Verena Reichle. Die Grundgedanken des Buddhismus. Fischer 2003. ISBN 3-596-12146-9. Almut-Barbara Renge. Buddhismus. Reclam 2020. ISBN 978-3-15-020438-2.
Axel Michaels. Der Hinduismus. Geschichte und Gegenwart. C. H. Beck 2006. ISBN 978-3-406-54974-8.
Angelika Malinar. Hinduismus. Vandenhoeck & Ruprecht 2009. ISBN 978-3-8252-3197-2.
Stephan Schlensog. Der Hinduismus. Piper 2006. ISBN 3-492-04850-1. 


Der Kreislauf des Lebens mit der Wiedergeburt ist ein Kern der fernöstlichen Philosophien. So werden die fernöstlichen Gedanken eher in einem Kreis oder einem Rad dargestellt und nicht in einem Dreieck. Mein Vortrag im Rahmen der Texelgespräche und die daraus entstandenen schriftlichen Ausführungen werden sich eher mit dem abendländischen Dreiecksverhältnis von Gott, Mensch und Natur beschäftigen und weniger mit den fernöstlichen Vorstellungen. An verschiedenen Punkten werde ich aber immer wieder darauf hinweisen, dass fernöstliche Gedanken bis heute das abendländische Verständnis von Gott, Mensch und Natur beeinflussen.

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Antike griechische Mythologie und Philosophie

In der griechischen Mythologie und Philosophie werden Natur, Gott und Mensch oft als Dreieck verstanden; sie sind eng verwoben, so symbolisiert der Gott Pan die pantheistische Idee, die Götter mit Natur und Mensch verbindet. 

 

Karl Kerényi. Die Mythologie der Griechen. Die Götter- und Menschheitsgeschichten. Dtv 1998. ISBN 3-423-30030-2.
Robert von Ranke-Graves. Griechische Mythologie. Quellen und Deutung.  Rowohlt 1984. ISBN 978-3499554049
http://altgriechisch-lernen.de/2007/12/2/mensch-und-gottheit-in-der-antike 


Es sind mehrere hundert griechische Götter überliefert, von denen viele Naturphänomene verkörpern und oft menschliche Züge aufweisen. Die Götter stellten die höchste Vernunft dar und schufen als erste Beweger die Natur. 


Reiner Abenstein. Griechische Mythologie. UTB 2023. ISBN 978-3825261559.
Jan N. Bremmer. Interpretations of Greek Mythology. Routledge London 1988. ISBN 0-415-03451-5.
Fritz Graf. Griechische Mythologie. Albatros 2012. ISBN 978-341114562.
Carolina López-Ruiz. Greek mythology: from creation to first humans. Oxford University Press, New York 2025. ISBN 9780190944803. 


Anders als in den späteren monotheistischen Religionen war die Sorge um den Menschen nicht die primäre Aufgabe der griechischen Götter. Trotzdem bestand eine oft fast menschliche Beziehung der Götter mit den Menschen auf der Erde: Es gab Götter in Menschengestalt wie die Titanen (z. B. Prometheus) und Halbgötter, die von Göttern und Menschen gezeugt worden waren (z. B. Herakles). Verschiedene Götter beherrschten wichtige Naturereignisse wie z. B. Zeus den Blitz und den Donner. Zudem gab es die Nymphen, die als Naturgeister Wälder, Gewässer und Berge in göttlicher Weise belebten. Im griechischen Pantheismus (griechisch für „Alles ist Gott“) sind Gott und Natur eins. Gott ist kein Wesen außerhalb der Welt, sondern die vernünftige Ordnung der Natur selbst. Diese Ideen wurden später u.a. von Spinoza und Goethe aufgegriffen.

https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/oepn/ article/view/75960
https://www.stoa-heute.de/2022/12/14/existiert-ein-gott-in-der-stoa/#:~:text=F%C3%BCr%20 Stoiker%20gab%20es%20bereits%20in%20der, auch%20die%20Menschen%20in%20ihren% 20Beziehungen%20zueinander.


Auch bei Aristoteles (384–322 v. Chr.) greift Gott weniger in die Welt ein, als dass er das Ziel ist, auf das sich alles Seiende hinrichtet; der vernunftbegabte Mensch ist eingebettet in die Naturordnung, die auf den Zweck des "Guten" ausgerichtet ist.

Ingemar Düring. Aristoteles. Darstellung und Interpretation seines Denkens. Winter 1966. ISBN 978-3825350369.
Hellmut Flashar. Aristoteles. Lehrer des Abendlandes. Beck 2013. ISBN 978-3-406-64506-8. 
https://www.grin.com/document/369184


Bei Platon (428–348 v. Chr.) formt Gott die ungeordnete Natur nach vollkommenen Ideen. Die „Idee des Guten“ ist das göttliche Prinzip. Die Natur kann sich ändern, während die Ideen göttlichen Ursprungs und unveränderlich sind. Der Mensch soll sich dem Göttlichen durch Erkenntnis und Vernunft nähern. Die Seele ist das Verbindungsglied zwischen Gott und Mensch. Der Mensch soll die Natur durch die Vernunft verstehen und ordnen.


Michael Bordt. Platon. Herder 1999. ISBN 3-451-04761-6.
Karl Bormann. Platon. Alber 2003. ISBN 3-495-48094-3.
https://platon-heute.de/naturphilosophie-1.html
textlog.de/platon-5.html 


Eine materialistische Variante der antiken griechischen Philosophie begründete Demokrit (460–370 v. Chr.), den antiken Atomismus; hier besteht alles Sein aus unteilbaren Grundbausteinen, den Atomen. Im Atomismus ist auch die Seele materiell, sie löst sich mit dem Tod des Körpers in Atome auf. Diese materialistische Sichtweise hat Ähnlichkeiten zum Naturalismus, der die Welt als ein rein von der Natur gegebenes Geschehen erklärt; hier hat alles natürliche Ursachen; Übernatürliches gibt es nicht.
 
Sousanna-Maria Nikolaou. Die Atomlehre Demokrits und Platons Timaios. De Gruyter 1998. ISBN 978-3598776618.
Wilhelm Capelle. Die Vorsokratiker. Kroener Alfred 1973. ISBN 978-3520119087.
Martin F. Meyer. Demokrit als Biologe. In: J. Althoff u. a. (Hrsg.). Antike Naturwissenschaft und ihre Rezeption. Wissenschaftlicher Verlag Trier 2009. ISBN 978-3-86821-136-8.

Eine zeitgenössische Variante des materialistischen Naturalismus vertreten die „Brights“. Das Konzept der Brights beschrieb der U.S. Philosoph Daniel Dennett in seinem Artikel „The Bright Stuff“ am 12. Juni 2003 in der New York Times wie folgt: „Die Zeit ist reif für uns Brights, uns zu bekennen. Was ist ein Bright? Ein Bright ist eine Person mit einem naturalistischen Weltbild, frei von Übernatürlichem. Wir Brights glauben nicht an Geister, Elfen oder den Osterhasen – oder an Gott.“ Dennett beschrieb sich als Atheisten, wobei seine Gottesablehnung genauso „ungewiss sei wie andere unüberprüfbare Aussagen“. 


https://www.nytimes.com/2003/07/12/opinion/the-bright-stuff.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Dennett
https://www.youtube.com/results?search_query=daniel+dennett+sternstunde+philosophie

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Christentum (bis zur Aufklärung)

Die Schöpfung in Genesis, Kapitel 1:

1. Tag:  Gott schafft Licht und trennt es von der Finsternis.
2. Tag:  Gott trennt das Wasser und schafft die Himmelsgestalt.
3. Tag:  Gott schafft das Land und das Meer.
4. Tag:  Gott schafft Sonne, Mond und Sterne.
5. Tag:  Gott schafft die Vögel und die Fische.
6. Tag:  Gott schafft die Landtiere und den Menschen.
7. Tag:  Gott ruht und segnet diesen Tag. 
 

Die Bibel: Einheitsübersetzung. Altes und Neues Testament. Herder 2017. ISBN‎ 978-3451360008

In der Bibel steht der Mensch als Teil der Schöpfung weder an vorderer noch an abschließender Stelle. Die belebte und unbelebte Natur nimmt den größten Platz in der Genesis ein, wobei Gott Anfang und Ende ist, quasi das Alpha und Omega. Im Alten Testament wird die Natur insbesondere in den Psalmen gepriesen und besungen - bis heute auch literarisch schön. Natur und Mensch zeugen von göttlicher Weisheit und Fürsorge. Hier einige bekannte Bespiele; die Psalmen 19, 23, 42, 50, 104, 142, 148 und 154 enthalten ähnlich schöne Verse zur Natur:
 
Blicke ich zum Himmel und sehe, was deine Hände geschaffen haben: / den Mond und die Sterne – allen hast du ihren Platz zugewiesen. Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, / des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, / hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.
Aus Psalm 8

Er bedeckt den Himmel mit Wolken, / spendet der Erde Regen. Er bestimmt die Zahl der Sterne / und ruft sie alle mit Namen. Er spendet Schnee wie Wolle, / streut den Reif aus wie Asche.
Aus Psalm 147


So werden bis über das Mittelalter hinaus Natur und Mensch als Abbild und Schöpfung Gottes verstanden und gelobt. Ein bekanntes Bespiel ist das Gedicht „Frühling und Frauen“ von Walter von der Vogelweide. 


Frühling und Frauen

Sô die bluomen ûz dem grase dringent,
same si lachen gegen der spilden sunnen,
in einem meien an dem morgen fruo,
und diu kleinen vogellîn wol singent
in ir besten wîse die si kunnen,
waz wünne mac sich dâ gelîchen zuo?
Ez ist wol halb ein himelrîche.
Suln wir sprechen waz sich deme gelîche,
sô sage ich waz mir dicke baz
in mînen ougen hât getân,
und tæte ouch noch, gesæhe ich daz.

… 

Walter von der Vogelweide, 1170-1230

Wenn die Blumen aus dem Grase dringen,
Gleich als lachten sie zur hellen Sonne,
Des Morgens früh an einem Maientag,
Wenn die kleinen Vöglein munter singen,
Ihre schönsten Weisen, welche Wonne
An solche Lust dann wohl noch reichen mag?
Halb gleicht's wohl schon dem Himmelreiche;
Soll ich nennen aber, was ihm gleiche,
So weiß ich, was mein Auge je
Noch mehr entzückt hat und auch stets
entzücken wird, wenn ich es seh‘.

Nachgedichtet von Bruno Obermann, 1886
 

Walther von der Vogelweide. Übersetzt und erläutert von Bruno Obermann. Spemann 1886. Auch unter: Horst Brunner (Hrsg.) Gedichte. Auswahl. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. ISBN 978-3-15-019132-3.
 
Diese Sicht auf das Verhältnis von Gott, Natur und Mensch herrscht auch in der Renaissance und im Barock vor; die ebenso schlichten wie schönen Verse von Angelus Silesius aus dem Barock spiegeln diese Sicht wider:

Die Rose ist ohne Warum.
Sie blühet, weil sie blühet.
Sie achtet nicht ihrer selbst,
fragt nicht, ob man sie siehet.

Angelus Silesius. Cherubinischer Wandersmann 1675. Reclam 1986. ISBN 978-3-15-008006-1.
 

Es gibt allerdings schon im Mittelalter eine weitergehende Sicht auf das Dreieck von Gott, Mensch und Natur, insbesondere in den Schriften des Heiligen Franz von Assisi. Seine berühmte Vogelpredigt aus dem Jahr 1200 beginnt so:
 “Fratelli e sorelle, ihr Vögel, ihr seid Gott, eurem Schöpfer sehr verbunden, deshalb sollt ihr ihn immer und überall lobpreisen; denn er hat euch doppelt und dreifach gekleidet; auch hat er euch die Freiheit verliehen, überall hin zu fliegen…“ 
Hier werden Natur und Mensch als gleichwertig betrachtet, manche Tiere wie die Vögel haben sogar Fähigkeiten, um die der Mensch sie beneiden mag. Es ist zudem eine intensive Kommunikation von Natur (Vögeln) und Mensch (Franz von Assisi) möglich.

Georges Berton. Der mit den Vögeln sprach. Eine Erzählung über Franz von Assisi. Kaufmann 1996. ISBN 9783780623829
https://de.wikipedia.org/wiki/Vogelpredigt

Mir wurde erst nach dem Lesen dieser Zeilen bewusst, warum Papst Franziskus I. am Tag seiner Wahl in Rom am 13.03.2013 seine Grußworte an die Menschen auf dem Petersplatz so einleitete: „Fratelli e sorelle, buonasera...“
 

https://www.youtube.com/watch?v=9AZpxmOpUCM&t=1s

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Spinoza, Judentum, Islam

Der Philosoph Spinoza hat schon Im Jahr 1660 Gott, Natur und Welt als einheitliche Wirklichkeit beschrieben (Monismus). Gott ist hier die Gesamtheit der Natur. Spinoza hat viele Gedanken der späteren Aufklärung vorweggenommen und stellt die Vernunft über religiöse Dogmen. Kritiker bemängeln, dass seine Ideen dem Pantheismus oder Atheismus nahestehen. Wegen seines „Irrglaubens“ wurde er von der jüdischen Gemeinde mit einem Bannfluch belegt; er musste sein Heimatstadt Amsterdam unwiederbringlich verlassen.
Wolfgang Bartuschat. Spinozas Philosophie: Über den Zusammenhang von Metaphysik und Ethik. Meiner 2017. ISBN 978-3787331437.
Sophie Lessing. Spinoza auf den Punkt: Das Wesentliche seiner Philosophie. Independently published 2026. ISBN 979-8258166524.


Die traditionelle Sicht der jüdischen Religion auf Mensch und Natur als Abbild und Schöpfung Gottes ähnelt der christlichen. 

Arthur Waskow. Torah of the Earth: Exploring 4,000 Years of Ecology in Jewish Thought Jewish Lights 2012. ISBN 978-1580236553.


Auch der Islam preist Natur und Mensch als Schöpfung Allahs, wobei es hier bis heute untersagt ist, Allah bildlich darzustellen.

Seyyed Hossein Nasr. Religion and the Order of Nature. Oxford University Press 1996. ISBN  9780195108231. 

Almir Ibric. Das Bilderverbot im Islam. Tectum 2011. ISBN 978-3-8288-8766-4.

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Aufklärung

Das oben beschriebene traditionelle Dreiecksverhältnis von Gott, Mensch und Natur wird mit der Aufklärung radikal verändert; Gott rückt in den Hintergrund, der Verstand des Menschen in den Vordergrund; philosophisch sei Kant genannt, literarisch Goethe und Schiller. Der Essay „Die Natur“ wurde lange Goethe zugeschrieben, er stammt aber wohl aus der Feder seines Freundes Georg Christoph Tobler; hier einige Zeile aus dem Essay: 

 „Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen - unvermögend aus ihr herauszutreten, und unvermögend tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen. Sie schafft ewig neue Gestalten, was da ist, war noch nie, was war, kommt nicht wieder - alles ist neu, und doch immer das Alte. Wir leben mitten in ihr und sind ihr fremde. Sie spricht unaufhörlich mit uns und verrät uns ihr Geheimnis nicht. Wir wirken beständig auf sie und haben doch keine Gewalt über sie.“

Georg Christoph Tobler. Tiefurter Journal 32: 1784. Versehentlich Goethe zugeschrieben.
 
Eine englische Übersetzung des Essays wurde in der ersten Ausgabe des wissenschaftlichen Journals Nature am 4.11.1869 veröffentlicht. Goethe hat die fernöstliche Sicht auf Gott, Mensch und Natur mit den Gedanken des Abendlandes und der Aufklärung verbunden. Hiervon zeugt auch sein „West-östlicher Diwan“. Goethe hat die Gedanken Spinozas in mancher Hinsicht aufgegriffen; als Bespiel sei folgender Satz Goethes zitiert: „Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen, als daß sich Gott-Natur ihm offenbare?
Johann Wolfgang von Goethe 1826. Gedichtauszug: Bei Betrachtung von Schillers Schädel.  Sämtliche Gedichte. Suhrkamp 2019. ISBN 978-3-458-17355-7

 

Noch radikaler beschreibt Goethe die Götterdämmerung in seinem Gedicht Prometheus:


Prometheus 
Bedecke deinen Himmel, Zeus,

Mit Wolkendunst

Und übe, dem Knaben gleich,

Der Disteln köpft,

An Eichen dich und Bergeshöhn;

Mußt mir meine Erde

Doch lassen stehn

Und meine Hütte,

die du nicht gebaut,

Und meinen Herd,

Um dessen Glut

Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmeres

Unter der Sonn als euch, Götter!

Hier sitz ich, forme Menschen

Nach meinem Bilde,

Ein Geschlecht, das mir gleich sei,

Zu leiden, zu weinen,

Zu genießen und zu freuen sich,

Und dein nicht zu achten,

Wie ich!

Johann Wolfgang von Goethe. Prometheus 1772. CreateSpace Independent Publishing Platform 2018. IBN-13 978-1983942006.

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Romantik  

Die Epochen von Sturm und Drang und der Aufklärung werden literarisch abgelöst von der Romantik, die die Gefühle in den Vordergrund und die Vernunft in den Hintergrund stellt. Gott, Mensch und Natur werden wieder zu einer Einheit, die von Vernunft und Wissenschaft entzauberte Welt wird durch Poesie wiederbelebt.

Roland Borgards et al. Romantische Ökologien: Vielfältige Naturen um 1800.  J.B. Metzler 2023. ISBN‎ 978-3662671863. 
Walther Ch. Zimmerli et al. Fessellos durch die Systeme‹: Frühromantisches Naturdenken im Umfeld von Arnim, Ritter und Schelling. frommann-holzboog 1997. ISBN 978-3772818332
http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,+Joseph+von/Essay/Geschichte+der+poetischen+Literatur+Deutschlands/Zweiter+Teil/Schlu%C3%9F#google_vignette


Nun werden die Interaktionen von Natur und Mensch persönlicher; dies erinnert ein wenig an die Vogelpredigt des Franz von Assisi, geht aber noch weiter, da nun auch Blumen und Menschen kommunizieren. Hierzu zwei Zitate von Heinrich Heine und John Keats:

Wenn du eine Rose schaust, sag, ich laß sie grüßen.
Heinrich Heine, 1830. Neue Gedichte. Anaconda 2022. ISBN-13 978-3730611685.


Wenn ein Sperling an mein Fenster kommt, dann schlüpfe ich in seine Existenz und picke im Kies herum.
John Keats. Brief an Benjamin Bailey am 22.11.1817. Keats Collection. Houghton Library, Harvard University.

Auch bei John Keats werden fern-östliche Gedanken integriert. Wer sich intensiv in ein anderes Wesen verwandelt, entkommt seinem eigenen Leiden - wie eine Selbstaufgabe, die zur Wiedergeburt führt. 

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Realismus: Storm und Fontane
Wenn man in der deutschen Prosa-Literatur an Naturbeschreibungen denkt, so kommen einem jenseits von Goethe vor allem Theodor Fontane und Theodor Storm in den Sinn. Im Realismus wird die Natur nicht mehr poetisch verklärt, sie hat teils schöne, teils aber auch bedrohliche und unheimliche Züge, mit denen sich der Mensch auseinandersetzen muss.

Hugo Aust. Literatur des Realismus: Springer 2017. ISBN 9783476040909.
Fritz Martini. Deutsche Literatur im bürgerlichen Realismus 1848-1898. Springer 2016. ISBN 9783476031464.

Ich habe entsprechend meinen literarischen Erinnerungen zwei Naturbeschreibungen dieser beiden Dichter für einen Vergleich ausgewählt:

Buckow hat einen guten Klang hierlands… und bei bloßer Nennung des Namens steigen freundliche Landschaftsbilder auf: Berg und See, Tannenabhänge und Laubholzschluchten, Quellen, die über Kiesel plätschern, und Birken, die, vom Winde halb entwurzelt, ihre langen Zweige bis in den Waldbach niedertauchen… Links und rechts, in gleicher Höhe mit uns, die Raps- und Saatfelder des Plateaus, unmittelbar unter uns der blaue, leis gekräuselte Scharmützel-See, drüben am andern Ufer, in den Schluchten verschwindend und wieder zum Vorschein kommend, die Stadt und endlich hinter derselben eine bis hoch hinauf mit jungen frischgrünen Kiefern und dunklen Schwarztannen besetzte Berglehne. Die Nachmittagssonne fällt auf die Stadt, die mit ihren roten Dächern und weißen Giebeln wie ein Bild auf dem Hintergrunde der Tannen steht…„
Theodor Fontane. Aus: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 2. 1864. Aufbau 2001. ISBN 978-3-351-03106-0.

„Nach einer Viertelstunde hörte ihm zur Linken plötzlich der Schatten auf; der Weg führte an einem Abhang, aus dem die Wipfel hundertjähriger Eichen nur kaum hervorragten. Über sie hinweg öffnete sich eine weite, sonnige Landschaft. Tief unten lag der See, ruhig, dunkelblau, fast ringsum von grünen, sonnbeschienenen Wäldern umgeben; nur an einer Stelle traten sie auseinander und gewährten eine tiefe Fernsicht, bis auch diese durch blaue Berge geschlossen wurde. Quer gegen- über, mitten in dem grünen Laub der Wälder, lag es wie Schnee darüber her; das waren blühende Obstbäume, und daraus hervor auf dem hohen Ufer erhob sich das Herrenhaus, weiß mit roten Ziegeln... »Immensee!« rief der Wanderer. Es war fast, als hatte er jetzt das Ziel seiner Reise erreicht; denn er stand unbeweglich und sah über die Wipfel der Bäume zu seinen Füßen hinüber ans andere Ufer, wo das Spiegelbild des Herrenhauses leise schaukelnd auf dem Wasser schwamm.„
Theodor Storm. Aus: Immensee. 1849. Reclam 2022. ISBN 978-3150143278


Beide Texte habe ich vergleichend analysiert; sie beschreiben fast zeitgleich sehr ähnliche Natur-Sujets mit einem unterschiedlichen Stil. Trotz dieser Unterschiede werden beide Dichter der Epoche des Realismus zugeordnet. Dies mag in Abgrenzung zur vorangegangenen Romantik passend erscheinen, mir kam aber in den Sinn, dass man beide eher Natur-Dichter (Nature-Writers) denn Vertreter des Realismus nennen könnte. Ich habe deshalb KI gefragt, ob Fontane und Storm auch als Nature-Writers beschrieben werden können. Perplexity und ChatGPT bejahen diese Frage.

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Nature Writing - Transzendentalismus

Der Begriff „Nature Writing“ entstammt dem amerikanischen Transzendentalismus, einer neuidealistischen Bewegung, die um 1830 in Neuengland unter dem Einfluss von Rousseau, Kant und Hume als vorwiegend literarische Bewegung entstand; wichtige Schriftsteller sind u. a. Henry David Thoreau, Ralph Waldo Emerson, William Wordsworth, Walt Whitman und Herman Melville. Der Transzendentalismus wird auch als die erste eigenständige philosophisch-literarische Bewegung in den USA beschrieben. Sie verbindet das Dreieck von „man, nature, god“ mit dem fernöstlichen Kreislauf des Lebens; Gott (oversoul) liegt dabei nicht immer im Bereich der menschlichen Erfahrung. Der Mensch steht als freie Persönlichkeit und mit großer Selbstverantwortung im Mittelpunkt. Wichtig ist zudem die tiefe Verbundenheit von Mensch und Natur. Das bekannteste Werk dieser Strömung ist wohl das Buch Walden von Henry David Thoreau; es beginnt mit folgenden Zeilen:

„Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, … damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte…“
Henry David Thoreau. Walden. 1854. ISBN-13 978-3868203394.
https://www.projekt-gutenberg.org/ thoreau/walden/chap017.html.

 

Bevor Henry David Thoreau in den Wald zog, hatte er in Harvard studiert und dort einen berühmten Essay mit dem Titel „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“ publiziert.
Henry David Thoreau, Harvard, 1848. Diogenes 2010. ISBN-13 978-3257200638.

 

Daraus entstanden ist der Begriff „Ziviler Ungehorsam“, welcher später Mahatma Gandhi, Martin Luther King, die 1986er Revolten und die Friedensbewegung prägte.


Bis in die Jetzt-Zeit lebt das Nature-Writing; ein schönes Beispiel ist die jahrelange Beobachtung und Beschreibung eines Wanderfalken-Pärchens von John Alec Baker. Sein Buch beginnt mit dem Satz: „Am schwierigsten ist, das zu sehen, was tatsächlich ist.“ 
John Alec Baker: The peregrine, 1967. Der Wanderfalke. Matthes & Seitz Berlin 2024. ISBN-13: 978-3751840187. 

Literatur zu folgendem Bild:

https://intothewildtranscendentalism.weebly.com/transcendentalism.html  https://en.wikipedia.org/wiki/The_Over-Soul 

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Aktuelle Wissenschaftsphilosophie

In der heutigen Wissenschaftsphilosophie kann man die Natur – ähnlich wie in der Historie – ganz unterschiedlich betrachten. Nach meiner Befragung von Literatur, Wikipedia und verschiedenen KI-Websites (Künstliche Intelligenz) habe ich folgende Sichtweisen skizziert:

Natur in der Wissenschaftsphilosophie

  • Alles, was ist, ist die eine Natur.

       Natur mit dem Sein identifiziert = Naturalismus (Monismus)

  • Es gibt keine Natur.

       Natur als rein kognitive Konstruktion = Konstruktivismus

  • Natur als Teil des Seins oder der Wirklichkeit.

       Andere Teile werden Kultur, Geist oder Technik genannt = Pluralismus


Andreas Bartels. Grundprobleme der modernen Naturphilosophie. UTB 1996. ISBN 3-8252-1951-8.
Michael Drieschner. Moderne Naturphilosophie. Eine Einführung. Mentis 2002. ISBN 3-89785-260-8.

Michael Esfeld. Einführung in die Naturphilosophie. WBG 2011. ISBN 3-534-15461-4.

Dieter Wandschneider. Naturphilosophie. Buchner 2009. ISBN 978-3-7661-6657-9.

Gemini, Wikipedia, ChatGPT und Perplexity. Aufgerufen am 16.01.2026.

 

Eine gute Diskussion des Dreieckverhältnissen von Gott, Mensch und Natur ist im Buch von H. Zichos nachzulesen; hier wird das Dreieck zwar als „Mensch – Natur – Idee“ beschrieben; die Idee wird aber auch als Geist-Philosophie beschrieben, wobei schon das Wort Geist die Assoziation zu Geistern, Gott und Göttern auslöst. 

Zichos H.  Mensch – Natur – Idee:  In: Die Welt ist dreieckig. Springer 2019. ISBN 978-3658253042. 
https://doi.org/10.1007/978-3-658-25304-2_2

 

In der zeitgenössischen Diskussion wird diskutiert, wo Mathematik und Kunst im Dreieck von Gott, Mensch und Natur angesiedelt werden können. So wird von Mario Livio gefragt, ob mathematische Erkenntnisse erfunden oder entdeckt werden. Er kann die Frage nicht abschließen beantworten, kommt aber zur folgenden Erkenntnis: „Freundlicherweise wird die Natur von allgemeingültigen Gesetzen und nicht von Feld-Wald-und-Wiesen-Regeln mit beschränkter Reichweite gelenkt.“  Auch von der KI erhält man zum zuletzt diskutierten Problem unterschiedliche Antworten, so dass diese Frage ungeklärt erscheint. So schreibt Perplexity: „Die Mathematik ist im naturwissenschaftlichen Sinn nicht Teil der Natur, sondern ein abstraktes System zur Beschreibung der Natur.“, während Gemini schreibt: „Die Frage, ob Mathematik Teil der Natur ist, ist seit Jahrhunderten umstritten.“

Mario Livio. Ist Gott ein Mathematiker? Warum das Buch der Natur in der Sprache der Mathematik geschrieben ist. Beck 2023. ISBN 978-3-423-54800-3.

Perplexity, 22.06.2025. 
Gemini, 20.02.2026. 

Integratives Naturverständnis

Heute in den Vordergrund getreten ist ein Integratives Naturverständnis mit intensiver Verflechtung von Mensch und Natur, der Eigenwertigkeit aller Lebewesen, Prozessen auch unbelebter und technologisch modifizierter Natur und Berücksichtigung von subjektiven, ästhetischen und emotionalen Dimensionen des Naturerlebens. Dieses Erweiterte Naturverständnis verdanken wir auch neuen naturwissenschaftlichen Studien. Als Beispiel mögen neue Erkenntnisse zur Kommunikation von Bäumen mit der Umwelt und mit ihren Artgenossen dienen bzw. neu entdeckte Kommunikationsfähigkeiten vieler Tiere.


       
Bäume 
     ( Beispiel für ein integratives Naturverständnis)

  • kommunizieren über aerogene Duftstoffe und unterirdische Pilzgeflechte (Wood Wide Web)
  • umsorgen ihren Nachwuchs
  • pflegen alte und kranke Nachbar
  • besitzen ein Gedächtnis
  • können lernen und fühlen


Ein aktueller Übersichtartikel enthält die Originalzitate der entsprechenden Studien: 
Curr Forestry Rep 2023; 9: 33-47.

 

Für den Laien verständlich verarbeitet sind diese Erkenntnisse u.a. in den beiden folgenden Büchern:

Peter Wohlleben. Das geheime Leben der Bäume. Heyne 2019. ISBN 9783453280670.

Colin Tudge. The Secret Life of Trees: How They Live and Why They Matter. Penguin 2006. ISBN‎ 0141012935.

      

Erweitertes (Integratives) Naturverständnis (Zitate s. u.)

  • Katzen kommunizieren mit Menschen durch Blinzeln
  • Fische können addieren und subtrahieren (bis 5)
  • Elstern erkennen sich selbst im Spiegel
  • Fangkrebse haben 16 Farbzapfen in 20.000 Augen
  • Walgesänge ähneln der menschlichen Sprache
  • Die magnetische Orientierung der Zugvögel beruht auf quantenphysikalischen Prozessen

       in deren Augen (Cry4)

Sci Rep 2020; 10: 16503.
Sci Rep 2022; 12: 3894.
Sci Rep 2022; 12: 3894.
Sci Rep 2018; 8: 9689.          
Nature 2021; 594: 535.         
Science 2025; 387: 649.

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Zeitgenössische Literatur

Auch in der zeitgenössischen deutschen Literatur findet man wieder schöne Text sowohl als Prosa als auch als Lyrik. Als Prosa-Bespiel sei die Biographie des Rheins von H.J. Balmes genannt:

H. J. Balmes. Der Rhein. Biographie eines Flusses. Kapitel: Die Loreley. S. Fischer 2021. ISBN-13 978-3103974300


Zwei bekannte zeitgenössische deutsche Schriftsteller widmen sich seit einigen Jahren erfolgreich der Natur-Lyrik und -Prosa. Im Lyrikband „Regentonnenvariationen“ befasst sich der mit dem Büchner-Preis ausgezeichnete Jan Wagner insbesondere mit der Pflanzenwelt: Jan Röhnert hat wunderbare Gedichte zu Vögeln geschrieben; meine Favoriten sind Gedichte zu Amseln und Mauerseglern. Wegen des Copyright kann ixh sie hier nicht wiedergeben.

Jan Wagner Regentonnenvariationen. Fischer 2016. ISBN 978-359603597.
Jan Röhnert. Breughels Affen. Elfie Verlag 2019. ISBN-978-3946989233.


Beide beschäftigen sich aktuell vor allem auch mit der „unbelebten“ Natur:
Jan Röhnert. Karstwärts. kul-ja! Publishing 2024. ISBN 978-3949260216.
Jan Wagner. Steine & Erden. Hanser 2023. ISBN 978-3446277304.


Ein intensives Dreiecksverhältnis zwischen Gott, Mensch und Natur beschreibt die 2020 mit dem Nobelpreis ausgezeichnete und 2024 verstorbene amerikanische Lyrikerin Louise Glück, vor allem im Gedichtband „The Wild Iris“, der 1993 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde. Hier ist der Mensch oft ein Gärtner und die Natur eine Blume; beide sprechen miteinander und mit Gott.  Themen sind existentielle Fragen zu Liebe,  Leiden, Leben und Tod. 

Louise Glück. The Wild Iris. Carcanet Press 1996. ISBN 978-1857542233.

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Garten und Gärtnern

Schriftsteller und Philosophen weisen immer wieder darauf hin, dass die Natur uns Menschen überdauern wird und uns einen Zugang zu Gott ermöglicht. Schon Shakespeare hat die Gärtner gepriesen und Natur und Blumen in seinen Dramen und Gedichten gerühmt; im Hamlet schreibt er 1601: „There is no ancient gentleman but gardeners“.   
William Shakespeare. Hamlet. Act 5, Scene 1. William Collins 2026. ISBN 978-0007902347.


Hermann Hesse führt diese Verehrung von Kunst und Natur fort: „Und wenn einmal die Erde vollends mit Betonkästen bedeckt sein wird, werden die Wolkenspiele noch immer da sein, und es werden da und dort Menschen sich mit Hilfe der Kunst eine Tür zum Göttlichen offenhalten.“

Hermann Hesse. Aus einem Brief an Curt Wiedwald vom 3. Januar 1949. Gesammelte Briefe: Band 4 (1949-1962). Hrsg. Volker Michels. Suhrkamp 1986. ISBN-13 978-3-518-04717-0

Am Ende sind es vielleicht die Gärtner, die die Artenvielfalt der Welt retten? Die 17 Mio. Privatgärten in Deutschland sind immerhin drei- bis viermal größer als die aller Nationalparks. Im Gegensatz zu industriellen Monokulturen achten viele private Gärtner auf eine große Artenvielfalt, teils aus ökologischen, teils aber auch aus ästhetischen Gründen. Gerade in Privatgärten und Streuobstwiesen sehen wir wieder alte, nahezu ausgestorbene Obst- und Gemüsesorten. Zudem sind auch die kleinsten städtischen Gärten lebenswichtige, vernetzte Schutzräume für Tiere, Vögel und Insekten. Das Anlegen und Pflegen eines eigenen Gartens öffnen den Dialog zwischen Mensch, Natur und Gott. Shakespeare, Goethe, Voltaire und Hesse haben nicht nur wunderbare Texte zur Natur geschrieben, sie waren auch passionierte Gärtner.


https://dorfoekologie.de/am-ende-sind-es-vielleicht-die-gaertner-die-die-welt-retten/
Jasmin Schreiber. Gärtnern für die Artenvielfalt: Kosmos 2026. ISBN 978-3440184912.
Anja Eder. Mein Arten-Retter-Garten: Ein Leitfaden, wie man gezielt Insektenvielfalt durch die richtigen Pflanzen und Strukturen fördert. Tipp 4 2024. ISBN 978-3943969290.

Bild: Wolken am Niederrhein.

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Shakespeare: Natur und Kunst

Wie wichtig die Kunst im Dreieck von Gott, Mensch und Natur ist, hat vor mehr als 400 Jahren bereits Shakespeare in seinem „Sonett 18“ beschrieben. Seine „eternal lines“ und seine Kunst erhalten Leben und Schönheit. 

Sonnet 18

Shall I compare thee to a summer’s day?
Thou art more lovely and more temperate:
Rough winds do shake the darling buds of May,
And summer’s lease hath all too short a date;

Sometime too hot the eye of heaven shines,
And often is his gold complexion dimm’d;
And every fair from fair sometime declines,
By chance or nature’s changing course untrimm‘d;
  
But thy eternal summer shall not fade,
Nor lose possession of that fair thou ow’st;
Nor shall death brag thou wander’st in his shade,
When in eternal lines to time thou grow’st:

     So long as men can breathe or eyes can see,
     So long lives this, and this gives life to thee.

William Shakespeare 1609.

William Shakespeare. The Sonnets – Die Sonette. Hrsg. R. Borgmeier. Reclam 1974. ISBN 3-15-009729-0.


Der unglaublich raffinierte Aufbau des Sonetts ist in der Literatur vielfach im Detail beschrieben. Ich habe einige Punkte in der nachfolgenden Abbildung skizziert. 

Paul Edmondson, Stanley Wells. Shakespeare’s Sonnets. Oxford University Press 2004, ISBN 978-0-19-925611-2.
Ina Schabert. Shakespeare-Handbuch, 5. Auflage. Alfred Kröner 2009, ISBN 978-3-520-38605-2.
Stanley Wells. The Cambridge Companion to Shakespeare Studies. Cambridge University Press 1986, ISBN 978-0-521-31841-9.
Stephen Booth. Shakespeare's Sonnets. Yale University Press 1980. ISBN‎ 978-0300024951.
Helen Vendler. The Art of Shakespeare's Sonnets. Harvard University Press 1999. ISBN 978-0674637122.

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Eine wunderbare Vertonung des „Sonnet 18“ singt David Gilmore (Mitglied von Pink Floyd);  

hören Sie doch einfach mal hinein...


https://www.youtube.com/watch?v=j-yWBYfi1_k&list=RDj-yWBYfi1_k&start_radio=1